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Full text of "Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin"

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SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


JAHRGANG 1908. 


ERSTER HALBBAND. JANUAR BIS JUNI. 


STUCK I—XXXI MIT NEUN TAFELN 
UND DEM VERZEICHNISS DER MITGLIEDER AM 1. JANUAR 1908. 


BERLIN 1908. 


VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 


41964 


— 


N 
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A a FE 


PNEISIEER 


Seite 

Verzeichniss der Mitglieder am 1. Januar 1908 . . . . eg I 
Nersst: Zur Theorie der galvanischen Polarisation; Anwendung zur Sehne He Reiz- 

wirkungen elektrischer Ströme . . . a a ee De 3 

Meyer: Das erste Auftreten der Arier in der (Beechichee, ee © Er td 
1. Rosentnau: Zerlegung hochcomplieirter chemischer Verbindungen im Eeheankendenn magne- 

tischen Kraftfeld. . . . . u: 5 5 ee 20 

Diers: Der Schlüssel des Artemistampels zu nee (hieraa Taf. D. ee 27 


Rusxer: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer des Menschen und einiger Säuge- 
thiere vom energetischen Standpunkte aus betrachtet . » » 2 2 2 2 2 2.2....82 


H. Poroxıe: Über recente allochthone Humusbildungen. . . AS 
Koser: Über eine ungedruckte Ode Friedrich’s des Grossen von 1742, eeroruag en! 
Jahresbericht über die Sammlung der griechischen Inschriften . » . 2 2 22.2... 81 
Jahresbericht über die Sammlung der lateinischen Inschriften . . . m ep: 
Jahresbericht über die Prosopographie der römischen Kaiserzeit (1.—3. Jahrhundert) et! 
Jahresbericht über den Index rei militaris imperii Romani . ». . 2 2 2 2 22.0.0085 
Jahresbericht über die Aristoteles- Commentare . . a ea ler 28D 
Jahresbericht über die Politische Correspondenz Parmpnicn! s dee Erosion Se EEE 1.8 
Jahresbericht über die Griechischen Münzwerke . © 2 2 2 2 2 2 2 2 2 22 2..86 
Jahresbericht über die Acta Borussia . . 5 Pa N NE ENT 
Jahresbericht über die Ausgabe der Werke von ee ee N a et 
ubresberichtnuberzdiesKAnn-Ausgabe, 2 00 0000 ent 
Jahresbericht über die Ausgabe des Ibn Saad. . . . . a A ea Meiste, 
Jahresbericht über das Wörterbuch der aegyptischen act SER SE 
Bälmesbernichtmüberstdasw Eher ea a9 
Jahresbericht über das »Pflanzenreich» . . . ee se N, 
Jahresbericht über die Geschichte des Bieeteenhramelu RE N N 
Jahresbericht über die Ausgabe der Werke Wırners von Humsormmrs . . 22... 9 
Jahresbericht über die Interakademische Leienız-Ausgabe. . » 2 2 2 2 2 22.92 
Jahresbericht über das Corpus medieorum Graecorum . » 2 2 2 2 2 2 nn. 
Jahresbericht der Deutschen Comniission. . . N en Fe ... 96 
Jahresbericht über die Forschungen zur er ehichte der neuhuchdentchen SeHnesprache = 105 
nimESberichigde ak uNtEorDn Stun nr 110% 
EIpSbenichtgder SAvIGnva Stun are ee een ee 20 
Jahresbericht der Borr-Stiftung . . ee (0) 
Jahresbericht der Hersann und Erıse N wi ENTZEL- kung u I ((, 

Jahresbericht der Kirchenväter- Commission . . 5 oh 

Jahresbericht der Commission für das Wörterbuch er dankschen eache) 9,112 
Jahresbericht der Akademischen Jubiläumsstiftung der Stadt Berlin . . . 2... .. 115 


Übersicht der Bensunalveranderungengen en a en ee ee 


Inhalt. 


Scnorixy: Über Beziehungen zwischen veränderlichen Grössen, die auf gegebene Gebiete 
beschränkt sind. Zweite Mittheilung. . . ö E 6 5 

Fıscner und F. Wrepe: Über die Bestimmung der Verbrennungewaune een ve 
bindungen mit Benutzung des Platinwiderstandsthermometers 

Warzurs und G. LerrnÄuser: Über die Analyse der Stickoxyde durch ihre Ansorpnee 


speetra im Ultraroth . . . » eh et kn ae, Br ee ee 
H. Poroxır: Eine Classification der Kaustobiolithe Eon 0.-0 0 0 
O. Scnurrze: Zur Histogenese des Nervensystems . . . 38 
E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Ohsnesisch Tarkistan (hier Taf. II) 
E. Rascn: Bestimmung der kritischen Spannungen in festen Körpern . . . ... 


W.Gorsan: Zur Entstehung des Gagats : 

Penex: Der Drakensberg und der Quathlambabruch.. : 

Branca: Vorläufiger Bericht über die Ergebnisse der Trinil- "Expedition se Atndenizeiieh 
Jubiläumsstiftung der Stadt Berlin ne 

Rusens und E. Lavengung: Das Reflexionsvermögen de RER 

Koser: Aus der Vorgeschichte der ersten Theilung Polens 

Munk: Über die Funetionen des Kleinhirns. Dritte Mittheilung (Schluss) 

von Wıramowırz-MoELLENDoRFF: Pindar’s siebentes nemeisches Gedicht . . . . . . 

Lanporr: Untersuchungen über die fraglichen Änderungen des Gesammtgewichtes cheniseh 
sich umsetzender Körper. Dritte Mittheilung . 

Branca: Nachtrag zur Embryonenfrage bei Iechthyosaurus 

A. vox Le Cog: Ein manichäisch-uigurisches Fragment aus Idiqut- Schahri en Tat. 1m 

Scnuzze. F.E.: Die Lungen des africanischen Strausses (hierzu Taf. IV) 

van’r Horr: Untersuchungen über die Bildung der oceanischen Salzablagerungen. (Schluss.) 
LI. Der Verband für die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Kalisalz- 
lagerstätten R 

PıscHer: Ins Gras beissen - NG 

Fropenıus: Über Matrizen aus ol Flementen. re er ehe N 

Hannack: Die angebliche Synode von Antiochia im Jahre 324/5 

Hernmerr: Trigonometrische Höhenmessung und Rekrachonsrosiknenen in nr Nähe des 
Meeresspiegels NE 

Koser: Jahresbericht über die babe der Mens Conaae hiakcerea See 

Adresse an Hrn. Anorr vox BaEyEr zum fünfzigjährigen Doctorjubiläum am 4. Mai 1908 . 

A. Euckex: Über den Verlauf der galvanischen Polarisation durch Condensatorentladung; 
Anwendung auf die Nervenreizung 

Fıscuer: Synthese von Polypeptiden. . . . ; RER; 

-J. Stark: Über die Spectra des Sauerstofts (Doprtane Effect bei Katalseanlen © 

J. Stark und W. Sızvsiıse: Über die spectrale Intensitätsvertheilung der Kanalstrahlen 
in Wasserstoff ee 

Scnuzze, F.E.: Zur Anatomie der  Cetsceenlungs (hierzu Taf.V) . . 

Warpeyer: Die Magenstrasse BR: 

Senurze. W.: Wortbrechung in den een enden va.‘ o 

M. Werisann: Pseudodemocritea Vaticana . 5 en 

Prasck: Über die kanonische Zustandsgleichung Eon ee Erste Mittheilung. 

Meyer: Die Bedeutung der Erschliessung des alten Orients für die geschichtliche Methode 
und für die Anfänge der menschlichen Geschichte Iiherhau pt ver 

I. Scnur: Über die Darstellung der er Gruppe durch lineare homogene 


Substitutionen. . . ae 
G. Mörrter: Bericht über die Aufnahme ar hieroglyphlachen, mi) een Felsen- 
inschriften im Alabasterbruch von Hatnub in Mittelaegypten. . . . . SE 


Kexure vox Sıranosirz: Die Geburt der Helena aus dem Ei (hierzu Taf. vIaRX). 


679 
691 


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5 1908. | I. 


SITZUNGSBERICHTE 


c DER 


4 KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


Gesanmtsitzung am 9. Januar. (S. 1) 

Nernst: Zur Theorie der galvanischen Polarisation; Anwendung zur Berechnung der Reizwir- 
kungen elektrischer Ströme. (S. 3) 

Meyer: ‚Das erste Auftreten der Arier in der Geschichte. (S. 14) 

J. Rosentaan: Zerlegung hochcomplieirter chemischer Verbindungen im schwankenden magneti- 
schen Kraftfeld. (S. 20) 

Diers: Der Schlüssel des Artemistempels zu Lusoi (hierzu Taf. I). (S. 27) 


MIT TAEEL 1. 


MIT DEM VERZEICHNISS DER MITGLIEDER DER AKADEMIE 
AM 1. JANUAR 1908. 


BERLIN 1908. 
VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 


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HSONIAN DEN; 


nn 


Aus dem Reglement für die Redaetion der akademischen Druckschriften. 


Aus Sl. 

Die Akademie gibt gemäss $ 41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften « 
und » Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften. 

Aus $ 2. 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberichte« oder die 
»Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das.druckfertige Manuseript zugleich einzuliefernist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

83. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheiluug soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 


muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde,. 


so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

ga. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photographische Original- 
aufnahmen u.s. w.) gleichzeitig mit dem Manuseript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel «lie Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazueine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Secretar zu 
richten, dann zunächst im Seeretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Secretariat geboten. 

Aus $ 5.7 

Nach der Vorlegung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manusceripts an den 
zuständigen Seoretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Niehtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der » Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 


Aus $6, ; i 
Die an die Druckereiabzuliefernden Manuseriptemüssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 

Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 

Mitgliede vor Einreichung des Manuscripts vorzunehmen. 

Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser _ 

seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. i 

Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen die | 

Verfasser. Fremde haben diese erste Gr an das | 

vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 

Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehlern 
' und leichten Schreibversehen hinausgehen. Umfä ingliche 
'  Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- 
|  girenden Seeretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehı- 
kosten verpflichtet. 
| Aus 88. 
| Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftliehen Mittheilungen , ‚Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden, 

Von Gedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrucke 
für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn. die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. x 

89. 

Von den Sonderabdrucken aus den Siisungeb erteilen 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akaderse ist, ; > 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- & 
enlares er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke : 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigierenden Seeretar an- q 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr X: 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt- Akademie oder der be 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei- z 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem s 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare” auf ihre R 
Kosten abziehen lassen. RR 

Von den Sonderabdrucken aus ‚den Abhandlungen De 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der . Akademie TR 
‘zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 30 'rei- 3: 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem: Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere "Exemplare. bis zur "Zahl J 
' von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
| zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, | 

. 


sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
"Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu ax 
der Genehmigung der Gesammt- Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 


| 
| 


| 
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En 


redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf ihr 
Kosten abziehen lassen. nn ie 
$ 17. er 


Eine für die See een Schriften ber 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe anjener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 


(Fortsetzung auf S. 3 des Umschlags.) . 5% 


1 
RE 


VERZEICHNISS 


DER 


MITGLIEDER DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 


AM 1. JANUAR 1908. 


I. BESTÄNDIGE SECRETARE. 
Gewählt von der 


Hr. Auwers phys.-math. Classe . 


- Wahlen . phil.-hist. - 
- Dies . . phil. -hist. - 
-  Waldeyer . phys.-math. - 


I. ORDENTLICHE MITGLIEDER. 


Physikalisch-mathematische Classe Philosophisch-historische Classe 


Hr. Adolf Kirchhoff 
Hr. Arthur Auwers . Be RE", 
- Johannes Vahlen . 
- Eberhard Schrader 
- Alexander Conze . 
- Simon Schwendener 
- Hermann Munk . NEN 
- Adolf Tobler 
- Hermann Diels 
- Hans Landolt 
- Wilhelm Waldeyer . ee 
- Heinrich Brunner . 
- Franz Eilhard Schulze a 
- Otto Hirschfeld 
- Eduard Sachau 
- Gustav Schmoller . 
- Wilhelm Diüthey . 
- Karl Möbius . VE 
- Adolf Engler OB AN 
- Adolf Harnack 
- Hermann Amandus Schwarz Mes 


Datum der Königlichen 
Bestätigung 


1878 April 10. 
1893 April 5. 
1895 Nov. 27. 
1896 Jan. 20. 


Datum der Königlichen 
Bestätigung 


— 


1860 März 7. 
1866 Aug. 18. 
1874 Dee. 16. 
1875 Juni 14. 
1877 April 23. 
1879 Juli 13. 
1880 März 10. 
1881 Aug. 15. 
1881 Aug. 15. 
1881 Aug. 15. 
1884 Febr. 18. 
1884 April 9. 
1884 Juni 21. 
1885 März 9. 
1887 Jan. 24. 
1887 Jan. 24: 
1887: Jan. 24. 
1888 April 30. 
1890 Jan. 29. 
1890 Febr. 10. 
1892 Dee. 19. 


1 


Physikalisch - mathematische Classe 


". Georg Frobenius 
Emil Fischer 
Oskar Hertwig . 
Max Planck . 


Emil Warburg 


Jakob Heinrich van’t Hoff 


Theodor Wilhelm Engelmann . 


Wilhelm Branca 
Robert Helmert . 


m 


Philosophisch -historische Classe 


oo 


Hr. Karl Stumpf . 
- Erich Schmidt . 
- Adolf Erman . 
- Reinhold Koser 


- Max Lenz . 


donitz a 
- Ulrich von Wilamowitz- 
Moellendorff . 


Heinrich Müller-Breslau . 


Friedrich Schottky . 


Robert Koch . 
Hermann Struve 


- Heinrich Zimmer . 
- Heinrich Dressel . 
- Konrad Burdach . 
- Richard Pischel 

- Gustav Roethe . 

- Dietrich Schäfer 

- Eduard Meyer . 

- Wilhelm Schulze 

- Alois Brandl 


Hermann Zimmermann 


Adolf Martens 


Walther Nernst . 


Max Rubner . 
Johannes Orth 
Albrecht Penck 


Heinrich Rubens 


- Friedrich Müller . 
- Andreas Heusler . 


(Die Adressen der Mitglieder s. S. IX.) 


- Reinhard Kekule von Stra- 


Datum der Königlichen 
Bestätigung 
— 


1893 Jan. 14. 
1893 Febr. 6. 
1893 April 17. 
1894 Juni 11. 
1895 Febr. 18. 
1895 Febr. 18. 
1895 Febr. 18. 
1895 Aug. 13. 
1896 Febr. 26. 
1896 Juli 12. 
1896 Dec. 14. 
1898 Febr. 14. 


1898 Juni 9. 


1899 Aug. 2. 
1899 Dec. 18. 
1900 Jan. 31. 
1901 Jan. 14. 
1902 Jan. 13. 
1902 Mai 9. 
1902 Mai 9. 


1902 Juli 13. 
1903 Jan. 5. 


1903 Jan. 5. 
1903 Aug. 4. 
1903 Aug. 4. 
1903 Nov. 16. 
1904 April 3. 
1904 Juni 1. 
1904 Aug. 29. 
1904 Aug. 29. 


1904 Aug. 29. 
1905 Nov. 24. 


1906 Dec. 2. 
1906 Dec. 2. 
1906 Dec. 2. 
1906 Dec. 24. 
1907 Aug. 8. 
1907 Aug. 8 


II. AUSWÄRTIGE MITGLIEDER. 


Physikalisch- mathematische Classe Philosophisch -historische Classe 


De 


Hr. Eduard Zeller in Stuttgart 
- Theodor Nöldeke in Strass- 
burg 
- Friedrich Trhosf: Dh in 
Winterthur . 
- Theodor von Sickel in en 
- Pasquale Villari in Florenz . 
- Franz Bücheler in Bonn 
Hr. Wilhelm Hittorf in Münster i.W.. 
- Eduard Swess in Wien 
- Eduard Pflüger in Bonn RT a Ehe: 
Rochus Frhr. von Lilieneron in 
Schleswig - 
Hr. Leopold Delisle in Paris ; 
Sir Joseph Dalton Hooker in 
Sunningdale F 
Hr. Giovanni Virginio Schiaparelli 
in Mailand 
- Adolf von Baeyer in München 


IV. EHRENMITGLIEDER. 


Earl of Crawford and Balcarres in Haigh Hall, Le 
Hr. Max Lehmann in Göttingen eh ; 
- Friedrich Kohlrausch in Marbure : 

Hugo Graf von und zu Lerchenfeld in Borlin 

Hr. Friedrich Althoff in Steglitz . : 

- Richard Schöne in Berlin 

Frau Elise Wentzel geb. Heckmann in Bern 

Hr. Konrad von Studt in Berlin 

- Andrew Dickson White in Ithaca, N. S 


III 


Datum der Königlichen 
Bestätigung 


—— 


1895 Jan. 14. 


1900 März 5. 


1901 Jan. 14. 
1902 Nov. 16. 
1904 Mai 29. 


1904 Oet. 17. 
1905 Aug. 12. 


Datum der Königlichen 
Bestätigung 


1883 Juli 30. 
1887 Jan. 24. 
1895 Aug. 13. 
1900 März 5. 
1900 März 
1900 März 
1900 März 
1900 März 1 
1900 Dee. 1 


vg 


Hr. 


V. CORRESPONDIRENDE MITGLIEDER. 


Physikalisch-mathematische Classe. 


Alexander Agassiz in Cambridge, Mass. 
Henri Becquerel in Paris 

Ernst Wilhelm Benecke ın Sue 
Eduard van Beneden in Lüttich . 
Oskar Brefeld in Charlottenburg . 
Heinrich Bruns in Leipzig . 

Otto Bütschli in Heidelberg 

Stanislao Cannizzaro in Rom 

Karl Chun in Leipzig 

Gaston Darboux in Paris : 
Richard Dedekind in Braunschweig . 
Nils Christofer Duner in Upsala 
Ernst Ehlers in Göttingen . 

Rudolf Fittig in Strassburg 

Max Fürbringer in Heidelberg 
Albert Gaudry in Paris . 

Archibald Geikie ın London 


. Woleott Gibbs in Newport, R.]1. . 


David Gill in London 


. Paul Gordan in Erlangen 


Karl Graebe in Frankfurt a.M. 
Ludwig von Graf in Graz . 
Gottlieb Haberlandt in Graz . 
Julius Hann in Wien 

Vietor Hensen in Kiel 

Richard Hertwig in München . 
William Huggins in London 


. Adolf von Koenen in Göttingen 


Leo Koenigsberger in Heidelberg . 
Henry Le Chatelier in Paris 

Michel Levy in Paris. 

Franz von Leydig in Bockenbes 0. a T.. 
Gabriel Lippmann in Paris BR 
Hendrik Antoon Lorentz in Leiden 
Hubert Ludwig in Bonn. 


Datum der Wahl 


1895 
1904 
1900 
1887 


1899 


1906 
1897 
1888 
1900 
1897 
1880 
1900 
1897 
1896 
1900 
1900 
1889 
1885 
1890 
1900 
1907 
1900 
1899 
1889 
1898 
1898 
1895 
1904 
1893 
1905 
1898 
1887 
1900 
1905 
1898 


Juli 


Febr. 
Febr. 


Nov. 
Jan. 
Jan. 
März 
Dee. 
Jan. 


Febr. 


März 
Febr. 
Jan. 
Oct. 
Febr. 
Febr. 


Febr. : 


Jan. 
Juni 
Febr. 
Juni 
Febr. 


Juni 


Febr. ? 
Febr. 


April 
Dec. 
Mai 
Mai 
Dee. 
Juli 


Jan. 


Febr. 


Mai 
Juli 


18. 
18. 


Sir 


Physikalisch-mathematische Classe. 


. Eleuthere Mascart in Paris . 


Franz Mertens in Wien . 

Henrik Mohn in Christiania 

Alfred Gabriel Nathorst in Stoc rein 

Karl Neumann in Leipzig : 
Georg von Neumayer in Nensiadt a. Ba asdti. 
Simon Newcomb in Washington . 

Max Noether ın Erlangen u 
Wilhelm Ostwald ın Eros ächen Kar Sachsen 
Wilhelm Pfeffer in Leipzig . 

Emile Picard in Paris ; 
Edward Charles Pickering in Ceperdpe, ae ; 
Henri Poincare in Paris . 

Georg Quincke in Heidelberg . 

Ludwig Radlkofer in München 

William Ramsay in London 


Lord Rayleigh in Witham, Essex . 


Hr. 


Friedrich von Recklinghausen ın Sarg 
Gustaf Retzius in Stockholm 

Wilhelm Konrad Röntgen in München 
Heinrich Rosenbusch in Heidelberg 

Georg Ossian Sars in Christiania 
Friedrich Schmidt in St. Petersburg . 
Hugo von Seeliger in München 


Hermann Graf zu Solms- Laubach in Strassburg . 


Hr. 


Johann Wilhelm Spengel in Giessen . 
Eduard Strasburger in Bonn 
Johannes Strüver in Rom 

Julius Thomsen in Kopenhagen 
August Toepler in Dresden . 
Melchior Treub in Buitenzorg . 
Gustav Tschermak in Wien. 

William Turner in Edinburg 


. Woldemar Voigt in Göttingen . 


Karl von Voit in München . 

Johannes Diderik van der Waals in Amsterdam 
Otto Wallach in Göttingen . 

Eugenius Warming in Kopenhagen 

Heinrich Weber in Strassburg . 

August Weismann in Freiburg i. B. . 

Julius Wiesner in Wien . 

Adolf Wüllner in Aachen 

Ferdinand Zirkel in Leipzig 


Datum der Wahl 


1895 
1900 
1900 
1900 
1893 
1896 
1883 
1896 
1905 
1889 
1898 
1906 
1896 
1879 
1900 
1896 
1896 
1885 
1893 
1896 
1857 
1898 
1900 
1906 
1899 
1900 
1889 
1900 
1900 
1879 
1900 
1881 
1898 
1900 
1898 
1900 
1907 
1899 
1896 
1897 
1899 
1889 
1887 


Juli 
Febr. 


Febr. 


Febr. 


Mai 


Febr. : 


Juni 
Jan. 
Jan. 
Dee. 


Fehr. : 


Jan 
Jan. 


März 


Febr. 


Oct. 
Oct. 


Febr. 2 


Juni 
März 
Oct. 


Febr. 
Febr. 


Jan. 
Juni 
Jan. 
Dee. 


Febr. 
Febr. 


März 


Febr. 


März 
März 
März 


Febr. 
Febr. 


Juni 
Jan. 
Jan. 
März 
Juni 
März 
Oct. 


18. 
22. 
22. 


VI 


Philosophisch-historische Classe. ee 


——— 
Hr. Wilhelm Ahlwardt in Greifswald . - - : » 2..2.2...1888 Febr. 2. 
=# “Karl von Amsıra in München - .- .. 7... 22% 7575190043 Jan8218% 
- Ernst Immanuel Bekker in Heidelberg . . . . . . . 1897 Juli 29. 
- Friedrich von Bezold in Bonn. -. . . : 2 2.2. ...1907 Febr. 14. 
- Eugen Bormann in Wien . . en ea. Zu 
- „James Henry Breasted in Char A ee OT 
= Ingram Byywaler-in Oxford - . - = . . Pri.0 0.771887 Novi 
- Rene Cagnat in Paris. . - - re. 1 ETIOAON See 
- Arthur Chuquet in Villemomble (Seine). FE Er IIOTFREepr IT 
A Tous: Duchesnem Rom. . . 2 002 ATS IST 
= Benno‘ Erdmann-ın’ Bonn . „u 2.2.2282 „aan I0eTaree 
- eg BEariing in Strassburg . -» - : .7 20. 22. 2.1907 Jun 13. 
- Paul Foucart in Parıs . . er A il 
- Ludwig Friedländer in Sach RE denk 1er 
- Theodor Gomperz in Wien. . . TE ERS OCTd 
- Francis Llewellyn Griffith in Bd ll) Alain E 
- Gustav Gröber ın Strassburg - . : 0.0... 22%. 1900 Tann: 
- Ignazio Guidi in Rom . . nr INTER 
- Georgios N. Hatz dakis in Athen en äinie 0:- 
= Albert Hauck in\.eipieg . » . 202 20% DIS 
- Bermard Haussoullier in Paris. : : : : : 2 2 2... 19077 Ma 7 72 
- Johan Ludvig Heiberg in Kopenhagen . . . . . . . 1896 März 12. 
- Karl Theodor von Heigel in München . . . . . ..... 1904 Noy. 3. 
- Max Heinze in Leipzig . . N is. 


- Antoine Heron de Villefosse in Paris ee SI SMHebr 
= Ton Heuzeyın Paris = 2 2 2m. Zur. 2 ei AORTA 


- Edvard Holm in Kopenhagen . . . . 2... ... 1904 Nov. 3. 
= />-Thöophsle‘ Homolle in Pas’: 2: 22... WI EIEHBSTENova 
- Christian Hülsen n-Rom- » = > 2... 2". 2 2» 1907 Mai 02: 
- Vatroslav Jagie n Wien. . . tete ae MLESUFDEEEEIN: 
- William James in Cambridge, ae er aka ie 
- Karl Theodor von Inama-Sternegg in Innsbruck = nr 1900: 
= Adolf Jühcher in Marburg ; „0:72 5° „a an. ie SA I0BE NE 
- Karl Justi in Bonn . . SEE TE SI3ENDFERNE 


- Panagiotis Kabbadias in Athen. NEN ABEN ISERNo ve? 
- Frederie George Kenyon in London . . . . . . . .. 1900 Jan. 18. 


- Franz KRielhorn in Göttingen -. - = © #222... 1880 Dec. 16. 
- Georg Friedrich Knapp in Strassburg . . . . . . . 1893 Dec. 14. 
- Basü Latyschew in St. Petersburg . . . » ». . . .. 1891 Juni 4. 


= Friedrich Leo ın Göttingen‘ » = „meer 7791906 Nov 
- August Leskien in Leipzig . -. - » » 2 2... .. 1900 Jan. 18. 
- “Hanse Devasseur in Paris . - 3 2.2.0 % 2. 1900 Tamzsriss 
- Friedrich Loofs in Halle a.S.. 2 x » „un 2 2- 1WE Non. 
- Giacomo Lumbroso in Viareggio. » » = = 2... 1874 Nor. 12. 


Philosophisch-historische Classe. 


Hr. Arnold Luschin von Ebengreuth in Graz 

- John Pentland Mahaffy in Dublin 

- Gaston Maspero in Paris . ; 

- Wilhelm Meyer- Lübke in Wien 

- Adolf Michaelis in Strassburg . 

- Ludwig Mitteis in Leipzig . 

- Gabriel Monod ın Versailles 

- Benedictus Niese in Halle a.S. 

- Heinrich Nissen in Bonn 

- (Georges Perrot in Paris . : 

- Wilhelm Radloff in St. Petereburg 

- Moriz Ritter in Bonn ; 

- Karl Robert ın Halle a.S. . ; 

- Victor Baron Rosen in St. Petersburg . 

- Anton E. Schönbach in Graz 5 

- Richard Schroeder in Heidelberg . 

- Emil Schürer in Göttingen . 

- Eduard Schwartz in Göttingen 

- Emile Senart in Paris 

- Eduard Sievers in Leipzig . 

- Henry Sweet in Oxford . ; 
Sir Edward Maunde Thompson in Tod 5 
Hr. Vilhelm Thomsen in Kopenhagen . 

-  Grirolamo Vitelli in Florenz . 

- Heinrich Weil in Paris i 

- Julius Wellhausen in Göttingen 

- Wilhelm Wilmanns ın Bonn. 

- Ludvig Wimmer in Kopenhagen . 

- Wilhelm Windelband in Heidelberg 


- Wilhelm Wundt in Leipzig . . . . . .» Se 


vn 


Datum der Wahl 


1904 
1900 
1897 
1905 
1888 
1905 
1907 
1905 
1900 
1884 
1895 
1907 
1907 
1900 
1906 
1900 
1893 
1907 
1900 
1900 
1901 
1895 
1900 
1897 
1896 
1900 
1906 
1891 
1903 
1900 


INHABER DER HELMHOLTZ-MEDAILLE. 


Hr. Santiago Ramon y Cajal in Madrid (1904). 
- Henri Becquerel in Paris (1906). 


INHABER DER LEIBNIZ-MEDAILLE. 
a. Der Medaille in Gold. 


Hr. James Simon in Berlin (1907). 


db. Der Medaille in Silber. 


Hr. Karl Alexander von Martius in Berlin (1907). 
- A. F. Lindemann in Sidmouth, er a 


Juli 
Jan. 
Juli 
Juli 
Juni 
Febr. 
Febr. 


Febr. 


Jan. 
Juli 
Jan. 
Febr. 
Mai 
Jan. 
Juli 
Jan. 
Juli 
Mai 
Jan. 
Jan. 
Juni 
Mai 
Jan. 
Juli 
März 
Jan. 
Juli 


Juni 


Febr. 


Jan. 


21. 


18. 
I) 

6. 
21. 
16. 
14. 
16. 
18. 
17 
10. 
14. 

2. 
18. 

5. 
18. 
20. 

2. 
18. 
18. 

6. 

2. 
18. 
15. 
12. 
18. 


18. 


VII 


BEAMTE DER AKADEMIE. 


Bibliothekar und Archivar: Dr. Köhnke. 

Wissenschaftliche Beamte: Dr. Dessau, Prof. —Dr. Ristenpart. — Dr. Harms, Prof. 
— Dr. Czeschka Edler von Maehrenthal, Prof. — Dr. von Fritze. — Dr. Karl 
Schmidt, Prof. — Dr. Frhr. Miller von Gaertringen, Prof. 


WOHNUNGEN DER ORDENTLICHEN MITGLIEDER 
UND DER BEAMTEN. 


Hr. Dr. Auwers, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Rath, Lindenstr. 91. SW 68. 

- = Branca, Prof., Geh. Bergrath, Lutherstr. 47. W 62. 

-  - Brandl, Professor, Kaiserin Augusta-Str. 73. W 10. 

- = Brunner, Prof., Geh. Justiz-Rath, Lutherstr. 36. W 62. 

- = Burdach, Professor, Grunewald, Schleinitzstr. 6. 

- = (Conze, Professor, Grunewald, Wangenheimstr. 17. 

-  - Diels, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Nürnberger Str. 65. W 50. 

-  - Dilthey, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Burggrafenstr. 4. W 62. 

-  - Dressel, Professor, Charlottenburg, Uhlandstr. 193. 

- = Engelmann, Prof., Geh. Medicinal-Rath, Neue Wilhelmstr. 15. NW 7. 

-  - Engler, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Rath, Steglitz, Neuer Botanischer 
Garten. 

-  - Erman, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Steglitz, Friedrichstr. 10/11. 

-  - Fischer, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Hessische Str. 1—4. N 4. 

- =  Frobenius, Professor, Charlottenburg, Leibnizstr. 83. 


-  - Harnack, Prof., Wirkl. Geh. Ober-Regierungs-Rath, Fasanenstr. 33. 
W 15. 

- = Helmert, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Potsdam, Geodätisches Institut. 

- - Hertwig, Prof., Geh. Medieinal-Rath, Grunewald, Wangenheimstr. 28. 


-  - Heusler, Professor, Eisenacher Str. 103. W 30. 

-  - Hürschfeld, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Charlottenburg, Carmerstr. 3. 

-  - van’t Hof, Professor, Lietzenburger Str. 54. W 15. 

- = Kekwe von Stradonitz, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Landgrafen- 
Str Hl 9m W262: 

- = Kirchhoff, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Matthäikirchstr. 23. W 10. 

- = Koch, Prof., Wirkl. Geh. Rath, Exe., Kurfürstendamm 52. W 15. 

-  - Koser, Wirkl. Geh. Ober -Regierungs- Rath, Charlottenburg, Carmer- 
Sins Ö) - 

- = Landolt, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Kaiserallee 222. W 15. 

- = Lenz, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Augsburger Str. 52. W 50. 

- = Martens, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Gross -Lichterfelde-West, 
Fontanestr. 22. 

- = Meyer, Professor, Gross-Lichterfelde-West, Mommsenstr. 7/8. 

- = Möbius, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Sigismundstr. 8. W 10. 

-  - Müller, Professor, Zehlendorf, Albertinenstr. 3. 

- - Müller-Breslau, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Grunewald, Kurmär- 
kerstr. 8. 

- = Munk, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Matthäikirchstr. 4. W 10. 

- = Nernst, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Am Karlsbad 26a. W 35. 

-  - Orth, Prof., Geh, Medieinal-Rath, Grunewald, Humboldtstr. 16. 

- = Penck, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Knesebeckstr. 48/49. W 15. 


> 


Pischel, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Halensee, Joachim - Friedrich- 
Str. 47. 

Planck, Professor, Grunewald, Wangenheimstr. 21. 

Roethe, Professor, Westend, Ahornallee 30. 

Rubens, Professor, Neue Wilhelmstr. 16. NW.7. 

Rubner, Prof., Geh. Medicinal-Rath, Kurfürstenstr. 99a. W. 62. 

Sachau, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Rath, Wormser Str. 12. W 62. 

Schäfer, Prof., Grossherzogl. Badischer Geh. Rath, Steglitz, Fried- 
richstr. 7. 

Schmidt, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Augsburger Str. 57/58. W 50. 

Schmoller, Professor, Wormser Str. 13. W 62. 

Schottky, Professor, Steglitz, Fichtestr. 12a. 

Schrader, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Kronprinzenufer 20. NW 40. 

Schulze, Franz Eilhard, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Invalidenstr. 43. 
NA. 

Schulze, Wilhelm, Professor, Kaiserin Augusta-Str. 72. W 10. 

Schwarz, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Grunewald. Humboldtstr. 33. 

Schwendener, Prof.. Geh. Regierungs-Rath, Matthäikirchstr. 28. W 10. 

Struve, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Enckeplatz 3a. SW 48. 

Stumpf, Prof., Geh. Regierungs-Ratlı, Augsburger Str. 61. W 50. 

Tobler, Professor, Kurfürstendamm 25. W 15. 

Vahlen, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Genthiner Str. 22. W 35. 

Waldeyer, Prof., Geh. Medieinal-Rath, Lutherstr. 35. W 62. 

Warburg, Professor, Charlottenburg, Marchstr. 25b. 

von Wilamowitz- Moellendorf', Prof., Geh. Regierungs-Rath, Westend, 
Eichenallee 12. 

Zimmer, Prof., Geh. Regierungs-Ratlı, Halensee, Auguste-Victoria-Str. 3. 

Zimmermann, Wirkl. Geh. Ober-Baurath, Calvinstr. . NW 532. 


Ozeschka Edler von Maehrenthal, Professor, Wissenschaftlicher Beamter, 
Stendaler Str. 3. NW 5. 

Dessau, Professor, Wissenschaftlicher Beamter, Charlottenburg, Car- 
merstr. 8. 

von Fritze, Wissenschaftlicher Beamter, Courbierestr. 14. W 62. 

Harms, Professor, Wissenschaftlicher Beamter, Friedenau, Ringstr. 44. 

Freiherr Hiller von Gaertringen, Professor, Wissenschaftlicher Beamter, 
An der Apostelkirche 8. W 30. 

Kölmke, Bibliothekar und Archivar, Charlottenburg, Goethestr. 6. 

Ristenpart, Wissenschaftlicher Beamter, Oldenburger Str. 42. NW 21. 

Schmidt, Karl, Professor, Wissenschaftlicher Beamter, Bayreuther 
Str. 20. W 62. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei. 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
l. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


9. Januar. Gesammtsitzung. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 


l. Hr. Nersst las über die Theorie der galvanischen Polari- 
sation und ihre Anwendung zur Berechnung der Reizwir- 


kungen elektrischer Ströme. 

In dem Vortrage wurden zunächst die Gleichungen für die Polarisation löslicher 
Metallelektroden besprochen und sodann die Anwendung der so gewonnenen Formeln 
auf die physiologischen Reizwirkungen durch elektrische Ströme erörtert. Insbesondere 
wurde gezeigt, dass sich für den durch Stromstösse ausgeübten Reiz eine einfache 
Formel ergibt, indem der Strom, der gerade noch einen Reiz ausübt, der Quadratwurzel 
aus seiner Zeitdauer umgekehrt proportional ist. Durch die Versuche verschiedener 
Forscher konnte dieses Gesetz quantitativ geprüft werden. 


2. Hr. Fıscner legte eine von ihm und Dr. F. Wrepe ausgeführte 
Untersuchung vor: Über die Bestimmung der Verbrennungs- 
wärme organischer Verbindungen mit Benutzung des Platin- 
widerstandsthermometers. (Ersch. später.) 

Durch die verbesserte thermometrische Messung wurde eine grössere Genauigkeit 
in der Bestimmung der Verbrennungswärme von Benzoesäure und Rohrzucker erreicht. 

3. Hr. Meyer machte eine Mittheilung über das erste Auf- 
treten der Arier in der Geschichte. 

Bemerkungen zu den von H. Wınckter aus den chetitischen Urkunden von Bo- 
ghazkiöi nachgewiesenen arischen Götternamen in Mitani (nordwestliches Mesopotamien) 
aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. 

4. Hr. Branca überreichte die weitere Ausarbeitung seiner Mit- 
theilung vom 25. Juli 1907 zu der Frage, ob Ichthyosaurus gleich- 
zeitig vivipar und stirpivor gewesen sei. Die Abhandlung 
wird noch in den Jahresband 1907 aufgenommen werden. 


5. Hr. Fıscuer legte eine Mittheilung von Prof. J. RosentHAL in 
Erlangen vor: Zerlegung hochcomplicirter chemischer Ver- 
bindungen im schwankenden magnetischen Kraftfeld. 


Chemische Verbinduugen von der Art, wie sie durch Enzyme hydrolytisch ge- 
spalten werden — Proteine, Glukoside, Poly- und Disaccharosen —. zerfallen in ganz 


Sitzungsberichte 1908. 1 


2 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


ähnlicher Weise unter Bildung der gleichen Spaltungsproducte, wenn sie in das Innere 
eines von starkem, in regelmässigen Intervallen unterbrochenem Gleichstrom oder von 
Wechselströmen durchflossenen Solenoids gebracht werden. Die Zahl der dazu er- 
forderlichen Stromunterbrechungen oder Stromwechsel ist für verschiedene Substanzen 
verschieden — bei Stärke z.B. gleich 340— 380 in der Secunde. Die Zerlegung dieser 
Substanz wird genauer beschrieben und die Übereinstimmung mit der durch diastatische 
Enzyme bewirkten nachgewiesen. Schliesslich wird auf die Analogie mit den chemi- 
schen Wirkungen des Lichts hingewiesen und die Ansicht ausgesprochen, dass es sich 
um eine Übertragung der Energie des Aethers auf die materiellen Molekeln handle, 
welche dadurch zum Zerfall in kleinere Bestandtheile angeregt werden. 

6. Die folgenden Druckschriften wurden überreicht: durch Hrn. 
ScnhmorLzer Acta Borussica. Denkmäler der Preussischen Staatsver- 
waltung im 18. Jahrhundert. Behördenorganisation. Bd. 4. Hälfte ı. 2 
(1723 — 1729). Bearb. von G. ScnumoLzLer und W.Sroıze. Berlin 1908, 
Bd. 9 (1750— 1753). Bearb. von G. Scumorter und O. Hıyrze. Berlin 
1907; durch Hrn. Dies Bd. 2 Hälfte ı der zweiten Auflage seiner 
Ausgabe der Fragmente der Vorsokratiker. Berlin 1907; ferner Ferpı- 
NAND Von Rıcatnuoren’s Tagebücher aus China. Ausgewählt und heraus- 
gegeben von E. Tıessen. Bd. ı. 2. Berlin 1907. 

Weiter wurden die zwei Unternehmungen der Humgorpr-Stiftung 
betreffenden Schriften überreicht: zwei Arbeiten enthaltend Ergebnisse 
der Reise des Hrn. Prof. Tiuuıwentus nach Polynesien und Neu-Seeland, 
E. SAuERBEcK, Eine Gehirnmissbildung bei Hatteria punctata. Halle 1905 
(Aus den Nova Acta der Kaiserl. Leop.-Carol. Deutschen Akademie der 
Naturforscher. Bd. 85), und Jura Gist, Das Gehirn von Hatteria punctata. 
Naumburg a. S. 1907; und drei Berichte des Hrn. Prof. H. Kraarsch 
über seine Reise nach Australien in den Jahren 1904—-1907. 


7. Die Akademie hat aus ihrem Fonds für wissenschaftliche Unter- 
nehmungen bewilligt: durch ihre physikalisch-mathematische Classe 
500 Mark Hrn. Prof. Dr. Anorr Scnmmmr in Potsdam zur Beschaffung 
von Instrumenten für magnetische Messungen auf hoher See; 

durch ihre philosophisch-historische Classe 500 Mark Hrn. Prof. 
Dr. Gustav Beexwans in Erlangen zur Herausgabe des Liber diurnus 
curiae Romanae des Andrea da Santa Croce, und 500 Mark Hrn. Privat- 
docenten Dr. Koxrar Ziesrer in Breslau zu einer Reise nach Italien 
behufs Vergleichung von Handschriften der Biographien Plutarch’s. 


Die Akademie hat das auswärtige Mitglied der physikalisch- 
mathematischen Classe Lord Kervıy in Largs (Schottland) am 17. De- 
cember 1907 durch den Tod verloren. 


Nernst: Polarisation und Nervenreizung. 3 


Zur Theorie der galvanischen Polarisation; An- 
wendung zur Berechnung der Reizwirkungen elek- 
trischer Ströme. 


Von W. Nerssrt. 


I. Wir betrachten zunächst eine lösliche Metallelektrode, die in 
eine beliebige Lösung taucht; durch einen hindurchgeschickten Strom 
wird dann je nach der Stromrichtung Metall in Lösung gehen oder 
abgeschieden werden. Die Änderung der elektromotorischen Kraft 
der Elektrode wird in diesem Falle durch die Änderung der Kon- 
zentration der Ionen des betreffenden Metalls bestimmt, und letztere 
hängt einerseits von der hindurchgeschicekten Strommenge, anderseits 
von dem durch Diffusion bedingten Ausgleich der Konzentrations- 
differenzen ab. 

Die Differentialgleichungen, denen diese Konzentrationsänderungen 
unterworfen sind, wurden bereits von H. F. Wesrr' aufgestellt und 
für einzelne Fälle diskutiert; neuerdings (1896) gelang es bekanntlich 
Warsgurg”’, durch Integration derselben für Wechselströme weitgehende 
Folgerungen für das Verhalten sogenannter unpolarisierbarer Elek- 
troden aus jenen Gleichungen herzuleiten. 

Auch die Konzentrationsänderungen, die an der Grenze zwischen 
zwei nicht miteinander mischbaren Lösungsmitteln infolge elektrolyti- 
scher Überführung auftreten, sind denselben Differentialgleichungen 
unterworfen’; daß derartige Konzentrationsänderungen ferner für ge- 
wisse physiologische Prozesse maßgebend sind, glaube ich schon vor 
einiger Zeit wahrscheinlich gemacht zu haben‘. 

Im folgenden seien zunächst die erwähnten Differentialgleichungen 
für gewisse Grenzbedingungen näher behandelt und hierauf einige An- 
wendungen der so gewonnenen Resultate auf die Vorgänge der elektri- 
schen Reizung gemacht. 


! WıEDEmAnNns Annalen 7 540 (1879). 

® Ebenda 67 495 (1899). 

3 Nernsr und Rırsenrero, ebenda. Vierte Folge 8 600 (1902). 
* Gött. Nachr. Math.-physik. Klasse, Heft ı (1899) S. 104. 


1* 


4 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


2. Der Strom fließe der x-Achse parallel, zur Flächeneinheit der 
Elektrode wirke der Strom i zur Zeit t. 


(1) i= fl); 
bei Beginn (= 0) herrsche in der Lösung, die wir uns in Richtung 
der x-Achse unendlich ausgedehnt denken, die konstante Konzen- 
tration @,. Überall gilt dann die bekannte Diffusionsgleichung 


dc 0°C 
(2) Be 


wenn ferner der Strom i in der Zeitheit die Salzmenge vi zur Elek- 
trode transportiert, so gilt 


(3) k—- =vi für 2=o, 


was lediglich die Bedingung dafür ist, daß an der Elektrode die 
Diffusion nur nach einer Seite hin erfolgen kann. 
Anstatt (2) setzen wir, indem wir nach x differentiieren, 


0°C u de 
dadt 9@’ 
und indem wir als neue Variable! 
dc 2 
(4) a — m 
einführen, wird 
dm 27 
(5) a 


wo für m nunmehr die Grenzbedingungen gelten: 
für = o und beliebige x gilt m=o; 
für <= oo und beliebige t gilt m=o; 


fürs —torgill; m—=m= fl). 


Durch diese einfache Substitution erreichen wir, daß wir nun 
ohne weiteres die vielen Lösungen verwenden können, die FourIEr 
und spätere für das Problem der Wärmeleitung in einem unendlich 
ausgedehnten Stabe bei verschwindender äußerer Wärmeleitung für 
verschiedene Randbedingungen gegeben haben. 

Ist so m als Funktion von x und ? gefunden, so haben wir zwei 
Wege zur Berechnung der gesuchten Konzentrationen. Einmal gilt 


! Kırcanorr, Theorie der Wärme, S.25; ScHeve, Dissertation, Berlin 1895, S.8. 


Nernsr: Polarisation und Nervenreizung. 5 
= z 
(6) e—=6+ [m da; 


sodann aber ist auch 


de 
=6+ dt 
ot 
und bei Berücksichtigung von (2) 
t 
0) 
(7) (—  e de. 
dx 


o 


3. Als erstes Beispiel betrachten wir den Sinusstrom; wir setzen 


N T j av 
ce=asin|n!-+- — |), somit m, = —-cos nt 
2» k 
(n gleich 2” mal Zahl der ganzen Stromwechsel pro Sekunde). Als 
Lösung finden wir bei RıEmann-Weser, Differentialgleichungen II, S. 109 
nach einigen einfachen Umformungen 


av = ve nn ze (e—2)? er (« +9? 
Se a 
hr T 2 


o 


worin & eine Integrationsvariable bedeutet. 

Das zweite Glied der rechten Seite verschwindet für große Werte 
von Z, d.h. das erste Glied liefert die Lösung für den stationären Zu- 
stand. Durch Integration nach (6) oder einfacher nach (7) folgt dann 
leicht für = 0, d. h. für die an der Elektrode herrschende Kon- 
zentration 


(9) G— sinne 7) 


als Lösung für den stationären Zustand. Dies ist der bereits von 
WaRrgure (a.a. O.) erhaltene Ausdruck. 

Betrachten wir nunmehr die Wirkung unreiner Sinusströme. Ein 
derartiger Strom läßt sich bekanntlich ausdrücken durch eine Summe 
von der Form 


= a cos nt a, cos 2ni+ a, cosz3ni—+...; 


6 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


worin n die Schwingungszahl des Grundtons bedeutet. Die Lösung 
für den stationären Zustand ergibt sich analog Gleichung (9) zu 


(10) c=6+ I sin ar nee 
VnVk 4 & 4 


Die mittlere Stromstärke, wie sie durch ein Wechselstrominstru- 
ment (Dynamometer, Hitzdraht) gemessen wird, ist in diesem Falle' 


Re —n m a, 2 a, 2 
(4) Ve+®@+ad+...=ay ı+ a 


Nun hat der Ausdruck, der in Gleichung (10) in der Klammer 
steht, wenn wir y= ni setzen, die Form F(y). Das Maximum dieser 
Funktion muß, weil n dann nicht mehr darin vorkommt, von n un- 


> . r E a 5 
abhängig sein und für bestimmte Werte der Verhältnisse — usw. einen 
Fir a 
ganz bestimmten Wert besitzen. Da nach Gleichung (11) andrerseits 
a 
die mittlere Stromstärke bei gegebenen Werten der Verhältnisse — 
a 


usw. der Amplitude des Grundtons proportional ist, so erkennen wir, 
daß auch für unreine Sinusströme die Konzentrationsdifferenzen c— c, 
der Quadratwurzel aus der Frequenz proportional sein müssen, wenn 
nur die Bedingung erfüllt ist, daß mit der Änderung der Schwingungs- 
zahl n die Amplitudenverhältnisse der Obertöne zum Grundton sich 
nicht ändern. 

Dieses Resultat ist insofern von praktischer Bedeutung, als das 
obige Quadratwurzelgesetz demnach auch für jeden beliebigen rotie- 
renden Wechselstromerzeuger gelten muß, wenn nur mit wachsender 
Tourenzahl der betreffenden Maschine die Form der Stromkurve sich 
nicht ändert; diese Voraussetzung wird in Wirklichkeit immer nahe 
erfüllt sein, und es werden besonders dann, wenn die Grundscehwingung 
stark ausgeprägt ist, die geringfügigen Deformationen, welche die 
Stromkurve mit der Tourenzahl etwa doch erfährt, praktisch zu ver- 
nachlässigen sein. 

4. Konstanter Strom. Die Lösung für diesen Fall läßt sich ohne 
weiteres den Formeln entnehmen’, die früher bei einem analogen 
Problem bereits entwickelt wurden; wir haben hier die Bedingung 


VIE 
T— m = const. 


' Vgl. z.B. Beperı und Ürenore, Wechselströme S.143ff. Berlin bei Springer 1895. 
2 Nernst und RıEsEnFeLp, a.a. 0. 


Nernsr: Polarisation und Nervenreizung. 7 


und entnehmen der Gleichung (13a) der erwähnten Arbeit die Lösung! 


‚YV- 
(1 2) —o=WnN 6 
rk 
Für manche experimentelle Untersuchungen wird sich in erster 
Linie die Benutzung der Kondensatorentladung empfehlen, die bekannt- 
lich bei fehlender Selbstinduktion der Gleichung 


7 t 
7% 


ı= —e 
gehorcht. Mit der rechnerischen Behandlung dieses Problems ist 
Hr. Dr. Eucken beschäftigt, der, wie ich auch hier mit Dank erwähnen 
möchte, mich u. a. auf das für unsre Zwecke so wichtige Integral 
Gleichung (8) aufmerksam machte. 

5. Schließlich wollen wir noch kurz den Fall eines Stromstoßes 
beliebiger Form besprechen. Wir können einen solchen nach Fourıer 
stets in eine Summe von Sinusströmen auflösen und finden dann als 
Lösung eine der Gleichung (8) entsprechende Summe. 

Da uns wesentlich nur die Lösung für & = 0 interessiert, so er- 
halten wir für c—c, eine Summe aus Gliedern der Form 


worin, wie sich durch einfache Rechnung ergibt, 


” = cos |nt+ = [ee ad, 
Tore — 7 77 Ss — - — — 2 .p t ade. 
0% z=o k k lt, 4 2Vr kest5, ak 


zu setzen ist. Damit haben wir die allgemeine Lösung des in Rede 
stehenden Problems; freilich wird sich wegen der Schwierigkeit, die 
beiden Integrationen für den zweiten Ausdruck durchzuführen, im 
speziellen Fall mit dieser Lösung meistens wenig anfangen lassen. 


Anwendungen. 


6. Die obigen Gleichungen liefern zugleich eine Theorie der Rei- 
zung durch Stromstöße, wenn man die Annahme macht, daß die Reiz- 
schwelle erreicht wird, sobald an der Grenzfläche des Protoplasmas 
der Zellen durch den Strom eine gewisse Konzentrationsdifferenz 


A = (—(6, 


! Die obige Gleichung findet sich ferner abgeleitet und auf die Polarisation von 
Metallelektroden angewandt in einer sehr bemerkenswerten Arbeit von S. R. MıLner 
(Philosoph. Mag. Mai 1905). 


8 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


hervorgerufen ist. Ein Reiz würde hiernach gerade dann eintreten, 
wenn durch den Strom eine Konzentrationsdifferenz in einem A er- 
reichenden oder übersteigenden Betrage sich eingestellt hat. 

So ergibt sich nach Gl. (9), daß ein Wechselstrom dann einen 
Reiz ausübt, wenn die Gleichung 


av 
See m Dei 

(13) A<c a 

erfüllt ist, und so finden wir das Gesetz, wonach der Strom, der ge- 

rade noch einen Reiz ausübt, der Quadratwurzel aus der Schwingungs- 

zahl proportional ansteigt (NERNsT, a. a. O0. 1399). 

Dieses Gesetz ist innerhalb gewisser Grenzen durch die Versuche 
von Zeynek', Nernstr und BArrart”, Reıss® gut bestätigt worden. Die 
obigen Betrachtungen haben nun aber gelehrt, daß es nicht einmal 
nötig ist, reine Sinusströme zu verwenden, sondern daß das obige 
Quadratwurzelgesetz für jeden beliebigen Wechselstromerzeuger gelten 
muß, wenn nur die Schwingungsform mit der Frequenz sich nicht 
ändert. Dies wird aber offenbar, wie bereits oben betont, für jeden 
rotierenden Wechselstromerzeuger mit großer Annäherung zutreffen. 

Bei den ersten Versuchen, die auf meine Veranlassung ausgeführt 
wurden, nämlich denen von Zeynzck, wurde auf diesen Punkt zunächst 
weniger geachtet, und man verglich die Reizwirkung zweier verschie- 
dener Wechselstrommaschinen direkt miteinander, was offenbar strenge 
nicht statthaft ist. Im folgenden sind die mit beiden Maschinen er- 
haltenen Resultate getrennt aufgeführt; Tabelle I bezieht sich auf 
die mit einem Sinusinduktor nach Konrrauscn erhaltenen Zahlen, Ta- 
belle II enthält die mit einer Hochfrequenzmaschine gewonnenen Er- 


Tabelle 1. 
m \i beob. | i ber. iVm 
| | | 
5-3 5.8 5-5 2.51 
12 8.2 8.3 2.36 
32 12.6 13.6 2.23 
44 15.1 15.9 2.27 
75 22.0 20.8 2.54 
84 23.2 22.1 2.54 
100 25.3 24.0 2.53 
110 25.5 25.3 2.42 
i=2.4Vm 


! Gött. Nachr., Math.-physik. Klasse, Heft 7 (1899). 
? Zeitschr. f. Elektrochemie 1904, S. 664. 
® Prrücers Archiv 117 578 (1907). 


Nernsr: Polarisation und Nervenreizung. 9 


Tabelle II. 


der Messungen m i beob. | i ber. iVm 
| 

I 571 43.2 39.5 1.80 

8 899 51.6 49.3 1.72 

11 1320 62.3 60.0 1.71 

8 1928 7146 | 725 1.70 

3 2587 86.7 83-8 1.70 

5 3540 97-7 98.0 1.64 

5 4474 106 I1O 1.59 

i= 1.65 Ym 


n : x 
m=—_ bedeutet die Zahl der ganzen Stromwechsel. 
T 


gebnisse. In letzterer Tabelle sind immer eine Anzahl nahestehender 
Werte zu einem Generalmittel vereinigt. Bemerkt sei noch, daß überall 
nur diejenigen Messungen benutzt wurden, bei denen der Strom mit 
Hilfe eines Dynamometers gemessen wurde, weil diese Messungen 
offenbar die genaueren sind. 

Die obigen Tabellen lehren, daß für jede Versuchsreihe einzeln 
das Quadratwurzelgesetz gut stimmt; der Unterschied zwischen den 
Wellenformen beider Maschinen zeigt sich aber darin, daß in den 


beiden durchaus vergleichbaren Zahlreihen der Quotient — —- im ersten 


L 
Vm 
Falle stets größer ist als im zweiten und daß im Mittel die Reiz- 
fähigkeit des Wechselstroms der zweiten Maschine fast das andert- 
halbfache derjenigen der ersten ist. 

Gleichzeitig ersehen wir somit, daß für die sensibeln Nerven der 
Fingerspitzen, worauf sich die obigen Messungen beziehen, das Quadrat- 
wurzelgesetz bis zu relativ kleinen Schwingungsdauern herab gültig 
bleibt; ein Resultat, das sich übrigens in vollem Einklang mit den 
neuern Ergebnissen von Rerıss (a. a. O.) befindet. 

7. Die Berechnung des Reizeffekts durch einen konstanten Strom i, 
der während der Zeit / wirkt, liefert uns Gleichung ı2, indem nach 
dieser Formel dann ein Reiz auftreten wird, wenn die Bedingung 


t 
A<Zze— es, =VWuV —- 
Fu "Vak 
erfüllt ist. Für die Reizschwelle selber ergibt sich demnach 


(14) ıVt = const. 


Zur Prüfung dieser Gleichung liegen zunächst die Versuche von 
Weıss' vor, der bekanntlich diese Art der Reizung zuerst eingehend 


! Archives italiennes de Biologie 35 Fasc. III ı (1gor). 


10 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


studiert hat, indem er eine bestimmte elektromotorische Kraft während 
einer gewissen sehr kleinen, aber genau meßbaren Zeit in einen großen 
selbstinduktionsfreien Widerstand schloß; das zu untersuchende Prä- 
parat befand sich ebenfalls im Stromkreise. Man kann dann annehmen, 
daß ein nach dem Onuschen Gesetze zu berechnender Strom ö während 
der Zeit £ in konstanter Stärke gewirkt hat. Der genannte Forscher 
fand bei seinen Versuchen innerhalb gewisser Grenzen als gültig die 
Formel: 


Es ist von vornherein klar, daß. meine Formel mehr besagt als 
diejenige von Weiss, weil letztere zwei, erstere nur eine von der Natur 
des untersuchten Objekts abhängige Konstante enthält. Für kleinere 
Variationen von Zeit und Stromstärke können naturgemäß beide Formeln 
stimmen, für größere differieren sie hinreichend, um ohne weiteres eine 
Entscheidung zwischen ihnen zu erlauben. Aber auch in den Fällen, 
wo beide Formeln etwa gleich gut stimmen, würde die Formel von 
Werıss als die weniger leistungsfähige angesehen werden müssen, weil 
sie eben unnötig viel willkürliche Konstante enthält, auch abgesehen 
davon, daß die Formel von Weiss rein empirisch ist. 


Versuche von Weıss. 


Die in den folgenden Tabellen angegebenen Zeiten ? sind mit 
0.000077 zu multiplizieren, um Sekunden zu erhalten; als Strom- 
stärken £ sind die damit proportionalen Spannungen angegeben; der 
in jeder Versuchsserie konstante Widerstand betrug meistens gegen 
500000 Ohm. 


Rana esculenta. 


t ibeob. über. evt 
| 
——— 
6 | 147 136 | 360 
8 | 124 119 351 
Io 110 106 349 
12 94 97 326 
16 81 84 324 
20 | 13 | 75 326 
30 62 | 61- | 340 
el saltally ss: 


Nernst: Polarisation und Nervenreizung. 


Rana esculenta. 


t | i beob. | i ber. | eVi 
| 
4 | (185) 177 (370) 
6 142 145 348 
8 123 126 348 
10 Men 112 355 
12 | 103 102 358 
14 97 95 | 364 
20 86 N ro 384 
40 77 BO Er 487 
re 
rt 
Frosch. Frosch (kurarisiert). 
t | i beob. | i ber. | iVt t | ö beob. | über. 
1 | | 
6 87 | 82 213 5 | (136) 112 | 
8 ( 195 10 Domaeı 85 
10 62 63 | 203 15 70 79 
12 57 58 | 198 20 58 60 
14 54 | 54 202 25 53 54 
__ 200 30 50 49 
TE 3, De 
ve 
Rana temporaria. 
it | öbeob. | iber | ie 
I | 
4 (78) 72 (156) 
10 | 42 46 133 
IS | .36 37 140 
20 | 32 32 143 
0 | 27 23 171 
a, 
V 
Kröte. Schildkröte. 
———— — ——— —— — 
t i beob. i ber. evt t | i beob. i ber. 
| | | 
4 (175) 137 (350) 4 (122) 105 
10 84 87 282 Io | 66 | 66 
15 70 71 272 15 | 52 54 
20 59 61 264 20 | 45 47 
40 45 44 284 40 36 33 
Zen ;_ 210 
Vt vt 


11 


12 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


Zunächst fällt in den obigen Tabellen eine Abweichung zwischen 
Theorie und Versuch bei {=4 auf, die immer im gleichen Sinne 
liegt und ziemlich konstant 10 bis 20 Prozent beträgt; da Weıss aus- 
drücklich bemerkt (a.a. ©. S.2ı), daß die Fehler der Zeitbestimmung 
erst bei {=5 bis 6 zu vernachlässigen sein werden, so liegt die 
Vermutung nahe, daß hier in der Tat eine einseitige Fehlerquelle 
aufgetreten ist, und ich hielt mich daher für berechtigt, die auf 
= 4 und 5 bezüglichen Werte einzuklammern. Bei längeren Zeiten 
tritt in einigen Fällen eine Abweichung in dem Sinne auf, daß hier 
der Strom schwächer wird, als er nach unsern Formeln wirken sollte. 
Dies war aber nach den Voraussetzungen der Theorie zu erwarten, 
indem bei länger dauernden Reizen! die Konzentrationsdifferenzen in- 
folge Störung durch benachbarte Membranen verringert werden. Hier- 
von abgesehen, ist aber die Übereinstimmung zwischen Versuch und 
Theorie so gut, als nur zu erwarten war. 


Versuche von LarıcguE”. 


Froschmuskel, erregt durch den Nerv. = 12°5 


| | 


t103 | i beob. iber. | i Vt.103 
| | 
0.33 175 165 IOI 
0.66 115 116 93 
I 91 95 91 
1.5 Tl 93 
2 68 67 97 
2.5 64 60 101 
3 61 55 106 
38 
Yt 


Dasselbe; = 2495 


t- 103 i beob. i ber. i VE 103 


| 
| 
0.33 270 270 155 
0.60 187 191 152 
I [me 725155 155 
1.5 Tr26 | 126 155 
2 m | a Ne ee 
2.5 112.5 98 % 178 
3 II2 | 90 194 
= 
rt 


ı NernstT, a. a. O. S. 107 (1899). 
®2 Journ. de Physiologie et Pathologie, Juli 1907, Bd. 9. 


Nernsst: Polarisation und Nervenreizung. 15! 


Aplysia punctata‘. 


| 
| | | 
t.10? ibeob. iber. | iVtıo? | Formel 
| | von Weıss 
0.4 9.0 9.5 5.8 17.0 
0.6 8.0 7.8 6.2 11.7 
N 5.6 5.5 6.1 6.5 
2 3.9 3.8 6.0 3-9 
3-4 3-4 3-3 6.3 3-1 
7-8 2.5 2.8 5.5 2.6 
7.8 2.1 2.2 5.9 2.1 
6.0 
= —- 
Vt 


Die Versuche von LarıcquE sind zweifellos mit außerordentlicher 
Präzision ausgeführt; entsprechend ist die Übereinstimmung zwischen 
Rechnung und Versuch eine derartige, wie sie bisher wohl nur in 
den Versuchen von BArrAarr und mir (S. 8) erreicht wurde; es darf 
wohl als überraschend bezeichnet werden, daß sich für den phy- 
siologischen Reiz nicht nur Messungen, sondern auch Gesetze von 
solcher Exaktheit erbringen lassen. Die Abweichungen, welche die 
Versuche von Weiss für die Zeiten 4 -0.000077 = 0.308 10° zeigten, 
fehlen in den letzten Tabellen bei den entsprechenden Zeiten =0.33-. 10°. 
Hingegen finden wir auch hier, wenigstens bei den Froschpräparaten, 
die oben erwähnte und begründete Abweichung, wonach bei länger 
dauernden Reizen der Strom schwächer wird, als es die nur für 
Momentanreize gültigen Formeln verlangen. 

Besondere Hervorhebung verdient, daß, wie die fünfte Kolumne 
der letzten Tabelle zeigt, die Formel von Weıss gänzlich versagt, 
während meine einfachere Formel die Beobachtungen sehr gut wiedergibt. 


! Larıcquz, Bulletin de la Station biologique d’Arcachon 1904/05, S. 12. 


14 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


Das erste Auftreten der Arier in der Geschichte. 


Von EpvArD MEYER. 


E den vor wenigen Tagen erschienenen » Vorläufigen Nachrichten über 
die Ausgrabungen in Boghazkiöi im Sommer 1907 «' hat Huco WinckLer 
einen äusserst inhaltreichen Bericht über den Inhalt der zahlreichen 
Thontafeln gegeben, welche aus den Archiven der Hauptstadt des 
alten Chetiterreichs erhalten sind, die er in Boghazkiöi im nordöst- 
lichen Kleinasien, im Centrum -der Landschaft, die seit der Perserzeit 
Kappadokien heisst, aufgedeckt hat. Sie gehören der Zeit von rund 
1400 bis 1200 v. Chr. an. So wenig WınckLer daran denken konnte, 
in dieser Zusammenstellung der Ergebnisse einer ersten raschen Durch- 
sicht der Funde ihren Inhalt auch nur annähernd vollständig wieder- 
zugeben, so dankenswerth und lehrreich ist das, was er uns bereits hat 
bieten können. Unter der Fülle des Neuen befindet sich ein Document, 
welches die Aufmerksamkeit in ganz hervorragender Weise in Anspruch 
nimmt; und an dieses möchte ich eine kurze Bemerkung anknüpfen. 

Als in dem Thontafelfund von Tell el Amarna die Correspondenz 
des Pharao Amenophis’ III. (ca. 1415— 1380) und seines Sohnes Ame- 
nophis’ IV. mit ihren »Brüdern«, den Königen der asiatischen Reiche, 
und mit ihren Vasallen in Syrien zu Tage trat, hat es sofort die Auf- 
merksamkeit erregt, dass unter den Namen der Fürsten und Dynasten 
Syriens (bis nach Palästina hinab) und des nördlichen Mesopotamiens 
zahlreiche Namen vorkamen, welche deutlich iranisches Gepräge haben’. 
Ich habe im letzten Frühjahr das gesammte für die älteste Geschichte 
der Iranier zu Gebote stehende Material zusammengestellt und ge- 
sichtet in einem Aufsatz, der jetzt in der Zeitschrift für vergleichende 
Sprachwissenschaft gedruckt wird. Ich kam zu dem Ergebniss, dass 
die Iranier etwa im 18. oder 17. Jahrhundert in ihre späteren Wohn- 
sitze eingerückt und einzelne Schaaren, sei es auf Raubzügen, sei es 


! Mittheilungen der Deutschen Orientgesellschaft Nr. 35. 

® Sie sind zuerst von Houmer, Hethiter und Skythen und das erste Auftreten 
der Iranier, Ber. Böhm. Ges. d.W. 1898, zusammengestellt worden, der aber viele sicher 
nicht hierher gehörige Namen heranzieht und dessen Schlussfolgerungen ich nicht bei- 
stimmen kann. 


Meyer: Das erste Auftreten der Arier in der Geschichte. 15 


als Soldtruppen, weit darüber hinaus nach Mesopotamien und Syrien 
vorgedrungen sind und hier, inmitten einer fremdsprachigen Bevölke- 
rung, Dynastien gegründet haben, ähnlich den Germanen im römischen 
oder den Türken im islamischen Reich. Ich schloss daran die Ver- 
muthung, dass das Pferd, das bekanntlich der älteren Zeit Babyloniens 
eben so fremd ist! wie der Ägyptens, dagegen seit dem 16. Jahrhun- 
dert uns in der ganzen vorderasiatisch-ägyptischen Culturwelt und 
ebenso in Kreta und Mykene als Kriegsross am Streitwagen überall 
entgegentritt — dass es noch Jahrhunderte lang keinerlei andere Ver- 
wendung findet, zeigt seinen fremden Ursprung eben so deutlich wie 
die Schreibung »Esel des (östlichen) Berglandes« für Pferd im Baby- 
lonischen —, dass das Pferd durch die Iranier in die vorderasiatische 
Welt gekommen sei. Speeiell lässt sich behaupten, dass die Dynastie, 
dieim 15. und 14. Jahrhundert in Mitani herrschte, d.i. in dem zu beiden 
Seiten des Euphrat in dem Lande Naharain (TTararıotamia) der Semiten 
und Ägypter (= Chanigalbat der Assyrer) gelegenen Reiche, irani- 
schen Ursprungs sei; ihre Könige heissen Artatama, Artasuwara, Su- 


tarna, Dusratta, wozu jetzt noch Sa-us-Sa-tar, mit Satar — khsatra, 
und Mattiwaza kommen’. Die letzten Nachkommen dieser Iranier sind 
die Könige Kundaspi (854 v. Chr.) und Kustaspi (743 v. Chr.) von 
Kommagene (Kummuch). 

Diese Annahmen ‘werden jetzt in der willkommensten und über- 
raschendsten Weise bestätigt und erweitert durch Wincxter’s Angaben 
über die Urkunden von Verträgen, die der Ühetiterkönig mit dem 
König von Mitani zu Anfang des 14. Jahrhunderts geschlossen hat. 
Als Schützer der Verträge werden die Götter der beiden Reiche an- 
gerufen; und in der Götterliste erscheinen, nach zahlreichen baby- 
lonischen und einheimischen Gottheiten, unter den Göttern von Mi- 
tani nach Winckter’s Mittheilung 


! Uncnap, Orientalistische Litteraturzeitung X 1907, 638f., hat jetzt das Pferd in 
einer babylonischen Urkunde nachgewiesen, die »ihrer Schrift und ihrem ganzen Aus- 
sehen nach etwa in die Zeit Hammurabi’s oder Samsuiluna’s gesetzt werden muss« — 
das wäre nach der jetzt meines Erachtens völlig feststehenden babylonischen Chrono- 
logie um 1900 v. Chr. Das würde also nichts gegen meine These beweisen, sondern 
nur zeigen, dass um diese Zeit die Iranier im Vorrücken waren und das Pferd sich 
bereits über das von ihnen besetzte Gebiet hinaus zu verbreiten begann. Denn dass 
der Zeit Chammurabi’s das Pferd noch fremd war, beweist sein Gesetz, das es nir- 
gends erwähnt. Besonders entscheidend sind Stellen wie $ 7 und 8, wo ausser Silber 
und Gold, Knechten und Mägden als beweglicher Besitz »Rind oder Schaf, Esel oder 
sonst etwas« ($8 fügt noch Schwein und Schiff hinzu) genannt wird, während das 
Pferd fehlt. Ebenso behandelt $ 224 f. der Thierarzt nur Rind und Esel; das Pferd 
ist auch hier nicht genannt. — In den Urkunden der Kossaeerzeit dagegen (seit 1760) 
wird das Pferd häufig erwähnt. 

2 WinckLEr S. 37. 


16 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


(iläni) mi-it-ra-as-Si-il (iläni) u-ru-w-na-as-Si-el 
Variante: a-ru-na-as-Si-il 
(ilu) in-dar (iläni) na-sa-alt-ti-ia-a]n-na 
Variante: in-da-ra na-S[a]-at-ti-ia-an-na. 


Die Suffixe -assil und -anna müssen der chetitischen Sprache ange- 
hören und werden wohl in Zukunft von hier Aufklärung finden. In 
den drei ersten Gottesnamen hat WınckLer mit vollem Recht Mithra, 
Varuna und Indra erkannt; zu dem vierten macht er den Zusatz: 
»Nasatya die ‘Zwillinge’? (F. ©. Anpreas)«. Diese Gleichsetzung ist 
zweifellos richtig; sie führt aber noch einen Schritt weiter. Nasa- 
tya (Dual) ist im Veda der ständige, seiner Bedeutung nach freilich 
noch ganz dunkle Beiname der beiden Asvin’s, der den Dioskuren 
und den verwandten Gestalten entsprechenden hilfreichen Gottheiten. 
Einmal, Rigveda VIII 26, 8, werden Indra und die beiden Nasatya 
zu dem Compositum Indra-nasatya (Dual) zusammengefasst; sie werden 
hier angerufen, das Opfer des Sängers entgegenzunehmen (@ me asya 
pralivyam indranasalya galanı). 

Das Nebeneinanderstehen dieser vier Götternamen und vollends 
ihre Gruppirung schliesst jede Möglichkeit eines Zufalls aus. Wie 
Indra' und die beiden Nasatya, so bilden bekanntlich auch Mitra und 
Varuna ein, im Veda sehr oft zu dem Dvandvacompositum Mitra- 
Varuna zusammengesetztes, Paar”. Die beiden Paare haben in der 
iranischen Religion ganz verschiedene Schicksale gehabt. Während 
Varuna, wenn auch nicht unter diesem Namen, so doch unter dem 
Namen Ahura (= Asura) von Zarathustra als der höchste Gott aner- 
kannt und mit seiner abstracten Neuschöpfung Mazdao, der »grossen 
Weisheit«, identifieirt wurde, und Mithra von seiner Religion wenig- 
stens als populäre Gottheit geduldet und dann von Artaxerxes Il. 
neben Anähita officiell unter die grossen Götter des Parsismus auf- 
genommen worden ist, sind Indra® und die Nasatya’s (letztere in der 
Form Näonhaithya als männliches Einzelwesen‘) zu Teufeln (daeva) 
degradirt worden (Vend. 10, 17. 19, 43). 


! Ob man aus der Schreibung In-dar, In-da-ra folgern darf, dass damals wirk- 
lich die im Rigveda noch häufig vom Metrum geforderte Form Indara gesprochen 
wurde, oder ob hier lediglich die Unmöglichkeit gewirkt hat, eine Häufung von drei 
Consonanten in Keilschrift wiederzugeben, wird sich kaum entscheiden lassen. 

®2 Hängt damit zusammen, dass vor jedem der beiden das Gottesdeterminativ im 
Plural (iläni) steht, und dass beide Namen dasselbe Suffix 32 oder assil haben? Vor 
Indra steht das Gottesdeterminativ richtig im Singular (dw), vor Nasatya im Plural. 

® Dass die richtige Lesung im Awesta Indra (nicht Andra) ist, ist jetzt, wie mir 
Pıscaer mittheilt, durch GeLDner festgestellt. 

* Auch in der späteren indischen Mythologie ist Näsatya Singular und Eigen- 
name des einen der beiden ASvin’s; der andere heisst Dasra. 


MEYyvER: Das erste Auftreten der Arier in der Geschichte. 17 


Wir können den Stammbaum der Könige von Mitani über Dus- 
ratta, der um 1400 v.Chr. regierte, drei Generationen bis zu Saus- 
Satar hinauf verfolgen. Spätestens zu Anfang des 15. Jahrhunderts 
hat mithin eine arische (iranische) Dynastie' hier, im nordwestlichen 
Mesopotamien, die Herrschaft gewonnen, vielleicht aber noch beträcht- 
lich früher”. Mithin müssen die arischen Stämme damals schon in 
Iran gesessen haben. Man sieht, die Ausbreitung der Arier aus der 
gemeinsamen Heimath nach Südosten ins Indusgebiet, wo wir sie in 
der vedischen Zeit antreffen, und nach Westen nach Iran, bis nach 
Medien und Persien und in einzelnen Schaaren noch weit darüber 
hinaus, ist ungefähr gleichzeitig erfolgt, in den ersten Jahrhunderten 
des zweiten Jahrtausends. Der letzte Ausgangspunkt der grossen 
Bewegung kann nur das Gebiet des Oxus und Jaxartes gewesen sein, 
wie bei dem Vordringen der Indoskythen und der Türken; doch 
möchte ich es nicht mehr mit der Bestimmtheit, mit der es gewöhn- 
lich geschieht, als gesicherte historische Thatsache hinstellen, dass 
die Arier in diesem Gebiete längere Zeit hindurch als einheitliches 
Volk auf beschränktem Raum gesessen haben; die Invasion kann 
sehr wohl auch von weiter her erfolgt sein und Baktrien lediglich 
das letzte vorübergehende Durchgangsgebiet gebildet haben. 

Die Vergleichung der Sprache, Religion und Litteratur der Inder 
und Iranier hat gezeigt, dass beide sich erst in relativ recht später 
Zeit aus dem einheitlichen, geschichtlich völlig greifbaren Volk der 
Arier differenzirt haben, und zwar wesentlich in Folge der von den- 
selben Grundanschauungen ausgehenden, dann aber in diametral ent- 
gegengesetzter Richtung verlaufenden religiösen Entwickelung der bei- 
den Zweige, die in Indien zum Brahmanismus führt, in Iran durch 
die neue von Zarathustra geschaffene speculative Religion bestimmt 


! In charakteristischem Gegensatz zu den arischen Namen der Könige stehen 
die Namen ihrer Töchter, Giluchipa und Tatuchipa, die der einheimischen Volkssprache 
angehören und mit dem Namen einer einheimischen Göttin Chipa (Wınckter S. 48) 
gebildet sind. 

?2 Nach mehreren, im einzelnen noch sehr dunklen Mittheilungen Wınckter’s 
(S. 32 f. 37 ff. 49 f.) scheint das Element, welches in Mitani damals die Herrschaft führte, 
in diesen Texten mit dem Namen Charri bezeichnet zu werden; das würden dann also, 
wie WInckLEr S. 52 annimmt, die Arier sein. Dagegen kann ich seine weitere An- 
nahme nicht für richtig halten, diese Charri seien mit den Choritern identisch, die im 
A.T. als Urbewohner Edoms und in den isolirten Texten Gen. 34,2 und Jos. 9,7 
(LXX ö xorrAloc, im hebräischen Text in Chiwwiter geändert) sowie in einzelnen 
Sagenspuren als Urbevölkerung Palästinas erscheinen (s. Die Israeliten und ihre Nach- 
barstämme, S. 330 ff. 339 f. 345. 406), bei den Ägyptern des neuen Reichs in der Form 
Charu, Chör Palästina bezeichnen. Hier scheint lediglich ein zufälliger Gleichklang 
vorzuliegen; im übrigen müssen wir hier die weiteren Aufschlüsse abwarten, welche 
die vollständigen Texte bringen werden. 


tv 


Sitzungsberichte 1908. 


15 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


wird!. Unser Text führt uns in diese arische Periode hinein; oder 
vielmehr, er stellt uns die von der Forschung erschlossene vollständige 
Übereinstimmung der Vorfahren der Inder und Iranier in Sprache” und 
Religion lebendig vor Augen und zeigt, dass sie auch im 14. Jahr- 
hundert noch bestanden hat’. Dieselben Götter, welche die Bewohner 
des Pendjäb in der vedischen Zeit als Hauptgötter verehrten, treten 
uns hier, 400 Meilen weiter westlich, in derselben Zeit als die Götter 
der Arier in Mitani entgegen. Die Differenzirung ist erst in der fol- 
genden Zeit eingetreten, vor Allem durch das Auftreten des Propheten 
Zarathustra. 

Zum Schluss möchte ich, gegenüber den auf diesem Gebiete viel- 
fach begegnenden ganz unklaren und verwirrten Vorstellungen, darauf 
hinweisen, dass dies Vordringen der arischen Stämme nach Westen 
mit dem Einbruch der Indogermanen von Westen her in Kleinasien 
gar nichts zu thun hat. Soviel wir jetzt sehen können, hat Klein- 
asien bis zum Ende des ı3. Jahrhunderts eine im Wesentlichen ein- 
heitliche, wenn auch in mehrere Volksstäimme gespaltene, vorindo- 
germanische Bevölkerung gehabt — darüber dürfen wir ja jetzt aus 
den chetitischen Urkunden genauere Aufschlüsse erhoffen. Aber die 
älteste Cultur dieser Gebiete, welche uns in den Denkmälern von Troja, 
Phrygien, Cypern entgegentritt, hat mit den Indogermanen gar nichts 
zu thun; und vollends verkehrt ist es, diese, oder gar speciell ein 
geschichtlich so junges Volk wie die Phryger, in die älteste Gultur 
Kreta’s und die dortigen Bevölkerungsverhältnisse hineinzutragen. Über 
die Meerengen mögen thrakische Volksstämme schon früher gegangen 
sein. Aber die grosse Völkerverschiebung, durch die die Mitte der 
Halbinsel von dem thrakisch-indogermanischen Volk der Phryger be- 
setzt wurde (von denen dann wieder, noch etwa 6 Jahrhunderte später, 
die Armenier ausgegangen sind), ist erst durch die grosse Völker- 


! Den von mir schon früher kurz angedeuteten Nachweis, dass die Meder im 
Jahre 715 Mazdajasnier, d.h. Bekenner der Religion Zarathustra’s, waren, dieser also 
beträchtlich früher, etwa um 1000 v.Chr., gelebt haben muss, habe ich in der er- 
wähnten Abhandlung weiter ausgeführt. 

2 Denn die Form Naßatia zeigt, dass der iranische Übergang von s in h damals 
noch nicht eingetreten war. Daher liegt jetzt auch kein Grund mehr vor, die Annahme 
von SchrrıeLowrrz (Z. f. vergl. Sprachw. XXXVIIl 1902) zu verwerfen, dass der 
kossäische Gottesname Suria$, den das kossäische Glossar (Derırzsch, Die Sprache der 
Kossäer S. 25) als Sonnengott erklärt, — skr. surya(s) ist. Dasselbe Wort, in der 
Form sizra, steckt in dem palästinensischen Dynasten Suwardata der 'Amarnabriefe 
und in dem Mitanikönig ArtaSuwara. 

® Für die Ausbreitung derselben, dialektisch kaum differenzirten Sprache über 
ein gewaltiges Gebiet, die uns bei den Iraniern in Iran wie den iranischen Stämmen 
der Skythen, Sauromaten, Jazygen entgegentritt, bietet die gleichartige Erscheinung 
bei den türkischen Stämmen die beste Analogie. 


Meyer: Das erste Auftreten der Arier in der Geschichte. 19 


wanderung zu Anfang des ı2. Jahrhunderts herbeigeführt worden, 
welche wir seit langem aus den Berichten und Wandgemälden Ram- 
ses’ III. kennen. Dieser Völkerwanderung ist, wie Ramses Ill. erwähnt, 
auch das grosse Chetiterreich erlegen, dessen Urkunden daher nach 
Winckter’s Angaben um eben diese Zeit mit Arnuanta, dem Enkel 
des um 1300 zur Regierung gekommenen Chattusil, des bekannten 
Zeitgenossen Ramses’ II., abbrechen. 


20 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


Zerlegung hochkomplizierter chemischer Verbin- 
dungen im schwankenden magnetischen Kraftfeld. 


Von J. RosEnTHAL 


in Erlangen. 


Vorgelegt von Hrn. Fischer. 
geleg 


E; ist bekannt, daß chemische Verbindungen durch Zufuhr von 
Energie zerlegt werden können. Neben der durch Wärmezufuhr be- 
wirkten sogenannten Dissoziation sind besonders die Zerlegungen durch 
Licht (aktinische Wirkung) als Beispiele derartiger Einwirkung zu 
nennen!. 

Eine eigenartige Stellung nehmen jene Gruppen hochkomplizierter 
chemischer Verbindungen ein, welche durch Enzyme hydrolytisch ge- 
spalten werden. Eine gute Theorie der Enzymwirkung fehlt noch. 
Vielleicht gilt für sie dasselbe, was nach Hrn. W. Ostwarn das Wesen 
der Katalyse ausmachen soll, nämlich daß Reaktionen, welche sehr 
langsam verlaufen, in ihrem Ablauf beschleunigt werden. Aber auch 
wenn wir dies annehmen, bleibt noch immer die Frage offen, worauf 
diese beschleunigende Wirkung beruht und wie es zu erklären ist, 
daß jedes Enzym nur auf einen bestimmten Stoff oder auf eine Gruppe 
von Stoffen zerlegend einwirkt, was Hr. Emır Fıscuer durch das schöne 
Gleichnis von dem Schlüssel, der in das Schloß passen muß, anschau- 
lich gemacht hat. 

Beim Nachdenken über die Enzymwirkungen gelangte ich zu der 
Ansicht, daß es möglich sein müsse, die hydrolytische Zerlegung jener 
Körper durch Einwirkung elektromagnetischer Schwingungen herbei- 
zuführen, welche ja nach allgemein anerkannten Anschauungen mit 
den Lichterscheinungen dem Wesen nach identisch sind, und so eine 
Brücke zu schlagen von den Enzymwirkungen zu den im Eingang 


! Der »aktinischen« Wirkung nahe verwandt sind jedenfalls auch die bisher frei- 
lich noch unvollkommen studierten »photodynamischen« Wirkungen. Die Literatur 
über die hierhergehörigen Untersuchungen findet man zusammengestellt in der Ab- 
handlung des Hrn. Hıpryo Nosucaı in: Studies of the Rockefeller Institute. Bd. 5. 
Journal of Experimental Medieine 1906, S. 252ff. 


J. RosentuaL: Hydrolyse durch elektrische Schwingungen. 21 


erwähnten aktinischen und photodynamischen Erscheinungen. Nur 
müsse, so nahm ich an, die Art und Weise der elektromagnetischen 
Einwirkung den besondern Umständen jener Stoffe angepaßt werden. 
Als wesentlich glaube ich ansehen zu müssen den Umstand, daß alle 
durch Enzyme zerlegbaren Stoffe (Proteine, Glukoside, Saecharosen) 
einen oder mehrere asymmetrische Kohlenstoffe enthalten, denen sie 
nach der Hypothese der HH. Le Ber. und van'r Horr die Fähigkeit 
verdanken, die Polarisationsebene des Lichts zu drehen. 

Ich ging bei meinen Versuchen von der bekannten, schon vor 
61 Jahren von M. Faranay gemachten Entdeckung des Zusammen- 
hangs von Licht und Magnetismus aus'. Die Polarisationsebene eines 
Lichtstrahls, welcher sich in einem magnetischen Kraftfeld parallel zur 
Achse des Feldes fortpflanzt, wird gedreht, und zwar entweder nach 
rechts oder nach links, je nachdem die Fortpflanzung der Lichtschwin- 
gungen vom Nord- zum Südpol oder umgekehrt erfolgt. In einem 
solchen Kraftfeld hat man sich, sagte ich mir, den Äther als in einem 
Zustand der Spannung befindlich vorzustellen. Wenn aber das 
Kraftfeld schwankt, so müssen Ätherschwingungen eigner Art 
entstehen. Von diesen vermutete ich, daß sie auf jene Körper zer- 
legend wirken werden’. 

Ich brachte deshalb die zu verändernden Stoffe entweder in wäß- 
riger Lösung oder, wenn sie unlöslich waren, in Wasser aufgeschwemmt 
in ein Solenoid und leitete durch dessen Windungen elektrische Ströme, 
welche in regelmäßiger Folge entweder einfach unterbrochen oder in 
ihrer Richtung gewechselt wurden. Solange die Ströme nach Inten- 
sität und Richtung konstant blieben, konnte, wie zu erwarten war, 
keine Veränderung der eingeführten Stoffe beobachtet werden. Waren 
aber die Ströme schwankend, so traten Zerlegungen ein, wie 
sie bei den betreffenden Substanzen durch Enzyme hervorgerufen 
werden. 

Hauptbedingung für die Erzielung eines positiven Erfolges ist 
unter allen Umständen eine ganz bestimmte Zahl der Unter- 
breehungen oder Richtungswechsel. Ist diese nieht getroffen, 
so bleibt der Erfolg aus. Statt dessen tritt als Folge der Absorption 
der Schwingungen nur Erwärmung ein. Hat man aber die richtige 


D 

ı M. Farapay, Experimental Researches. XIX. series. Philos. Transactions 1846. 
S.ı. Übersetzung von S. Karıscher. Bd. Ill. S. ı ff. 

2 Diese Schwingungen sind, wie man sieht, von etwas andrer Art als die ge- 
wöhnlich mit dem Namen »elektrische Schwingungen« belegten, die ich als Herrz- 
sche Schwingungen bezeichnen möchte. Sie kommen mit dem überein, was in 
benachbarten Leitern die Induktionserscheinungen hervorruft. Da es sich um periodisch 
verlaufende Zustandsänderungen des Äthers handelt, so dürfen wir aber für sie un- 
zweifelhaft auch die Bezeichnung »Schwingungen« gebrauchen. 


22 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


Frequenz getroffen, so fällt bei gleicher Stärke des benutzten Stromes 
die Erwärmung auffallend gering aus. Ganz zu vermeiden ist sie 
niemals. Erstlich entsteht in den Windungen des Solenoids Jousesche 
Wärme, welche zum Teil auf die innerhalb des Solenoids befindliche 
Substanz übergeht.‘ Zweitens entstehen in der Flüssigkeit durch In- 
duktion kreisförmig verlaufende Wirbelströme. Denn wenn auch die 
Substanzen, mit denen gearbeitet wird, Nichtelektrolyte und deshalb 
Nichtleiter der Elektrizität sind, so ist doch das benutzte destillierte 
Wasser nicht in dem Maße chemisch rein, um ein vollkommener 
Isolator zu sein. Immerhin müssen diese Wirbelströme sehr schwach 
sein und können nur wenig Wärme liefern. Daneben aber wird ein 
großer Teil der Energie der Schwingungen, um deren Wirkungen es 
sich bei unsern Versuchen handelt, von der in das Solenoid einge- 
führten Substanz absorbiert. Wenn die Frequenz richtig getroffen 
ist, dann wird der größte Teil dieser Energie in diejenige geordnete 
Bewegung übergeführt, welche den Effekt hat, die Substanz zu zer- 
legen, und nur ein kleiner Teil tritt als ungeordnete Bewegung 
in Gestalt vermehrter Energie der unzerlegten Molekeln, d. h. als 
Temperatursteigerung, auf. 

Durch diese Erfahrung wird jeder Verdacht beseitigt, daß die 
beobachtete Zerlegung eine Folge der Erwärmung sein könnte. Ab- 
gesehen davon, daß gelinde Erwärmung, wie sie in den gut gelungenen 
Versuchen eintritt, innerhalb der Versuchsdauer nachweislich keine 
hydrolytische Spaltung herbeiführt, zeigt sich ja eben, daß Spaltung 
und Erwärmung zwei differente Wirkungen der Stromschwankungen 
sind, zwei Summanden, von denen der eine um so geringer wird, 
je mehr der andre wächst. 

Aus demselben Grunde ist es auch ausgeschlossen, daß irgend- 
welche andre Nebenwirkungen der elektrischen Schwankungen sekundär 
die Zerlegung bewirken. Man könnte daran denken, daß in den Win- 
dungen des Solenoids durch Induktion hohe Spannung entsteht und 
diese in der Flüssigkeit Ionen freimacht, oder daß die Ionisation in 
der Flüssigkeit selbst durch die oben erwähnten, wenn auch schwachen 
Wirbelströme entsteht. Aber alle diese Vermutungen halten nicht 
Stich vor der Grundtatsache, daß eben nur bei einer ganz be- 
stimmten Frequenz die Zerlegung eintritt, bei einer zu geringen 
oder zu hohen dagegen ausbleibt. Aus alledem folgt, daß die Er- 
scheinungen, von welchen ich spreche, nichts mit elektrolytischen oder 
sekundär elektrolytischen Vorgängen zu tun haben. Ganz abgesehen 


! Um diesen Teil der Wärmeentwicklung in mäßigen Grenzen zu halten, muß 
der Onnsche Widerstand des Solenoids möglichst gering und die Zahl der Windungen 
nicht zu groß sein. 


J. RosentuaL: Hydrolyse durch elektrische Schwingungen. 23 


davon, daß die wirkenden Ströme nur allein in den Solenoidwindungen 
verlaufen und die Stoffe, auf welche gewirkt wird, Nichtelektrolyte 
sind, können auch die schwachen sekundär entstehenden Ströme nicht 
für die Wirkung verantwortlich sein, da diese Wirkung dann nicht 
ausschließlich an eine ganz bestimmte Schwingungszahl gebunden 
sein könnte. 

Diese wirksame Schwingungszahl festzustellen, ist sehr schwierig. 
An theoretischen Anhaltspunkten, sie im voraus zu bestimmen, fehlt 
es ganz und gar. Man ist daher vollkommen auf das Probieren an- 
gewiesen. Ich habe außerordentlich viel Zeit verloren dadurch, daß 
ich anfangs mit hochfrequenten Schwingungen arbeitete, wie man sie 
nach den Methoden von Herrz u. a. erhält. Die Intensität dieser 
Ströme ist ja an und für sich gering; außerdem werden sie durch 
die Selbstinduktion des zu meiner Anordnung notwendigen Solenoids 
sehr geschwächt, ja bei sehr hohen Frequenzen vollkommen ausge- 
löscht, da dann das Solenoid als Drosselspule wirkt. Ich ging dann 
zu Schwingungen von sehr geringen Frequenzen über. Entweder 
leitete ich den von der städtischen Zentrale gelieferten Strom direkt 
durch die Solenoidwindungen unter Einschaltung eines hydrolytischen 
Unterbrechers und einer passenden Selbstinduktion. Oder ich brachte 
das Solenoid in den Nebenschluß eines Flammenbogens zusammen 
mit einer Kapazität und einer veränderlichen Selbstinduktion. Oder 
ich schaltete das Solenoid direkt in den Stromkreis zusammen mit 
einem Grissonschen Unterbrecher und einer sehr großen Kapazität. 
Im ersten Falle erhält man unterbrochenen Gleichstrom, im zweiten 
Wechselströme von wenigstens annähernd sinuodalen Verlauf, im dritten 
entweder unterbrochenen Gleichstrom oder Wechselstrom, je nachdem 
man das Solenoid zwischen Stromquelle und Kommutator oder zwischen 
diesen und den Kondensator schaltet. Die Frequenzen, welche man 
mit der ersten und dritten Methode erhalten kann, können auf einige 
hundert in der Sekunde getrieben werden; bei der zweiten Methode 
gelangt man, je nach der Größe der eingeschalteten Kapazität und 
Selbstinduktion, bis zu sehr hohen Schwingungszahlen. Die Strom- 
stärke wurde durch einen veränderlichen Vorschaltwiderstand passend 
abgestuft. In den Wirkungskreis wurde ein Hitzdrahtamperemeter 
eingeschaltet. Dieses gestattet zwar, da es sich um veränderliche 
Ströme handelt, keine sichere Messung der benutzten Stromstärken, 
gibt aber doch eine ungefähre Vorstellung von denselben. Die in 
meinen Versuchen benutzten, am Hitzdrahtamperemeter abgelesenen 
Stromstärken lagen zwischen 5 und 10 Ampere. 

Die so erhaltenen Schwingungen erwiesen sich als wirksam für 
fast alle von mir bisher geprüften Stoffe. Es zeigte sich aber, wor- 


24 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


auf ich schon hingewiesen habe, daß für jeden Stoff eine be- 
stimmte Frequenz wirksam ist, daß also die für einen Stoff ge- 
fundene Frequenz bei andern Stoffen ganz unwirksam bleibt. Diese 
charakteristische Frequenz für alle Stoffe zu bestimmen, ist aus den 
angeführten Gründen äußerst schwierig und zeitraubend. Ob Zer- 
legung eingetreten ist, wird je nach der Natur der Stoffe entweder 
durch chemische Reaktionen oder durch die Änderung des Drehungs- 
vermögens für polarisiertes Licht festgestellt. 

Die für Stärke wirksame Frequenz liegt zwischen 440 und 480 
Schwingungen in der Sekunde. Das gilt ebensowohl für unter- 
brochenen Gleichstrom wie für Wechselstrom. Eine ganz genaue An- 
gabe über die Frequenz vermag ich nicht zu machen, da ich leider 
mit den mir zu Gebote stehenden Mitteln eine absolute Konstanz der 
Frequenz nicht erreichen konnte. Hat man eine passende Frequenz 
getroffen, so kann man den allmählichen Zerfall der Stärkemolekeln 
in kleinere Gruppen mit dem Auge verfolgen. Der anfangs dicke 
Stärkekleister wird dünnflüssiger; die großen Klumpen zerfallen zu 
einem feinkörnigen Schlamm, dessen Körnchen sich beim Stehenlassen 
senken und von einer fast klaren Flüssigkeit abscheiden. Letztere 
wird anfangs bei Zusatz von Jod noch rein blau, in spätern Stadien 
rosenrot, endlich bleibt sie ganz ungefärbt. Die gewöhnlichen Zucker- 
proben fallen anfangs vollkommen negativ aus, dann treten sie an- 
deutungsweise auf, später werden sie ganz deutlich. Dabei fand ich 
sehr häufig, daß in einem gewissen Stadium bei Zusatz von verdünn- 
tem Kupfersulfat zu der alkalisch gemachten Probe kein Kupferoxyd- 
hydrat ausgefällt wurde, sondern mit tiefblauer Farbe gelöst blieb, 
aber bei Erhitzung nicht reduziert wurde. Auf dieses Stadium folgte 
ein andres, in welchem die Reduktion zwar eintrat, aber erst nach 
dem Kochen der Probe, ähnlich wie man das bei Anstellung der 
Tromnerschen Probe mit Maltose sehen kann. Später erst trat starke 
Reduktion schon bei mäßiger Erwärmung ein, wie es für Glukose 
charakteristisch ist. Aus alledem geht hervor, daß die hydrolytische 
Spaltung der hochkomplizierten Stärkemolekeln in kleinere Gruppen 
ganz allmählich erfolgt und ganz in der gleichen Reihenfolge, wie es 
bei der Einwirkung diastatischer Enzyme der Fall ist. 

Um die Wirkung an einem Beispiel zu erläutern, gebe ich einen 
Auszug aus einem meiner Versuchsprotokolle: 

ıı. Januar 1906. Stärkekleister von 2.5 Prozent Stärke, welcher schon einmal 
der Wirkung unterbrochener Ströme ausgesetzt war. Eine Probe wird filtriert, was 
sehr langsam geht. Das Filtrat wird bei Jodzusatz tief blau; Trommersche Probe ne- 
gativ — also kein Dextrin — kein Zucker vorhanden. 


Inzwischen ist der Kleister von ro®ı5' bis 12"45', also 2% Stunden, der Ein- 
wirkung der Ströme ausgesetzt worden. Der gleichgerichtete Strom ist mit Hilfe eines 


J. RosenvH#aL: Hydrolyse durch elektrische Schwingungen. 25 


Wennerr-Unterbrechers fortwährend unterbrochen worden. Unterbrechungsfrequenz 
geschätzt auf nahezu 480 in der Sekunde. Die an einem eingeschalteten Hitzdraht- 
amperemeter abgelesene Stromstärke schwankt zwischen 9 und 8.5 Ampere. 

Der Rleister ist sehr dünnflüssig geworden. Er trennt sich beim Stehen in eine 
kleistrige Masse und eine darüberstehende klare Flüssigkeit. Letztere läuft schnell 
durch ein Faltenfilter, auf welchem der Kleister zurückbleibt. 

Das Filtrat wird bei sehr geringem Jodzusatz (verdünnte Lucorsche Lösung) 
schwach gelb, bei etwas mehr Zusatz rein weinrot, bei noch mehr bräunlich — deutet 
auf Erythrodextrin. 

Der auf dem Filter befindliche noch dünnflüssige Kleister gibt mit Jod blau- 
violette Färbung — Mischung von Dextrin und noch unveränderter Stärke. 

Eine Probe des Filtrats gibt mit der Trommerschen Probe sehr deutliche Zucker- 
reaktion (Abscheidung von rotem Cu,O) schon bei mäßigem Erwärmen. 

Fentınssche Probe. (roocm3 der Fenrıneschen Flüssigkeit entsprechen 
0.5 Glukose). ıocm3 werden entfärbt durch: 


8.38 — 9.2 — 8.7 — 3.6.cm3 des Filtrats. 


Mittelwert 8.3 Daraus berechnet sich der Zuckergehalt des Filtrats auf 
0.568 Prozent Glukose. 


Das klare Filtrat dreht im ro cm langen Rohr die Polarisationsebene um 0° 56'. 
Neben Glukose müssen offenbar noch rechtsdrehende, aber nicht reduzierende Stoffe 
im Filtrat gelöst sein. 


Ich habe mich bei den Versuchen mit Stärke länger aufgehalten, 
weil es mir an ihr am besten gelungen ist, den Verlauf der hydro- 
lytischen Spaltung in ihren einzelnen Stadien zu verfolgen. Das liegt 
wohl zum Teil daran, daß ich die hierzu erforderliche Frequenz mit 
den mir zu Gebote stehenden Hilfsmitteln herstellen konnte, ohne die 
Stromstärke auf ein zu geringes Maß herabzudrücken'. 

Niedrigere Frequenzen als für die Stärke habe ich bisher nur 
für Proteine wirksam gefunden, welche bei 320—-360 Wechseln in 
der Sekunde in Albumosen und Peptone zerlegt werden konnten. 
Alle andern von mir untersuchten Körper (Glukoside, Disaecharosen) 
erforderten viel höhere Frequenzen; doch unterlasse ich es Zahlen- 
werte anzugeben, da ich diese erst durch erneute Versuche sicher- 
stellen möchte. 

Nichtsdestoweniger glaube ich als Ergebnis meiner bisherigen Ver- 
suche schon jetzt behaupten zu dürfen, daß die verschiedensten 
hochkompliziert gebauten Stoffe, welche durch Enzyme hy- 
drolytisch spaltbar sind, in ganz analoger Weise zerlegt 
werden durch die Finwirkung elektromagnetischer Schwin- 
gungen von der Art, wie sie in meinen Versuchen benutzt 
wurden. 


! Daß die Stromstärke für die zu erzielende Wirkung in Betracht kommen 
müsse, glaubte ich von vornherein annehmen zu dürfen, da auch die Drehung der 
Polarisationsebene, wie schon Faravay beobachtet hat, mit der Stromstärke wächst. 


Sitzungsberichte 1908. 3 


26 Gesammtsitzung vom 9. Januar 1908. 


Es liegt nahe, diese Übereinstimmung für eine Theorie der Enzym- 
wirkung zu verwerten. Ich will jedoch auf derartige Spekulationen 
vorerst nicht eingehen, sondern begnüge mich mit einigen naheliegen- 
den Betrachtungen. Wir sind wohl berechtigt, in Fällen, wo, wie bei 
der Wirkung von Licht, chemische Verbindungen in ihre Bestandteile, 
Atome oder Atomgruppen, zerlegt werden, dies als Folge der Über- 
tragung der Energie des Äthers auf die materiellen Atome anzusehen. 
Die intramolekulare Bewegung der Atome oder Atomgruppen, 
welche wir neben den schwingenden Bewegungen der ganzen Molekeln 
voraussetzen, wird so weit verstärkt, daß schließlich der chemische Zu- 
sammenhang gelockert wird. Diese Energieübertragung kann nur statt- 
finden, wenn die Lichtstrahlen, wenigstens zum großen Teil, absorbiert 
werden. Die zerlegende Wirkung ist aber auch abhängig von der 
Schwingungszahl und, bei gewissen Körpern eigentümlicher chemischer 
Struktur, von der Form der Schwingungen. Solche Überlegungen hatten 
mich veranlaßt, den Einfluß gerade solcher elektromagnetischer Schwin- 
gungen zu untersuchen, wie sie der von mir gewählten Versuchs- 
anordnung eigentümlich sind. Nachdem nun die von mir vermutete 
Wirkung durch die Versuche bestätigt worden ist, liegt es nahe, sie 
zur Aufklärung über jene vorausgesetzten intramolekularen Bewegungen 
der Atome oder Atomgruppen zu verwerten. Ich hoffe deshalb, daß 
die neuen Tatsachen den Anstoß zu weitern Untersuchungen geben 
werden, aus denen Aufschlüsse für die molekulare Physik zu er- 
warten sind. 


| 


18%) 
u | 


Dıiers: Der Schlüssel des Artemistempels zu Lusoi. 


Der Schlüssel des Artemistempels zu Lusoi. 


Von H. Diers. 


(Vorgetragen am 12. Dezember 1907 [s. Jahrg. 1907 S. 909].) 


Hierzu Taf. 1. 


Ei: ist jetzt ziemlich allseitig anerkannt, daß das von Homer öfter 
erwähnte und beschriebene Verschlußsystem, nach dem die Öffnung 
der Doppeltür durch einen großen hakenförmigen Schlüssel, ihre 
Schließung durch einen Lederriemen erfolgte, sich auch dann, als 
vollkommenere Verschlußeinrichtungen im gewöhnlichen Leben Platz 
gegriffen hatten, lange Zeit im Tempeldienst erhalten hat'!. Dieser 
Tempelschlüssel ist das ständige Attribut der Priesterinnen bis in die 
römische Kaiserzeit hinein, wie dies vom 6. Jahrhundert an zahl- 
reiche Terrakotten, Grabreliefs, Münzen und Vasen bekunden. Es 
war daher etwas auffällig, daß bisher ein solcher Schlüssel sich nie- 
mals in den Ausgrabungen der antiken Heiligtümer gefunden hat, 
wobei freilich erwogen werden muß, daß diese Schlüssel nicht im 
Heiligtum selbst, sondern in der Wohnung des Priesters oder der 
Priesterin aufbewahrt wurden. 

Nun hat sich endlich ein solcher Tempelschlüssel, und zwar aus 
einem der berühmtesten Tempel Griechenlands, gefunden, nämlich aus 
dem Heiligtum der Artemis Hemera in Lusoi in Arkadien. Ich 
verdanke den Hinweis auf seine Existenz Hrn. Truomas D. Seymour, 
Professor der Yale University, durch dessen gütige Vermittelung mir 
der Direktor des Bostoner Museum of Fine Arts, Hr. Arrnur FaArrBanks, 
nicht nur bereitwilligst über das seiner Obhut anvertraute Objekt 
Auskunft gab, sondern auch die Veröffentlichung der mir gleichzeitig 
übersandten Photographien gestattete. Die Akademie ist den beiden 


! Siehe meinen Exkurs Über griechische Thüren und Schlösser in Parmenides gr. u. d. 
Berlin 1897 S. 123ff.; Brınkuann, Sitz.-Ber. d. Altertumsges. Prussia 21 (1900), 298fl.; 
Ta. D. Seymour, Life in the Homeric Age (N. York 1907) 194. Etwas abweichend 
Daweıns, Annual of Br. School at Ath. IX (195). Vgl. auch Pernıcr, Jahrb. XIX 
(1904) 20 f. 


28  Gesammtsitzung v. 9. Januar 1908. — Mittheilung v. 12. December 1907. 


Herren für diese liebenswürdige Zuvorkommenheit zu besonderem 
Dank verpflichtet. 

Der Bronzeschlüssel, der eine Länge von 40.5 cm hat, stammt 
aus den zahlreichen Funden des Heiligtums in Lusoi, die vor und 
während der österreichischen Ausgrabung 1898/99' durch Privat- 
grabungen der Einwohner gewonnen wurden. Die Hauptmuseen 
Zuropas haben damals wertvolle Stücke erwerben können. Jener 
Sehlüssel hat seinen Weg über den Ozean gefunden. Er wurde im 
Jahre 1901 für das Bostoner Museum gekauft. Wie die Abbildung 
(Taf. ı) zeigt, ist das kurze Griffende mit einer hölzernen oder 
elfenbeinernen Hülse versehen gewesen, wie es der Homerischen 
Schilderung entspricht (e 6): 


EINETO AEC KAHIA EYKAMTIEA XEIPI TIAXEIHI 
KANHN XANKEIHN " KWTIH A ENESANTOC ETIÄEN. 


Die Zugehörigkeit zu dem. Artemistempel in Lusoi ist nicht durch 
den Händler, sondern lediglich durch die Inschrift festgestellt, die auf 
dem längeren Unterteile des Schlüssels in schöner linksläufiger Schrift, 
etwa des 5. Jahrhunderts, angebracht ist. Sie lautet: 

31OSVOAV\33AT:3ZOTIMATAAZAT 


Die Querbalken, die man auf der Photographie unter dem P und 
dem ersten ı erblickt, scheinen nicht von dem Graveur herzurühren, 
sondern hellere Stellen der Bronze wiederzugeben. Denn der von 
Hrn. Farrsanks mitgesandte, vortrefflich gelungene Stanniolabdruck 
der Inschrift gibt keine Spur jener Querstriche. Das N zeigt die rechte 
Hasta nach oben gespalten. Offenbar ist der Stichel nach rechts aus- 
geglitten. Es ist dann der richtige Strich daneben gesetzt und der 
kurze zweite Balken des A daran gefügt worden. Die Variationen 
des x, das bald vierstrichig, bald dreistrichig, bald mit abgerundeten 
Ecken (am Schluß) erscheint, deuten auf das Schwanken des Graveurs 
hin, der den heiligen Gegenstand offenbar nach altem Muster formend 
(daher auch die linksläufige Richtung) doch modernere Formen nicht 
vermeiden wollte. 

Nach dem Urteile der Epigraphiker unserer Akademie ist weder in 
der Form noch in dem Inhalt der Inschrift ein Anlaß, Zweifel an der 
Echtheit zu äußern, obgleich ja bei Objekten dieser Art, die nicht 
bei den offiziellen Ausgrabungen zutage gekommen sind, Vorsicht ge- 
boten erscheint. Eine volle Sicherheit hat freilich nur der Sachver- 
ständige, der den Gegenstand selbst in Augenschein zu nehmen Ge- 


! Val. den ausgezeichneten Fundbericht von W. Reıcher und A. WırseLm, Das 
Heiligtum der Artemis zu Iaısoi in d. öst. JahresheftIV (1901) ıff. Vorher FurtwwÄNGLER, 
Münchn. Sitz.-Ber. (philos., phil.-hist.) 1899 11 S. 566 ff. 


Diers: Der Schlüssel des Artemistempels zu Lusoi. 29 


legenheit hat. Jedenfalls ist die Interpunktion, durch die sich bis- 
weilen Fälscher verraten, richtig gesetzt. Nach griechischer Auf- 
fassung kann der Wortkomplex 


tAc APptAmıtoc TAc En AoyYcoıc 


nur so, wie es geschehen ist, interpungiert werden. Die Form Apri- 
miıroc entspricht den Lusiatischen Inschriften ı4. ı5 der Wirnern- 
schen Sammlung (a. a. 0. S. 83). 

Vielleicht möchte es auffallend erscheinen, daß die Artemis aus- 
drücklich als die von Lusoi bezeichnet wird. Man erwartet einfach 
tAc ArtAmıtoc (wie Lus. Inschr. 14) oder tAc Arrämıtoc TAc "Hmerac 
(wie Nr. 15) oder ohne Artikel (wie Nr. 16). Was nun zunächst den 
Artikel betrifft, der in solehen Fällen ein vertrauteres Verhältnis zur 
Göttin auszudrücken scheint (deutsch etwa unserer Artemis), so ist in 
der älteren Zeit der Artikel bei Weihungen ebenso oft gesetzt wie weg- 
gelassen, ja, es kommt beides bei denselben Objekten vor, wie z. B. auf 
den korinthischen Täfelchen (Rönt, I. A. 20, 17. 18) bald Tröı TToreıaänı, 
bald TTorteıaAnı steht. Wenn nun aber die heilende Göttin, der das auf 
hoher Alp gelegene Heiligtum geweiht war, ausdrücklich noch als die 
von Lusoi bezeichnet wird, so liegt darin ein gewisser Stolz der 
Priester auf ihre sagenberühmte Gottheit, die schon in der Melam- 
podie durch die reinigende Kraft des Lusosquells die wahnsinnbehaf- 
teten Proitiden geheilt hatte. So weiht eine dort ansässige Frau, 
deren Namen nicht sicher gelesen werden kann, in ungefähr derselben 
Zeit (Nr. 16 Wırnerm-Kırennorr, Berl. Sitz.-Ber. 1887, 992) ein Bronze- 
gefäß TAı Arptemı TAı Aovciatı'. 

Bei dem Schlüssel darf man nicht außer acht lassen, daß er 
nicht wie die Anatheme an Ort und Stelle aufbewahrt (wodurch für 
jene eine genauere Bezeichnung der Gottheit wegfallen konnte), son- 
dern mit nach Hause genommen wurde. Es läßt sich leicht denken, 
daß in der Stadt Lusoi, wo die Priesterin gewohnt haben dürfte, 
noch andere Artemisheiligtümer vorhanden waren; es mußte ferner 
daran gedacht werden, daß der Schlüssel, an dem sich ja von alters her 
die magische Vorstellung von der » Schlüsselgewalt« knüpft”, nach außen 
entführt werden konnte. So ist also für alle Fälle die genauere Be- 
zeichnung des Eigentümers wohl begreiflich. 

Was die Gestalt des Schlüssels betrifft, so zeigt er nicht die in 
der Biegung zweimal rechtwinklig absetzende Form, die auf den 


! Nicht ganz kongruent sind die Weihungen in Olympia Zi T@AyMrmio, Rönt, 
I. A. ııı, die Rhetra ııo T81 Ai ‘Onymrioı oder das Beil des Qyniskos ebenda 543 
(Calabr.) TAc “Hpac TAc En TreAlm. 

2 W.Könrer, Die Schlüssel des Petrus, Arch. f. Religionsw. VIll 214 ff. 


Sitzungsberichte 1908. 4 


30  Gesammtsitzung v. 9. Januar 1908. — Mittheilung v. 12. December 1907. 


Grabsteinen Attikas und auf einem Teil der Vasenbilder' erscheint, 
sondern eine leise geschwungene Form, die uns namentlich aus den 
Vasen geläufig ist”. Diese Verschiedenheit ist zwar wohl haupt- 
sächlich durch ästhetische Motive bestimmt, ist aber für die 
Rekonstruktion des dazu gehörigen Schlosses nicht ganz unwichtig. 
Denn wenn man daran gedacht hat, den Schlüssel bei der Krüm- 
mung so in dem Schlüsselloch zu bewegen’, daß diese Krümmung 
gleichsam der Mittelpunkt einer kreisförmig wirkenden Hebelbewe- 
gung darstelle, durch die das lange Ende einen Riegel oder einen 
Fallklotz nach oben stoße, so bildet die gewundene Form unseres 
und des ähnlich gebildeten Schlüssels der Vasen eine Instanz gegen 
ein solches System. Denn diese geschwungene Form des Mittelteils 
ist meiner Rekonstruktion des Systems, wonach der Riegel durch 
einen seitlichen Stoß von oben nach unten zurückgestoßen wird, 
ebenso günstig, wie sie die angenommene Drehung im Schlüssel- 
loche erschweren oder unsicher machen würde. 


! Siehe Parmenides S. 124 f. Fig. 5—8, 14, —17. 
2 Ebenda Fig. g. 10. 12. 13. 
® Siehe die Berliner Hydria Parm. Fig. 22 (S. 133). 


Ausgegeben am 16. Januar. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei. 


ji Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1908. Taf. 1. 


er ya...’ 


Disıs: Der Schlüssel des Artemistempels zu Lusoi. 


Sp52525252525252525252 5 


II. I. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER] 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


ng der ihysilältgch maaihematischen Classe am 16. Januar. (S. 31) 

UENER: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer des Menschen und einiger Säugethiere 
vom energetischen Standpunkte betrachtet. (S. 32) 

. Porosit: Über recente allochthone Humusbildungen. (S. 48) 

Pre a der Ba arishen Classe am 16. Januar. (S. 59) 


Aus dem Reglement für die Redaetion der akademischen Druckschriften. 


Aus $1. 

Die Akademie gibt gemäss $ 41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften « 
und » Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften. 

Aus $ 2. 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberichte« oder die 
»Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuscript zugleich einzuliefernist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

$ 3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberiehten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuseripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

SA. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, Photographische Original- 
aufnahmen u.s. w.) gleichzeitig mit dem Manuseript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Secretar zu 
richten, dann zunächst im Secretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesanımt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 


beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 


forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Secretariat geboten. 

Aus $5. 

Nach der Vorlegung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manus eripts an den 
zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Nichtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der »Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 


- (Fortsetzung auf S. 3 des Umschlags.) IR N 


| 


Be 


nee 


Aus $ 6. . 
Die an die Druckerei abzuliefernden Manuseripte müssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes! 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen! 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden || 
Mitgliede vor Einreichung des Manuscripts vorzunehmen, I) 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser | 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. N 
Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an das) 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correetur soll nach | | 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Drucktehle 
und leichten Schreibversehen hinausgehen. Umfängliche I! 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- I 
girenden Secretars vor der Einsendung an die Druckerei, | 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. . 
Aus $8. eh 


Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch fürden Buchhandel Sonder- ı 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be= | 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden, 

Von Gedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrucke | 
für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die | 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erkläre 

89. = 

Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichter 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei: 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu Tre di zur Zul 


Ze > = 


auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl | 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis } 
zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitir dem redigierenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch _ mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt- Akademie oder der be. 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. RE - 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis. 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf‘ ‚es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. Br 

‘ Sr e 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 


31 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
nl. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 


1. Hr. Rugner las: Das Wachsthumsproblem und die Lebens- 
dauer des Menschen und einiger Säugethiere vom energeti- 
schen Standpunkt betrachtet. 


Es wird nachgewiesen, dass in der intra- und extrauterinen Zeit für die Bildung 
von ı% Lebendgewicht der Organismen bei Thieren ganz übereinstimmende Summen 
von Energie aufgewendet werden. Ganz ähnlich verhält es sich auch, wenn man die 
von 1% ausgewachsenem Thier während des Lebens umgesetzten Energiemengen unter- 
sucht. Nur der Mensch nimmt gegenüber allen untersuchten Thieren eine Ausnahme- 
stellung ein. Die vorgetragenen Beobachtungen geben die Möglichkeit, gewisse theo- 
retische Fragen hinsichtlich der maximalen Lebensdauer zu erörtern. 


2. Hr. BrancA legte eine Arbeit von Hrn. Prof. Dr. H. Poronıe vor 


»Über recente allochthone Humusbildungen.« 

Bei der Aufsuchung der, gegenüber den autochthonen so sehr seltenen allo- 
chthonen Humusbildungen hat sich ergeben, dass auch der, bezüglich seiner Genesis noch 
unklar gebliebene »Alpenmoder« hierher gehört; denn er hat sich als ein aus Alpen- 
trockentorf ausgeschlemmtes und thalabwärts geführtes Humusgestein, d. h. als Schlämm- 
moder, ergeben. Der besonders von den Ufern des Bodensees her bekannte, sogenannte 
Schwemmtorf ist kein Torf, sondern ebenfalls als Moder, d.h. als Schweminmoder, an- 
zusprechen. 


3. Hr. Branca übergab ferner seine nunmehr ausgearbeitete Ab- 
handlung: Fossile Flugthiere und der Erwerb des Flugver- 
mögens, über deren Inhalt eine vorläufige Mittheilung in der Sitzung 
der Classe am 7. Juli 1904 gemacht wurde. (Abh.) 


Sitzungsberichte 1908. 5 


32 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer des 
Menschen und einiger Säugethiere vom energeti- 
schen Standpunkte aus betrachtet. 


Von Max Rupner. 


Das Waehsthum in Thier- und Pflanzenwelt ist eine der fundamen- 
talsten und markantesten Erscheinungen der belebten Natur. Den 
allbekannten sichtbaren Vorgängen der Massenzunahme entsprechen 
eigenartige mikroskopisch nachweisbare Veränderungen im Zellinnern, 
mit denen uns vor Allem die Entwicklungslehre bekannt gemacht hat. 
Sie hat durch die morphologische und experimentelle Bearbeitung der 
Befruchtungsvorgänge überraschende Fortschritte erzielt und die Ver- 
erbungslehre in neue Bahnen gelenkt. 

Im Gegensatz zu diesem kraftvollen Aufschwung histologischer 
Forschung, insbesondere auf dem Gebiete des intrauterinen Lebens, hat 
man den Erscheinungen des extrauterinen Wachsthums, vor Allem, was 
die allgemeinen Äusserungen desselben und die ernährungsphysiolo- 
gischen Processe anlangt, wenig Interesse entgegengebracht. Weder 
die Art der Massenzunahme noch die Dauer derselben, noch die Vor- 
bedingungen des Wachsthums oder die Gründe desselben sind genauer 
untersucht worden. 

Eine nähere Betrachtung der Physiologie der Wachsthumsver- 
hältnisse scheint mir nicht nur im allgemeinen Interesse der Wissen- 
schaft zu liegen, sondern auch mit Rücksicht auf die specielle Förde- 
rung der Säuglingsernährung dringend geboten. Eine vergleichende 
physiologische Betrachtung kann zweifellos zur besseren Stütze un- 
serer gegenwärtigen Anschauungen beitragen. 

Von früheren Bemühungen, die Frage des Wachsthums verglei- 
chend zu behandeln, ist nicht viel zu berichten; das Wichtigste ist 
wohl der Versuch Burrow’s, das Wachsthum, d.h. die Jugendperiode 
aller Thiere in eine nähere Verbindung zu deren maximalem Alter 
zu bringen. Gerade in der damaligen Zeit eines lebhaften Auf- 
sehwungs naturwissenschaftlichen Denkens, in den letzten Jahrzehnten 
des ı8. Jahrhunderts konnte die offenkundige Thatsache der un- 


Rusner: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 33 


gleichen Lebenslänge grosser und kleiner Thiere sich der speculati- 
ven Betrachtung nicht entziehen, und es war in der Erwartung der 
Auffindung von Naturgesetzen am Ende nicht verwunderlich, wenn 
man sich den Lebensgang jedes Thieres nach einem bestimmten Schema, 
in welchem der Wachsthumszeit, der Periode kräftigster Entwicklung, 
dem Alter, gewisse Theile der ganzen Lebenszeit zugewiesen waren, 
geordnet dachte. So glaubte Burros, die maximale Lebensdauer währe 
sechs mal so lang wie die Jugendzeit. 

Fast ein Jahrhundert später, 1856, hat dann Frovurens diesen 
Gedanken wieder aufgegriffen und durch einige Untersuchungen über 
die Dauer des Lebensalters und der Jugendzeit, letztere gemessen nach 
bestimmten anatomischen Charakteren der Thiere, zu belegen gesucht. 
Sein Material, ausschliesslich Beobachtungen an Säugern, ist aber sehr 
spärlich und nicht gerade sehr beweisend gewesen; ja, das Burrox- 
Fıourens’sche Gesetz hat bei den Zoologen der späteren Zeit keinen 
Beifall gefunden, weil man es durch Verallgemeinerung leicht ad ab- 
surdum führen konnte. Wersmann (Über die Dauer des Lebens, Jena 
1832) begründet die Ablehnung dieser Anschauungen mit dem Hin- 
weise, dass es Gruppen von gleich langlebigen Thieren gebe, bei 
denen unmöglich solch constante Zahlenbeziehungen zwischen Dauer 
der Jugendzeit und gesammter Lebensdauer bestehen könnten. In 
der Gruppe der Thiere, welche 200 Jahre erreichen sollen, finden 
wir den Elephanten, Hecht und Karpfen, in der Gruppe der 4oJjährigen 
das Pferd, Kröte und Katze, in der Gruppe der 2oJjährigen Schwein 
und Krebs. 

Will man also nach Frourens annehmen, die Jugendzeit währe ein 
Fünftel der ganzen Lebensdauer, so müsste diese bei den 200 jährigen 
40 Jahre dauern, es widerspricht aber jeder Erfahrung, dass Hecht und 
Karpfen erst nach 40 Jahren ausgewachsen sein sollen, ja soviel Zeit 
braucht nicht einmal der zu dieser Gruppe gehörige Elephant. 

Die Jugendperiode kann demnach, wie man jetzt annimmt, in 
keinem gleichbleibenden Verhältniss zur Lebenslänge in der Thier- 
welt stehen, den inneren Grund der verschiedenen maximalen Lebens- 
zeit sucht man vielmehr in den Eigenheiten der Fortpflanzungsweise, 
die zum Zwecke der sicheren Erhaltung der Species verschiedene 
Lebenszeiten nothwendig macht. Ist durch die Production der Fort- 
pflanzungsstoffe ausreichend für die Species gesorgt, so erlischt die 
Nothwendigkeit der Individualexistenz, der Organismus altert und stirbt. 
Der Burron-FrLourens’sche Gedanke ist somit entbehrlich geworden. 

Schalten wir aber zunächst die Fragen der Lebensdauer von 
der Betrachtung ganz aus und wenden wir uns dem Problem der 
Wachsthumsperiode allein zu, so scheinen in dieser Hinsicht, wie 


5° 


34 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


man glaubt, sehr einfache Verhältnisse bei den Thieren gegeben. Da 
die verschiedenen Organismen durch die Natur mit verschiedener 
Körpergrösse gebildet werden, so sieht man in der Wachsthumsdauer 
einen zwar numerisch noch nicht überall exact bestimmten, aber doch 
sehr einfachen Vorgang, man setzt voraus, dass die Bildung grosser 
Thiermassen eben mehr Zeit erfordert als jene der kleinen Organismen. 
Wie gesagt, näher begründet und analysirt ist diese Anschauung bis- 
her nicht. Man könnte aber wenigstens für die Säugethiere ihre 
Wahrscheinlichkeit mit dem Hinweis auf die gleichheitlichen quanti- 
tativen Aufgaben des Wachsthums stützen, da das Gewichtsverhältniss 
vom Mutterthier und Neugeborenen sich durchschnittlich wie 100:8 
verhält, also die Leistungen der Wachsthumsperiode in analoger Ver- 
mehrung des Anfangsgewichtes um ein gleiches Multiplum bestehen. 
Für die ungleiche Dauer der Wachthumszeit in Abhängigkeit von der 
Masse des Thieres liesse sich als Beispiel anführen, dass die Fliegen- 
made schon in ı Tage, die Maus in 2ı Tagen, der Elephant in 8766 
Tagen (= 24 Jahren) ihre maximalen Körpergewichte erreichen. . 

Die Annahme der Massenbildung als entscheidendem Factor der 
Jugendzeit ist von bestrickender Einfachheit, und wenn man so extreme 
Beispiele wählt, ein besonders schlagendes Argument. Schliesslich 
aber möchte man, dem eausalen Denken folgend, gerade wissen, warum 
das eine Wesen eben in dem Wachsen fortfährt, wo das andere sein 
Wachsthum mit Bruchtheilen eines Grammes Leibessubstanz abschliesst. 

Es ist auch ausserdem gar nicht erwiesen, dass Made, Maus 
und Elephant nach ganz den gleichen Lebensgesetzen wachsen und 
in einheitlicher Stoffwechselthätigkeit dem Endziel sich nahen. Die 
Resultate könnten das Ergebniss sehr verschiedener Processe von Wachs- 
thumsvorgängen sein. Man darf nicht nur das Endergebniss unge- 
heuer verschiedener Endgewichte betrachten, sondern man muss die 
relativen Leistungen ins Auge fassen durch die Bestimmung 
der Zeit, in welcher gleichartige Gewichtsveränderungen erzielt 
werden. Eine solche Feststellung des relativen Wachsthums einzelner 
Speeies könnte zu wichtigen physiologischen Ergebnissen führen, weil 
möglicherweise in der Ähnlichkeit gleicher Weachsthumsgesetze 
auch verwandtschaftliche Beziehungen einzelner Species zum Ausdruck 
kommen könnten. Das Wachsthum ist eine Grundeigenschaft der Zelle 
und in seiner Zeitfolge ursächlich mit der Geschwindigkeit der Zell- 
theilung verbunden. 

Leider besitzen wir nur ein sehr spärliches Material über die Dauer 
der gesammten Jugendzeit bei Säugethieren, ja so wenig sicheres, dass 
sich hierauf eine einigermaassen befriedigende vergleichende Be- 
rechnung nicht gründen lässt. 


ic 


Rusner: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 35 


Dagegen sind vor Allem von Busse und seinen Schülern einige 
Angaben über die Zeiten, welche zur ersten Verdoppelung des Ge- 
wichts von neugeborenen Thieren nothwendig sind, gemacht worden. 
Wenn wir damit auch nur einen Theil der ganzen Jugendzeit hin- 
sichtlich der Wachsthumsleistung kennen lernen, so erfahren wir gerade 
durch sie über die Periode des raschesten Wachsthums einiger Species 
etwas Näheres. Das Ergebniss dieser Beobachtungen ist ein ein- 
deutiges und zwingendes; die Zeiten der Verdoppelung sind nicht 
eonstante Werthe, sondern ausserordentlich verschieden, sie betragen: 


beim Kaninchen 6 Tage beim Menschen ı80 Tage 


bei der Katze 9% i» » Schaf 15 #63 
beim Hund eo» » Rind 47 » 
» Schwein 14 » » Pferd 60 » 


Die Wachsthumsintensität ist in hohem Maasse ungleich. Diese 
Ungleichheit der relativen Intensität kann sich unmöglich nur auf die 
Periode unmittelbar nach der Geburt beschränken, vielmehr ist mit 
Bestimmtheit anzunehmen, dass für die weiteren Verdoppelungszeiten 
zwar nicht dieselben, aber specifisch und gleichmässig steigende Zeit- 
werthe sich ergeben müssen. Die obigen Verdoppelungszeiten sind 
Constanten der betreffenden Species, sie schwanken zwischen Kaninchen 
und Mensch um das 30 fache. Wenn man weiter erwägt, dass manche 
Bacterien eine Verdoppelung ihrer Masse in 20 bis 30 Minuten er- 
reichen, so beweist dies, dass, wenn wir uns bisher mit der Vor- 
stellung haben genügen lassen, es bestimmte die absolute Grösse der 
Lebewesen die Wachsthumszeit, wir an einer sehr wichtigen und 
fundamentalen Eigenschaft der Lebewesen, der specifischen Wachs- 
thumsintensität, achtlos vorübergegangen sind. 

Bei den einzelligen Wesen hatte man sogar schon lange 
der ungleichen Geschwindigkeit, mit der die Zelltheilung erfolgt, Be- 
achtung geschenkt. Dies Problem der specifischen Wachsthums- 
intensität näher in seinem Wesen aufzuklären, dürfte daher wohl eine 
nicht unwichtige Aufgabe sein; ich will zunächst in dieser Abhandlung 
nur einige Säugethiere, für welche ich nähere Zahlenangaben besitze, 
und den Menschen einer genaueren Analyse unterziehen. 

Die ungleiche Geschwindigkeit, mit der die verschiedenen Orga- 
nismen ihre Jugend durchlaufen, muss uns zunächst vom teleolo- 
gischen Standpunkte aus in hohem Maasse befremden, denn es 
scheint sich in dieser Erscheinung offenbar ein ungleicher Aufwand 
an Nährmaterial für ein und denselben Endzweck auszudrücken. Das 
eine Wesen muss lange leben, um seine Gewichtsverdoppelung zu ge- 
winnen, ein anderes hat in Kürze dieselbe Entwickelungsstufe erreicht; 


36 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


wenn ein Organismus wie der Mensch aber 30mal so lange braucht, 
wie ein Kaninchen, um seine Masse zu verdoppeln, so muss er eben 
3omal so lange Nahrung verzehren, um relativ so viel Leibessubstanz 
zu erwerben wie das Kaninchen. 

Welche Wege die Natur thatsächlich in den quantitativen Ver- 
hältnissen einschlägt, kann man a priori nicht sagen; ich habe daher 
versucht für diese Vorgänge einen genaueren zahlenmässigen Belag 
zu finden. 

Ich stelle fest, wie gross die Lebensleistungen jedes der oben 
in der Tabelle aufgeführten Organismen ist, wenn je ı kg durch 
Wachsthum in den näher verzeichneten Zeiten auf das Gewicht von 
2 kg ansteigt. Die Berechnung kann folgenden Weg einschlagen: 

Die Lebensvorgänge bei der Ernährung lassen sich bekanntlich 
messen, indem man die beim Ernährungsvorgange verbrauchte Energie- 
menge als Ausgangspunkt nimmt; ebenso lässt sich der Wachsthums- 
gewinn einheitlich statt in Gewichten, in der Verbrennungswärme aus- 
drücken, welche es repräsentirt. Auf Grund von verschiedenen Thier- 
analysen bin ich zu der Annahme gekommen, dass ı kg Anwuchs mit 
rund 1722 kgeal. zu bewerthen ist. Hierzu haben wir noch den Ener- 
gieaufwand, den das Thier durch seinen Stoffwechsel während 
der Verdoppelungszeit von I zu 2 kg zu leisten hat, zu rechnen. 

Die Summe beider — Wachsthumsgrösse und Ernährungsumsatz — 
giebt uns einen Ausdruck für den Gesammtenergieaufwand für 
die Verdoppelung, woraus man dann die specifischen Eigenthüm- 
lichkeiten ersehen könnte. 

Für eine Reihe der in Betracht kommenden Säuger und den 
Menschen verfüge ich über eigene Messungen des Kraftwechsels, für 
einige der fehlenden Werthe konnte ich aus der Litteratur die nöthigen 
Grundlagen schaffen. Wenn es auch nicht immer Neugeborene waren, 
die der Stoffwechseluntersuchung unterzogen sind, so wissen wir auf 
Grund des von mir erwiesenen Oberflächengesetzes, dass bei den Säugern 
ihr Stoffwechsel nicht der Masse, aber genau der Oberfläche pro- 
portional verläuft. Man kann daher die gewünschten Grössen des 
Energieverbrauchs für jede beliebige Kleinheit der Thiere, also auch 
für die Neugeborenen, durch Rechnung finden. Wenn die Thiere 
wachsen, so müssen sie natürlich auch um eine bestimmte Masse mehr 
an Nahrung aufnehmen, als wenn sie ausgewachsen sind. Dieses Mehr 
an Nahrung wird zunächst erfordert, um die Gewichtsvermehrung zu 
bestreiten. Da aber im Allgemeinen nicht jeder Überschuss über den 
dringenden Bedarf zum Wachsthum zurückgehalten werden kann, 
sondern durch die Ernährung selbst die Wärmebildung etwas steigt, 
so muss dieser Umstand auch noch Berücksichtigung finden. Diese 


Russer: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 3m 


letztere Steigerung der Wärmeproduction habe ich als speeifisch dyna- 
mische Wirkung der Nahrung bezeichnet, sie hängt von der Zusammen- 
setzung der Kost ab, von dem Mischungsverhältniss der Eiweiss- 
stoffe, Fette und Kohlehydrate. Für die säugenden Thiere sind diese 
Verhältnisse dadurch wohl bekannt, dass man ja die Milchen, mit 
denen sie sich ernähren, kennt. Somit lässt sich auch berechnen, 
welche die Wärme steigernde Wirkung ihre Nahrung besitzt. 

Nenne ich die Gesammtnahrungsmenge des Thieres in der Ver- 
doppelungsperiode als Unbekannte « (in Calorien ausgedrückt), das 
gewonnene Körpergewichtswachsthum (in Cal.) a, die Erhaltungsdiät, 
die durch Versuche bekannt ist, e (in Cal.) und % eine Constante für 
die Wärmesteigerung durch die genossene Kost (specifisch dyamische 
Wirkung), so lässt sich x ableiten, denn = e-+k-x-+a, wovon e, 
k und a bekannt sind. 

Führt man auf Grund dieser Betrachtung die Bereehnung durch 
und bestimmt den Energieverbrauch in Kilogrammealorien, um unter 
sich vergleichbare Zahlen zu erhalten für ı kg Lebendgewicht bis 
zur Verdoppelung auf 2 kg, so gewinnen wir den gesuchten spe- 
eifischen Energieaufwand beim Wachsthum verschiedener Speeies. 
Das Resultat für den Energieaufwand bei der Verdoppelung war 
folgendes, ausgedrückt in Kilogrammealorien (Reincal.)': 


Pferd 4512 | Schwein 3754 
Rind 2243 und 4304 
Schaf 3926 | Katze 4554 
Mensch 28864 | Kaninchen 5066 


Das Ergebniss ist ein wohl ganz unerwartetes: 

Die zur Verdoppelung des Lebendgewichtes eines Thieres 
aufgewendete Kräftesumme ist mit Ausnahme des Menschen 
dieselbe, gleichgültig, ob die Thiere rasch oder langsam 
wachsen. 

Man könnte dies Wachsthumsgesetz das Gesetz des constanten 
Energieaufwandes heissen. Zur Bildung von ı kg Thiergewicht werden 
rund 4808 kgeal anNahrungsmaterial aufgewendet, bei der Entwickelung 
des Menschen gerade sechsmal soviel. Bei dem langsam wachsenden 
Pferd findet keinerlei » Verschwendung« von Energie statt, sondern der 
gleiche Verbrauch wie bei dem schnell wachsenden Kaninchen oder der 
Katze, obschon diese Thiere zur Zeit ihrer Geburt um das Tausendfache 
im Körpergewicht verschieden sind. Der auf natürlichem Wege bei der 
Muttermilchernährung vollzogene Anwuchs kostet bei allen Thieren 


! D.h. die Gesammtenergie der Nahrung abzüglich des Energieinhalts von Harn 
und Koth. 


38 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


relativ genau das Gleiche. Die Natur arbeitet bei den verschiedenen 
Species nach dem gleichen ökonomischen Prineip, und nur für den 
Menschen ist es durchbrochen. Wie sich die dem Menschen nahe- 
stehenden Anthropoiden verhalten, ist leider nicht sicher zu sagen, 
nach der Meinung eines Sachkundigen würde das Wachsthum dieser 
ein ziemlich rasches sein. Es wäre daher wichtig, diese Frage durch 
besondere Untersuchungen, am besten im Heimathlande der Anthro- 
poiden, aufzuklären. 

An diese wichtige Thatsache knüpft sich gleich die weitere, in 
welcher Art denn die Natur dieses energetische Grundgesetz zur Durch- 
führung bringt, ob sich die einzelnen Organismen etwa dadurch unter- 
scheiden, dass die einen verhältnissmässig mehr oder andere weniger 
von der Nahrung für das Wachsthum erübrigen. 

Prüft man, wieviel von dem gesammten aufgenommenen Energie- 
inhalt der Nahrung bei den verschiedenen Species als Wachsthum er- 
worben wird — ich nenne dies den Wachsthumquotienten —, so findet 
man Folgendes: 


Von ıo0 kgeal. der Zufuhr sind im Anwauchs: 


beim Pferd 33.3 Procent beim Schwein 40.0 Procent 
» Rind BET » » Hund 34.9 » 
» Schaf 38.2 » ı bei der Katze 33.0 » 
» Menschen 5.2  » | beim Kaninchen 27.7 » 


Der Mensch nimmt wieder eine Sonderstellung ein, er er- 
übrigt nur 5.2 Procent der Zufuhr während der ersten Verdoppelungs- 
periode, die Säugethiere dagegen im Mittel 34.3 Procent, also über das 
Sechs-, fast das Siebenfache. Die Säugethiere verhalten sich, was diese 
Verwerthung des Nährmaterials für das Wachsthum anlangt, ganz ähn- 
lich den bestwachsenden Bacterien z. B. wie bacillus pyocyaneus und 
bact. coli, bei denen ich bei ersterem 27.7, bei letzteren 30.38 Procent 
der Energie der Nahrung als Wachsthum erübrigen sah. 

Die Lebewesen wachsen nur bei einem zureichenden Überschusse 
der Nahrung über die Erhaltungsdiät. Auch über diese Grösse ertheilt 
uns das energetische Wachsthumsgesetz genaue Auskunft. Wenn man 
die Energiemenge des Erhaltungsfutters = 100 setzt, so findet sich 
für die Gesammtnahrungsaufnahme bei den beobachteten Säugern: 


beim Pferd 189 | beim Schwein 212 
» Rind | » Hund 202 
» Schaf 2.11 bei der Katze 197 
» Menschen 120 beim Kaninchen 194 


Mittel der Thiere 202. 


Rusner: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 39 


Die Thiere bewältigen behufs des Wachsthums doppelt 
soviel Nahrung, als sie im einfachen Erhaltungsfutter zu sich 
nehmen müssen, der Mensch dagegen nimmt in dieser Lebensperiode 
stärksten Wachsthums nur um ein Fünftel mehr an Stoffen auf, als er 
sonst im ausgewachsenen Zustand bedürfte. Die geringe Nahrungsauf- 
nahme des Säuglings liegt nicht in der kleinen Leistungsfähigkeit seiner 
Verdauungsorgane; wie man aus dem späteren Leben ersehen kann, 
sind die letzteren sogar recht leistungsfähig. 

Leuxarr und HERBERT Spencer haben behauptet, dass die ernäh- 
renden Flächen des Magendarmkanals der Thiere mit steigender 
Körpergrösse nur im Quadrat wachsen, während das gewicht im 
Cubus zunähme, woraus folge, dass, je grösser ein Thier sei, desto 
schwieriger die Gewinnung eines Nahrungsüberschusses sich gestalte, 
und dass die grossen Thiere sich deshalb langsamer fortpflanzten. Diese 
Anschauungen werden durch meine Versuche widerlegt. Die jungen 
Thiere jeder beliebigen Grösse von der Maus bis zum Fohlen sind 
in der Lage, in gleicher Weise ihre Wachsthumsdiät zu bestreiten. 
LeUKART und Spencer haben nur die anatomischen Verhältnisse 
beachtet, dagegen ausser Acht gelassen, dass die physiologischen 
Leistungen bei gleichem anatomischen Substrat ganz andere sein 
können. 

Bei dieser ausserordentlichen Gleichheit der ernährungsphysiolo- 
gischen Leistung der Säugethiere und der exceptionellen Stellung des 
Menschen ist es von grösster Bedeutung, die Nahrung der ÖOr- 
ganismen näher zu betrachten. Die einzige Zufuhr besteht in dieser 
hier in Frage kommenden Zeit in Muttermilch; die Milchen der hier 
besprochenen Organismen sind in ihrer Beschaffenheit genau bekannt. 
Berechnet man sich die Vertheilung der Energie der ganzen Milchen 
auf die einzelnen Componenten, wie Eiweiss, Fett, Milchzucker, so 
findet man, dass hinsichtlich der Eiweissstoffe, die ja in erster 
Linie bei der Wachsthumszunahme von Bedeutung sind, nur die Zu- 
sammensetzung der menschlichen Milch, durch ihre ausserordentliche 
Eiweissarmuth eine besondere Stellung einnimmt, also ganz und gar 
im Einklang mit dem sonstigen eigenthümlichen Verhalten des mensch- 
lichen Säuglings im Wachsthumsgesetz, während die übrigen Orga- 
nismen sehr gleichmässige Eiweissvorräthe besitzen; nur beim Ka- 
ninchen, das sehr rasch wächst, finden wir etwas mehr Eiweiss als 
im Durchschnitt bei den übrigen Thieren. 

Die Milchen spiegeln in ihrer procentigen Zusammensetzung die 
Aufgaben wieder, die ihnen die Natur im Wachsthum zuweist. Fett- 
und Zuckergehalt der Milch haben nur die Function den Eiweiss- 
umsatz in Thieren, wie auch beim Säugling, auf das tiefste Niveau 


40 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


herabzudrücken, um dadurch die maximalste Menge von Eiweiss für 
das Wachsthum zu erübrigen. 

Das energetische Grundgesetz des Wachsthums giebt die Erklärung 
für eine bisher schwer deutbare Beziehung zwischen den Salzen 
der Milch und der Zusammensetzung der Asche der da- 
von ernährten Organismen. Buner (Lehrbuch der physiol. und 
patholog. Chemie 1894, S. 97) hat darauf hingewiesen, dass das Ver- 
hältniss der verschiedenen anorganischen Stoffe zu einander in der 
Milch fast genau der Aschezusammensetzung des Thierleibes ent- 
spreche. Die Milchdrüse sammelt alle anorganischen Bestandtheile 
genau in dem Gewichtsverhältnisse, in welchem der Säugling ihrer 
bedarf, um zu wachsen und dem elterlichen Organismus gleich zu 
werden. Später zeigte BunGe, dass der Aschegehalt der Milch bei solchen 
Thieren, die rasch wachsen, grösser sei als bei langsam wachsenden. 
Sehen wir vom letzten Punkte ab, so hat sich das obige Gesetz 
Bunge’s insofern nicht vollkommen bestätigen lassen, als zwischen Salz- 
gehalt des Neugeborenen beim Menschen und der Muttermilch keine Über- 
einstimmung besteht. Man nimmt jetzt mit vollem Rechte an, dass 
bei dem so sehr langsamen Wachsthum des Menschen viel Salze durch 
die Ausscheidungen zu Verlust gingen. Aber diese Erklärung be- 
friedigt nicht, denn dann müssten sich auch bei den anderen Säugern, 
die doch recht verschiedene Wachsthumsgeschwindigkeiten haben, auch 
Differenzen, und zwar sehr erhebliche, ergeben. 

Dagegen erläutert das energetische Grundgesetz diese Verhältnisse 
aufs beste. Da die Säuger, den Menschen ausgenommen, für die gleiche 
Menge Anwuchs die gleiche Menge Calorien nöthig haben, nehmen 
sie auch annähernd die gleichen Milch- und Salzmengen auf, und aus 
diesem Vorrath wählt die neuwachsende Masse so viel aus, als sie 
Salze braucht; der Rest geht durch den Harn und Koth im Stoff- 
wechsel nach aussen, und diese Verluste werden sich alle gleichmässig 
gestalten müssen. Nur der Mensch zeigt durch die enorme Nahrungs- 
quantität, die er wegen der abnormen Dauer der Wachsthumszeit 
zur Erhaltungsdiät nothwendig hat, die bekannte, auch in anderen 
Beziehungen schon berührte Ausnahme. 

Sehen wir so das extrauterine Wachsthum unter der Herrschaft 
des energetischen Wachsthumgesetzes, so ist es ein naheliegender Ge- 
danke, auch das intrauterine Leben im Mutterleibe auf ähnliche 
Beziehungen hin zu untersuchen. Denn es wäre der Vernunft wider- 
sprechend, geradewegs mit dem Acte der Geburt den einheitlichen 
Entwickelungsgang entzwei zu schneiden. Der Beweis des ener- 
getischen Gesetzes in der Fötalperiode ist sehr schwierig. Vor 
Allem ist die Grösse des Stoffwechsels im Mutterleibe noch 


Rusner: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 41 


umstritten, doch kann man meines Erachtens es als gesichert er- 
achten, dass der Embryo mehr Wärme pro Körpergewichtseinheit 
bildet als das erwachsene Mutterthier. 

Zunächst liess sich feststellen, dass die Wachsthumsgeschwin- 
digkeitdesNeugeborenenund dieEntwickelungsdauer zweifel- 
los zusammenhängen, wie folgende Beispiele zeigen: 

Zeitdauer der Verdoppelung 


beim Wachsthum Entwickelungsdauer 
Tage Tage 
Pferd 60 333 — 343 
Kuh 47 285— 290 
Schaf 15 144 — 150 
Mensch 180 280 
Schwein ı4 116 
Hund 8 63 
Katze 9 56 


Die Entwickelungsdauer nimmt auch im Allgemeinen mit der 
Grösse des Thieres ab. Eine Ausnahmestellung hat der Mensch. 
Schaf und Mensch haben gleiches Geburtsgewicht. Beim Schaf dauert 
die Entwickelungsdauer nur halb so lange als beim Menschen. Noch 
weit stärker differirt allerdings das extrauterine Wachsthum. 

Unter gewissen berechtigten Annahmen kann man den Energie- 
verbrauch im intrauterinen Leben schätzen, und wenn diese 
Zahlen auch nicht so genaue sind wie für die Neugeborenen in der 
Periode ihrer ersten Gewichtsverdoppelung, so berechtigen sie doch 
zur Annahme der Gültigkeit des energetischen Wachsthumsgesetzes. 

Ich finde als Wärmeentwicklung während der Bildung von ı kg 
Lebendgewicht im intrauterinen Leben beim 


Pferd 2028 kgeal. 

Rind 1915 

Schaf 2728} 2240 kgeal. im Mittel 
Schwein 2210 

Hund 2318 kgeal. 


Addirt man hierzu den Gewinn von ı kg Lebendgewicht in kgeal., 
so findet man als Wachsthumsquotienten 40.5 Procent, also mehr als im 
extrauterinen Leben, was sich daraus zum grossen Theil erklärt, dass 
im intrauterinen Leben das Mutterthier eine ganze Reihe von Leistungen 
für Rechnung des Embryo mitbesorgt, wodurch relativ mehr für den 
Ansatz übrig bleibt. 

Das energetische Grundgesetz der Wachsthumsgeschwindigkeit 
klärt uns also über eine ganze Reihe von Erscheinungen und Eigen- 
thümlichkeiten der Wachsthumsernährung auf. 


42 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


Was bedeutet das Wachsthumsgrundgesetz aber seinem 
inneren Wesen nach? Da bei dem Wachsthum der Säuger die 
Producte aus Zeitdauer des Wachsthums und Kraftwechsel constant 
sind — den Menschen ausgenommen —-, so sind eben die Anwuchs- 
zeiten bis zur Verdoppelung des Thieres genau umgekehrt pro- 
portional dem Kraftwechsel. Je weniger Tage zum Anwuchs 
nothwendig sind, desto intensiver ist der Kraftwechsel, 
und ebenso beschleunigt ist aber auch das Wachsthum. 

Das Wachsthum ist also eine Funetion des Stoffwechsels 
der Neugeborenen, die Wachsthumsquote constant. Ein Thier, das 
einen intensiven Stoffwechsel hat, erübrigt durch das gleichsinnig ge- 
steigerte Wachsthum in kürzerer Zeit so viel, um seine Gewichts- 
verdopplung zu erreichen, wie ein anderes mit kleinerem Stoffwechsel 
in langer Zeit. Der Wachsthumstrieb, wie er sich in der Wachs- 
thumsquote ausdrückt, ist bei den Thieren in der gleichen Wachs- 
thumsperiode derselbe. 

Die zweite Bedingung, welche zu dem Ergebniss des ener- 
getischen Wachsthumsgesetzes führt, ist der Kraftwechsel, wel- 
cher in demselben Maasse ansteigt, wie die Verdopplungszeit kürzer 
wird. Diese Erfahrung lässt sich nun auch anders formuliren, da 
uns die Beziehungen der Kraftwechselintensität zur Masse des 
Thieres genau bekannt sind. Beide folgen streng dem Oberflächen- 
gesetz. Dem intensiveren Kraftwechsel der kurzen Verdopplungszeit 
entspricht pro Kilo Thier eine proportional gesteigerte Oberfläche. 
Damit ist auch das absolute Gewicht der Thiere scharf bestimmt. 
Der grösseren Wachsthumsgeschwindigkeit entspricht zwar immer ein 
kleineres Thier, aber nicht Körpergewichte, die etwa umgekehrt 
proportional zu diesen Zeiten stehen, sondern solche Gewichtsmassen 
der Thiere, die sich rechnerisch nach dem Oberflächengesetz aus dem 
Kraftwechsel berechnen lassen. 

Das energetische Wachsthumsgesetz hängt also in seinem Ergeb- 
niss eben von der absoluten Grösse des jeweiligen Neugeborenen mit 
ab. Wachsthumsquotient und die von der relativen Oberfläche ab- 
hängige Intensität des Kraftwechsels der Körpergewichtseinheit be- 
stimmen das zahlenmässige Ergebniss des Wachsthumsgesetzes. 

Extrauterines und intrauterines Leben unterscheiden sich hinsicht- 
lich der wirksamen Factoren keineswegs, nur quantitativ mit Bezug 
auf den Wachsthumsquotienten. 

Den letzteren könnte man geradezu als einen Ausdruck des 
Wachsthumstriebes ansehen, den man gerne als eine Äusserung 
vererbter Grundeigenschaften der Zelle betrachten wird. Beim Men- 
schen ist dieser Wachsthumstrieb klein. Um eine blosse Zu- 


Pape 


Russer: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 43 


rückhaltung des Wachsthums bei demselben durch einen abnorm nie- 
drigen Eiweissgehalt der Kost kann es sich nicht handeln. Wenn die 
menschliche Milch geringe Eiweissmengen führt, so hat sie sich eben 
dem geringen Wachsthumstrieb angepasst. Würde es sich nur um ein 
künstliches Niederhalten der Wachsthumsgrösse während der Brust- 
nahrung handeln, so würde zweifellos später bei anderer Nahrung das 
Kind einholen, was es früher an Wachsthumsmöglichkeit eingebüsst 
hatte. Davon ist aber nichts bekannt. Auch wenn man von Anfang 
an Kuhmilch reicht, hat die Mehrzufuhr an Eiweiss keine andere 
Folge, als dass der den Wachsthumsbedarf überschreitende Eiweiss- 
antheil einfach zersetzt wird. 

Ein Vortheil des langsamen menschlichen Wachsthums liegt mög- 
licherweise in der Begünstigung der Entwicklung des Gehirnes, das 
bei der langsamen Ausbildung der übrigen Organe des Körpers erst 
spät mit nervösen Apparaten belastet wird, welche zur Innervirung 
der vegetativen Organe bestimmt sind. 

Im normalen Lebensverlauf beginnt die Entwicklung der Orga- 
nismen im intrauterinem Leben mit der Erweckung eines Wachsthums, 
das durch einen hohen Wachsthumsquotienten ausgezeichnet ist, beim 
Neugebornen ist der Quotient bereits niedriger und sinkt dann weiter 
von Periode zu Periode bis zur Vollendung des Wachsthums, dem Ende 
der Jugendzeit. Bis zu diesem Momente hat die Schaffung der Körper- 
gewichtseinheit bei den Thieren einen gleichheitlichen Energie- 
aufwand gekostet, nur der Mensch nimmt durch den grossen Energie- 
aufwand eine andere Stellung ein. 

Wenn also alle Thiere in das Stadium der Vollendung des Wachs- 
thums treten, nachdem sie bis dahin pro Kilo dieselben Energiemengen 
verbraucht haben, so ist der Gedanke naheliegend, auch zu fragen, 
wie sich denn dann die entsprechenden Werthe des relativen 
(pro ı Kilo Körpergewicht berechneten) Energieverbrauchs bis 
zum Lebensende verhalten; mit anderen Worten, ob irgend eine 
Beziehung zwischen dem Verbrauch an Energie und Lebens- 
dauer besteht und welcher Art dieselbe ist. Dieser Gedanke ent- 
wickelt sich logisch aus dem energetischen Wachsthumsgesetz; es fusst 
dieses auf experimentellen Thatsachen, nämlich der Feststellung eines 
gleichartigen relativen Energieverbrauchs in der ganzen Jugendperiode. 

Der Versuch, hierüber Aufklärung zu gewinnen, kann naturgemäss 
sich nur auf den Umfang der oben angestellten Beobachtungen er- 
strecken. Bis jetzt sind Bemühungen, die verschiedene Lebensdauer 
der Species zu erklären, überhaupt nicht gemacht worden. Allenfalls 
könnten als Versuche dieser Art nur zwei Vorkommnisse in der Litte- 
ratur hier genannt werden. 


44 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


Das Burron-Frourens’sche Gesetz ist aus dem Grundgedanken 
eines schematischen Aufbaues der Altersperioden der Thiere entstanden; 
es besagte aber nichts über die Gründe einer solehen Ordnung. 
Da Burron starb, ehe die neue Aera der Entdeckung des Sauerstoffs 
und seiner physiologischen Functionen ein Gemeingut der Wissen- 
schaft geworden war, konnten seinen Erwägungen natürlich auch keine 
präciseren Vorstellungen über die Art der maassgebenden Lebens- 
processe zu Grunde liegen. 

Es liess sich aber dieses Gesetz auch späterhin als keine physio- 
logische Nothwendigkeit voraussehen, da ja der Aufbau der lebenden 
Substanz in der Jugendperiode keineswegs auf denselben ernährungs- 
physiologischen Grundlagen beruht wie das Leben des ausgewachsenen 
Individuums. Die Neubildung der Organmasse und die Lebenserhaltung 
des erwachsenen Thieres sind verschiedene Processe. Es hat sich das 
Gesetz nach der Meinung der späteren Autoren überhaupt auch nicht als 
empirisches Mittel der Lebensdauerbemessung verwerthen lassen. Auch 
wenn man die hypothetische Voraussetzung hätte machen wollen, dass 
die Langsamkeit oder die Schnelligkeit des Wachsthums eine be- 
stimmte Function der Stoffwechselintensität im Sinne eines gleich- 
artigen Wachsthumsquotienten sei, was ja nicht a priori bewiesen ist, 
würde man über die Dauer des Lebens des ausgewachsenen Thieres 
aus rein physiologischen Gründen keine Aussage haben machen können. 

Die durch die allgemeine Erfahrung anscheinend begründete 
längere Lebensdauer der Thiere mit grosser Körpermasse hat später 
LorzE veranlasst, wenn man so sagen darf, eine Consumtions- 
hypothese aufzustellen. Der Erklärungsversuch, der sich wesentlich 
auf die Verschiedenheit der Grösse der mechanischen Arbeits- 
leistung gründete, ist aber ein sehr primitiver geblieben und wäre 
wohl auch bei näherer Betrachtung schwer zu begründen gewesen. 

Lorze meinte: »Grosse und rastlose Beweglichkeit reibt die 
organische Masse auf, und die schnellfüssigen Geschlechter der jagd- 
baren Thiere, der Hunde, selbst der Affen stehen an Lebensdauer 
sowohl dem Menschen als den grossen Raubthieren nach, die durch 
einzelne kraftvolle Anstrengungen ihre Bedürfnisse befriedigen.« Auch 
diese Hypothese ist namentlich von WEısmanx zurückgewiesen worden, 
indem er betonte, dass schnelllebige Vögel sogar träge Amphibien 
an Lebenslänge übertreffen können. 

Weder für die Frourens’schen noch für Lorze’s Anschauungen 
haben sich genügende Beweise finden lassen. 

Wenn man aber auch alle Einwände gegen diese Hypothesen 
wird gelten lassen müssen, so schliesst dies doch nicht aus, dass 
sich vielleicht im Thierreiche Gesetzmässigkeiten für die Lebens- 


Russner: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 45 


dauer finden lassen, die aber nur für bestimmte, vielleicht 
aber recht grosse Gruppen von Species Geltung haben 
könnten. Nur von diesem Gesichtspunkt ausgehend, habe ich bei 
den Säugethieren und dem Menschen versucht, ein Bild ihres Energie- 
verbrauchs während ihres ganzen Lebens festzustellen. 

Hier stösst man aber auf ausserordentliche Schwierigkeiten, die in 
der ungenügenden Feststellung des wahren Lebensalters liegen. 
Dies gilt weniger für den Menschen als vielmehr vor Allem hinsicht- 
lich des Alters der Thiere. Immerhin habe ich für einige Fälle ein 
verwendbares, wennschon nicht völlig einwandfreies Material gefunden, 
das in folgenden Zahlen sich wiedergegeben findet: 


Gewicht Lebensdauer Jugendzeit nee 
Pferd 450 kg 35 5 30 
Rind 450 » 30 4 26 
Mensch 60 » So 20 60 
Hund 2, RR ST 2 9 
Katze 3°,» 9-5 1-5 8 
Meerschweinchen 0.6 » 027 0.6 6 


Zur Feststellung des mittleren Energieverbrauchs für das ganze 
Leben nach der Jugendzeit kann man, um Vergleichszahlen zu er- 
halten, diese Berechnung am besten für den Ruhezustand durchführen, 
wobei aber zu bedenken ist, dass die wahren Werthe durch ge- 
legentliche Arbeitsleistung höher ausfallen können. Das Resultat war 
folgendes: 


Reincalorien (Kgrel.) pro Kilo für die 
Lebenszeit nach beendigtem Wachsthum 


Pferd 163900 
Rind 141090 
Mensch Mittel der Thiere 
Hund 164000 
Katze 223800 


Meerschweinchen 265000 


Soweit man es also bei der noch etwas unsicheren Altersbe- 
stimmung, besonders der kleineren Thiere, erwarten konnte, gehen 
die Werthe des Gesammtenergieverbrauchs wenigstens insoweit über- 
ein, dass man behaupten darf, ı kg Lebendgewicht der Thiere 
nach dem Wachsthum verbraucht während der Lebenszeit 
annähernd ähnliche Energiemengen. Nur der Mensch zeich- 
net sich durch seine ganz besonders hohen Zahlen des 
Energieumsatzes vor allen übrigen Organismen aus. Mit 
Rücksicht auf das für die Jugendzeit festgestellte Energiegesetz, das 


46 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


die gleichen Verhältnisse zum Ausdruck brachte, zeigt sich das Leben 
der Thiere durch einen weit niedrigeren, zwischen den Species wenig 
differirenden Krafteonsum gegenüber dem viel höheren Energieconsum 
des Menschen charakterisirt. 

Die lebende Substanz des Menschen bleibt ihrer ganzen 
Leistung nach durchaus nicht, wie man gewöhnlich mit Bedauern 
sagt, hinter den Leistungen anderer Warmblüter zurück, son- 
dern steht diesen im Gegentheil weit voran. 

Soweit reichen die Thatsachen. Mit ihrer Wiedergabe allein kann 
man sich nicht genügen lassen, denn es ist einleuchtend, dass bei einem 
so merkwürdigen gesetzmässigen Verhalten der lebenden Substanz doch 
tiefere Gründe, die auf das Wesen der letzteren sich gründen, voraus- 
gesetzt werden müssen. Das Protoplasma versagt seinen Dienst, wenn 
es bestimmt begrenzte, bei vielen Säugern gleichmässig grosse Leistungen 
vollzogen hat. 

Die Ergebnisse legen also ‚die Vermuthung nahe, es möchte die 
Begrenzung des Lebens vielleicht seine ursächliche Erklärung in 
dem Zusammenbruch der Zerlegungsfähigkeit des Proto- 
plasmas finden. Die Spaltung der Nahrungsstoffe und die damit ver- 
knüpfte Umwandlung der potentiellen Energie derselben ist mit fort- 
währenden Stellungsänderungen der Atomgruppirung des Protoplasmas 
verknüpft, mit Arbeitsleistungen in der lebenden Substanz auf Kosten 
der Nahrung, wobei sich die Nahrungsstoffe nach ihrem physiolo- 
gischen Verbrennungswerth vertreten. Die vorliegenden Zahlen würden 
also annähernd der Vorstellung entsprechen, dass die lebende Sub- 
stanz nur eine begrenzte Zahl von Lebensactionen der Zer- 
störung von Nahrungsstoffen ausführen kann, der schliesslich eine 
vollkommene Erschöpfung folgt. Bei kleinen Thieren ist die Summe 
dieser möglichen Leistungen schnell, bei grösseren erst in langen In- 
tervallen gegeben. Das Lebenssubstrat des Menschen zeichnet sich 
durch eine ganz besonders grosse Widerstandskraft aus, es ist aber 
kaum anzunehmen, dass es den einzigen Fall von Langlebigkeit in 
der Natur darstellen wird. 

Bei dem Kraftwechsel und der beständigen Bewegung innerhalb 
der lebenden Substanz müssen allmählich Schädigungen und irreparable 
Nachtheile eintreten, welche der absoluten Grösse des Energieumsatzes 
proportional gehen und allmählich zum Tode führen. 

Eine solehe Consumtion trotz genügender Ernährung ist vielleicht 
ein Gedanke, der uns nicht sehr wahrscheinlich klingen mag. Schliess- 
lich geht doch die Lebensbewegung und der Kraftwechsel weiter, seit- 
dem es Belebtes in der Natur giebt, ohne dass eine Erschöpfung dieser 
Leistungen anzunehmen wäre. 


Rusner: Das Wachsthumsproblem und die Lebensdauer. 47 


Die Erklärung ist, wenn man überhaupt eine Schwierigkeit des 
Verständnisses hier finden will, sehr einfach. Bei den einzelligen 
Wesen, die sich durch einfache Theilung fortpflanzen, giebt es, so 
sagt man, keinen Tod, jedes neu gebildete Wesen ist in gleicher 
Weise wieder tauglich zum Leben. 

Dieses Verhältniss wird nach Beobachtungen, die ich an Hefe- 
zellen angestellt habe, ein ganz anderes, wenn man durch einen 
Kunstgriff die Zellen zwingt, ohne Wachsthum zu leben. 

Man kann ihnen dieselbe Nahrung bieten, mit der sie sonst wachsen 
könnten, kommen sie aber nicht zur Vermehrung, so altern sie und 
gehen in wenigen Tagen zu Grunde. Sie sind jetzt in diesem wachs- 
thumslosen Zustand erstaunlich kurzlebig geworden. Nur das Wachs- 
thum, die Umformung und neue Mischung der Materie ist 
der Urquell des Lebens, nur sie können die Folgen einer ein- 
seitigen Lebensäusserung, wie der Kraftwechsel eine ist, 
beseitigen. 

Bei dem erwachsenen Säugethier ist aber diese Umformung und 
Mischung völlig ausgeschlossen. Mit der Erreichung des Endes der 
Jugendzeit, ja, schon einige Zeit vorher, wird die Potenz des Wachs- 
thums in den Fortpflanzungsorganen concentrirt. 

Von einem bestimmten Zeitintervall ab treten die das Wachs- 
thumsprineip enthaltenden Potenzen an die Geschlechtsorgane, und die 
übrigen Zellen des Organismus verlieren die Fähigkeit, weiter sich zu 
entfalten. Die maximale Grösse der Species ist erreicht. 

Ob wir nun diesen Termin als etwas einfach in der Organisation 
Liegendes betrachten wollen oder ob die lebende Substanz der Zellen 
des Körpers nach einer gewissen energetischen Leistung das Wachs- 
thumsprineip leichter an die Geschleehtsdrüsen abgibt, mag unent- 
schieden bleiben. 

Es wird Aufgabe der Zukunft sein, die Gültigkeit dieser Gesetze 
näher zu erforschen; voraussichtlich werden sich verschiedene Gruppen 
gleich eonstruirter »lebender Substanzen« ergeben, deren gegenseitiger 
Vergleich uns vielleicht dann weitere Gesichtspunkte zu erneuter 
Forschung giebt.' 


! Die ausführlichen Mitteilungen meiner Untersuchungen werden an anderer 
Stelle erfolgen. 


Sitzungsberichte 1908. 6 


48 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


Über rezente allochthone Humusbildungen. 


Von Prof. Dr. H. Poronıe. 


(Vorgelegt von Hrn. Branca.) 


Seit Jahren beschäftigte ich mich mit den rezenten Humus- und 
verwandten Ablagerungen, ursprünglich nur in der Absicht, aus dem 
Vergleich der Entstehung dieser rezenten Bildungen mit den Tat- 
sachen, die die fossilen Humus- usw. Ablagerungen bieten, für die Genesis 
der letzteren Daten zu gewinnen. 

Im Hinblick auf die noch vielfach hervortretende Neigung, die 
Steinkohlenlager als allochthon anzusehen, d. h. als entstanden aus an- 
geschwemmtem Pflanzenmaterial (Pflanzenteile an zweiter Lagerstätte), 
ist es daher von besonderem Wert, nun wirklich einmal einige 
rezente Vorkommnise dieser Art in ihrer Erscheinungs- und ihrer 
Entstehungsweise genauer kennen zu lernen. Zu dem Zwecke habe 
ich in 1906 zwei Fälle näher untersucht. Der Darlegung schicke 
ich die folgenden Definitionen voraus: 

Wo es sich um einen Transport von lebendem oder im Absterben 
begriffenem oder eben abgestorbenem Material handelt, sei von Ver- 
schwemmung die Rede bzw. von Sschwemmhumus für das ent- 
stehende Gestein, das sein kann Schwemmoder oder Schwemm- 
torf; findet jedoch eine durch Wasser bewirkte Umlagerung von 
bereits gebildetem Humus statt, so sei von Schlämmhumus ge- 
sprochen, der sein kann Schlämmoder oder Schlämmtorf. Hier- 
bei erfolgt ein Ausschlämmen und Schlämmen eines bereits 
durch Zersetzung entstandenen brennbaren Bioliths, eines Kausto- 
bioliths, womit naturgemäß eine mehr oder minder weitgehende Sepa- 
ration der Bestandteile nach ihrem Gewicht und nach ihrer Größe 
verbunden ist. 


H. Poronız: Über recente allochthone Humusbildungen. 49 


1. Schwemmhumus. 


Über Schwemmtorf verweise ich auf die Darlegungen, welche 
ich in meiner Klassifikation und Terminologie der rezenten brenn- 
baren Biolithe und ihrer Lagerstätte 1906 S. 71 gegeben habe". 

Schwemmoder. Wie die allbekannte Tangstranddrift auffällige 
Strandwälle erzeugen kann, so können dies auch angeschwemmte 
Pflanzenreste, die, ursprünglich dem Lande angehörend, ins Wasser 
geraten sind und nun von diesem wieder auf ein Ufer gebracht 
werden. Bei uns ist besonders auffällig die aus Röhrichtbestand- 
teilen, besonders Stengelteilen von Rohrschilf (Arundo phragmites) 
zusammengesetzte Stranddrift, die in mehr oder minder mächtigen 
Ansammlungen vorkommt, freilich oft genug nur von niederge- 
legten und zu natürlichem Häcksel mehr oder minder zerkleinerten 
Massen der an demselben Ufer wachsenden Röhrichtpflanzen her- 
stammend. Dieses Material kann sich ebenfalls zu Strandwällen an- 
häufen; sie begleiten die Ufer unserer havelländischen und anderer 
Gewässer, wie z. B. die Ufer des Müggelsees. Nur selten erhalten 
sich solche Ansammlungen in bemerkenswerteren Schichten, da oft 
genug alles verwest; insbesondere aber, weil diese Stranddrift von 
der Kultur beseitigt wird, und zwar dort, wo sie bis 1.5 m mächtig 
werden kann, wie an der Südküste des Stettiner Haffs, durch Ver- 
brennung, damit die bedeckten lebenden — oft zum Schutz der 
Küste und im Interesse von Landgewinnung” erst angepflanzten — 
Röhrichtbestände nicht »erstickt« werden. Freilich ein wirkliches 
vollständiges Ersticken des Rohrschilfes speziell würde nur bei aus- 
nahmsweise mächtigen Aufschüttungen erfolgen können, da Arundo 
phragmites die Fähigkeit besitzt, durch recht dicke Schichten wieder 
durchzustechen; aber die durchstechenden Sprosse bleiben doch zu- 
nächst kleiner und nehmen erst nach und nach wieder nutzbringende 
Größe an. 

Eine natürliche mächtigere Ablagerung von Landpflanzenstrand- 
drift hat C. Schröter in der von ihm gemeinsam mit O. Kırcaner her- 
ausgegebenen Arbeit: »Die Vegetation des Bodensees«° beschrieben. 
Er bezeichnet die Ablagerung als »Schwemmtorf«, und zwar setzt er 
hier das Wort selbst in Anführungsstriche; weiter unten sagt er dann 
nur: »Überführung mit Gesteinsmaterial würde zweifellos solche An- 


! Von dieser Schrift erscheint von der Königlich Preußischen Geologischen 
Landesanstalt herausgegeben eine sehr erweiterte 2. Auflage unter dem Titel »Die 
rezenten Kaustobiolithe«. 

2 So z.B. am Stettiner Haff, am Kurischen Haff, am Bodensee usw. 

® Bodenseeforschungen, Neunter Abschnitt II. Lindau 1902. S. 39—42- 


6* 


50 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


häufungen zu einer ‚torfähnlichen‘ Schicht zusammenpressen.« J. Frün 
hingegen' nennt das Material solcher Ablagerungen ohne Beschränkung 
Schwemmtorf. Ich erwähne das, weil aus dem Weiteren hervor- 
gehen wird, daß es besser zu den Moderbildungen (Schwemmoder) 
gerechnet wird. 

Schröter beschreibt a. a. OÖ. die größeren der in Rede stehenden 
Ablagerungen wie folgt: 

»Die braunen Pflanzentrümmer bestehen aus abgerollten Holz- 
stücken, Zweigfragmenten, Rindenfetzen, Rhizomteilen usw. und bilden 
eine über metertiefe Aufschüttung, in welcher die sukzessiven Wasser- 
stände ihre parallel verlaufenden ‚Strandlinien‘ hinterlassen haben. 
Die Masse hat das Aussehen eines lockeren Torfs; sie ist von Wasser 
durchtränkt, und man sinkt tief darin ein; die Grundlage bildet der 
vollständig zerriebene feinere Detritus; eingestreut sind größere Pflan- 
zenfragmente, die am Wasserrande von den Wellen hin- und herge- 
tragen werden.« Kırcnser” hat auch bernsteinähnliche Gerölle von 
»Fichtenharz« im Schwemmoder von Langenargen gefunden. 

Ich habe zum Studium solcher Ablagerungen das Ufer des Boden- 
sees untersucht und kann danach das Folgende berichtigen. 

Was zunächst die mächtigste Ablagerung angeht, die sich zwischen 
der Schussenmündung und Langenargen (im Württembergischen) be- 
findet, so stammt ihr Material von den Ufern der in den Bodensee 
mündenden Schussen, die bei Hochwasser zeitweilig viel Pflanzen- 
material erhält, wie ich das selbst noch zu beobachten in der Lage 
war, was aber nach Vervollständigung der begonnenen Regulierung 
ganz hintangehalten werden wird. Die Überschwemmungen schaffen 
auf den anliegenden Streuwiesen Abraum, der zum Teil mitgenommen 
wird, und das bewegtere Wasser des Flußbettes selbst bringt an den 
Steilküsten Bäume zum Sturz und reißt sie zum Teil mit sich fort. 
Als ich Ende August 1906 dort war, waren noch die Folgen aus 
dem Frühjahr zu beobachten. Der Fluß hatte durch reißende Gewalt 
von einer östlichen Steiluferstrecke ganze Stücke mit Vegetationsbe- 
stand, darunter große und ziemlich viele Bäume zum Sturz gebracht. 
Sobald das verschwemmte Material in das Wasser des Bodensees 
gerät, beginnt der Kampf zwischen der im Norden einmündenden 
Schussen, die es hinauszuführen bestrebt ist, wie ihr bereits eine 
mächtige Sandbank im Bodensee vorgelagert ist, und zwischen dem 
von dem vorherrschenden West- und Südwestwinde gepeitschten 
Bodenseewasser. So kann’ bei Sturm in einem einzigen Tage 


! Frün und Scarörer: Die Moore der Schweiz, 1904, S. 213. 
2a OMSFAONU TAT: 
® Nach zuverlässiger Mitteilung des Hrn. Handelsgärtners Albert Schöllhammer. 


ar 


H. Poronıe: Über recente allochthone Humusbildungen. 51 


so viel Pflanzendetritus an den Strand geworfen werden, 
daß 2m mächtige Ablagerungen entstehen; wesentlich aus 
Material, das namentlich im Frühjahr, von der Schussen herausgeführt, 
Zeit hatte, sich voll Wasser zu saugen und daher vor der Sandbank 
unterzusinken, um auf dem Boden des hier flachen Seewassers abge- 
lagert zu werden. Das Material wird naturgemäß mehr oder minder 
separiertt an den Strand geworfen und wird von den Anwohnern 
»Seekot« auch »Gemür« genannt. 

Das in Rede stehende Lager befindet sich im Besitze des Hrn. 
SCHÖLLHAMMER, der es zur Verwendung bei seinen Kulturen als »Garten- 
erde« abbaut. Zu der Zeit, als ich dort war, war es ziemlich tief ganz 
ausgetrocknet: ist es doch durch seine Lage am Nordufer des Sees 
der direkten Sonnenwirkung stark ausgesetzt. Hiermit dürfte es zu- 
sammenhängen, daß es mir bei diesem und überhaupt bei so expo- 
nierten Lagern nicht gelungen ist, in ihnen auch nur einen Regen- 
wurm zu finden; auch Hr. ScnörLLuammer hat in seinem Lager nie 
einen solchen gesehen. Es steht dies ganz in Gegensatz zu den Ab- 
lagerungen gleicher Art an vor der Sonne geschützteren Stellen am Süd- 
ufer des Bodensees (auf der Schweizer Seite), z. B. östlich von Rorschach, 
wo ich im Schwemmoder zahlreiche Regenwürmer auffand, während in 
bergfeuchtem Torfe (unentwässerter Reviere) eben Regenwürmer und ihre 
Begleiter niemals vorhanden sind. Die Ablagerungen sind verschieden, 
je nachdem ihr Material eine geringere oder größere Verschwemmung 
bzw. Wassereinwirkung erlitten hat. Ist dieser Einfluß gering, so 
sind die Materialien weit weniger ausgelaugt als die z. B. von der 
Schussen gelieferten. Aber auch da, wo die Auslaugung eine ge- 
ringere ist, ist doch der Einfluß der Atmosphärilien meistens ebenso 
weitgehend wie dort, wo sich — wie in geeigneten Wäldern — Moder 
bildet. Schwemmtorf könnte aus Pflanzendetritus nur da entstehen, 
wo dieser frisch in gehörigen Lagen an den Strand kommt und schnell 
genug, wie bei der Torfbildung, zum hinreichenden Abschluß vor den 
Atmosphärilien gelangt oder wo er unter stagnierendes Wasser gerät. 

Außer Rohrschilfresten finden sich in den in Rede stehenden 
Schwemmoderlagern, deren Bestandteile alle den Charakter von natür- 
lichem Häcksel tragen, Holzstücke und Gerölle, Blattreste der ver- 
schiedensten Pflanzenarten, Kiefern- und Fichtenzapfen und andre 
Früchte und Samen. Die Samen, wenn nicht gerade ganz frisch her- 
zugeführt, nur von solchen Arten, die eine resistentere Schale be- 
sitzen. So ist es bemerkenswert, daß von Quercus-, Corylus-, Aesculus- 
Samen sich nur die hohlen, leeren Schalen finden, ein Hinweis auf 
die reichlicheren Verwesungsbedingungen, die herrschen, so dal das 
zurückbleibende Gesamtmaterial in der Tat als Moder anzusprechen 


52 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


ist. Diese vielen, oft nur kleinen, zuweilen ohne bemerk- 
bare Öffnungen versehenen leeren Schalen geben eine gute 
Erklärung ab für die Entstehung der so häufigen fossilen 
Samensteinkerne, z.B. des Karbons. Alles leichter Zersetzliche 
überhaupt ist in diesem Schwemmoder verschwunden, sehr gegen- 
sätzlich zum Torf, in dem sich, sofern die Objekte von vornherein 
unter reine Fäulnisbedingungen geraten, noch leichtzersetzliche Teile 
vorfinden'. 

Auch ich war in der Lage, bernsteinähnliche Harzgerölle 
in diesem rezenten Schwemmoder, von der Fichte und wohl 
auch der Kiefer, zu beobachten, sowie von harzigen Substanzen, mit 
denen die Schiffe bestrichen werden. Bei der Veränderung, die diese 
Harzstücke erlitten haben, werden sie von Anwohnern direkt wie Ko- 
lophonium für Streichinstrumente benutzt. 

Hr. ScuöLLuanmer machte mich darauf aufmerksam, daß alter, 
sehr stark zersetzter Schwemmoder, einmal ausgetrocknet, kein Wasser 
mehr annimmt. Bei der schweren Zersetzbarkeit von Harz ist diese 
Erscheinung wohl auf eine Anreicherung an harzigen Substanzen zu- 
rückzuführen, und das gibt einen Wink, wie man sich die Ent- 
stehung des rezenten Denhardtits” und des tertiären Pyro- 
pissits vorzustellen hat. 


2. Schlämmhumus. a 


EBERMAYER hat seinerzeit unter dem Namen Alpenhumus’ auf einen 
fast pulverförmigen Humus der nördlichen Kalkalpen hingewiesen, der 
bisweilen meterdicke Schichten bildet, auf denen Hochwald stockt. 
Regenwürmer sind höchst selten, nur ganz vereinzelt vorhanden. Nach 
dieser und der weiteren Beschreibung EsBEruAYERS ergibt sich nichts 
über die Genesis des Alpenmoders, die auch bis heute unbekannt ge- 
blieben ist‘. Ich habe daher die Kalkalpen, und zwar den Rätikon 
besucht, um den Versuch zu machen, die schwebende Frage aufzu- 
klären. Die Auffindung des Gesteins selbst machte keinerlei Schwierig- 
keiten; es fand sich in kleinen, gelegentlich auch größeren Ansamm- 
lungen und entsprach in jeder Hinsicht der Beschreibung EBERMAYERS. 

Die Genesis des von mir untersuchten Alpenmoders findet nun 
die folgende Erklärung: 


! Vgl. die bezügliche Zusammenstellung sowie über die Begriffe Fäulnis usw. 
meine vorn zitierte Klassifikation, besonders die 2. Auflage derselben. 
®2 Vgl. meine Klassifikation S. 81. 
Alpenmoder, Powonız, Klassifikation S. 76. 
* Vgl. z.B. Ramanns Bodenkunde, 2. Auflage 1905, S. 156 und 177. 


H. Poronı£: Über recente allochthone Humusbildungen. 53 


Die dicht in Polstern und Rasen aufwachsenden Pflanzen haben 
die Neigung, Trockentorf (= Rohhumus) zu bilden, in hervorragendem 
Maße. Aber nicht die stoffliche Zusammensetzung solcher Arten ist 
es, die sie zur Humusbildung prädestiniert, sondern nur die Tatsache, 
daß sie durch ihren Aufbau die Wirkung der Atmosphärilien auf den 
Boden durch die Bildung einer diehten Decke mehr oder minder ab- 
zuhalten vermögen. Gerade unter den Alpenpflanzen sind nun polster- 
und rasenbildende Arten bekanntlich eine gewöhnliche Erscheinung 
und daher ebenso die Bildung von Trockentorf aus diesen Arten dort, 
wo die Bedingungen für eine Humusbildung günstige sind. An sol- 
chen Örtlichkeiten bilden auch solche Pflanzenarten Trockentorf, die 
auch gern in großen Beständen und unter Umständen vorwiegend dort 
leben, wo die Bedingungen zur Humusbildung fehlen. Das ist z.B. 
der Fall mit Nardus stricta, die auf dem St. Gotthard Trockentorf er- 
zeugt, besonders zwischen den dortigen »roches moutonne@es« und auch 
auf diesen. Es beteiligen sich hier die verschiedensten Pflanzen an 
der Trockentorfbildung, wie Carex curvula und Goodenoughü, Salix, 
Eriophorum Scheuchzeri. Man kann ihn als Alpentrockentorf bezeich- 
nen, wenn man Wert darauf legt, auszudrücken, daß dieser Trocken- 
torf in den Alpen u.a. wesentlich aus Alpenpflanzenarten hervorge- 
gangen ist. Noch weitergehend könnte man von Carex curvula-Trocken- 
torf usw. sprechen, wenn einmal ein ausschließlicher oder fast aus- 
schließlicher Bestand einer bestimmten Art vorhanden ist. Der Florist 
wird aus solchen Bezeichnungen vielfach entnehmen können, woher 
der 'Trockentorf stammt, z.B. wenn er Carex firma-Trockentorf hört, 
daß es sich um einen Trockentorf der Kalkalpen handelt und wenn 
von Carex curvula-Trockentorf die Rede ist, daß dieser seine Lager- 
stätte auf Urgestein gehabt haben dürfte. Aber eine weitere Bedeu- 
tung haben solche Zusätze zu dem Begriffe » Troekentorf« im allge- 
meinen nicht, zumal da der auf die Eigenart der Bodenbeschaffenheit 
gebotene Wink nicht unbedingt stets zu entnehmen ist; denn wenn 
auch die betreffenden Arten freilich meist in ihrem Vorkommen auf die 
genannten Gesteine beschränkt sind, so ist es doch nicht immer sicher 
der Fall. So kommt das das Urgebirge liebende Rhododendron fer- 
rugineum auch gern auf Humus vor neben dem kalkholden Rhododen- 
dron hirsutum in den Kalkalpen, wenn nur hier eine genügende Humus- 
lage gebildet worden ist, wie z.B. am Lüner See, wo ich übrigens 
auch den Bastard zwischen beiden Arten fand. Es ist dabei wohl 
zu beachten, daß wir über die Eigenschaften, die die einzelnen Pflanzen- 
arten dem Trockentorf geben, meist gar nicht unterrichtet sind; und 
dann ist noch zu berücksichtigen, daß durchaus nicht gesagt ist, daß 
ein Vorkommen z.B. von Carex curoula auf einem Trockentorf diesen 


54 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


nun als aus der genannten Pflanze entstanden ergibt, denn es kann 
die Vegetation gewechselt haben. Es hat also wenig Wert, von Carex 
curvula-, Eriophorum alpinum- usw. Trockentorf zu sprechen. Vor der 
Hand — bis sich die Notwendigkeit weiterer Gliederung ergibt — 
würde es daher genügen, von Alpentrockentorf zu reden. 

Besondere Einflüsse können nun aus dem Trockentorf die Ent- 
stehung bemerkenswerter Moderbildung veranlassen. 

Geeignet für eine solche Untersuchung über die Genesis des 
Alpenmoders fand ich im Rätikon die Strecke zwischen Brand und 
dem in 1924 m Meereshöhe liegenden höchstgelegenen größeren Alpen- 
see, dem Lüner See, und noch weiter hinauf auf dem Wege zum 
Scesaplanagipfel. Bei der Schattenlaganthütte (auf dem Wege von 
Brand nach dem Lüner See) findet sich ein Alpenmoderlager bis $ m 
mächtig mit Waldbestand. 

Die Entstehung dieses Moders ist dort die folgende. 

An hinreichend steilen Hängen drückt der im Winter auflagernde 
Sehnee auf die Trockentorfdecke nach abwärts, so daß diese Decke 
zu kleineren oder größeren Schollen auseinanderreißt; sie erhalten 
dadurch zwischen sich freie Bahn für die Wirkung der Atmosphä- 
rilien. Wo nun vermöge größerer Steilheit des Gehänges die Schnee- 
decke das Bestreben einer stärkeren Abwärtsbewegung aufweist, kippt 
er die Schollen um, indem sie dabei vielfach um 90° nach abwärts 
gedreht werden. Die Pflanzendecke dieser Scholle ist nunmehr senk- 
recht zum Gehängewinkel gerichtet, und der Humus selbst liegt dann 
zu Tage. Die dadurch bedingte leichtere Zugänglichkeit des Humus 
für die Atmosphärilien ist die Ursache für seine Umarbeitung zu 
Moder und für seine leichtere Angreifbarkeit durch herabfließendes 
und rieselndes Wasser; daher denn auch die häufigen Andeutungen 
von vertragenem Humus (Schläimmhumus) in den geeigneten Gebieten. 
Vielfach findet sich solcher Schlämmhumus, und zwar speziell Schlämm- 
moder, z. B. auf dem Wege zwischen dem Lüner See und einem kleinen 
See vor dem Scesaplanagipfel. Sogar auf tieferliegenden Schnee- 
feldern kann man solchen aus Trockentorf hervorgegangenen und 
nicht nur durch Wasser transportierten, sondern auch durch Wind 
dislozierten Alpenmoder beobachten. Solche Schneefelder sind dann 
mit einem schwarzschmutzigen Anfluge behaftet, der, wie es scheint, 
hier und da mit Kryokonit verwechselt worden ist. Ein schönes Bei- 
spiel bot mir Ende August 1906 das als Miniaturgletscher entwik- 
kelte Schneefeld, das in den kleinen See mündet, der sich bei der 
toten Alpe vor dem Scesaplanagipfel befindet. 

Der Schneedruck des nächsten Winters arbeitet in dem ange- 
gebenen Sinne fort, d.h. schiebt und überkippt die Humusschollen 


H. Poronıe: Über recente allochthone Humusbildungen. 55 


weiter talabwärts. An ruhigeren, weniger steilen Stellen häuft sich 
der wandernde Humus durch Ausschlämmung und Wassertransport, 
vermengt mit Gesteinsblöcken, zum großen Teil Steinschlag, an und 
bildet Lager, die einen Hochwald zu tragen vermögen. Daß der 
Humus solcher Lager kein typischer Torf werden kann, ist klar; denn 
die Atmosphärilien haben hier weitgehenden Zugang, und Torf for- 
dert für seine Entstehung möglichsten Abschluß derselben. 

Ist ein Hang so steil, daß er einer Vegetation, die Trockentorf bildet, 
nicht oder nur untergeordnet, etwa an Treppenvorsprüngen, Halt ver- 
leiht, so ist Alpenmoder am Fuße eines solchen Hanges nicht zu finden. 

Der Alpenmoder ist pulverig, krümelig, er kann aber auch bei 
dichter Packung von torfähnlichem Habitus sein; er ist dann zwar 
dicht, aber zerfällt außerordentlich leicht. Die in dem Moder vor- 
kommenden Steine charakterisieren sich durch ihre frische und eckig- 
kantige Beschaffenheit, wie gesagt, als Steinschlag, als frisches Bruch- 
material. 

Regenwürmer müssen im Alpenmoder in der Tat selten sein, 
obgleich sie eigentlich in demselben auftreten müßten; ich selbst habe 
keine beobachtet: vielleicht ist aber die Durchschnittstemperatur in den 
Regionen, in denen Alpenmoder auftritt, für diese Würmer zu kalt, 
die für die Gestaltung der Humusböden so überaus wichtig sind. 

So entsteht denn aus Trockentorf durch weitere Zerset- 
zung und durch Verschleppung des gebildeten Materials 
typischer Moder ohne jede Mitwirkung von Regenwürmern, 
wie das in gleicher Weise der Fall ist bei der Entstehung von Torf- 
moder (Staubtorf, Bunkerde) aus Moortorf nach der Entwässerung 
von Mooren auf ihrer Oberfläche, der dann aber meist sehr bald eine 
Besiedelung von Regenwürmern erfährt. 

Wo die Bodenbewegung durch die periodischen Einflüsse des 
Wassers zu lebhaft ist — und das ist in den Alpen meist der Fall 
— vermag sich natürlich kein Alpenmoder zu halten, wenigstens 
nicht in mächtigeren Ablagerungen. Diese finden sich daher wesent- 
lich an dem Fuß der Hänge, an den Grenzen zwischen Talsole und 
Steilhängen, wie das schon erwähnte Vorkommen bei der Schatten- 
laganthütte. Der in dem Moder stockende Wald selbst erzeugt durch 
seine Streu Trockentorf und etwas (autochthonen) Moder; so daß zwar 
der Schlämmoder den bei weitem überwiegenden Teil ausmacht, je- 
doch noch anderes hinzukommt. In diesem Alpenmoder sind also 
vorhanden: 

a) Allochthone Bestandteile: 

I. Schlämmoder, 
2. Steinschlag; 


1 


Sitzungsberichte 1908. 


56 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 16. Januar 1908. 


b) Autochthone Bestandteile: 
3. Waldtrockentorf, 
4. Waldmoder. 

Die Tatsache, daß es gerade die Kalkalpen sind, die 
dureh solche Ablagerungen ausgezeichnet sind, steht aber 
mit dem Kalk an sich in keinem Zusammenhange, etwa durch 
irgendeinen chemischen Einfluß, den dieser auf die Bildung des Moders 
ausüben möchte. Wie denn auch in den Kalkalpen auf dem Moder 
bzw. Trockentorf kalkfliehende Pflanzenarten wachsen, vorausgesetzt, 
daß die Moder- bzw. Trockentorfschicht eine genügende Isolierschicht 
bildet. Findet sich doch, wie gesagt, unter solchen Bedingungen 
selbst Rhododendron ferrugineum in den Kalkalpen. Das Vorkommen 
von reichlicherem Alpenmoder gerade in den Kalkalpen erklärt sich 
vielmehr dadurch, daß bei der vergleichsweise leichten Verwitterbar- 
keit des Kalkes Steilhänge und dadurch bewegte Verhältnisse hier 
ständig sind, also für eine Bewegung des Trockentorfes seine Um- 
bildung zu Moder und für die Verschleppung desselben die günstig- 
sten Bedingungen herrschen. 

Ist dem so, so muß unter Umständen auch in Gebirgen 
aus anderem Gesteinsmaterial — etwa Granit oder Sandstein 
— »Alpenmoder« entstehen können, wenn auch meist nicht 
in so auffälliger Entwicklung wie in Kalkgebirgen. In der Tat ist 
dies der Fall, wie mich Beobachtungen im Buntsandsteingebiet des 
Schwarzwaldes lehrten, wo sich vielfach geringere Mengen von » Alpen- 
moder« derselben Entstehung aus Trockentorf —- wenn auch hier na- 
türlich nicht von Alpenpflanzen — vorfinden. 

Anschließend sei darauf hingewiesen, daß die ruhelosen Boden- 
verhältnisse, die in geologisch jüngeren und daher noch stark der Ab- 
tragung und starker Wasserzirkulation unterliegenden hohen Gebirgen 
vorhanden sind, die Hauptursache dafür abgeben, daß sie Moorbildun- 
gen nur untergeordnet entwickeln, sowohl in ihren ständigen feuchten 
Höhenlagen, als auch in ihren Tälern. Im Gegensatz zu den ursprüng- 
lich ebenfalls hohen, aber jetzt alten und älteren Gebirgen, wie dem 
Riesengebirge, dem Harz und dem Schwarzwald, die durch ihre ruhi- 
geren Oberflächenformen in ihren feuchten Höhen günstige Bedingungen 
für die Entstehung und das Festhalten von Moortorf bieten, der freilich 
durch die künstliche Entwässerung der Moore immer mehr reduziert 
wird. Werden erst einmal die Alpen in ihr Altersstadium getreten sein, 
so werden auch sie die Bedingungen für die Entstehung größerer Moore 
erreicht haben. Einen schönen Beleg hierzu bietet die von Frün' 


! Frün und Schrörer, Die Moore der Schweiz. 1904. 


- 


H. Poronıe: Über recente allochthone Humusbildungen. 57 


gegebene Moorkarte der Schweiz, auf der zwar sehr zahlreiche und 
große Moore im Vorlande der Alpen, im »Mittellande« der Schweiz, 
angegeben sind, jedoch nur sehr spärliche, kaum beachtenswerte 
Torfvorkommen in den Alpen selbst. 

Aus der vorausgehenden Darstellung ergibt sich, daß von rezenten 
Humusbildungen, sofern sie allochthon sind, unterschieden werden 
können: 

I. Von Moderarten: 

a) Schlämmoder (= Alpenmoder) und 

b) Schwemmoder (= sogenannter Schwemmtorf‘). 
II. Von Torfarten: 

a) Schlämmtorf und 

b) Schwemmtorf. 


Im vorstehenden ist also für zwei Fälle wirklich das 
Vorhandensein von Allochthonie dargetan worden. Aber 
selbst zusammen mit den anderen bekannten Fällen soleher 
Art handelt es sich doch immer nur um beschränkte Vor- 
kommnisse gegenüber der ungeheuren Menge und Ausdeh- 
nung autochthoner Bildungen: der Moore. Dasselbe aber 
gilt doch auch sicher bezüglich der Genesis der fossilen 
Kohlen. 


Ausgegeben am 23. Januar. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei 


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SITZUNGSBERICHTE 1908. 
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KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Diers. 


* Hr. Stumer trug vor: »Zur Theorie des inductiven 


Schlusses.« 

Der Schluss von Thatsachen auf Gesetze setzt in dreifacher Weise apriorische 
Erkenntnisse voraus: ı. sofern der Begriff eines Gesetzes überhaupt nur aus der Ver- 
gegenwärtigung apriorischer Wahrheiten gewonnen werden kann, 2. sofern die Wahr- 
scheinlichkeitsprineipien, nach denen sich die Glaubwürdigkeit der Gesetzeshypothese im 
einzelnen Falle bemisst, aus dem Begriffe der Wahrscheinlichkeit analytisch, also aprio- 
risch, einleuchten, 3. sofern der Zusammenhang zwischen den Prämissen und dem 
Schlusssatze, wie in jedem richtigen Schlusse, so auch im inductiven einen a priori ein- 
leuchtenden Satz ergeben muss, wenn man jenen Zusammenhang zum Inhalt eines 
Urtheiles macht. 


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Sitzungsberichte 1908. 


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IV. 


_SITZUNGSBERICHTE 
KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


ADENIE DER WISSENSCHAFTEN. 


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EuuE? 
Festrede.. (S. u 
ahre esberichte über die akademischen Unternehmungen und Jahresberichte der Stiftungen. (S. 81) 
die ‚Personalveränderungen. (S. 116) 


St 
RK GLICHEN. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 
et: = 4 Neo 

1 | COMMISSION BEI GEORG REIMER. 


Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 


Aus $1l. 

Die Akademie gibt gemäss $ 41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften « 
und » Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften «. 

Aus $ 2. 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberichte« oder die 
»Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
deimischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuseript zugleich einzuliefernist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

83. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

SA. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photographische Original- 
aufnahmen u.s. w.) gleichzeitig mit dem Manuseript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen, 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazueine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Secretar zu 
richten, dann zunächst im Secretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Secretariat geboten. 

Aus $5. 

Nach der Vorlegung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manuseripts an den 
zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Nichtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der »Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. - 


(Fortsetzung auf S. 3 des Umschlags.) 


Aus $6. } 

Die an die Druckerei abzuliefernden Manusceriptemüssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des Manuscripts vorzunehmen, 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correetur soll nach 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehlern 
und leichten Schreibversehen hinausgehen, Umfängliche 
Correcturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- - 
girenden Secretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 1 

Aus $8. \ 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 1} 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Sonder- . 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- . 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. i | 

Von Gedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrucke 
für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 4 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 1 

89. # 

Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberiehten 3 1 

1 


erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- | 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis | 
zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, | 
sofern er (liess rechtzeitig dem redigierenden Seeretar an- j j 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abidrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt- Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder ethalten 50 Frei- 
exemplare uni dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Seeretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 2 
Von den’Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. I 
My 2 
Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung dar 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jene: 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


23. Januar. Öffentliche Sitzung zur Feier des Geburtsfestes Sr. Majestät 
des Kaisers und Königs und des Jahrestages König Frıeprıcn’s 1. 


Vorsitzender Secretar: Hr. WALDEYER. 


Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung, welcher der vorgeordnete 
Minister, Se. Excellenz Hr. Dr. Horrr, beiwohnte, mit einer Ansprache, 
in der unter Hinweisen auf die Feiern der Königlichen Geburtstage 
in den Jahren 1808 und 1858 dem Kaiserlichen und Königlichen 
Protector die Glückwünsche der Akademie und der Dank für die im 
Jahre 1907 bewilligten wichtigen dauernden Zuwendungen darge- 
bracht wurden. 

Sodann hielt Hr. Koser den nachstehenden wissenschaftlichen 
Festvortrag: 


Die Mitteilung, die ich dieser Versammlung an dem heutigen 
zwiefachen Festtage zu bieten habe, wird den beiden erhabenen Fürsten, 
denen unsere Feier gilt, zu gleichen Teilen gedankt. Durch die Huld 
Seiner Majestät des Kaisers, der aus seinem Dispositionsfonds die er- 
forderlichen Geldmittel freigebig zur Verfügung stellte, ist die Staats- 
archivverwaltung in die Lage versetzt worden, den größten Teil der 
Originalbriefe König Frırprıcns Des GroszEn an VOLTAmE von den 
Erben des Dichters anzukaufen. Ergänzungen zu dieser überaus wert- 
vollen Erwerbung ließen sich bei vier verschiedenen Gelegenheiten 
auf dem antiquarischen Markte gewinnen. So ist jetzt ein beträcht- 
licher Teil des Nachlasses von VorrAme in preußischen Archiven ge- 
borgen, nachdem andere Teile schon bald nach dem Tode des Dichters 
in den Besitz der russischen Regierung übergegangen waren. Wie 
Vorrame selber bei Lebzeiten auf dem Boden seines Vaterlandes keine 
bleibende Stätte gefunden hat, ist jetzt also auch diesen hinter- 
lassenen Schriftensammlungen in der Fremde eine Unterkunftsstätte 
bereitet worden. 


Sitzungsberichte 1908. 9 


ID 


6 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Es ist nicht meine Absicht, heute über die neue Ausgabe des 
Briefwechsels zwischen Frırprıcn DEM (ROSZEN und VOLTAmRE zu be- 
richten, die auf Grund der von uns erworbenen Handschriften vor- 
bereitet wird und demnächst erscheinen soll. Auch will ich nicht 
unternehmen, den sich über zweiundvierzig Jahre hin erstreckenden 
Verkehr zwischen dem König und dem Dichter zu schildern, wie 
das oft und an andrer Stelle auch von mir selber versucht worden 
ist. Vielmehr soll aus der Masse der neu gehobenen Schätze nur 
ein einzelnes Stück, eine bisher unbekannte Dichtung des Königs, 
herausgegriffen und mitgeteilt werden. Eine Ode, die in mehr als 
einer Richtung Stoff zur Betrachtung und Anlaß zur Erörterung bietet. 
Indem dieses Gedicht hier zur Mitteilung gelangt, wird für den heu- 
tigen Tag lediglich eine alte Überlieferung der Akademie wieder auf- 
genommen; denn mehr als einmal sind zu Lebzeiten des Großen 
Königs, der nicht nur der Wiederhersteller und Schirmherr der Aka- 
demie, sondern auch ihr eifriger Mitarbeiter war, Erzeugnisse seiner 
Feder hier in diesem Kreise an die Öffentlichkeit getreten; ich darf 
an die denkwürdige Festsitzung des 27. Januar 1772 erinnern, in der 
in Gegenwart der erlauchten Schwester des königlichen Verfassers, 
der Königin Lusse Urrıke von Schweden, hier die Abhandlung »Über 
den Nutzen der Wissenschaften und Künste in einem Staate« durch 
eines der Mitglieder verlesen wurde. 

Wir wußten aus einem Briefe König Frienrıchs an VOLTAIRE 
vom 25. Juli 1742, daß dem Briefe eine Ode angeschlossen war, eine 
poetische Rechtfertigung «des Breslauer Friedens, den der König soeben 
mit der Königin MaArıa Tueresıa abgeschlossen hatte, eine Recht- 
fertigung überhaupt der preußischen Politik im Ersten Schlesischen 
Kriege. Den Veranstaltern der Kehler Gesamtausgabe der Werke 
Vorrames hat diese Ode in dessen Nachlasse noch vorgelegen; sie 
führen den Titel an »Über die Urteile, die das Publikum über 
diejenigen fällt, die mit dem unglückseligen Beruf der 
Politiker betraut sind«'. Die Ode selbst teilten sie nicht mit. 
Sie galt seitdem als verschollen; der Herausgeber unserer akademischen 
Ausgabe der (Euvres (de Frederic le Grand, J. D. E. Preusz, hat sich 
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vergeblich bemüht, ihrer hab- 
haft zu werden. Jetzt endlich ist sie zum Vorschein gekommen und 
zu uns gelangt. 

Der Verfasser hatte die Ode von der Sammlung seiner litera- 
rischen Werke, die er einige Jahre vor dem Siebenjährigen Kriege 

! Sur les jugements que le publie porte sur ceux qui sont charges dans la societe 
eivile du malheureux emploi de politiques. Die Worte dans la societe eivile ergänze 
ich aus dem Original. 


Koser: Festrede. 6: 


als (Euvres du philosophe de Sanssouci drucken ließ, ausgeschlossen. 
Vielleicht hatte er nicht einmal eine Abschrift zurückbehalten. Es 
mag zweifelhaft erscheinen, ob der Philosoph von Sanssouei «damit 
einverstanden sein würde, wenn er sähe, daß man, wie es jetzt üblich 
ist, die von ihm beiseite geschobenen ersten Entwürfe seiner Ge- 
dichte hervorzieht und ihre Varianten den endgültig angenommenen 
Texten gegenüberstell. Im vorliegenden Falle aber darf für die 
Veröffentlichung gerade dieser Ode der nämliche Umstand noch heute 
geltend gemacht werden, mit dem einst ihr Dichter die Abfassung 
und weiter die Mitteilung an Vorrame begründete. Er meinte, daß 
nicht leicht zuvor in einer Ode so viel von Politik gesprochen 
worden sei, und dieses politische Interesse ließ ihn sich darüber hin- 
wegsetzen, daß seine Alexandriner, wie er bekannte, nicht so har- 
monisch wären, wie man es wünschen könnte. 

Die Ode, eine Verteidigung der Berufspolitiker, ist dieser ihrer 
allgemeinen Tendenz nach ein Seitenstück zu der poetischen Epistel 
von 1749, die in den (Euvres du philosophe de Sanssouei als » Ver- 
teidigung der Könige« (Apologie des rois) erscheint. Sie entspricht 
ihrem besonderen Inhalt nach der Flugschrift, die der König zur Recht- 
fertigung seines Friedensschlusses wenige Tage nach der Abfassung 
der Ode unter dem Titel » Brief des Grafen ““ an einen Freund « nieder- 
schrieb, um sie insgeheim zu Köln drucken und demnächst in Frank- 
reich verbreiten zu lassen, die er dann zurückzog, um die französische 
Empfindlichkeit zu schonen, und die ich, nachdem 1742 die Druck- 
legung eingestellt worden war, vor jetzt dreißig Jahren im Auftrage 
der Akademie in der Sammlung der »Preußischen Staatsschriften aus 
der Regierungszeit Frreprıcns II.« veröffentlicht habe. Die Ode ist 
weiter ihrem Inhalt nach ein Vorläufer zu den zeitgeschichtlichen Denk- 
würdigkeiten des Königs, zu der Histoire de mon temps, ein Memoire 
vor den Memoiren. Daß Frırprıcn in dem Augenblick, wo er die 
Ode verfaßte, sich bereits mit dem Plane trug, seine eigne Geschichte 
zu schreiben oder zu diktieren, wissen wir aus einem Briefe des 
Freiherrn von Pörısırz vom 7. April 1742. Unsre Ode erscheint in 
ihren erzählenden Strophen geradezu als eine Skizze zu der Geschichte 
des Ersten Schlesischen Krieges; und wenn in der Entwieklung der 
nationalen Literaturen insgemein der prosaischen Historie eine histo- 
rische Poesie vorangegangen ist, so weist also FRIEDRICHS DES GROSZEN 
historiographische Betätigung, dank einem Zufalle, die gleiche Ab- 
folge auf. 

Ein Prolog zu der Histoire de mon temps, ist unsre Ode weiter 
ein Epilog zum Antimacchiavell. Ein Epilog, aber keine Palinodie, 
kein Widerruf. Der Kampfeston gegen den Macchiavellismus der Staats- 


92 


64 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


lenker wird in der Ode kräftig und scharf angeschlagen wie zwei 
Jahre früher im Antimacchiavell; ja noch schärfer, denn die Polemik 
der Ode erhält eine persönliche Spitze. Und zwar nach einer schon 
im Antimacchiavell vorgezeichneten Richtung. 

Dem Verfasser des Antimacchiavell haben bei seiner Abrechnung 
mit der politischen Moral des Florentiners zwei Franzosen vor Augen 
gestanden. Der eine, der erste Bourbonenkönig, in der idealen Ver- 
klärung des Vorrameschen Heldenepos, der Hrxrı IV der Henriade. 
Eine Nachwirkung der Henriade nannte der preußische Kronprinz seinen 
Antimaechiavell. Die hochherzigen Gesinnungen Heikricas IV. sollen 
dem politischen Urteil Maßstäbe und dem politischen Verhalten Ge- 
setze geben '. 

Der andre Franzose weilte noch unter den Lebenden. Es war 
der alte Kardinal Freurv, ehedem der Erzieher und damals bereits 
seit mehr als einem Jahrzehnt der »Prinzipalminister« König Lup- 
wıcs XV., der dritte in der Reihe der großen Prälaten, die im 78 
und ı8. Jahrhundert die Geschicke Frankreichs gelenkt haben. Gegen 
Fıeurv enthält der Antimacchiavell einen unverhüllten Angriff; der 
preußische Kronprinz nennt ihn dort »den weisen und geschiekten 
Minister, der in Frankreich am Staatsruder sitzt und dem es bei den 
Lehren MaccutaveErzs viel zu wohl geworden ist, als daß er auf halbem 
Wege sollte einhalten wollen.«e Gegen Frrury richtet sich auch 
unsre Ode. 

Der Kronprinz hatte sich sein Urteil über den‘ Leiter der fran- 
zösischen Politik beim Ausgang des Krieges von 1733 bis 1735 ge- 
bildet. Frankreich hatte damals seine Verbündeten, Spanien, Sardinien 
und den König StanısLaus Leszezynskı von Polen, verlassen, um sich 
durch einen Sonderfrieden mit dem Wiener Hofe die Erwerbung von 
Lothringen zu sichern, obgleich bei Beginn des Kampfes das französische 
Kriegsmanifest verkündet hatte, daß König Lupwıs keine Vorteile für 
sich begehre, sondern lediglich für die Freiheit der polnischen Königs- 
wahl, zugunsten des Piasten SranısLaus gegen den von Rußland und 
Österreich unterstützten sächsischen Kurfürsten die Waffen erhebe. Die 
überraschende Schwenkung der französischen Politik, der Sonderfriede 
von 1735, berührte den Kronprinzen von Preußen um so peinlicher, 
als er selbst an die Schilderhebung Frankreichs gegen Österreich poli- 
tische Entwürfe angeknüpft hatte. Die schwere Erkrankung Frieprıcn 
Wirnerns I. im Herbst 1734, gegen das Ende des ersten Feldzugs, 
ließ wenig Hoffnung für das Leben des Königs; der zweiundzwanzig- 

! FriEDRICH an VorrAıRE, 26. Juni 1739: »Ce que je medite contre le machia- 
velisme est proprement une suite de la Henriade. C'est sur les grands sentiments de 
Henrı IV que je forge la foudre qui &ecrasera Cesar Borgia.« 


Per 
Br 


Koser: Festrede. 65 


Jährige Thronerbe mußte sich die Frage vorlegen, wie er, während 
dieses Krieges zur Nachfolge berufen, seine Stellung zu den krieg- 
führenden Mächten wählen wolle. Er näherte sich dem bei seinem 
Vater beglaubigten französischen Gesandten mit der gewichtigen An- 
deutung, daß er den Franzosen ein Bundesgenosse werden könne wie 
einst Gustav Aporr, vorausgesetzt daß man ihn seinen Vorteil finden 
lassen wolle. Die Genesung des Königs ließ für politische Erörterungen 
dieser Art keinen Raum, aber als im folgenden Herbst Frankreich 
jenen Sonderfrieden schloß, durfte der Kronprinz sich dazu beglück- 
wünschen, jetzt nicht zu den Verbündeten zu zählen, denen die selbst- 
herrliche, rücksichtslose Großmacht das Nachsehen gelassen hatte. Er 
bezeichnete damals in einem vertraulichen Brief an einen der Staats- 
männer seines Vaters, den General Grumskow, diesen Friedensschluß 
des Kardinals Fırury als eine Probe der feinsten Hinterlist, zu der 
je ein Minister gegriffen habe; denn Frankreich habe seine Erklärung 
zugunsten der polnischen Wahlfreiheit nur als Deckmantel für seine 
Umtriebe und seine unersättliche Vergrößerungsgier benutzt. Er blieb 
dabei, den Frieden von 1735 einen schimpflichen zu nennen, der den 
Franzosen bei den spätesten Geschlechtern schaden werde. Er eiferte 
sieh in die Stimmung hinein, aus welcher der Antimaechiavell er- 
wachsen ist; er schalt das ganze Getriebe der Politik jener Tage mit 
seinen Listen und Ränken ein kindisches Spiel, in welchem der ge- 
winne, der am feinsten täusche. Der Kardinal Freurv aber hieß ihm 
seitdem der Maechiavell in der Kutte, der Macchiavell in der Mitra, der 
geweihte Maechiavell, der »dem Himmel dient und die Welt betrügt'«. 

Diesem Staatsmanne also, der ihm als der Typus des falschen 
Freundes und unzuverlässigen Verbündeten galt, sah der junge Fürst 
sich gegenübergestellt, als er am 31. Mai 1740 den preußischen Thron 
bestieg. »Wer wird sich künftig diesen Leuten anvertrauen dürfen!«, 
so hatte er vor fünf Jahren empört ausgerufen. Jetzt sah er sich 
von eben diesen Franzosen umworben. Man versteht, daß er nur 
zögernd die ihm zum Bündnis dargebotene Hand ergriff und schnell 
sie wieder losließ. Ohne einen Verbündeten in den Kampf gegen 
Österreich eingetreten, wäre er doch bereit gewesen, an Österreichs 
und Englands Seite seine Waffen gegen Frankreich zu kehren, wenn 
ihm unter englischer Vermittelung Niederschlesien abgetreten worden 


! Man findet die einschlägigen Äußerungen nachgewiesen in »Friedrich der 


Große als Kronprinz« S. 264 (2. Aufl... In dem jetzt für das Geheime Staatsarchiv 
erworbenen Brief Frırprıcns an VorrAırE vom 6. Juni 1740 finden sich die Worte »le 
vieux Machiavel mitre« dick mit Tinte überzogen, offenbar durch den Empfänger, der 
nicht darauf verzichten wollte, den Brief herumzuzeigen, aber nicht wünschen konnte, 
daß Freury erfuhr, wie er und seine Staatskunst in diesem Briefwechsel gekenn- 
zeichnet wurden. 


66 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


wäre; noch nach der ersten Schlacht kam er auf diesen Vorschlag 
zurück. Die starr ablehnende Haltung des Wiener Hofes veranlaßte 
dann den König von Preußen, sich auf die entgegengesetzte Seite zu 
stellen. Aber noch kurz vor Unterzeichnung des preußisch-franzö- 
sischen. Bündnisses vom 5. Juni 1741 sagte er zu dem französischen 
Gesandten im Rückblick auf den Frieden 1735: »Mein Freund, ich 
habe immer den König von Sardinien vor Augen, dem Frankreich 
Mailand versprochen hatte, und der nichts bekommen hat.« 

Er war entschlossen, sich nicht in derselben Weise betrügen zu 
lassen. »Ungläubig, ungläubig, das sei Euer Wahlspruch!« schärft 
er bei Beginn des Krieges einem seiner Gesandten ein, und »trompez les 
trompeurs« lautet aus dem Feldlager sein lakonisches Marginal auf 
einen Bericht des Auswärtigen Amtes. »Dupons les plutöt que d’etre 
dupe« lesen wir als eigenhändigen Zusatz unter einer diplomatischen 
Instruktion eben aus diesen Tagen vor der militärischen und politischen 
Entscheidung’. Sich nieht überlisten zu lassen, ist für den jungen König 
geradezu ein Ehrenpunkt. Während der Verhandlungen von 1741 
mit dem britischen Kabinett schreibt er an seinen Minister Popewırs 
über den König von England: »Der Cäpten« — so nennt er Georg II. 
— »glaubt uns hinter das Licht zu führen, als Westfale, das heißt 
mit aller denkbaren Plumpheit; ich, der ich mich schämen würde, 
von einem Italiener genarrt zu werden, ich würde mich selbst de- 
mentieren, wenn ich das Spielzeug in der Hand eines Mannes aus 
Hannover würde«. 3 

In dem Briefwechsel mit Vorrame aus den Tagen des Ersten 
Schlesischen Kriegs knüpft der Verfasser des Antimacchiavell an die 
Ideengänge dieser seiner Streitschrift unmittelbar an. »Ich habe 
augenblicklich mit etwa zwanzig, mehr oder weniger gefährlichen 
Macchiavellen zu argumentieren« schreibt er am 8. Januar 1742. 
In kühner Zusammenstellung, die er sich als Souverän erlauben darf, 
setzt er hinzu: »Ich stelle mir vor, daß Gott die Esel, die dorischen 
Säulen und die Könige geschaffen hat, um die Lasten dieser Welt 
zu tragen; die liebenswürdige Poesie steht vor der Tür, ohne Audienz 
zu erhalten. Der eine spricht nur von Grenzen, der andre von Rechten, 
noch ein andrer von Indemnisation:; wieder einer von Hilfstruppen, 
von Ehekontrakten, von Schuldenabtragung, von Intrigen, von 
Empfehlungen, von Dispositionen. Man verkündet, daß Ihr etwas 
getan, woran Ihr niemals gedacht habt; man vermutet, daß Ihr ein 


' In diesen Zusammenhang gehört auch der von den Österreichern aufgefangene, 
oft zitierte Brief vom 12. Mai 1741; Politische Korrespondenz Friedrichs des Großen 
1,244. 


Koser: Festrede. 67 


Ereignis übel aufnehmen werdet, worüber Ihr Euch freut; man schreibt 
aus Mexiko, daß Ihr den und den angreifen wollt, den Ihr doch zu 
schonen interessiert seid; man zieht Euch ins Lächerliche; man kritisiert 
Euch, ein Zeitungsschreiber verfaßt eine Satire auf Euch, die Nachbarn 
zerfleischen Euch; ein jeder wünscht Euch zum Teufel und überhäuft 
Euch dabei mit Freundschaftsbeteuerungen — das ist die Welt.« Der 
nächste Brief, aus dem Hauptquartier zu Olmütz vom 3. Februar 1742, 
spinnt diesen Faden weiter: »Die Hinterlist (supercherie), die Unzuver- 
lässigkeit und die Doppelzüngigkeit sind unglücklicherweise der vor- 
herrschende Charakter der meisten der Leute, die an der Spitze der 
Nationen stehen und die ihnen zum Beispiel dienen sollten. Es ist 
eine gar demütigende Sache um das Studium des menschlichen Herzens 
bei solehen Anlässen. « 

Aus Vortaıres Antworten erklingt ein durch leise, behutsame 
Kritik gedämpftes Echo dieser Klagen und Anklagen. Vorraıke spricht 
die Befürchtung aus, daß der König auf diesem Wege zu allzu starker 
Menschenverachtung gelangen wird: »Eure Majestät malt so trefflich 
die edlen Schelmenstreiche der Politiker, die eigennützigen Bemühungen 
der Höflinge, daß Sie damit enden wird, an der Zuneigung der Menschen 
jeglicher Art irre zu werden.« Und indem er in verständnisvollen Versen 
die Schwierigkeiten der Aufgabe des Staatsmannes anerkennt, deutet 
er doch zugleich an, daß sein Held mit diesen Schwierigkeiten 
bei glücklichem Anpassungsvermögen sich abzufinden weiß. Die 
Gloire und die Politik, so ruft er ihm zu, seien die Tyrannen, denen 
er jetzt diente: 


La Politique a son cöte 

Moins eblouissante, aussi forte, 

Meditant, redigeant ou rompant un traite, 

Vient ınesurer vos pas que cette Gloire emporte. 
L’Interet, la Fidelite 

Quelquefois s’unissant, et trop souvent contraires, 
Des amis dangereux, de secrets adversaires, 
Chaque jour des desseins et des dangers nouveaux, 
Tout €ecouter, tout voir, et tout faire a propos, 
Payer les uns en esperance, 

Les autres en raisons, quelques-uns en bons mots; 
Aux peuples subjugues faire aimer sa puissance, 
Que d’embarras! que de travaux! 

Regner n’est pas un sort aussi doux qu’on le pense; 
Qu’il en coüte d’etre un heros. 


In einem anderen dieser an den König von Preußen gerichteten, 
halb prosaischen und halb gereimten Briefe erteilt Vorrame den 
andern Diplomaten einfach den Rat, es mit diesem Meister der Kunst 
lieber nicht aufzunehmen: 


68 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Ministres cauteleux, ou pressants ou jaloux, 
Laissez-läa-tout votre art, il en sait plus que vous. 
Il sait quel interet fait pencher la balance, 

Quel traite, quel ami convient a sa puissance, 

Et toujours agissant, toujours pensant en roi, 

Par la plume et l’epee il sait donner la loi. 


Der Kronprinz Frırprıcn hatte seine Streitschrift gegen Mac- 


CHAVELL unter dem Eindruck der ersten europäischen Haupt- und 
Staatsaktion, der er zugeschaut hatte, schnell niedergeschrieben, in 
starker, überzeugter Ergriffenheit, in einer Art Enthusiasmus'. Er 
hatte die Feder angesetzt, ohne zureichende Kenntnis weder der Zu- 
stände und Erfahrungen, aus denen einst Maccnıveur seine Ratschläge 
ableitete, noch der Bedingungen, Hemmnisse und Fährlichkeiten des 
politischen Handelns überhaupt. Die Zustimmung zur Drucklegung 
dieser improvisierten Kritik hatte Vorramrr, dem die Handschrift 
zunächst nur zur persönlichen Einsicht übersandt wurde, dem Ver- 
fasser abgeschmeichelt. Als darüber der Regierungsantritt kam, wollte 
der nunmehrige König sein Imprimatur zurückziehen und die ganze 
Auflage des in Holland schon zur Hälfte abgesetzten Werkes auf- 
kaufen, ohne doch, als der den Druck vermittelnde VorrAıreE Einwände 
erhob, ein bindendes Verbot auszusprechen. Denn offenbar war in- 
mitten ganz neuer Interessen, im Drange der Regierungsaufgaben, 
diese Frucht seiner Rheinsberger Muße aus seinem Gesichtskreis schon 
herausgetreten, und er hoffte vielleicht, das Geheimnis des anonym er- 
scheinenden Traktats gewahrt zu sehen. Es konnte nicht ausbleiben, 
daß seine Gegner aus dem Arsenal des Antimacchiavell alsbald Waffen 
gegen den Verfasser entnahmen und den Theoretiker gegen den 
Praktiker auszuspielen versuchten. Als wenige Wochen nach dem 
Antimaechiavell die Deduktion der preußischen Ansprüche auf Schle- 
sien im Druck erschien, bemerkte eine österreichische Gegenschrift 
aus der spitzigen Feder des Freiherrn von BArtenstein ironisch: »Der 
Urheber der Deduktion hätte vielleicht in dem Macchiavello, welchen 
Herr Vorrame mit Anmerkungen, die aber nicht die seinigen sind, 
herausgegeben hat, nähere und eigentlichere Beweistümer für seine 


! Stärker noch als im Antimacchiavell äußert sich dieser Enthusiasmus in der 


langen Ode, die Frıevrıcn am 9. September 1739 anläßlich der Greuel des damaligen 
Türkenkrieges an Vorraıre sandte ((Euvres des Frederie le Grand r, 316; in der dem- 
nächst vorzulegenden neuen Ausgabe des Briefwechsels mit VorrAıre 1 295): eine 
flammende Philippika gegen die Politik des Ehrgeizes, mit der Beschwörung 


Monarques malheureux, ce sont vos mains fatales 
Qui nourrissent les feux de ces embrasements; 
La Haine, l’Interet, deites infernales, 

Preeipitent vos pas dans ces egarements. 


Koser: Festrede. 69 


Sache gefunden.« Und als am 11. Juni 1742 Frieorıcn II. zu Breslau 
seinen Frieden mit Marıa Tnurresıa geschlossen und das Bündnis mit 
Frankreich verlassen hatte, schrieb der französische Marschall Beuır- 
Isıe, daß der König von Preußen MaccntveLL in seinen politischen 
Grundsätzen zum Führer gewählt habe. 

Berrtr-Iste hat in eben der für den König von Frankreich be- 
stimmten Denkschrift', in der sich dieses Urteil findet, einen wesent- 
lichen Faktor in dem Zersetzungsprozeß des preußisch-französischen 
Bündnisses selber scharf hervorgehoben: die Langsamkeit und die 
Fehler der Kriegführung auf seiten der Verbündeten Preußens — die 
alte und ewig neue Ursache des Mißerfolgs und der Auflösung 
der Koalitionen. Die militärischen Leistungen der einen Partei ent- 
sprachen nicht dem, was die andre erwartete und was ihr versprochen 
war. Wenn man nicht alles erfülle, was man verheiße, so hatte der 
König von Preußen bald nach Unterzeichnung des Bündnisses dem 
französischen Gesandten in erregter Rede erklärt, so könne man sich 
auf ihn nicht mehr verlassen, als auf das Laub im November. Er hatte 
mit dürren Worten hinzugesetzt: Ein langer Krieg kann mir nicht 
zusagen. Darin lag der Schlüssel seines Handelns. Zwischen den 
politischen Ansprüchen und Bestrebungen der Franzosen und ihren 
militärischen Leistungen bestand ein Mißverhältnis. Argwöhnte der 
preußische König auf der einen Seite, daß sie den Koalitionskrieg 
gegen die bisherige Vormacht des Reiches benutzen wollten, um in 
Deutschland die französische Schutzherrschaft über eine Anzahl »Klein- 
könige« (reguli)’, über eine lose Gemeinschaft ungefähr gleich starker 
Mittelstaaten, aufzurichten, so überwog doch bei ihm angesichts jener 
schlaffen und wirkungslosen Kriegführung die Besorgnis, daß er in 
dem allgemeinen Schiffbruch der Koalition seinen bereits gesicherten, 
mit den eignen Waffen erstrittenen Gewinn wieder verlieren könne. 
In solehen Erwägungen hat er unter Benutzung britischer Dienst- 
willigkeit die Fühlung mit dem Wiener Hofe nie ganz aufgegeben. 
Die Ende April 1742 ihm zugehende Meldung seines Vertreters am 
Hof des neuerwählten Wittelsbachischen Kaisers, daß ein französischer 
Agent Farcıs seit vier bis fünf Wochen wegen des Friedens in Wien 
verhandle, ließ ihn in jenem Augenblick den Vorsatz aussprechen, 
um jeden Preis den Franzosen zuvorzukommen‘. Doch bedurfte es 
noch des Sieges von Chotusitz, um die Abneigung Marıı 'Tuerestas 
gegen einen Frieden mit dem Verlust von Schlesien zu überwinden. 


! 2o. Januar 1743; bei Brocır, Frederie II et Marie-Therese 2, 390. 

® Politische Korrespondenz Friedrichs des Großen 2, 13. 

3 Ebenda 2, 142. Zur Sache vgl. meine Darstellung »König Friedrich der Große« 
I, 180 (3. Aufl.). 


70 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Der Kardinal Freurv hat immer beteuert, daß die Nachricht von 
der Sendung jenes Farcıs nach Wien des Grundes entbehre, auf einem 
Mißverständnis beruhe, und wir werden in der Tat anzunehmen haben, 
daß Fargis eine mythische Gestalt und kein historisches Seitenstück 
zu dem Fürsten von Wırn gewesen ist, durch dessen geheimnisvolle 
Vermittlertätigkeit Fraury im Jahre 1735 seinen Sonderfrieden mit 
Wien geschlossen hat. Der König von Preußen hatte an seinem Teile 
alle Veranlassung, mit der durch einen seiner diplomatischen Bericht- 
erstatter ihm zugehenden so weittragenden Meldung politisch zu rechnen. 
Immerhin ist diese Meldung für seinen Friedensschluß nur ein Grund 
unter vielen gewesen und nicht der entscheidende geblieben; daß er 
diesen Grund bei Abwehr der ungünstigen Beurteilungen, die der 
Breslauer Friede fand, in das Vordertreffen führte, war unter dem 
publizistischen Gesichtspunkt das Gegebene. 

In unsrer Ode über die unbilligen Urteile des Publikums, denen 
die Staatslenker ausgesetzt sind. wird die Unzuverlässigkeit der fran- 
zösischen Politik einseitig und ausschließlich als Beweggrund für den 
Friedensschluß hingestellt'. Nach der strategischen Regel, die FrreprıcHh 
seinen Generalen oft eingeschärft hat, daß die stärkste Form der Defensive 
die Offensive sei, hat der Verfasser der Ode seinem alten tiefgewurzelten 
Mißtrauen gegen den Kardinal Freury noch einmal lebhaften Ausdruck 
gegeben. Um so mehr, als eben jetzt Vorraıre den Leiter der fran- 
zösischen Politik als den Mann des Schicksals angesungen hatte. Denn 
Vorrames Ode auf den Krieg von 1741, durch die der König von 
Preußen unmittelbar zu seiner poetischen Behandlung desselben Gegen- 
standes veranlaßt wurde, richtet sich nicht nur »an die Königin von 
Ungarn, Maria Theresia von Österreich«, wie die Überschrift besagt, 
sondern ebenso oder noch mehr an den Kardinal Freury. Nur in den 
beiden ersten Strophen wird Maria Theresia angeredet, die Tochter 


' In dem eigenhändigen Schreiben an den Kardinal Freury vom 12. September, 


das sich mit der Ode in der apologetischen Tendenz berührt, erwähnt König Frıeorıch 
die angebliche Verhandlung von Farcıs nicht, sondern sagt: »Je veux ne point croire 
des choses ä demi prouvees, je veux meme tächer de me persuader que je me suis 
abuse sur bien des choses.« Dagegen enthält der Brief nach andrer Richtung eine 
scharfe Spitze. Freury hatte in eineın Schreiben an den österreichischen Feldmar- 
schall Graf Könıssese vom rr. Juli 1742, das zur Anbahnung von Friedensverhandlungen 
bestimmt war, über die Einflüsse geklagt, durch die er bestimmt worden sei »a entrer 
dans une ligue qui etait si contraire a mon goüt et a mes prineipes«. Dieser Brief war 
dureh den österreichischen Gesandten im Haag alsbald in die Presse gebracht worden. 
Auf die angeführte Stelle bezieht sich in jenem Schreiben des Königs von Preußen an 
Freury die schneidende Frage: »et, en un mot, peut-on m’accuser d’avoir si grand 
tort de me tirer d’une alliance que celui qui gouverne la France avoue d’avoir con- 
tractee a regret?« Politische Korrespondenz 2, 270. Preußische Staatsschriften aus der 
Regierungszeit Friedrichs Il., ı, 331#. 


Koser: Festrede. 71 


der Helden, die dem Deutschen Reich Herren waren, die hochherzige 
Prinzessin, die der Achtung aller ihrer Feinde sich erfreut und die der 
Franzose (»dont le goüt de la gloire est le seul goüt durable«) be- 
kämpft und bewundert, anbetet und bedrängt. Vorrames Ode enthält 
des weiteren das Verdammungsurteil über den Krieg der Koalition 
gegen diese Fürstin: das stolze Deutschland ist durch befremdliche 
Bande, wider seinen Willen, an das französische Reich geknüpft und 
gibt in diesem Zustand für ganz Europa einen Gegenstand des Be- 
dauerns ab; der lange Kampf zwischen Deutschland und Frankreich 
war hundertmal weniger grausam als jetzt ihre traurige Freundschaft. 
Könige, die Wohltäter heißen wollen, geben den Befehl zur Ver- 
heerung aus, künden die Ruhe an und entfesseln den Sturm; sie 
vermeinen die zitternden Völker zum Glück zu führen auf den blutigen 
Pfaden des Unheils. Darum wird Freurv aufgefordert, mit seiner 
allgeachteten Hand die blutbefleckte Pforte des Janustempels zu 
schließen. Frrurv, der verehrungswürdige Greis, dem das Geschick 
die Jahre des glücklichen Nestors zuteilte, der Weise, den nichts be- 
unruhigt und nichts überrascht, er soll die Welt des tiefen Friedens, 
der seine eigne Seele erfüllt, nieht berauben. Und endlich werden 
die Künste, die Töchter des Himmels, des Friedens und der Grazien, 
gepriesen, die Künste, deren Fortschritte das Pfand der Unsterblichkeit 
sind, während alle jene Staatsverträge, die gebrochen werden und 
das Gemetzel nach sich ziehen, jene gepriesenen, aber eitlen Eintags- 
triumphe vergehen und in die Nacht des Grabs sinken. 

VorrAmEe mußte sich sagen, daß diese seine Ode in mehr als 
einer Beziehung seinem erlauchten Gönner, dem preußischen Könige, 
nicht gefallen würde. Es galt also, eine unbefangene Miene anzu- 
nehmen. Der Abschluß des preußischen Friedens mit Österreich 
bietet eine Anknüpfung, eröffnet dem findigen Poeten eine Hintertür. 
Der Augenblick ist günstig, dem König diese flammende Deklamation 
gegen den Krieg, ehe sie ihm von dritter Hand zugetragen wird, 
zu überreichen. »Hier eine Ode,« schreibt ihm Vorrame Anfang 
Juli, »die ich gegen Euch Monarchen hinkritzelte, die Ihr damals 
darauf versessen schient, meine Mitbrüder, die Menschen, zu ver- 
nichten. Der Herr der Nationen', Friedrich der Große, hat meine 
Wünsche erhört, und kaum war meine Ode, gut oder schlecht, ge- 
macht, als ich erfuhr, daß Eure Majestät einen sehr guten Vertrag 
gemacht hat.« VorramrE scheint geglaubt zu haben, daß mit dieser 
kühnen Wendung seine Ode hinreichend sicher eingeführt sei; denn 


! Die Ausgaben haben die blutige Lesart »le saigneur des nations«. Das Original 
des Briefes ist nicht erhalten. 


72 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


er wagte bereits, dieser Entschuldigung zwischen den Zeilen sofort, 
wieder zwischen den Zeilen, eine Anschuldigung folgen zu lassen: 
»Ein sehr guter Vertrag. Sehr gut für Sie ohne Zweifel; denn Eure 
Majestät hat Ihren tugendhaften Geist geschult, auch sehr politisch 
zu sein. Aber ob dieser Vertrag gut für uns Franzosen ist, darüber 
zweifelt man in Paris. Die eine Hälfte schreit, daß Ihr unsre Leute 
dem Belieben des Waffengottes preisgebt, die andre Hälfte schreit 
auch, und weiß nicht, worum es sich handelt; ein Paar Abbes von 
Saint-Pierre' segnen Euch inmitten der Schreierei. Ich bin einer dieser 
Philosophen, ich glaube, daß Sie alle Mächte zwingen werden, Frieden 
zu schließen, und daß der Held des Jahrhunderts der Friedenspender 
für Deutschland und Europa sein wird. Ich schätze, daß Sie an 
Schnelligkeit übertrumpft haben — und nun zitiert VorLTAırE sich 
selbst, seine zu Freurys Ruhme angestimmte Ode —: 


Ce vieillard venerable a qui les destinees 
Ont de l’heureux Nestor accorde les ann&es. 


Achill ist geschiekter gewesen als Nestor; glückliche Geschicklichkeit, 
wenn sie zum Glück der Welt beiträgt. « 

König Frıeprıcn also blieb die Antwort auf diese Ode und diesen 
Begleitbrief keinen Augenblick schuldig. »Mein lieber Voltaire, « 
schreibt er am 25. Juli 1742, »ich bezahle Sie nach Art der großen 
Herren, d. h. ich gebe Ihnen eine sehr schlechte Ode für die gute, 
die Sie mir geschickt haben, und noch mehr, ich verdamme Sie 
dazu, sie zu korrigieren, um sie besser zu machen ... Die Königin 
von Ungarn ist höchst glücklich, einen Sachwalter gefunden zu haben, 
der sich so trefflich wie Sie auf die Spitzfindigkeit und die Ver- 
führungskünste der Sprache versteht. Ich beglückwünsche mich, daß 
unsre Händel nicht vor Gericht geschlichtet werden; denn in An- 
betracht Ihrer Gesinnungen für diese Königin und in Anbetracht 
Ihrer Talente hätte ich gegen Apoll und Venus nicht stichhalten 
können. « 

Der königliche Dichter läßt seine poetische Gegenrede einsetzen 
mit einem kräftigen Quousque tandem’: 


! Auch der Abbe von Tiron, Castel de Saint-Pierre, der Verfasser des »Projet 
pour rendre la paix perpetuelle en Europe« von 1712, hatte gegen Friedrich geschrieben. 
Vel. J. G. Drovsen, Über die Schrift Anti-Saint-Pierre und ihren Verfasser; Monats- 


bericht der K. Akademie vom August 1878. 
= Dites, jusques A quand votre lyre immortelle 

Pour les Autrichiens se profanera-t-elle? 

Die Mitteilung des französischen Textes muß der in den »Publikationen aus den preußi- 


schen Staatsarchiven« (Leipzig, S. Hirzel) demnächst erscheinenden neuen Ausgabe des 


Koser: Festrede. 12 


Wie lange noch, sag’ an, wird sich die Leier dein, 
Der Ewigkeit geweiht, für Österreich entweihn? 
Sag’ an, welch falscher Gott ergriff dich statt des wahren? 
Als Kämpe frohndest du der Tochter der Cäsaren! 
Ward denn in diesem Rausche 
Die Liebe dir zum Tausche, 
Als die Vernunft dahingefahren ? 


Von Vortame, dem Lobredner der Königin von Ungarn, geht 
die Ode unvermittelt über auf die Verbreiter trüber Kunde und die 
Münzer schiefer Urteile, die Journalisten. Die Presse hatte während 
des Ersten Schlesischen Krieges da, wo sie zu jenen Zeiten bereits 
größere Bewegungsfreiheit besaß, d.h. in Holland, England und in 
einzelnen deutschen Reichsstädten, gegen Preußen überwiegend eine 
feindselige Haltung eingenommen und sich für die Verbreitung von 
Nachrichten, Urteilen und Stimmungen der offiziösen Preßpropaganda 
der gegnerischen Kabinette zur Verfügung gestellt. König Frieprıcn 
ist in jüngeren Jahren gegen die seinem Staate, seinem Heere 
und ihm persönlich geltenden Preßangriffe keineswegs unempfindlich 
gewesen bis er zu der Losung »Niediger hängen«, zu seinem stolzen 
»Il faut mepriser cela« gelangte'; er hat noch im Siebenjährigen Krieg 
einen Discours sur les satiriques und einen Diseours sur les libelles 
als anonyme Antworten auf öffentliche Verunglimpfungen, die er 
nicht ohne Grund als bestellte Arbeit betrachtete, drucken lassen. 
Auf‘ den gleichen Ton wie diese späteren Prosaschriften® ist unsere 
Ode gestimmt: 


»„Briefwechsels zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire« vorbehalten bleiben. 
Die oben gebotene Verdeutschung in den Maßen des Originals glaubt in möglichster 
Anlehnung an den Wortlaut den Sinn getreu wieder zu geben. 

! Dem Herausgeber der französichen Gazette de Cologne hat manim Jahre 1741 
durch Vermittlung eines handfesten Kölners eine empfindliche körperliche Züchtigung 
zuteil werden lassen, von der König Frıeorıcn nachmals (1780) an der Tafelrunde 
zu Sanssouci erzählt hat, er betrachte sie als einen Ausfluß seines jugendlichen Feuers, 
habe aber zeigen wollen, daß der König von Preußen lange Arıne habe; vgl. J. G. 
Droysen in der Zeitschrift für preußische Geschichte 13, S.9—ır, und Gespräche 
Friedrichs des Großen mit H. de Catt und dem Marchese Lucchesini (1885) S. 269. 
In Friedrichs Discours sur les libelles von 1759 wird einem Libellisten der wohl- 
meinende Rat erteilt: »A votre place je craindrais ces hommes puissants qui ont les 
bras si longs«. (Euvres de Frederic le Grant 9, 57. 

2 In dem Discours sur les libelles sagt der Verfasser von den Libellisten: »Ils 
trafiquent de ces injures, et il les distribuent au gr& des protecteurs qui savent re- 
connaitre leurs services«; er läßt einen von diesen Leuten bekennen: »J’ai des 
correspondances secretes A plus d’une cour, et je tiens ä quantite de seigneurs qui 
me craignent et me recherchent; je me suis fait un empire par mon industrie, je 
domine sans Etat, et je regne despotiquement sans puissance .... Ce qui me rend 
redoutable, c’est que je suis le precepteur du publie; je dirige ce que je veux qu’il 
pense.« 


74 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Hört ihr den feilen Schwarm? Gewinnsucht läßt sie schreien. 
Schamlose Schwätzer sind’s, der Lüge Papageien. 
Dies Hohepriestertum, bestellt von Mammons Gnaden, 
Verpestet alle Welt mit seinen Opferfladen. 
Und alle Winde eilen, 
Die Düfte zu verteilen, 
Mit Lug und Fabeln schwer beladen. 


Der Aufnahme dieser Botschaft, der Entstehung einer öffentlichen 
Meinung und ihren Schwankungen gilt die nächste Strophe: 


Der Pöbel hängt am Schein. Leichtfertig allezeit, 
Schwimmt er im breiten Strom der Oberflächlichkeit?. 
Im Spiel der Leidenschaft läßt er dahin sich treiben 
Und wird sich allemal dem Überschwang verschreiben. 
Was gestern hat gegolten, 
Wird heute schon gescholten — 
Der Tadel aber wird dir bleiben. 


Von der urteilslosen und zum Urteil nicht. berufenen Menge 
beruft sich der Dichter auf die Wissenden, auf die großen Staats- 
männer des vorangegangenen Jahrhunderts: 


Ich ruf’ Euch, Richelieu! Don Haro! große Seelen! 
Hellt auf, was Nacht und Graun bedecken und verhehlen. 
Laßt dringen unsern Blick bis in die Herzensfalten 
Der Männer, welche heut an Eurer Stelle walten. 
Laßt unser Auge schauen, 
Was Eure Jünger brauen 
Und was sie tief verborgen halten. 


Die Entlarvung des Verbrechens erfolgt zunächst nur allegorisch, ohne 
daß der Mann des Trugs, der Fourbe politique, mit Namen genannt 
wird: 

Schon hat den Mann des Trugs mit ihrer sichern Hand 

Die Wahrheit zum Gericht aus Nacht hervorgebannt. 

Wie täuschte uns das Bild, das sich von außen bot! 

Wer unterdrückt erschien, erweist sich als Despot; 

Entlarvt wird der Verbrecher, 


Der eben noch mit frecher 
Gewalt die Unschuld hat bedroht. 


! »Effrontes babillards, perroquets de mensonge.« Ähnlich in dem Begleitbriefe 
zu der Ode: »Je m’embarrasse tres peu des cris des Parisiens, ce sont des frelons qui 
bourdonnent toujours; leurs brocards sont comme les injures des perroquets et leurs 
jJugements aussi graves que les deeisions d’un sapajou sur des matieres metaphysiques.« 

®2 Zu den Versen »Le vulgaire leger nage toute sa vie sur la frele apparence ou 
la superfieie« ist die Stelle im »Discours sur les libelles« zu vergleichen: »Si le peuple 
etait sense, on pourrait se rire des libelles, quels qu’ils fussent; mais ces indignes £cerits 
sont un mal reel, parce que le monde peu instruit, enclin ä eroire le mal plutöt que 
le bien, regoit avidement de mauvaises impressions, qu’il est diffieille de deraciner.« 
Die Parallelstellen würden sich häufen lassen. 


2 


Koser: Festrede. 75 


Jetzt wird die Mythologie aufgeboten, um die Handlung aus der 
Allegorie in das Leben, in die Gegenwart hinüberzuführen. Noch im 
Angesicht des Olymp wird l’Etendard prussien aufgeptlanzt: 

Doch horch! Wer ruft mir zu? Ich höre Pallas’ Stimme: 

»Belehre, kläre auf sie alle, die die schlimme 

»Verleumdung hat berückt. Den Trug gilt’s aufzudecken. 

»Das Preußenbanner will die Hölle Dir beflecken. 

»Dein Vaterland zu rächen, 


»Laß laut die Wahrheit sprechen, 
»Laß sie die Lüge niederstrecken. « 


Für die in den nächsten fünf Strophen auf Athenas Gebot enthaltene 
historische Erzählung muß vorausgeschickt werden, daß Frieprıen 
hier von einer Geschiehtsauffassung ausgeht, die ihm gleichsam in 
Fleisch und Blut übergegangen war und die sich allgemein kennzeich- 
nen läßt als der damalige Standpunkt des deutschen Protestantismus 
und der deutschen Libertät, d. h. des landesfürstlichen Anspruchs auf 
Selbständigkeit gegenüber dem Ausgreifen der kaiserlichen Machtfülle. 
Von diesem Standpunkt aus erschien ihm der ganze Verlauf der neueren 
deutschen Geschichte als ein fortgesetzter Kampf der Reichsstände 
gegen die Vergewaltigungsversuche der Habsburgischen Kaiser‘. Nicht 
nur Kart V. und die Ferdinande, auch seinen älteren Zeitgenossen, 
den letzten Habsburgischen Kaiser, hat Frieprıcn solcher tyrannischen 
Gelüste geziehen, wie er in der Folge gegen seinen jüngeren Zeit- 
genossen Joseph I. diese Anklage wiederholt hat. Unter diesem Ge- 
sichtspunkte erscheint ihm in unsrer Ode der europäische Koalitions- 
krieg gegen Österreich, der sich neben andern Zwecken den gesetzt 
hat, den Erben der österreichischen Macht. den Herzog von Lothrin- 
gen, von dem Kaisertum auszuschließen, als eine bewaffnete Erhebung 
gegen die österreichischen Anschläge auf tatsächliche Vererblichung 
der deutschen Wahlkrone. Und somit wird Österreich angerufen und 
angeklagt: 

Du stolzes Österreich, vom Römeraar getragen, 

In Eisen möchtest du die armen Deutschen schlagen. 

Der Schmied ist schon am Werk, die Sklavenkette droht, 

Doch anders ordnet es des Schicksals Machtgebot. 

Um Hilfe uns zu schaffen, 


Steht eine Welt in \Waffen; 
Ringsum bist du von Glut umloht. 


Nachdem so der weite Hintergrund gezeichnet ist, behandelt 
die nächste Strophe den besonderen Streit zwischen Österreich und 


! Vel. über Frıeprıcns Anschluß an diese Auffassung meinen in der Akademie 
vorgetragenen Aufsatz »Brandenburg-Preußen in dem Kampfe zwischen Imperialismus 
und reichsständischer Libertät«, Historische Zeitschrift 96, 122fl. 


76 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Preußen und seine Anlässe. Die preußischen Ansprüche auf Schle- 
sien, die Unterdrückung der schlesischen Protestanten durch die 
österreichische Landesherrschaft, die von FrIEDRIcH oft hervorgehobene 
Förderung, die seine Sache durch die freudige Zustimmung dieser 
evangelischen Schlesier erfahren hat, alles das findet in vier Zeilen 
von treffsicherer Prägnanz Platz: 


Ein altes Erbe war an dein Gebiet gebunden, 
Der Väter Schwäche einst durch Übermacht entwunden, 
Dein Zepter drückte hart das mir selbeigne Land. 
Jedoch der Unschuld Recht lieh Stärke meiner Hand: 
Für Ungarns Königin 
Fuhr Schlesien dahin 
In zweier harten Schlachten Brand. 


Und jetzt erst wird uns die Gestalt vorgeführt, gegen welche die 
Ode ihre Spitze richtet, der neunundachtzigjährige Kardinal Frrury: 


Im alten Königsbau, des Louvre Prachtpalast, 
Trägt Frankreichs Atlas stark des großen Reiches Last. 
Unsterblich ist sein Leib, die Seele göttlich-hell, 
Dank Isis und Apoll und dank Macchiavell. 
Mit gleißender Gebärde 
Täuscht Himmel er und Erde, 
Der Falschheit unergründ’ter Quell. 


Es folgt die dem Verfasser der Ode stets gegenwärtige Erinnerung 
an Freurvs Untreue gegen die Verbündeten von 1735; aus ihrer Zahl 
wird hier nur der König von Spanien, ein König für drei, genannt, 
dessen damaliges Schicksal Freury jetzt dem Wittelsbachischen Kaiser, 
für dessen Kur und Krone der Waffenbund zusammengetreten ist, 
bereiten zu wollen scheint: 


Des Bunds Gefährten hält er hundertfach umsponnen, 
Lohn lockt und Ehrgeiz sie; der Sieg scheint ihm gewonnen, 
Europa sieht er schon im Bann der Dienstbarkeit. 
Da wendet sich das Glück, und schnell ist er bereit, 
Wie Spanien noch eben, 
So heute preiszugeben 
Des Kaisers Thron im Waffenstreit. 


Noch einmal, auf dem Höhepunkt der Handlung, führt der Dichter 
sich selber redend ein: 


Ich sah voraus! Und eh’ der Blitzstrahl niederfuhr, 
3egegn’ ich dem Verrat auf seiner finstern Spur. 
Auf Fargis dort in Wien! kann zum Beweis ich zeigen — 
Ich scheid’ aus Fleurys Bund und aus dem blut’gen Reigen; 
Im Kampf um die Beute 
Laß ich die grimme Meute, 
Mir ward des Friedens Los zu eigen. 


! Im Original hat der König zu »Fargis a Vienne« die Anmerkung gegeben: 
»De Fargis, furet politigue dont le Cardinal s’est servi a Vienne.« 


Koser: Festrede. ii 


Dann wird der Grundgedanke der Ode, die Abwehr der unbilligen 
Urteile über die mit dem unglücklichen Beruf des Staatsmannes be- 
trauten Personen, wiederaufgenommen und in melancholischer Klage 
zusammengefaßt: 

Triebfedern spielten hier, profaneın Blick verhüllt, 

Chimären wirr und wild, Entwürfe trugerfüllt. 

Ihr armen Sterblichen! Als dieser Erde Götter 

In Anbetung verehrt, und doch das Ziel der Spötter! 
Den Lästerzungen allen 


Als Opfer heimgefallen, 
Harrt Ihr umsonst auf einen Retter. 


Eine Schlußstrophe kehrt, wie es dem 18. Jahrhundert geläufig 
ist, zur Mythologie zurück. Das Beispiel Phaethons mag uns warnen 
vor allzu hohem Flug der Entwürfe. Die Strophe fällt aus der Ten- 
denz des Ganzen heraus, aber sie entspricht Stimmungen und Er- 
wägungen, die für den Augenblick bezeichnend waren und für das Ge- 
samturteil über den Breslauer Frieden nicht übersehen werden dürfen. 
Der junge, soeben dreißigjährige Fürst, der siegreiche Führer der 
unbedingt besten Truppen in Europa, besaß bei starkem Selbstbewußt- 
sein ebenso viel Selbstbeherrschung und übte Selbstkritik. Er besaß 
die Fähigkeit, im gegebenen Augenblick innezuhalten, die Mäßigung, 
die dem echten Staatsmann unentbehrlich ist und die das Gegengewicht 
gegen den dem Wesen der Macht innewohnenden Drang nach immer 
weiterer Machtentfaltung bilden muß. Er hatte das Augenmaß für 
das Erreichbare. Wie denn Maccnrverr die wahre staatsmännische 
Größe darin gesehen hat, daß man nur das will, was man kann. Und 
nicht umsonst hatte Frırprıcn in seiner Schrift gegen MaccHrAvELL 
von dem Eroberer aus Notwendigkeit den Eroberer aus Leidenschaft 
geschieden, als dessen Typus ihm Kaxı XI. erschien. Mit Karr XL. 
hatte man den Eroberer Schlesiens bereits vergleichen wollen. Jetzt, 
im Augenblick der Unterzeichnung des Friedens, schrieb Frıevrıcn 
aus seinem letzten böhmischen Feldlager an seinen Freund JorDas, 
er hoffe, daß man ihn nicht mehr für so unsinnig halten werde, wie 
er im Anfang des Krieges verschrieen worden sei. 

In demselben Briefe hat Frreprıcn auf Grund seiner ersten 
praktischen Erfahrungen die vielumstrittene, aber im Antimacchiavell 
von ihm noch nicht gewürdigte Grenze zwischen öffentlicher und 
privater Moral zu bestimmen versucht. Er will den Stoikern und 
ihrem Prinzipieneifer antworten, daß für ihre starre Moral vielmehr 
das Land der Romane als der von uns bewohnte Kontinent sich eigne. 
Daß es sich bei dem Privatmann nur um seinen individuellen Vorteil 
handle, der unbedingt dem Wohle der Gesellschaft untergeordnet 
werden müsse. Bei einem Souverän gelte es den Vorteil einer ganzen 


Sitzungsberichte 1908. 10 


78 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Nation, den zu sichern seine Pflicht sei. So müsse er sich selbst und 
seine Verpflichtungen opfern, wenn diese dem Wohlergehen seiner Unter- 
tanen zu widerstreiten anhöben. Daß auch Privatleute mitunter ge- 
neigt seien, nicht nach den Geboten der bürgerlichen Moral, sondern 
nach den Grundsätzen der verschrieenen Staatsraison zu handeln, 
darauf hat Frieprıcn bei Übersendung seiner Ode den Friedensapostel 
VorraımrE mit der Erinnerung geführt: »Sie deklamieren nach Ge- 
fallen gegen die, welche ihre Rechte und Ansprüche mit bewaffneter 
Hand vertreten; aber ich erinnere mich einer Zeit, zu der, wenn 
Sie ein Heer gehabt hätten, dies unfehlbar gegen die Desfontaines, 
die Jean-Baptiste Rousseau, die van Duren usw. usw. marschiert 
wäre. « 

VOLTAIRE, mit diesem launigen Winke an seine nicht immer phi- 
losophischen Fehden mit literarischen und buchhändlerischen Gegnern 
erinnert, hat sich begnügt, auf die Ode und den begleitenden Prosatext 
dem Verfasser zu erwidern, daß diese Ode ein ganz neuer Stoff sei, 
voll wahrer und hoher Poesie und Philosophie. 

Noch ganz im Tone des Antimacchiavell gehalten, noch keine 
Absage an den Antimacchiavell, bezeichnet die Ode doch schon eine 
Abkehr von ihm — mit ihrem stillschweigenden Zugeständnis, daß 
es nicht klüglich, nicht ratsam ist, anders zu handeln als die andern. 
Diese Nutzanwendung, welche die Ode, die Vorläuferin der histori- 
schen Denkwürdigkeiten des Verfassers, dem Leser überläßt, sie macht 
der König das Jahr darauf in dem Vorwort zu dem ersten Entwurf 
seiner Memoiren! ohne Rückhalt, mit schneidender Schärfe. Das Po- 
litische Testament von 1752 hat dann dem vierzehn Jahre früher so 
hart angelassenen Maccmmaverr eine Art Genugtuung gegeben: »Mac- 
chiavell sagt, daß eine uneigennützige Macht inmitten ehrgeiziger 
Mächte unfehlbar zugrunde gehen würde; es tut mir sehr leid, aber 
ich bin genötigt einzugestehen, daß Macchiavell recht hat.« Die 
»Apologie des Rois« endlich, die ich im Eingang mit unserer Ode 
zusammenstellte, sagt mit durchsichtiger Beziehung wieder auf Mac- 
CHIAVELL, daß man aus den Freveltaten eine Wissenschaft, eine Lehre 
abgeleitet habe; es folgen dann zwei Verse, die der Verfasser über 
die Ode von 1742 hätte als Motto setzen können: 


! Nach einer Abschrift aus dem zu Petersburg befindlichen Teile des VoLrA1rE- 
schen Nachlasses mitgeteilt von H. Drovsen im Programm des Königstädtischen Gym- 
nasiums zu Berlin von 1904. Der vorangestellte Satz: »Du plus petit Etat jJusqu’au 
plus grand, l’on peut compter que le prineipe de s’agrandir est la loi fondamentale 
du gouvernement« — findet sich ähnlich bereits in den Considerations sur l’etat pre- 
sent du corps politique de l’Europe von 1738: »Le prineipe permanent des princes 
est de s’agrandir, autant que leur pouvoir le permet« usw. (Euvres 8, 15. 


=] 


Koser: Festrede. 


Die Weisheit selbst begann den Lehren zu entsprechen 
Und ward verbrecherisch im Kampf mit den Verbrechen !. 


VOoLTARE hat sich beim Erscheinen des Antimacchiavell gerühmt, 
daß allein seinem Rate die Drucklegung dieses einzigen Werkes zu 
danken sei; er freue sich, daß ein König auf diese Weise, ihm in 
die Hand, den Eid vor der Welt geleistet habe, gut und gerecht zu 
sein. Der Philanthrop glaubte dem jungen Herrscher eine Fessel an- 
gelegt, den Jünger der Aufklärungsphilosophie auf ihre Staatstheorie 
und ihren Moralkodex verpflichtet zu haben. 

Noch einmal ist ein preußischer Kronprinz bei der Staatstheorie 
in die Schule gegangen. Wie der Einsiedler von Rheinsberg sich 
mit jugendlicher Begeisterung unter das Banner der philosophischen 
Aufklärung stellte, so ist hundert Jahre später der nachmalige König 
Frieprıcn Wırnerm IV. in den Zauberkreis der Romantik getreten, 
hat der Predigt Harrers mit Andacht gelauscht und auf die Worte 
des Meisters geschworen. Ihr Ideal suchten beide in entgegenge- 
setzter Richtung; die Leidenschaft, mit der sie Partei ergriffen, war 
die gleiche. Ganz verschieden aber wieder bei dem einen und bei 
dem andern das Verhältnis, in das ihr Handeln, ihre praktische 
Politik zu der ihnen anempfohlenen Theorie trat. Dem Monar- 
chen des 19. Jahrhunderts ist die Theorie stets eine Fessel, ein 
»Gebot« geblieben, und seine dogmatische Gebundenheit durch dieses 
Gebot ließ ihn zum Nachteile seines Staates auf Waffen verzichten, 
deren die Nachbarn Preußens sich unbefangen bedienten. Ja, es 
ist treffend bemerkt worden, daß diesem Könige unter dem Gedanken- 
ballast seiner Theorie die Fähigkeit zu einheitlichem Handeln über- 
haupt verloren gegangen ist”. Sein großer Vorgänger hat die Fessel, 
in die ein Vortamr ihn verstricken wollte, zerrissen wie eine fläch- 
serne Schnur. Auf den Irrfahrten über das stürmische Meer der Meta- 
physik, von denen Frirprıcn spricht, war er zu der Überzeugung 
gelangt, daß der Mensch nicht geschaffen sei, zu philosophieren, da 
ihm die Natur dazu ausreichende Organe nicht verliehen habe, son- 
dern zu handeln; der Philosoph auf dem Throne, mit seiner durch- 
aus reflektierenden Art, hat doch die frische Farbe der Entschließung 


! (Euvres de Frederic le Grand, 10, 209: 
Et de tant de parfaits on fit une science; 
Le monde fut peuple d’illustres scelerats; 
Pestes du genre humain et fleaux des Etats; 
La sagesse elle-m&eme adopta ces maximes 
Et devint eriminelle en combattant les crimes. 


2 Vorraıre an den Präsidenten HrnAurr, 31. Oktober 1740. 
3 Fr. Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat (1908) S. 248, 249, 262. 


s0 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


nicht verloren, er besaß den Willen und die Kraft, nach dem Wahl- 
spruch aus der Renaissancezeit »resolut zu leben«. Als ein Jugend- 
traum ihn trog, als das Leben ihn lehrte, daß er nicht hoffen könne, 
die Welt zu bessern und zu bekehren, war er keinen Augenblick 
darüber zweifelhaft, daß er die Welt nehmen müsse, wie sie sei, und 
sich an die Gewohnheit der andern anzupassen habe'. Er hielt, was 
er schon als Kronprinz sich vorgesetzt hatte: jedenfalls solle man ihn 
daraus nicht anklagen dürfen, seine Interessen fremden Mächten ge- 
opfert zu haben’. Den sentimentalen Idealismus VoLrAmes ersetzte 
Friepricn für sein Handeln durch einen Idealismus härterer Art, durch 
die unbedingte Unterwerfung seiner Persönlichkeit unter das Gebot des 
Staatswohls, durch die Betätigung des antiken Wortes, daß das die 
edelsten Seelen sind, die bei der vollen Empfänglichkeit für den Genuß 
und bei klarer Vorstellung von bevorstehenden Mühsalen und Opfern 
sich doch nicht verleiten lassen, der Gefahr aus dem Wege zu gehen. 

Mit seinem Friedensschluß von 1742 war der junge König von 
dem Wege der Gefahr abgelenkt.: Aber das Friedenslos, das er am 
Schlusse seiner Ode preist, war noch nicht verdient. Dem gleichsam 
spielenden Anfang dieser Regierung mit ihren glänzenden, schnell 
geborgenen Erfolgen reihten sich die Zeiten schwerster Anfechtung 
an, die den Nachweis der echten Größe von ihm erst forderten. In 
seinen jüngst bekannt gewordenen gedankenreichen Betrachtungen 
über das Wesen historischer Größe hat Jako Burckuarpr neben der 
»abnormen Leichtigkeit in allen geistigen Funktionen, im Erkennen 
sowohl wie im Schaffen« als »kenntlichste und notwendigste Er- 
gänzung« des großen Mannes feststellen wollen: »die Seelenstärke, 
die es allein vermag, im Sturm zu fahren«. »Schicksale von Völkern 
und Staaten«, sagt der schweizerische Historiker, »Riehtungen von 
ganzen Zivilisationen können davon abhängen, daß ein außerordent- 
licher Mensch gewisse Seelenspannungen und Anstrengungen in gewissen 
Zeiten aushalten kann«. Daß Frieprıch DER GroszE dies im Sieben- 
Jährigen Krieg »in so supremem Grade« vermocht habe, darin sieht 
BuroxmAarpr alle zeitherige mitteleuropäische Geschichte bedingt‘. In 
seiner moralischen Widerstandskraft unter den zermalmenden Schlägen 
des Schicksals hat Frıeprıcn die härteste Probe der Mannhaftigkeit 
bestanden und den Satz bewährt, daß es die Kraft des Gemüts ist, 
die den Sieg erringt. 


! »De pareilles r&ilexions et bien d’autres mürement pesces ım’ont oblige a me 


eonforıner a la coutume des princes« (aus dem ersten Avantpropos zu der Histoire 
de mon temps). 

2 Publikationen aus den Staatsarchiven 72, 170. (1. Nov. 1737). 

> J.Burcknaror, Weltgeschichtliche Betrachtungen, herausgeg. von ÖRrr, S. 236, 237. 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. s1 


Frieprıcn hat vorausgewußt, daß Größe erst im Unglück voll 
sich offenbart‘. Er hat nachmals wehmütig bemerkt, daß das Glück, 
das die Jugend begleite, oft dem vorgerückten Alter sich versage. 
Gewiß hatten auf den steilen Höhen, über die sein Lebenspfad führte, 
von den Begleitern seiner Jugend viele sich verloren, vor allen auch der 
Frohsinn, der, nach VorrA1kes artigen Versen, auf Frieprıcns schlesischer 
Kriegsfahrt von 1740 mit auf die Reise gegangen war. Aber nicht 
alle Begleiter waren untreu geworden. An einer denkwürdigen Stelle 
in seiner Geschichte des Siebenjährigen Krieges stellt Frreprıcn sich 
das Zeugnis aus, daß ihm nur zwei Verbündete geblieben seien, um 
mit ihrer Hilfe einen ehrenvollen Ausweg zu finden: Mut und Aus- 
dauer. Das Blatt, auf dem diese Worte stehen, ist wohl das stolzeste 
seiner Geschichtschreibung. Es steht so hoch über dieser gereimten 
ersten Skizze seines historisch-politischen Rechenschaftsberichts, die 
ich heute hier mitteilen durfte, wie den jugendfrohen Eroberer von 
Schlesien der herbe Held des Siebenjährigen Krieges überragt, welcher 
der Mann des Jahrhunderts geworden war. 


Es folgten die Jahresberichte über die wissenschaftlichen Unter- 
nehmungen der Akademie sowie über die ihr angegliederten Stiftungen 
und Institute; für die physikalisch-mathematische Classe gab Hr. 
Auwers, für die philosophisch-historische Classe Hr. Dirrs diese Be- 
richte in abgekürzter Form. Die ausführlichen Berichte folgen hier. 


Sammlung der griechischen Inschriften. 
Bericht des Hrn. von WıLamoWwITz-MOELLENDORFT. 


Die Inschriften von Amorgos (XI 7) sind vollendet und werden 
in diesen Tagen ausgegeben. Der wissenschaftliche Beamte der Aka- 
demie, Freiherr HırLer von GAERTRINGENn, hat das Manuskript endgültig 
redigiert und zum Drucke gebracht, woran der Verfasser, Hr. 
DELAMARRE, durch Krankheit verhindert war. Auch die Indices hat 
Freiherr HırıLer von GAERTRINGEN verfaßt. Der Abschluß ward zu- 


! Ode sur la fermete ((Euvres ro, 16): 
Ce n'est point dans un sort prospere 
Que brille un noble caractere, 
Dans la foule il est confondu; 
Mais si son c@ur croit et s’eleve 
Lorsque le destin se souleve, 
C'est l’eEpreuve de la vertu. 


82 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


letzt noch dadurch verzögert, daß ein amorginischer Stein mit der 
längsten Inschrift der Insel in das Athenische Museum kam und von 
der dortigen Verwaltung mit dankenswerter Zuvorkommenheit uns 
zur Bearbeitung überlassen ward; die Inschrift erscheint gleichzeitig 
in der athenischen Ephemeris. 

Auch die thessalischen Inschriften (IX 2), bearbeitet von Hrn. 
OÖ. Kern, sind ausgedruckt: die Indices hat auch hier Freiherr Hirrer 
VON GAERTRINGEN übernommen und so weit gefördert, daß der Band 
um Ostern erscheinen wird. 

Hr. Professor Kırcnner hat im Sommer die große Aufgabe so 
gut wie vollendet, die nacheuklidischen attischen Inschriften in Attika 
aufzunehmen oder zu revidieren. Das würde nicht möglich gewesen 
sein, wenn nicht das vorgeordnete hohe Ministerium ihm für ein 
Jahr Urlaub gewährt hätte und sämtliche Behörden und Fachgenossen 
Griechenlands ihm das größte Entgegenkommen bewiesen hätten. 
Außer dem Generalinspektor Hrn. KagsBanıas, unserem korrespon- 
dierenden Mitgliede, müssen wir die Abteilungsdirektoren in dem 
Zentralmuseum, die HH. Stars und Leoxarnos, mit besonderer Dank- 
barkeit hervorheben. Hr. Lroxarnes, Direktor der Epigraphischen 
Abteilung, hat in gewissem Sinne geradezu mitgearbeitet. Ein be- 
sonderer Glücksfall war es, daß Hr. A. Wırneıu eine Zeitlang sich 
auch in Athen befand und seine unvergleichliche Kenntnis der 
attischen Steine bereitwillig Hrn. Kırcmner zur Verfügung stellte. 
Wie das Deutsche, so haben auch alle übrigen archäologischen In- 
stitute unser Unternehmen in jeder Weise gefördert, so daß wir nach 
allen Seiten nur zu danken haben. 

Die Insel Chios ist von Hrn. Dr. JacosstuarL mit gutem Erfolge 
bereist worden, und da ihre Steine sich ohne Heranziehung der be- 
nachbarten Küste nicht genügend bearbeiten lassen, hat er auch das 
Gebiet von Erythrä besucht, wo andauernd wichtige Steine zutage 
treten, aber im höchsten Grade gefährdet sind. Auch da ist Wichtiges 
gewonnen worden. Andere Inschriften von Erythrä verdanken wir 
der freundlichen Fürsorge von Hrn. Direktor Tu. Wıreann. Über 
diese Ergebnisse wird im Laufe des nächsten Jahres berichtet werden. 
In demselben wird voraussichtlich Hr. Dr. Freprıcn den Druck seines 
Heftes (XII S) beginnen. Eine Bereisung von Euböa durch Hrn. 
Dr. Erıcn Zıesarrn erfolgt in diesem Frühjahr. Über den energischen 
und höchst erfreulichen Fortgang, den die überaus schwierige Samm- 
lung der delischen Inschriften nimmt, haben uns die HH. M. Horrzaux 
und F. Dürrsacn, in deren Händen diese Unternehmung der fran- 
zösischen Akademie liegt, in liebenswürdigster Weise immer auf dem 
laufenden erhalten. 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 83 


Frau Geheimrat DiTTENBERGER, die Witwe unseres hochverdienten 
Mitarbeiters, hat unserm Archive eine sehr wertvolle Sammlung von 
Scheden, namentlich für die nordgriechischen Landschaften, aus dem 
Nachlasse ihres verewigten Gemahles überwiesen, Hr. W. Hasıvck 
ebenso den Abklatsch einer archaischen Inschrift von Prokonnesos, 
wie denn überhaupt unser Unternehmen von mehr Seiten Förderung 
empfängt als wir einzeln aufzählen können. Gewiß läßt sich ein 
Werk dieser Art, das allen zugute kommen soll, nur durch all- 
gemeine Teilnahme durchführen; aber auf Dankbarkeit hat auch der 
kleinste Beitrag Anspruch, und wir können versichern, daß er sie findet. 


Sammlung der lateinischen Inschriften. 
Bericht des Hrn. Hırscureın. 


Auch in diesem Jahre hat Hr. Hürsen die Hauptarbeit auf die 
Fortführung der Namenindices zu Band VI gerichtet. Der Index cogno- 
minum ist fertiggestellt, der Index nominum bis zum Anfang des Buch- 
stabens D ausgearbeitet. An dieser Arbeit beteiligten sich, abgesehen 
von gelegentlichen Helfern, wiederum Hr. Dr. Aurısenma und nach 
dessen anderer Verpflichtungen wegen erfolgtem Rücktritt Frl. Dr. 
Cesano, Privatdozentin an der Universität Rom, ferner zwei Mit- 
glieder der American School, Miß Taxzer und Miß Bkucr, die in 
dankenswerter Weise fast zwei Monate unentgeltlich die Arbeit eifrig 
gefördert haben. — Die Vorarbeiten für das Auctarium Addendorum 
sind stetig fortgesetzt worden. 

Der Druck des Namenindex zu Band XI mußte aus Mangel an 
Typen vor längerer Zeit unterbrochen werden, soll aber jetzt, nach- 
dem Hr. Bormann das Verzeichnis der Nomina peregrina, mit dankens- 
werter Unterstützung von verschiedenen Seiten, insbesondere von Hrn. 
WirHern ScHuze, fertiggestellt hat, wieder aufgenommen werden. — 
Auf wiederholten Reisen in Italien hat der Herausgeber die Addita- 
menta mit Unterstützung früherer Schüler im wesentlichen erledigt 
und den Index Auctorum erheblich gefördert. Hr. Bormann hofft den 
Satz der Indices und der Additamenta ohne Verzögerung zu Ende zu 
führen. 

Von Band XII ist der zweite Faszikel des zweiten Teils erschie- 
nen. Er enthält die Inschriften von Germania inferior in der Bear- 
beitung des Hrn. v. Domaszewskı, ferner die Meilensteine von Gallien 
und Germanien in der Bearbeitung der HH. Monusen (7), HirscHhreLn 
und v. Domaszewskı. Letzterer hat mit Unterstützung des Hrn. Finke 
in Heidelberg die Addenda zu den Steininschriften von Germanien 
fertiggestellt, doch wird die Drucklegung derselben erst später er- 


84 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


folgen können. — Hr. Bony hat die Sammlung und teilweise Aus- 
arbeitung der Nachträge zu Band XII, 3 fortgesetzt. 

Über die gallisch-germanischen Ziegel berichtet Hr. Srriser, daß 
von größeren Sammlungen nur noch die in Mainz und Trier, ferner 
die belgischen und ein Teil der schweizerischen nicht aufgenommen 
sind. Der Endtermin der Arbeit sei vorläufig noch nicht sicher zu 
bestimmen, doch sei die Sammlung des massenhaften Materials hin- 
reichend vorgeschritten, um eine erschöpfende Auskunft über die 
Fundplätze und Aufbewahrungsorte der Ziegel zu ermöglichen. — 
Die bereits im vorigen Jahre begonnenen Indices sind besonders von 
Hrn. M. Bang weitergefördert worden. 

Von Band XV (Instrumentum der Stadt Rom) hat Hr. Dresser im 
vergangenen Jahre die lateinischen Broncestempel zum Druck gebracht; 
für die griechischen wie auch für die umfangreiche Abteilung der 
Gemmen und Ringe liegt das Manuskript druckfertig vor. — Für die 
Nachträge sind die Descemetschen Scheden und Durchreibungen ohne 
großen Ertrag durchgearbeitet warden. 

Hr. Lonmnarzscn hat nach längerer Unterbrechung die Drucklegung 
der Neubearbeitung der republikanischen Inschriften (1°) bei den In- 
strumenta publica wieder aufgenommen und hofft dieselbe jetzt stetig 
weiterzuführen. 

Hr. Mau hat die Nachträge zum IV. Supplementband zum Druck 
gebracht. Die Indices sind fertiggestellt und der Druckerei übergeben. 

Der Druck des von Hrn. Dessau mit Hrn. Cacnar redigierten 
Supplements der afrikanischen Inschriften ist bis zu Bogen 162 ge- 
langt; die Abteilungen Tripolitana und Byzacena sind ausgedruckt. 
Die Herausgeber hatten sich nach wie vor der Unterstützung des 
Hrn. Merry in Tunis zu erfreuen. Verzögernd wirkten die vielen 
neuen Funde, die wiederholt nicht nur zur Umarbeitung des Manu- 
skripts, sondern selbst zur Umstoßung des Satzes nötigten. — Hr. 
Dessau hofft im Jahre 1908 den größten Teil der noch restierenden 
Masse der afrikanischen Inschriften zum Druck zu bringen. 

Das unter Leitung des Hrn. Dessau stehende epigraphische Archiv 
ist aus der Kgl. Bibliothek nach den provisorischen Räumen der Aka- 
demie (Potsdamer Straße 120) überführt worden, wo es wie bisher 
am Dienstag, 1ı2—2 Uhr, der Benutzung offenstehen wird. 


Prosopographie der römischen Kaiserzeit. 
Bericht des Hrn. Hırscarern. 
Hr. Kress ist im abgelaufenen Jahre durch die amtlichen Ge- 
schäfte seiner neuen Stellung in Marburg so sehr in Anspruch ge- 
nommen worden, daß es ihm nicht möglich war, seine Arbeit an 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 55 


der Prosopographie zum Abschluß zu bringen. Auch Hr. Dessau hat 
sich darauf beschränken müssen, die ihm übertragenen Beamtenlisten 
auf dem laufenden zu erhalten und die Nachträge zu dem alpha- 
betischen Teil durch Eintragung der neuen Funde zu vervollständigen. 


Index rei militaris imperiü Bomani. 
Bericht des Hrn. Hırscnreı». 


Hr. Rırteruıng hat die Namenliste der römischen Offiziere aus 
dem Ritterstande weiter vervollständigt. Mit Rücksicht darauf, daß 
die höheren Offiziere, namentlich im ersten und dritten Jahrhundert, 
aus dem Centurionenstande hervorgegangen sind, wurde auch eine 
Namenliste der Centurionen hinzugefügt. Im übrigen konnte die Arbeit 
infolge längerer Krankheit des Bearbeiters und der nach seiner Rück- 
kehr eingetretenen größeren Inanspruchnahme durch seine Berufstätig- 
keit wenig gefördert werden. 


Aristoteles - Kommentare. 
Bericht des Hrn. Diers. 


Im abgelaufenen Jahre wurden zwei Bände vollendet: VII. Sim- 
plieius in Categorias, herausgegeben von K. Karsrrriscn, und XXI. 1. 
Eustratius in Posteriora, bearbeitet von M. Havover. Das letzte 
Heft des XII. Bandes und zugleich das letzte des gesamten Kom- 
mentatorenwerks Philoponus’ Kommentar in Analytica Posteriora mit 
dem Anonymus in der Bearbeitung von M. Waruies, ist im Druck 
bis zum 18. Bogen fortgeschritten. Der Abschluß des ganzen Unter- 
nehmens ist also in kurzem zu erwarten. 


Politische Correspondenz Frırvrıcn's des Grossen. 
Bericht der HH. Scumorzer und Koser. 


Die Drucklegung des 32. Bandes hat Hr. Dr. Vorz so weit ge- 
fördert, dass dessen Ausgabe unmittelbar bevorsteht. Die 760 hier 
vereinigten Nummern erstrecken sich auf die Zeit von Anfang März 
bis Ende October 1772 und betreffen in ihrer überwiegenden Mehr- 
zahl die Verhandlungen, die nach Unterzeichnung des preussisch- 
russischen Vertrages vom Februar 1772 zwischen den beiden Sig- 
natarmächten und dem Wiener Hofe geführt wurden und in den Ver- 
trägen vom 5. August zum Abschluss kamen. Neben der damit bei- 
gelegten Frage der polnischen Theilung galt die Aufmerksamkeit der 


86 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


preussischen Politik insonderheit den russisch-türkischen Friedens- 
verhandlungen, die durch die Auflösung des Congresses von Fok- 
schani unterbrochen wurden, und, seit dem Staatsstreich König Gus- 
tav’s III. von Schweden im August 1772, dem dadurch verursachten 
Zwist zwischen den Höfen von Stockholm und St. Petersburg, durch 
den der König von Preussen als Bundesgenosse Russlands in einen 
Krieg mit Schweden hineingezogen zu werden besorgte. 


Griechische Münzwerke. 
Bericht des Hrn. Dkesser. 


Die Arbeiten für die griechischen Münzwerke sind während des 
verflossenen Jahres im Allgemeinen nicht so gefördert worden, wie 
es wünschenswerth gewesen wäre. 

Hr. GAEBLER hat nach der Ende 1906 erfolgten Publication des 
ersten Fascikels des macedonischen Bandes (III) die weitere Bear- 
beitung unterbrochen. Hr. Münzer war wiederum durch amtliche 
Verpflichtungen derart in Anspruch genommen, dass er der zweiten 
Abtheilung der thraeischen Münzen (Band I, 2) nur wenige Ferien- 
wochen widmen konnte, und in ähnlicher Weise war auch Hr. Kv- 
BITSCHEK nicht in der Lage, die für den verflossenen Sommer in Aus- 
sicht gestellte Drucklegung des karischen Bandes zu beginnen. 

Ein Fortschritt, wenn auch kein besonders erheblicher, ist für 
die übrigen Theile des nordgriechischen und kleinasiatischen Münz- 
werks zu verzeichnen. 

Hr. Resume hat für Band I, 2 die sehr ausführliche Einleitung 
zu den Münzen von Tomi vollendet und die Bearbeitung der Prä- 
gungen dieser Stadt weitergeführt, soweit es seine durch Habilitation 
und andere Öbliegenheiten in Anspruch genommene Zeit gestattete; 
auch die immer noch zahlreich eingehenden Nachträge zu diesem 
Bande wurden verarbeitet. 

Für die erste Abtheilung des thraeischen Bandes (II, ı) hat Hr. 
Strack die Beschreibung der Münzen von Abdera fertig gestellt und 
die Bearbeitung der Münzen von Aenus begonnen; im Sommer dieses 
Jahres denkt er das Manuseript für Abdera, Aenus und Anchialus der 
Akademie vorlegen zu können. 

Die zeitraubenden Vorarbeiten für die Gebiete von Mysia und 
Troas hat Hr. von Frıtze so weit zum Abschluss gebracht, dass mit 
der Herstellung des Manuscripts für den mysischen Band bald be- 
gonnen werden kann; es ist zu wünschen, dass diese Arbeit nun- 
mehr rasch durchgeführt wird. 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 87 


Acta Bborussica. 
Bericht der HH. ScnmoLLer und Koser. 

Die Thätigkeit unserer sämmtlichen Mitarbeiter, der H. H. Prof. 
Dr. Hıwtze, Dr. Freih. von ScuröTTER, Dr. StoLze, Dr. Rıcner, Dr. Hass 
und Dr. SkarLweır ging in gewohnter Weise rüstig voran. Wir sind 
in der Lage, Anfang 1908 drei fertige Bände auszugeben; ı. von 
Dr. Hırze Band XI der Behördenorganisation, der vom August 1750 
bis Ende 1753 reicht, und endlich der wissenschaftlichen Welt den 
auf die innern Verhältnisse bezüglichen Theil des politischen Testa- 
ments von Frieprıca d. Gr., nach dem Original gedruckt, vorlegt; 2. 
von Dr. Storze die zwei Bände IV, erste und zweite Hälfte der Be- 
hördenorganisation, welche die Acten von 1723 bis 1729, die Zeit 
der definitiven Durchführung der großen Reformen von 1718 bis 1722 
enthalten. Die Fortsetzung von Dr. Srorze, Behördenorganisation, 
Band V, 1730, ist bis zum 14. Bogen vorangeschritten. Der zweite 
Band der Münzgeschichte von Dr. von ScHRÖTTER, welcher die wichtige 
Zeit der Einführung des Graumasv’schen Münzfusses enthält (1740 bis 
1756) ist in seinem ersten Theile, der Darstellung, bereits gedruckt; 
der zweite Theil, die Acten, sind schon bis April 1753 gelangt. Die 
drei anderen Mitarbeiter sind in Materialsammlung und Vorarbeiten 
emsig vorangeschritten: Dr. Racner in der Bearbeitung der Zoll-Aceise 
und Handelspolitik vor und nach 1713, Dr. Skarwzır in der Aus- 
arbeitung der Getreide- und Magazinverwaltung von 1740 bis 1756, 
Dr. Hass in der Behördenorganisation vom siebenjährigen Kriege an. 


Ausgabe der Werke von WEIERSTRASS. 

Über den Fortgang der Herausgabe von Wriersrrass’ Mathema- 
tischen Werken wurde zuletzt vor drei Jahren hier berichtet. Der 
damals angekündigte Druck der Vorlesungen über Elliptische Func- 
tionen hat erst im abgelaufenen Jahre begonnen werden können und 
ist gegenwärtig bis zum 13. Bogen vorgeschritten. 


Kant- Ausgabe. 
Bericht des Hrn. VAuren. 


In der Abteilung der Werke ist Band VI (Religion innerhalb der 
Grenzen der bloßen Vernunft und Metaphysik der Sitten) veröffentlicht. 
Das Erscheinen von Band V und IX in diesem Jahre ist gesichert. 

Der Druck des handschriftlichen Nachlasses (Band XIV) hat be- 
gonnen. 

Die Ausgabe ist den HH. Antiquaren Ex Hırscn und S. Harrer 
in München für Mitteilung von zwei ungedruckten Briefen Kants 
dankbarlichst verpflichtet. 


s8 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Ibn Saad- Ausgabe. 
Bericht des Hrn. Sacnav. 


Während des verflossenen Jahres sind die folgenden zwei Bände 
im Druck fertig geworden und werden demnächst zur Ausgabe ge- 
langen: 

Band VI, Biographien der berühmtesten Männer des 
ältesten Islams, welche aus der Stadt Küfa in Westbaby- 
lonien gebürtig waren. Herausgegeben von Prof. Dr. K. ZETTERSTEEN, 
Upsala. 

BandIV, 2. Abteilung, Biographien derjenigen Muslims, 
welche sich nach der Schlacht am Berge Ohod im Jahre 627 
Muhammed angeschlossen haben. Herausgegeben von Prof. Dr. 
J. Liepert, Berlin. Beiden Herren sei an dieser Stelle der Dank der 
Akademie bezeugt. 

Alle übrigen Teile des Werkes sind im Druck befindlich. Von 
diesen dürfte Band II, ı. Abteilung: Über die kriegerischen 
Expeditionen Muhammeds, herausgegeben von Hrn. Prof. Dr. 
J. Horovırz, zur Zeit Professor an der muhammedanischen 
Universität zu Aligarh in Ostindien, in der ersten Hälfte dieses 
Jahres (1908) erscheinen. 


Wörterbuch der ägypüschen Sprache. 


Bericht des Hrn. Erman. 


Das Berichtsjahr gehörte zum ersten Male der Ausarbeitung des 
Manuskriptes an, an der die HH. Ermav und GArDImER den größten 
Teil des Jahres und die HH. Junker, ROEDER und SETHE vorüber- 
gehend tätig waren. Die Leitung lag in den Händen des Hrn. Erman, 
während Hr. Serue das Manuskript einer Revision unterzog. Im ganzen 
wurden 828 Seiten des vorläufigen Manuskriptes fertiggestellt, die 537 
ägyptische Worte behandeln. Der Eindruck, den wir von dieser ersten 
Jahresarbeit gewonnen haben, läßt sich dahin zusammenfassen, daß 
der wissenschaftliche Fortschritt unsern Hoffnungen entspricht, daß 
aber die Schwierigkeiten der Arbeit unerwartet große sind. Sie liegen 
in der langen Geschichte der Sprache, in der Vieldeutigkeit der Schrift 
und vor allem darin, daß die ägyptischen Schreiber seit der Mitte 
des zweiten Jahrtausends einander ähnliche Worte in unerhörter Weise 
miteinander vertauschen und vermischen; nur bei sehr behutsamem 
Vorgehen und eindringender Untersuchung können wir dieses Wirrwars 
Herr werden. Daher hat es sich auch als untunlich herausgestellt, 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 89 


die Worte in ihrer alphabetischen Reihenfolge durchzuarbeiten, wir 
müssen sie vielmehr zunächst gruppenweise behandeln, so wie sie ein- 
ander inhaltlich oder äußerlich erläutern. Und weiter sehen wir uns 
genötigt, das vorläufige Manuskript ausführlicher zu gestalten, als dies 
eigentlich in unsrer Absicht liegt; denn wir können noch nicht über- 
sehen, was sich bei dem einzelnen Worte einmal als wesentlich zeigen 
wird. Unsre Arbeit wird daher zunächst weit langsamer vonstatten 
gehen, als wir es dachten, indessen dürfte jedes weitere Jahr unsre 
Bahn glatter machen. 

Neben der Verarbeitung gingen die Verzettelung und die Neben- 
arbeiten in beschränktem Maße fort; an den letzteren arbeiteten die 
HH. Burcnuarpotr, RuscHh, Storck und Frl. MorsEnstern. Es wurden 
verzettelt 4428 Stellen und alphabetisiert 181427 Zettel. Im ganzen 
sind bisher verzettelt 45985 Stellen, die etwa 1018000 Zettel ergeben 
haben, davon sind bisher 976019 alphabetisiert, die bis auf 31933 
der Benutzung zugänglich gemacht sind. 

Um auch die Eigennamen für die Verarbeitung nutzbar zu machen, 
müssen deren rund 90000 Zettel, die bisher nur im groben geordnet 
sind, neu durchgesehen werden; diese Aufgabe wurde von Hrn. GrArow 
zunächst für die Namen der Orte, Götter und Könige erledigt, für die 
Personennamen wurde sie von Hrn. Erıan begonnen. 

Neues Material verdankten wir in diesem Jahre hauptsächlich 
Hrn. Garviner, der die Papyrus der Pariser Sammlung und solche von 
Leiden und Liverpool für uns kopierte. 

Im einzelnen wurden verzettelt: 

Religiöse Literatur: Libro dei funerali (Hr. VogELsang). — 
Zaubertext Salt 825 (Hr. BurcnAarpr). — Buch vom Durchwandeln der 
Ewigkeit nach der Stele des Vatikans (derselbe). 

Ältere Literatur: Die neuen Handschriften des Sinuhe und 
der Bauerngeschichte (Hr. Garpıner). —  Veterinärpapyrus Kahun 
(Hr. Wreszisski). 

Geschäftliche Papyrus des neuen Reichs: Papyrus Mayer A, 
die Papyrus der Bibliotheque nationale und Fragmente aus Gurob 
(Hr. GARDINER). 

Späte Papyrus: Geographischer Papyrus aus Tanis und Faijum- 
papyrus (Hr. Burcnarpr). 

Tempelinschriften: Fortgesetzt wurden Medinet Habu (HH. 
GarDIner und Raske), Karnak (HH. Serue, Roerper und Grarow). Ab- 
geschlossen Derelbahri und Gurna (Hr. Rorprr). 

Grabinschriften: Königinnengräber (Hr. Srrue). 

Tempel griechischer Zeit: Hr. Junker setzte Edfu unter Mit- 
wirkung des Hrn. Boyrav fort. 


90 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Einzelne Denkmäler: Dariusstelen (Hr. BurenAarpr). — Ein- 
zelnes aus dem British Museum und den Museen zu Kairo, Stockholm, 
Berlin (HH. Burenarprt, GARDINER, RANKE, ROEDER, SETHE). 


Das Tierreich. 
Bericht von Hrn. F. E. Scauurze. 


Obwohl schon am Schluß des Vorjahres mit der Drucklegung 
der von den HH. Prof. von Darza TorrE und Kırrrer bearbeiteten 
24. Lieferung begonnen wurde, gelang es nicht, diese Bearbeitung 
von erheblichem Umfange im Berichtsjahre zur Veröffentlichung zu 
bringen. Bei der Anwendung der internationalen Nomenklaturbe- 
stimmungen auf die behandelte Gruppe der Gallwespen (Cynipidae) 
wurden zeitraubende formale Änderungen des sonst abgeschlossenen 
Textes notwendig. 

Der Hauptgrund der verlangsamten Herausgabe des » Tierreichs« 
liegt aber in der Teilung des Arbeitsprogramms durch die Inangriff- 
nahme eines Nomenklators der Gattungen und Untergattungen. Die 
Dringlichkeit dieses zweiten Unternehmens, welches die Grundlage 
für die erfolgreiche Durchführung einer nicht gering zu schätzenden 
Aufgabe des »Tierreichs« zu bilden hat, und die besonderen Schwierig- 
keiten, die hierbei zu bewältigen sind, habe ich in den beiden letzten 
Jahresberichten schon angedeutet. Ich freue mich, über einen guten 
Fortgang dieser Arbeit berichten zu können und halte mich zu der 
Hoffnung berechtigt, noch vor dem Jahre ı9ıo über Plan und Um- 
fang des abgeschlossenen Werkes einen eingehenden Bericht vorlegen 
zu können. Eine besondere Förderung hat das Unternehmen vor 
kurzem durch das Entgegenkommen des Hrn. Prof. von Darra TorRE 
in Innsbruck gefunden, der sich in dankenswerter Weise bereiterklärte, 
an den mühsamen Vorarbeiten teilzunehmen, die zur Prüfung der 
Richtigkeit und Vollständigkeit der bisher registrierten Gattungsnamen 
erforderlich erscheinen. 


Das Pflanzenreich. 
Bericht des Hrn. En6Ler. 


Von dem Pflanzenreich, Regni vegetabilis conspectus, das sich 
immer mehr zu einer Sammlung vollständiger Monographien ent- 
wickelt, sind im Jahr 1907 sechs Lieferungen mit insgesammt 61 Druck- 
bogen erschienen, mit den Bearbeitungen der Polemoniaceae von Prof. 
A. Branp, der Calceolarieae von Prof. Kränzuıs, der Erythroxylaceae von 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 91 


O. E. Scuurz, der Styracaceae von Dr. Jaser Perkıss, der Potamogeto- 
naceae von Prof. AscHErsoxn und Dr. GRAEBNER, der Orchidaceae- Coelo- 
gyninae von dem verstorbenen Prof. Prırzer und Prof. Kränzuın. Ausser 
diesen ausgegebenen Lieferungen sind noch fünf andere im Druck, von 
denen namentlich die Sarraceniaceae und Nepenthaceae hervorgehoben 
sein mögen, welche von Prof. MacrArrane in Philadelphia bearbeitet 
werden. 


Geschichte des Fixsternhimmels. 


Aus der für das Unternehmen eingesetzten Commission sind im 
Jahre 1907 die Mitglieder vo Brezorp und Vocrr durch den Tod 
ausgeschieden. 

Die Sammlung der Catalogörter wurde, nachdem in der ersten 
Hälfte des Jahres noch 54362 Werthe eingetragen waren, vorläufig 
geschlossen, und dann der zweite Abschnitt der Arbeit: die Über- 
tragung der zusammengestellten Örter auf das Aequinoctium 1875 be- 
gonnen. Diese Übertragung ist gegenwärtig bis zur Reetascension 
2"ı2” vollendet, mit einstweiligem Ausschluss der sehr nahe an den 
Polen stehenden Sterne. 

Zu dem Druck des Fehlerverzeichnisses hatte Hr. A. F. Liwpemann 
wiederum die Güte einen Beitrag, in Höhe von 3000 Mark, zu ge- 
währen. Der Druck ist bis zum Bogen 4S fortgeschritten; es stehen 
nur noch die Govurn’schen Cataloge für 1875 und der grösste Theil 
der auf ein späteres Aequinoctium gestellten Cataloge aus. 


Commission für die Herausgabe der „Gesammelten Schriften 
Wirnuerm von Humskorors‘“. 


Bericht des Hrn. Scauipn. 


Die beiden 1907 erschienenen Abtheilungen des sechsten Bandes 
der von Hrn. Prof. Dr. Leırzmanx bearbeiteten »Werke« greifen mit 
ihren letzten Stücken aus dem linguistischen ins ästhetische Gebiet 
hinüber und zeigen wiederum einen bedeutenden Zuwachs. Schon 
ausgedruckt ist die grosse Studie über die » Verschiedenheiten des 
menschlichen Sprachbaus« u. s. w. (VII, 1); im Manuscript abge- 
schlossen eine Sammlung von Paralipomenis, die wegen ihrer Kürze 
oder ihres fragmentarischen Zustandes nicht wohl eingereiht werden 
konnten, sowie von anderen Nachträgen nebst Auskünften über ver- 
lorene oder weggebliebene Schriften (VII,2). Die folgenden Bände, 
ohne Vorarbeit aus grossen handschriftlichen Massen zu schöpfen, 
gebieten ein langsameres Tempo. 


92 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Empfindliche Versäumnisse in Gebhardts nachgelassenem Katalog 
der Briefbestände des Staatsarchivs heilt jetzt revidirend und ergän- 
zend Hr. Dr. Srraneer, dem sich dabei auch die Nothwendigkeit er- 
geben hat, kleine Supplemente zu den Politischen Denkschriften zu 
liefern. Neben ihm sind wir Hrn. Privatdocenten Dr. S. Krrrer in Bonn, 
Fräulein Marızr von Bunsen in Berlin und der Publie library in Boston 
(für photographische Mittheilung eines langen werthvollen Schreibens 
an Körner über Schiller) verpflichtet. 


Interakademische LEısN1Z- Ausgabe. 
Bericht des Hrn. Lenz. 


Hr. Warpever hat in der öffentlichen Sitzung am 27. Juni 1907 
(vgl. Sitzungsberichte 1907 S. 617 ff.) einen ausführlichen Bericht über 
die Entstehung und Entwicklung des Planes dieser Ausgabe gegeben; 
ich kann mich also darauf beschränken, an die Hauptpunkte jener 
Darstellung zu erinnern und den gegenwärtigen Stand der Arbeit 
zu bezeichnen. 

Der Gedanke einer kritischen Gesamtausgabe der Werke von 
Leiwssız wurde von der Academie des Sciences morales et politiques 
zu Paris auf der ersten Generalversammlung der internationalen Asso- 
ziation der Akademien (Paris 1901) angeregt. Er fand allgemein 
Beifall, und die Assoziation beauftragte die Academie des Seiences 
und die Academie des Sciences morales et politiques zu Paris und 
unsre Akademie, sich über den Umfang des Unternehmens zu orientieren 
und an der Hand eines Verzeichnisses der für die Publikation in 
Betracht kommenden Stücke der nächsten Generalversammlung einen 
Plan vorzulegen, der die Grundlage für die Entscheidung des Ob und 
Wie der Ausgabe bilden könnte. Die drei Akademien widmeten sich 
dieser Arbeit während der Jahre 1902 und 1903. Von französischer 
Seite wurden Frankreich, Belgien, Holland und England auf Leibniziana 
bereist, von unsrer Seite ein Katalog aller gedruckten Stücke an- 
gefertigt, dann gemeinsam ein Aufruf an die Archive, Bibliotheken 
und zahlreiche Privatpersonen erlassen — der zum Teil zu über- 
raschenden Entdeckungen führte — und endlich und vor allem die 
genaue Verzeichnung des in Hannover liegenden Nachlasses von Leısyız 
unternommen. Besonders die letzte Arbeit zeigte, daß man den Umfang 
und die kritischen Schwierigkeiten des Werkes unterschätzt hatte. 
Infolgedessen ersuchten die drei Akademien die zweite Generalver- 
sammlung der Assoziation (London 1904), ihnen ihren Auftrag auf 
weitere drei Jahre zu verlängern, indem sie in Aussicht stellten, bis 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 93 


zu der dritten Tagung das bisher gesammelte Material revidieren und 
als einen kritischen Katalog der Leisnız-Handschriften veröffentlichen 
zu können. Die Assoziation erklärte sich hiermit einverstanden. In 
der Tat wurde bis zum Frühjahr 1906 dieser kritische Katalog im 
Manuskript ziemlich vollendet. Es stellte sich aber auch heraus, 
daß er etwa zehn Bände in Quarto zu je 60 Bogen umfassen und 
seine Drucklegung etwa drei Jahre und rund 80000 Mark Kosten 
beanspruchen würde. Angesichts dieser Tatsache kam unsre Akademie 
zu dem Entschluß, auf diese Drucklegung eines immer doch nur vor- 
bereitenden Werkes zu verzichten und vielmehr sobald wie möglich 
an die Ausgabe selbst zu gehen. Zu derselben Auffassung gelangten 
die beiden französischen Akademien. Man verständigte sich also über 
die weitere Behandlung des Kataloges und über Ziel, Teilung und 
Organisation der Arbeit für die Ausgabe, und unterbreitete der dritten 
Generalversammlung der Assoziation (Wien 1907) den Vorschlag: 
»Von der Drucklegung des geschriebenen Katalogs soll abgesehen 
werden, dagegen ist letzterer mechanisch zu vervielfältigen insoweit, 
daß den Bibliotheken der zur Vereinigung gehörigen Akademien so- 
wie einigen andern Bibliotheken Exemplare zugestellt werden können. 
Mit der vollständigen Ausgabe der Werke Leisnizens soll alsbald be- 
gonnen werden, und sind die genannten drei Akademien damit zu 
betrauen.« Die Assoziation hat demgemäß beschlossen und damit 
das Unternehmen gesichert. 

Die interakademische Leisnız-Ausgabe wird also von der Academie 
des Seiences und der Academie des Sciences morales et politiques zu Paris 
und unsrer Akademie im Namen der Assoziation der Akademien aus- 
geführt. Die drei Akademien haben sich überzeugt, daß eine schlechter- 
dings vollständige Ausgabe, die alles, was je von und an Lrızsız ge- 
schrieben worden ist, enthielte, in absehbarer Zeit und mit den zur Ver- 
fügung stehenden Mitteln nicht geleistet werden kann, aber auch für 
die Bedürfnisse der Wissenschaft nicht notwendig und nicht einmal 
wünschenswert ist. Sie haben also nur eine » wissenschaftlich voll- 
ständige« Ausgabe ins Auge gefaßt. Auch bei dieser Beschränkung wird 
freilich das Werk rund 50 Quartbände umfassen und erst in 30 bis 
40 Jahren vollendet sein. In die Leitung und in die Kosten der Arbeit 
haben sich die drei Akademien so geteilt, daß den beiden französischen 
Akademien die mathematischen, erkenntnistheoretischen und logischen, 
die naturwissenschaftlichen und medizinischen, die juristischen und 
naturrechtlichen Schriften, unsrer Akademie dagegen die politischen, 
staats- und volkswirtschaftlichen und die historischen und sprach- 
wissenschaftlichen Schriften, und außerdem die gesamten Briefe und 
Denkschriften überwiesen sind; über die metaphysischen und theolo- 


Sitzungsberichte 1908. 11 


94 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


gischen Schriften hat man noch keine Vereinbarung getroffen. Die 
Arbeit selbst wird gemeinsam bleiben, so zwar, daß zum Teil fran- 
zösische Mitarbeiter unter unsre, und deutsche Mitarbeiter unter fran- 
zösische Leitung treten werden. 

Auf unsrer Seite haben wir uns zunächst zur Bearbeitung der 
Briefe und Denkschriften, als der unsres Erachtens wichtigsten und 
notwendigsten unter den uns überwiesenen Abteilungen, entschlossen. 
Die Leitung liegt in den Händen unsrer »Leıssız-Kommission«, die 
zur Zeit aus den HH. Dirrury, Harnack, Koser, Lexz (als Vorsitzendem), 
Pranck, ScHhmipT, Schwarz und Stumer besteht; Hr. Dıers ist, nach- 
dem er von 1901—1906 den Vorsitz geführt hatte, im Frühjahr 
1906 wegen seiner Überhäufung mit andern Geschäften ausgeschie- 
den. Als Mitarbeiter stehen uns einstweilen die seit 1902 für uns 
in dieser Sache tätigen HH. Dr. Kasırz und Dr. Rırter, und dazu 
die französischen HH. Rıyaunp, SırE und Vesıor zur Verfügung. Mit 
der Leitung der Arbeit im einzelnen haben wir Hrn. Dr. Rırrer be- 
traut. Diese Herren sind seit dem Sommer 1907, auf Grund eines 
von Hrn. Dr. Rırter entworfenen Planes, mit der Bearbeitung der 
ersten drei Bände beschäftigt, welche die Briefe und Denkschriften 
von 1662— 1672 (bis zur Übersiedelung des jungen Lrisxız nach 
Paris) umfassen werden. Hr. Dr. Kasırz, der die philosophischen 
und theologischen Briefe übernommen hat, ist bereits an die Her- 
stellung des kritischen Apparates gegangen und hofft, bis Ostern 
1909 sein Manuskript vollendet zu haben. Hr. Dr. Rırrer ist noch 
in der Sammlung und Kollation der Drucke und Abschriften be- 
griffen; er bearbeitet die politischen und biographischen Stücke, 
also im wesentlichen auch sämtliche Denkschriften (unter ihnen die 
zum Ägyptischen Plan gehörigen, die den ganzen dritten Band be- 
anspruchen werden). Über den Stand der Arbeit bei den französi- 
schen Herren werden wir demnächst Nachricht erhalten; sie haben 
bereitwilligerweise die naturwissenschaftlichen Briefe übernommen. 
Im allgemeinen hoffen wir diese ersten drei Bände so zu beschleunigen, 
daß sie 1g9ıı erscheinen können. 

Die Vorbereitungen für die Vervielfältigung des Katalogs werden 
inzwischen auf beiden Seiten fortgesetzt. Nachdem die einzelnen Be- 
arbeiter desselben schon im Laufe des Jahres 1906 ihre ausführlichen 
Konzepte in Reinschriften auf Oktavzetteln kondensiert haben, han- 
delt es sich jetzt um die kritische Kombination dieser (acht) parallelen 
Anteile. In diese Arbeit haben sich die HH. Kasırz, Rırrer und 
Rıvaup in der Weise geteilt, daß jeder die Zusammenstellung und 
Verantwortung für bestimmte Perioden übernommen hat. Leider wird 
auch die Umschrift des Ganzen mit autographischer Tinte zu einem 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 95 


erheblichen Maße von diesen Herren persönlich geleistet werden müssen. 
Die erste, von Hrn. Dr. Rırter redigierte Abteilung des vervielfältigten 
Katalogs steht daher erst im April d. J. zu erwarten. Die andern 
Abteilungen werden voraussichtlich so schnell folgen, daß wir den 
wichtigsten Vorteil eines solchen allgemein zugänglichen Katalogs 
— auch Außenstehende zur Kontrolle unsrer Arbeit zu veranlassen — 
noch für die ersten drei Bände der Ausgabe genießen können. Unsre 
Mitarbeiter bedienen sich einstweilen ohne große Beschwerde ihrer 
Konzepte und Reinschriften. 

Erfreulich ist endlich, daß Zufall oder planmäßiges Verfolgen 
neuer Spuren immer noch zu weiteren Funden von Lemxız-Hand- 
schriften führen. So sind erst kürzlich die verloren geglaubten Ori- 
ginale der Briefe des jungen Leıssız an den Augsburgischen Theo- 
logen Spitzel (1668— 1672), und aus seinen späteren Perioden Briefe 
an den Wolfenbüttelschen Minister Baron von Steinberg, die Herzogin 
Benedicete von Braunschweig und den Abbe St. Pierre zum Vorschein 
gekommen. Dagegen sind die Nachforschungen nach der zweiten 


Hälfte des Nachlasses Johann Christians von Boineburg — dessen 
erste Hälfte seinerzeit im Schönbornschen Archiv zu Wiesentheid ge- 
funden wurde — bisher vergeblich geblieben. 


Corpus Medicorum graecorum. 
Bericht des Hrn. Dirrs. 


Die Akademie berichtet heute zum ersten Male über ein neues 
Folgeunternehmen, das ihre philosophisch -historische Klasse nach der 
Beendigung des Corpus Aristotelicum in Angriff genommen hat. In 
Gemeinschaft nämlich mit den Königlichen Gesellschaften der Wissen- 
schaften zu Kopenhagen und Leipzig ist eine unter den Auspizien 
der Internationalen Assoziation der Akademien stehendes Corpus 
medicorum antiguorum begonnen werden, von dem die genannten 
drei Akademien den griechischen Teil, das Kuratorium der bei der 
Universität Leipzig bestehenden Puschmanv-Stiftung den lateinischen 
übernommen haben. 

Die Arbeiten für beide Abteilungen stützen sich auf einen von 
der Kopenhagener und unserer Akademie aufgenommenen Katalog der 
Handschriften der antiken Ärzte, dessen beide Teile in den Abhand- 
lungen unserer Akademie 1905 und 1906 veröffentlicht worden sind. 
Ein erster Nachtrag dazu ist in den Abhandlungen 1907 erschienen. 
Dort ist auch ein ausführlicher Bericht über den ganzen Plan mit- 
geteilt, aus dem hier herausgehoben sei, daß die Sammlung des 

11 


96 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Corpus M. graecorum auf 32 Bände Großoktav berechnet ist, deren 
Verlag die B. G. Teubnersche Buchhandlung in Leipzig übernommen 
hat. Davon sollen Hippokrates 2, Galen ı3 Bände füllen. 3 Bände 
sind für die kleineren Mediziner reserviert, unter denen auch manches 
Ungedruckte sich befinden wird. So ist ein Exzerpt aus dem Arznei- 
buche des Arztes Philumenos (2. Jahrh. n. Chr.) in der Bearbeitung 
von M. Werrmans bereits im Text vollendet und wird als kleine Probe 
des Werkes demnächst ausgegeben werden. 

Die Leitung des Unternehmens liegt in den Händen einer von 
der Assoziation erwählten autonomen Kommission, deren Mitglieder 
sind die HH. Gourerz (Wien), Lro (Göttingen), Hrızere (Kopenhagen), 
Ivgere (Leipzig), BywAter (London), Krumsacher (München) und der 
zum Obmann dieser Kommission ernannte Berichterstatter. 

Die Berliner Akademie hat zur Durchführung des Unternehmens 
eine aus Hrn. v. Wıramowırz und dem Berichterstatter gebildete be- 
sondere Kommission eingesetzt. Sie hat Hrn. Privatdozenten Dr. 
J. Mewarpr in Berlin zum Redakteur des Corpus ernannt. Diese 
Wahl hat die Bestätigung der autonomen Kommission der Assoziation 
gefunden. 

Unsere Akademie hat als Arbeitsraum für das Corpus ein Zimmer 
in dem Nebengebäude unseres provisorischen Heims eingerichtet, wo 
auch die bereits gesammelten Materialien eine übersichtliche Aufstel- 
lung gefunden haben. 


Deutsche Kommission. 
Bericht der HH. BurvAcaH, RoETHE und ScHmipr. 


In die Kommission neu eingetreten ist Hr. Hruszer. 

Im Juni siedelte die Kommission aus dem Hause Behrenstraße 70 
in die zeitweilige Behausung der Akademie, Potsdamer Straße 120, 
über; es stehen ihr dort außer einem für die Mitglieder der Kommission 
bestimmten Sitzungsraum ein großes und drei kleinere Arbeitszimmer 
zur Verfügung, die sich durch Helligkeit und Geräumigkeit vorteilhaft 
vor den früheren Räumen der Kommission auszeichnen. Der Umzug 
gab Anlaß zu einer erheblichen Ergänzung des bisherigen Inventars, 
das sich bei der steten Vermehrung der Aufgaben und Mitarbeiter 
der Kommission schon längst als unzureichend erwiesen hatte. 

Die Inventarisierung der literarischen deutschen Hand- 
schriften schritt ruhig fort. Die Rücksicht auf die verfügbaren 
Mittel verbot diesmal eine Steigerung des Tempos; wir haben aber 
Grund, zu hoffen, daß die verständnisvolle Förderung des vorgesetzten 
Ministeriums es uns ermöglichen wird, im kommenden Jahre mit 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akadeimnie. 97 


vermehrten Kräften und Mitteln die Handschriftenaufnahme zu be- 
schleunigen. 

In der Schweiz war die Arbeit dieses Jahres besonders ergiebig. 
Der Leiter der Stiftsbibliothek in Einsiedeln, Hr. P. GAgrıer Mrıerr, 
spendete aus dem reichen Schatz der ihm anvertrauten Handschriften 
mit gewohnter Gelehrsamkeit weitere Beschreibungen (in der Haupt- 
sache Mystik, daneben einiges Medizinische). Die im vorigen Bericht 
angekündigte Verbindung der öffentlichen und Universitätsbibliothek 
zu Basel mit den Inventarisationsarbeiten der Akademien hat wert- 
volle Früchte getragen. Im September des vergangenen Jahres emp- 
fing das Archiv die umfängliche, von Prof. Bısz’ sicherer Hand genau 
nach unsern Grundsätzen ausgeführte Beschreibung derjenigen Hand- 
schriften der Baseler Abteilung A (Theologie, Papier), die in den 
Rahmen unsers Inventars fallen. Wie Prof. Binz mitteilte, sind außer- 
dem bereits beschrieben, aber für den Baseler Katalog noch nicht 
kopiert, auch die in Betracht kommenden Bände der Abteilung B 
(Theologie, Pergament) und einige Sammelbände der Abteilung F 
(Artes). Das Verzeichnis der Abteilung A erschien dann unter dem 
Titel: »Die deutschen Handschriften der öffentlichen Bibliothek der 
Universität Basel, erster Band« (Basel 1907) als Festgabe der Baseler 
Bibliothek für die Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner 
im Druck. Die Vorrede dieser verdienstvollen Publikation, die der 
Initiative des Hrn. Oberbibliothekars Dr. Kart Unrıstorm BERNOUILLI 
verdankt wird, betont ausdrücklich, daß die Anregung zu der jetzigen 
Durchführung der Katalogisierung und ihre Form auf die deutsche 
Kommission der Berliner Akademie zurückgehe. Ein Vergleich mit 
Hänels summarischen Beschreibungen veranschaulicht sofort, wie trefl- 
lich sich das Zusammenwirken der von der Akademie vertretenen rein 
wissenschaftlichen und der dortigen bibliothekarischen Interessen be- 
währt hat. Es sei insbesondre auf die Abteilungen AX und AXI 
verwiesen, die über zahlreiche seit Jahrhunderten unverzeichnet und 
vernachlässigt aufgestapelte Handschriftenbände beriehten und manche 
für die deutsche und die mittellateinische Literatur interessante Stücke 
ans Licht ziehen. Für die deutsche Mystik findet sich dabei freilich 
nicht so viel Neues, als bei der Bedeutung Basels für diese Bewegung 
vielleicht erwartet werden konnte. — Hr. Prof. Dr. Fernmasn VETTER 
in Bern hat noch gegen 60 Beschreibungen von St. Gallener Hand- 
schriften eingesendet (Reihen altdeutscher Personennamen, Sprichwörter, 
Rätsel, Beichtformeln, Briefe Alkuins und anderer, Schriften des Äneas 
Sylvius). 

Für Österreich ist die Handschriftenaufnahme leider immer 
noch nieht so in Gang gekommen, wie es zu wünschen wäre. Einige 


98 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Handschriften der Wiener Hofbibliothek haben Hr. Dr. V. Junk in 
Wien und Hr. Prof. Ent Henrıcr in Berlin beschrieben. Aus Graz 
sandte eine Beschreibung Hr. Dr. Fernınanp EicHLer. 

Rüstigen Fortgang hat dagegen die Handschriftenaufnahme in 
der Münchener Hof- und Staatsbibliothek genommen. In das Be- 
richtsjahr fallen etwa 120 Beschreibungen, die wir größtenteils wieder 
der fortgesetzten treuen Mühewaltung der HH. Dr. Leiiseer und 
Dr. Prrzer verdanken. Aus den Arbeiten des Hrn. Prof. vox DER LEYEN 
und seines Gehilfen, des Hrn. Dr. Mauszer, für die deutsche Mystik 
erwuchsen vier zum Teil sehr umfängliehe Beschreibungen mystischer 
und katechetischer Stücke (Meister Eckhart, Tauler, Marquart von Lin- 
dau u. a.). Gelegentliche Beschreibungen von Münchener Handschriften 
lieferten die HH. stud. Kart Schröper (Berlin) und stud. Erıcn EıcnLer 
(Greifswald). — Eindringende Ergänzungen zu seinen vorher summari- 
scher gefaßten Beschreibungen mehrerer Kemptener und Passauer 
Handschriften steuerte Hr. Prof. Karı. Eure (Königsberg) bei (darunter 
Kemptener Bruchstücke des Willehalm Ulrichs von Türheim). — Auf 
Baden und Württemberg hat sich bisher die Inventarisationstätigkeit 
der Akademie noch nicht erstrecken können. Doch hat Hr. BurpacH 
im letzten Sommer einen Aufenthalt in Heidelberg, Karlsruhe, Stutt- 
gart und Tübingen benutzt, um durch Beratungen mit den maß- 
gebenden Behörden und Personen eine geeignete Organisation vor- 
zubereiten. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen, lassen 
aber bei dem Entgegenkommen, das Hr. Burvacn überall, insbesondere 
auch bei dem badischen Kultusministerium gefunden hat, einen glück- 
lichen Ausgang erwarten. — Eine Handschrift der Hofbibliothek zu 
Karlsruhe beschrieb Hr. cand. phil. M. Vorst. — In Dresden setzte 
Hr. Dr. Manırıus seine beschreibende Tätigkeit fort. 

In Breslau ist dank dem hingebenden Eifer des Hrn. Ober- 
lehrers Dr. Krarper die Beschreibung der in Frage kommenden Hand- 
schriften der Kgl. und Universitätsbibliothek dem Abschluß nahe- 
gebracht: nahezu 200 Aufnahmen sind der Ertrag dieses Jahres. 
Die geistige Geschichte Schlesiens ist fast in allen Beziehungen hier 
vertreten: voran steht wieder die reiche geistliche Literatur; sonst 
fallen ins Auge Fabelliteratur, didaktisch-satirische und Novellen- 
diehtung, zahlreiche Pestrezepte. 

Ein mittelniederdeutsches Erbauungsbuch aus Calbe a.d. Milde, 
das u.a. Dietrich Engelhus’ Ars moriendi enthält, hat Hr. Prof. Borcnuine 
in Posen behandelt. — Aus Naumburg hat Hr. Oberlehrer Dr. Hamreı 
mehrere Beschreibungen von Rechtshandschriften gesandt. — In den 
Fuldaer Manuskripten, die Hr. Oberlehrer Dr. Wırsann in Fraustadt 
neu aufgenommen hat, war namentlich das Jesuitendrama sowie die 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 99 


neulateinische Kleinpoesie der Epitaphien, Memorialverse, Chrono- 
gramme u.ä. reicher vertreten. Ebenso gehörten die Handschriften, 
die Hr. Berraror in Frankfurt a. M. erledigt hat, überwiegend in 
den Kreis der lateinischen Schulpoesie; doch enthielten sie auch 
deutsche Sprüche und Weihnachtspredigten, sowie ein allegorisch- 
geistliches » Würzgärtlein« in deutschen Versen. ; 

Hr. Dr. Drerrıne, der die systematische Durchforsehung der 
kleineren Bibliotheken der Rheinprovinz übernommen hat, hat 
die Bibliothek des Bergischen Geschichtsvereins zu Elberfeld, in 
Bonn die Universitätsbibliothek, die Stadtbibliothek, die Bibliotheken 
der Stiftskirche, Münsterkirche, Remigiuspfarre, ferner die Bibliothek 
des Freiherrn von Eltz-Riebenack zu Wahn, die Pfarrbibliotheken 
zu Oberkassel, Königswinter, Grau-Rheindorf und Neuß 
(hier auch die Bibliothek des Altertumsvereins), endlich die Frei- 
herrlich von Mirbachsche Bibliothek zu Harff und andre Privat- 
bibliotheken in Mülheim a. d. Ruhr und Neuß besucht und fest- 
gestellt, ob und was sie von geeignetem Material enthalten. Eingesandt 
hat Dr. Deerrime bisher die Beschreibung einer Handschrift des Stadt- 
archivs zu Cleve (Chronik Gerts van Scheuren) und vor allem zweier 
wichtiger Codices aus der Fürstlich Salm-Reifferscheidtschen Sehloß- 
bibliothek zu Dyck, deren einer u. a. eine niederländische Fassung 
von Mandevilles Reisewerk enthält, während der andre neben Maer- 
lants »Blume der Natur« einen besonders wertvollen, der Komburger 
Handschrift an Alter und Wert bedeutend überlegenen Reinaerttext 
bietet, den Dr. Deszrıme demnächst zu publizieren hofft. 

Unser eifriger Mitarbeiter für Westfalen, Hr. Bibliothekar Dr. 
Böner in Münster, beschrieb aus der Pfarrbibliothek zu Metelen 
(Kreis Steinfurt) eine umfängliche mittelniederdeutsche Sammelhand- 
schrift, aus der Dechaneibibliothek zu St. Nikolaus in Höxter zwei 
kleinere Stücke. Sehr viel reichhaltiger erwies sich die Sayn-Witgen- 
steinsche Schloßbibliothek zu Berleburg, in der Dr. Bömer unter 
anderem neue Wigaloisfragmente, ein mittelhochdeutsches poetisches 
Speeulum humanae salvationis, vor allem eine anscheinend noch un- 
bekannte mittelhochdeutsche Dichtung von der Pilgerfahrt des träu- 
menden Mönches feststellte. Die Schloßbibliothek des Grafen von 
Fürstenberg-Stammheim, die aus Stammheim kürzlich für 50 Jahre 
leihweise auf die Universitätsbibliothek zu Münster übergeführt ist, 
ergab diesmal neben Stammbüchern des 17. Jahrhunderts mittelfrän- 
kische Kartäuserbiographien und eine neue Handschrift von Gottfr. 
Hagens Cölner Chronik sowie namentlich von der Weberschlacht, die 
bisher nur in einer einzigen recht mangelhaften Handschrift bekannt 
war. Im übrigen nahm Dr. Böner die Handschriften der Bibliothek 


100 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


des Altertumsvereins zu Paderborn auf, die lateinische und mittel- 
niederdeutsche Verse historischen Inhalts, ein mittelniederdeutsches 
Gebetbuch aus Marienborn und viel sonstige niederdeutsche Erbau- 
ungsliteratur brachte. Sie dominierte auch in den Handschriften der 
Universitätsbibliothek zu Münster, die Bömer diesmal beschrieb; her- 
vorzuheben ist allerlei mittelniederdeutsche Übersetzungsprosa geist- 
lichen Inhalts. Prof. Jostes stellte für die Beschreibung eine mittel- 
deutsche geistliche Sammelhandschrift aus seinem Besitze zur Ver- 
fügung. 

Aus der Stadtbibliothek zu Lübeck beschrieb Hr. Dr. Hasen 
mehrere niederdeutsche und niederländische Codices, in denen die 
holländische Mystik (Ruusbroek, Gerhard Zerbold) vorantrat. — Hr. 
Prof. Borentiıne untersuchte vier Handschriften der Bibliothek des 
adligen Damenklosters zu Ebstorf, deren sehr reicher Inhalt das 
geistige Leben dieses Frauenstifts im 15. Jahrhundert abspiegelt. — 
Den Handschriften der Königlichen Bibliothek zu Hannover hat für 
unsere Zwecke außer Hrn. Bibliothekar Dr. Karı Meyer auch Hr. Ober- 
lehrer Dr. Brırı. seine Aufmerksamkeit zuzuwenden begonnen. 

Hr. Prof. Dr. Emm Hrnrıcr hat im Berichtsjahre wieder hunderte 
von Handschriften der Wolfenbütteler und Braunschweiger Bibliotheken 
und Archive sowie des Stadtarchivs zu Hildesheim sorgfältig gemustert. 
In Hildesheim wurden vornehmlich Chroniken von ihm durchgesehen; 
in Wolfenbüttel und Braunschweig beachtete Prof. Hrxrıer ins- 
besondere Handschriften des Cornutus, Facetus, Brevilogus, des De- 
cretum Gratiani, Manuskripte von Joh. Caselius und Andr. Mylius; 
über einige seiner Funde hat er im »Braunschweigischen Magazin « 
Bericht erstattet. Da sich herausstellte, daß der gedruckte Katalog 
der Braunschweiger Stadtbibliothek auch für oberflächliche Orientie- 
rung nicht ausreiche, hat Prof. Hexrıcı sich entschlossen, nicht nur 
in Braunschweig, sondern auch in Wolfenbüttel jede Handschrift, 
auch wenn sie nach den Katalogen gar nichts versprach, selbst zu 
durehsuchen und diese mühsame Arbeitsweise, die es ihm z.B. auf- 
erlegte, die Wolfenbütteler Handschriften Helmstedt 1—500 größten- 
teils noch einmal gründlich zu prüfen, blieb nicht ohne Ertrag. Prof. 
Hrxrıcıs Beschreibungen sind besonders reichhaltig im Buchen der 
Einzelverse, die in Prosatexten eingelegt oder zu Sammlungen ver- 
einigt sind. 

Kleinere lateinische Dichtungen aus Miscellanhandschriften der 
Bodlejana in Oxford, geistlichen und medizinischen Inhalts, sind auch 
von Hrn. Dr. Scnaarrs in Liverpool in großer Anzahl verzeichnet 
worden; den Inhalt von deutschen Stammbüchern des Britischen 
Museums in London analysierte Hr. Dorcn. — Von der zeitweilig 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 101 


verschollenen Handschrift des Ebernand von Erfurt, die sich jetzt in 
der Privatsammlung von Rob. Garnett zu Baltimore (Maryland) be- 
findet, gab Hr. Dr. Gro. Prıersr eine eingehende Beschreibung. 

Die Verwaltung des Handschriftenarchivs lag unter der 
Oberaufsicht seiner akademischen Leiter auch im verflossenen Jahre 
wieder in den Händen des Assistenten Hrn. Dr. Frırz Beurexp, der, 
zugleich als Volontär an der Königlichen Universitätsbibliothek tätig, 
den Pflichten des doppelten Amtes kaum hätte genügen können, wenn 
ihm nicht im Interesse seiner Archivarbeiten durch das vorgesetzte 
Ministerium die bibliothekarische Dienstzeit für einen Teil des Jahres 
um täglich zwei Dienststunden verkürzt worden wäre. Es ist Aussicht 
vorhanden, daß er künftighin seine ganze Arbeitskraft dem Hand- 
schriftenarchive der Deutschen Kommission wird widmen können. 

Auf dem gesamten Gebiete der Inventarisierung ist ein größeres 
Gleichmaß der Beschreibungen angestrebt und gutenteils auch erreicht 
worden. In Zukunft soll den Handschrifteneinbänden, aus denen 
sich wertvolle Schlüsse ziehen lassen, erhöhte Aufmerksamkeit zu- 
gewendet werden. Für die Einbände der Inkunabeln sind bekanntlich 
durch die Bemühungen des Hrn. Bibliotheksdirektors Dr. SchwEnkKE 
fruchtbare Erkenntnisse gewonnen worden, und durch die von ihm an- 
gewendete Methode (Bleistiftschraffierungen auf weichem über den Ein- 
band gelegten Papier) lassen sich ohne Mühe ausreichende Abdrucke 
herstellen. Stattlich ist die Sammlung der durchgepausten Wasser- 
zeichen angewachsen. Alsratsam hat sich herausgestellt, daß künftig bei 
den medizinischen Bestandteilen der aufgenommenen Handschriften 
kurze Beschreibungen aller etwaigen Zeichnungen gegeben werden. 

Um die Gefahr doppelter Beschreibung zu verhüten, die durch 
Umsignieren der Bestände oder durch das Wandern von Handschriften 
(namentlich privaten Besitzes) entstehen könnte, hat die Deutsche Kom- 
mission kleine Zettel des folgenden Musters drucken lassen: 


Handschrift 


iin Besitz 


ist nach den Grundsätzen der Königlich Preußischen Akademie 


der Wissenschaften zu Berlin 
von Herrn 


UN 19 aufgenommen worden. 


102 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Es wäre sehr zu wünschen, daß, wie die Hof- und Staatsbibliothek 
zu München das schon getan hat, so auch möglichst alle andern Be- 
sitzer von Handschriften gestatteten, diese Zettel auf den Innendeckeln 
der für die Akademie beschriebenen Codices anzubringen. Der Ver- 
merk würde zudem spätere Benutzer in den Stand setzen, durch An- 
frage bei dem Handschriftenarchiv der Akademie sich unter Umständen 
lange Arbeit zu ersparen. 

Das Archiv besitzt jetzt über 3000 Handschriftenbeschreibungen, 
von denen gegen 250, die zunächst in summarischer Form eingereicht 
werden mußten, künftiger Ergänzung bedürfen. Gegen 2000 von 
diesen Beschreibungen sind bis jetzt auf etwa 110000 Zetteln nach 
den in den frühern Berichten angegebenen Gesichtspunkten katalogisiert 
worden. An den Verzettelungsarbeiten beteiligten sich unter Leitung 
Dr. Bruresps die HH. cand. phil. Trausorr Böune, Dr. FriepemAnn, 
cand. phil. GEnseL, Dr. KOTZENBERG, Dr. ARTHUR MÜLLER, Dr. Reıskr, 
Dr. Stenmans, cand. phil. Max Voısr. — Zu einem ergänzenden Zettel- 
katalog des gedruckten Materials, der für die Zukunft in Aussicht 
genommen ist, hat Dr. Sremmann einen Anfang gemacht, indem er 
begonnen hat, die gedruckten kleineren erzählenden und lehrhaften 
mittelhochdeutschen Dichtungen zu verzetteln. 

Mit dem Besitz wächst auch die wissenschaftliche Nutzbarkeit 
des Archivs, das im Berichtsjahre vielfach von hiesigen und auswärtigen 
Gelehrten befragt worden ist. Dem Direktor des Instituts für Geschichte 
der Medizin in Leipzig, Hın. Prof. Dr. Supkorr, wurde auf sein Er- 
suchen gestattet, das für die Geschichte der Medizin in Betracht 
kommende Material aus den Beschreibungen des Archivs kopieren 
zu lassen. 

Die Handbibliothek des Archivs umfaßt gegen 300 Nummern, 
bleibt also immer noch hinter den bescheidensten Ansprüchen zurück, 
zumal die in demselben Hause befindliche Bibliothek der Akademie ihrer 
Zusammensetzung nach nur in seltenen Fällen geeignet ist auszuhelfen. 
Von wichtigern Zuwendungen seien hier (außer dem schon genannten 
Baseler Katalog) dankbar erwähnt: Die deutschen Handschriften der 
Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek Karlsruhe (Bd. 3 bis 5, 
Beitr. II); Katalog der Handschriften der Universitätsbibliothek in 
Heidelberg, Band 2; Bibliotheca apostolica Vaticana Cod. Palat. Lat. 
Tom.I; drei Programme des Gymnasiums zu Flensburg. 


Von den »Deutschen Texten des Mittelalters« wurden voll- 
endet Bd. VIII (Heinrichs von Hesler Apokalypse, aus der Danziger 
Handschrift herausgegeben von Karr Herrn), Bd. IX (Thilos von Kulm 
Liber de septem sigillis, aus der Königsberger Handschrift heraus- 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 103 


gegeben von Kart KocnenDörrrer) und Bd. XII (Der große Alexander, 
aus der Wernigeroder Handschrift herausgegeben von Gustav Gurn). 
Im Satz weit fortgeschritten sind Bd. X (Der Prediger von Sankt 
Georgen, aus der Freiburger und Karlsruher Handschrift heraus- 
gegeben von Karr Rırper), Bd. XI (Die Predigten Taulers, aus der 
Engelberger und der Freiburger Handschrift, sowie aus Schmidts Ab- 
schriften der verbrannten Straßburger Handschriften herausgegeben 
von FErDINANnD VETTER) und Bd. XII (Die Meisterlieder des Hans Folz, 
aus der Münchener Originalhandschrift, aus der Weimarer und der 
Berliner Handschrift herausgegeben von Auscusr Mayer). Begonnen 
ist endlich der Satz von Bd. XIV (Die Wolfenbüttler Priamelhandsehrift, 
herausgegeben von Karr Eurise). Gefördert wurden die » Texte« durch 
die HH. Dr. Bure in Hamburg, Dr. Graunise, Dr. Perzer, Dr. Raske in 
München, Prof. Dr. Hrexrıcı in Wolfenbüttel, Prof. Dr. Panzer in Frank- 
furt a. M., Prof. Dr. Sıevers in Leipzig; insbesondere aber hat Hr. Prof. 
Dr. Karr von Kraus in Prag ihnen dauernd sein fruchtbares und tätiges 
Interesse zugewendet. Hr. Prof. Schöngach in Graz hat der Kommission 
seine Abschrift des »Belial« Otto Raspes für die »Texte« geschenkt. 
Lebhaften Dank verdient endlich die Bereitwilligkeit, mit der die be- 
teiligten Bibliotheken durchweg die Leihfrist für ihre Handschriften 
so ausgedehnt haben, daß die langwierigen Druckkorrekturen nach 
den Handschriften selbst gelesen werden konnten; die Kommission 
rühmt insbesondere die Geduld, mit der das Stift Engelberg, sowie 
die Großherzogliche Bibliothek zu Weimar und die Herzogliche Biblio- 
thek zu Wolfenbüttel den Wünschen der Akademie Rechnung ge- 
tragen haben. 


Die Wieland-Ausgabe wurde 1907 so weit gefördert, daß ein 
Verlagskontrakt mit der Weidmannschen Buchhandlung entworfen und 
genehmigt werden konnte, auf Grund dessen nun zunächst in steter 
Folge die von Hrn. Dr. Homever in Berlin bearbeiteten Jugendschriften 
und aus der zweiten Abteilung die von Hrn. Dr. Staprer in Straß- 
burg zum ersten Neudruck gerüstete Shakespeareübersetzung erscheinen 
sollen. Um das Briefkorpus hat Hr. Dr. vov KozLowskı durch genaue 
Abschriften aus der in Halberstadt liegenden Korrespondenz mit Gleim 
sich ein dankenswertes Verdienst erworben. 


Der vorjährige Bericht der Kommission mußte melden, daß der 
Provinzialausschuß der Rheinprovinz ein Gesuch der Akademie um 
finanzielle Unterstützung des »Rheinischen Wörterbuchs« abgelehnt 
habe. Inzwischen aber ist eine sehr erfreuliche Wandlung eingetreten: 
es darf mit Zuversicht erwartet werden, daß der Provinzialverband von 


104 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Ostern 1908 ab dem Wörterbuch eine regelmäßige Subvention auf 
eine Reihe von Jahren gewähren werde. An diesem Umschwung hat 
ein sehr wesentliches Verdienst die »Gesellschaft für Rheinische Ge- 
sehiehtskunde«, die sich entschlossen hat, das Wörterbuch nicht nur 
gleichfalls finanziell zu stärken, sondern sich mit der Akademie zu 
gemeinsamer Herausgabe des Werkes zu verbinden. Über das Er- 
gebnis der noch schwebenden Verhandlungen wird im nächsten Jahre 
zu berichten sein. Der geplante Bund der Rheinischen Gesellschaft 
mit der Akademie scheint sachlich den besonderen Aufgaben des 
Rheinischen Idiotikons so glücklich zu entsprechen, daß diese Gemein- 
schaft auch für ähnliche Unternehmungen vorbildlich werden könnte. 

Über die Arbeit am »Rheinischen Wörterbuch« berichtet das 
auswärtige Mitglied der Kommission, Hr. Fraxck in Bonn, das Folgende: 

Im Laufe dieses Jahres wurden ausgegeben: ı. Nummer 2—3 
der »Anfragen und Mitteilungen«, deren wissenschaftlicher Inhalt 
größtenteils wieder von Dr. Jos. MÜLLER zusammengestellt ist; sie be- 
handelt in Proben und Sammlungen die Wörter und Begriffe: groß, 
Haar, Kartoffel, Lüge, Kaffee, magerer Mensch, kalt, altes Haus, Stuben- 
hocker, Gefängnis, gleich und gleich gesellt sich gern, einträchtig handeln 
u.a.; 2. die Probe II, die hauptsächlich den Zweck verfolgte, die 
Aufmerksamkeit der Mitarbeiter auf feste Redensarten ohne ausge- 
prägtes mundartliches Wortmaterial zu lenken. Außerdem haben 
Dr. Trense und Dr. MürLer Anfragen in kleinerem Kreise ergehen 
lassen. 

Da unsere bisherigen Versuche, die eine etwas ausgedehntere 
Tätigkeit und etwas eigenen Antrieb der Mitarbeiter erforderten, doch 
nur von beschränktem Erfolg waren, haben wir 2 Fragebogen mit 
bestimmten Einzelfragen fertiggestellt, die noch vor den Weihnachts- 
ferien zunächst an die Seminare und Präparandenanstalten verschickt 
worden sind. 

Der im vorigen Bericht erwähnte Erlaß des Kultusministeriums 
zur Unterstützung unserer Sache trägt uns zwar noch immer Zu- 
schriften von einzelnen Schulbehörden ein, aber es läßt sich doch 
schon jetzt feststellen, daß auch er für wichtige Gebiete der Provinz 
den gewünschten Erfolg nicht gehabt hat. 

In der Hauptsache müssen wir den Kreis unserer Mitarbeiter 
jetzt wohl als geschlossen ansehen. Dabei dürfen wir uns nicht ver- 
hehlen, daß ein sehr großer Teil der früher Angemeldeten uns nur für 
ganz bestimmte Einzelfragen von Nutzen sein wird. So ergibt sich 
immer klarer die Notwendigkeit, den Stoff im Laufe der Jahre durch 
persönliche Aufnahmen zu ergänzen. Als besonders erfreulich ist 
andererseits hervorzuheben, daß an einer Anzahl von Seminaren 


Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 105 


und Präparandenschulen unter der Leitung einzelner Lehrer oder 
Lehrerinnen systematisch gesammelt wird. 

Neuer Stoff ist weiter eingegangen, aber naturgemäß nicht mehr 
in der früheren Höhe, da die arbeitsfreudigen Helfer sich schon mehr 
oder weniger ausgegeben haben. Ein genauerer Bericht über die 
Tätigkeit unserer sammelnden Mitarbeiter ist in den » Anfragen und 
Mitteilungen« S. 50f. gegeben. 

Hr. Dr. Gorzex von der Städtischen Bibliothek in Köln hat uns 
ein reichhaltiges Verzeichnis der mundartlichen Literatur in uneigen- 
nütziger Weise aus bloßem Interesse an der Sache geliefert, wofür 
ihm auch hier unser Dank ausgesprochen sei. Mit der Ausnutzung 
älterer Texte konnten erst schwache Anfänge gemacht werden, da 
es an Arbeitskräften fehlte. 

Seit dem 19. März ist Hr. Dr. Hrrmans Teucnerr aus Loppow, 
Kreis Landsberg a. W., als Assistent hier in Bonn für das Wörter- 
buch tätig, allerdings mit beschränkter Arbeitszeit. Er hat sich mit 
schnellem Verständnis in die ihm fremden rheinischen Mundarten hin- 
eingefunden. Neben ihm ist seit dem Sommer eine Dame und stunden- 
weise eine weitere Hilfskraft beschäftigt. 

Die Anzahl der vorläufig im Wörterbucharchiv fertiggestellten 
Zettel beläuft sich auf 40000, von denen 30000 alphabetisch ein- 
geordnet sind. Dr. Jos. Mürrrr schätzt die noch in seinem Besitz 
befindlichen fertigen Zettel auf‘ 25000; Dr. Trexse in Rheydt meldet 
20000 fertige und geordnete Zettel an. 


Forschungen zur Geschichte der neuhochdeutschen Schrifisprache. 
Bericht des Hrn. Burpacn. 


Der weite Rahmen meiner im Auftrage der Akademie vorberei- 
teten Publikation Vom Mittelalter zur Reformation, die auf die mannig- 
fachen Ziele einer aus den Quellen schöpfenden bildungsgeschichtlichen 
Forschung gerichtet, verschiedenartige Stoffgebiete durchpflügt, alt- 
deutsches wie lateinisches Schrifttum gleichermaßen berücksichtigt 
und über die Grenzen zwischen philologischer Edition, Literarhistorie, 
Stil- und Sprachgeschichte, Geschichte und Diplomatik hin und her 
schreitend, danach streben muß, die Methoden getrennter Disziplinen 
zu vereinigen, verlangt an mehreren Stellen gleichzeitig Sammlung, 
Sichtung und Zurüstung zerstreutesten Materials. Hierbei stand mir 
außer zeitweiliger Unterstützung durch andere jüngere Hilfsarbeiter, 
die indessen sich alle meinem Unternehmen nur nebenher widmen 
konnten, von Anfang an dauernd und mit ungeteilter Kraft leider nur 


106 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Hr. Dr. Pıur zur Seite. Seit dem ı. Oktober 1907 verfügte ich indessen 
auch über seine Hilfe nicht mehr unumschränkt, da er zur Siche- 
rung seiner Existenz sich genötigt sah, in das Schulamt einzutreten. 
Daß ihm darin von den vorgesetzten Behörden auf mein Ersuchen 
Diensterleichterung gewährt wird, muß ich im Interesse meiner für 
die Akademie unternommenen Arbeiten dankbar anerkennen, und es 
ist das diesen zu Gute gekommen. Immerhin war es in Folge der 
Weitschichtigkeit meiner Aufgaben und in Folge der Notwendigkeit, 
an verschiedenen Orten zugleich vorausarbeitend Hand anzulegen, unter 
den bezeichneten Umständen mir im Verein mit meinem Assistenten 
auch im verflossenen Berichtsjahre noch nicht möglich, von den für 
die einzelnen Abteilungen und Bände vorbereiteten Editionen und 
Untersuchungen ein fertiges Ganzes an die Öffentlichkeit zu bringen. 
Der gegenwärtige Stand meiner Arbeiten ist folgender: 


Abteilung I. Texte und Untersuchungen zur Vorgeschichte des deutschen. 
Humanismus. 


Band ı. Der Briefwechsel. des Cola di Rienzo: der Text dieser 
neuen kritischen, mit Hilfe des Hrn. Dr. Pıur besorgten Ausgabe 
(vgl. Sitzungsberichte 1907, S. 78ff.), dessen endgültige Herstellung 
noch in letzter Stunde durch die erforderliche nochmalige, zeitrau- 
bende Heranziehung weiteren handschriftlichen Materials aus italieni- 
schen Bibliotheken und Archiven verzögert worden ist, befindet 
sich im Druck; der als besonderer, zweiter Teil erscheinende Kom- 
mentar (s. Sitzungsbericht 1907, S. Sof.) ist im wesentlichen abge- 
schlossen und kann sogleich nach der Drucklegung des Textes in 
den Druck gehen. 

Band 2. Aus Petrarcas ältestem deutschen Schülerkreis: diese Pu- 
blikation frühhumanistischer lateinischer Denkmäler aus der Hand- 
schrift 509 der Olmützer Metropolitankapitel-Bibliothek, deren Druck- 
legung bereits 1905 erfolgen sollte (s. Sitzungsberichte 1905, S. 141), 
habe ich zurückhalten müssen, da sich das zum Verständnis und zur 
Kritik einzelner darin enthaltener Stücke dienende Material vermehrt 
hat und so weitere Untersuchungen unumgänglich wurden, bei denen 
mich die HH. Dr. Pıur und Dr. Anz zeitweise unterstützten; wenn 
ich an diese Arbeit die letzte Hand zu legen bisher durch die an- 
schwellende Masse der übrigen Aufgaben verhindert gewesen bin, 
so hoffe ich, sie doch im Laufe dieses Jahres in den Druck geben 
zu können. 

Band 3. Briefwechsel Petrarcas und anderer italienischer Humanisten 
des XIV. Jahrhunderts mit deutschen Zeitgenossen: hierfür sind die Vor- 
arbeiten zum größeren Teile beendet; auch ist mit der Textherstellung 


Jahresberichte der Stiftungen. 107 


einer größeren Reihe von Briefen begonnen; für andere sind die 
nötigen Abschriften und Kollationen hergestellt. Erforderlich bleibt 
noch die Benutzung einiger Florentiner Codices, die teilweise Auto- 
graphen sind, und einer Handschrift der Biblioteea Angelica in Rom; 
das Erscheinen des Bandes ist nach dem Rienzobande geplant. 

Band 4. Privatbriefe Kaiser Karls IV. und seines Kanzlers Johann 
von Neumarkt: die Arbeit an diesem Bande, in dem alle rhetorisch 
bedeutenden Briefe der berühmten Summa Cancellariae Karoli IV. zum 
ersten Male in kritischer Gestalt und viele Briefe Johanns von 
Neumarkt aus anderen Sammlungen ans Licht treten, befindet sich 
in einem weit vorgerückten Stadium. 


Abteilung III. Die deutsche Prosaliteratur im Zeitalter der Luxemburger. 


Band ı. Der Ackermann aus Böhmen: der Text dieses von mir 
im Verein mit Hın. Dr. Aroıs Berxt (Leitmeritz) herausgegebenen 
Werkes (s. Sitzungsberichte 1907, S. Sıf.) ist druckfertig. 


Abteilung IV. Texte und Untersuchungen zur Geschichte der ostmittel- 
deutschen Kanzleisprache. 

Band ı. Ein schlesisch-böhmisches Formelbuch in lateinischer und 
deutscher Sprache aus der Wende des XIV. Jahrhunderts: diese Ver- 
öffentlichung (vgl. darüber Sitzungsberichte 1907, S. 82 und S. 373) 
ist im wesentlichen druckfertig. 

Band 2. Aus den Anfängen der schlesischen Kanzleisprache: der 
Text ist im wesentlichen druckfertig. 


Humsoror- Stiftung. 
Bericht des Hrn. WALDEYER. 


Die für 1907 verfügbaren Mittel im Betrage von 9000 Mark sind 
als zweite Rate Hrn. Dr. WArTtHEeR von Kneger zu seinen vulkano- 
logischen Studien auf Island überwiesen worden. 

Leider ist die Expedition des Hrn. vos Kxeser durch den Tod 
ihres Leiters, der diesen bei der Erforschung des vulkanischen Gebietes 
von Askja ereilte, jählings unterbrochen worden. Obwohl keine absolute 
Sicherheit vorliegt, muß angenommen werden, daß Hr. vox Kxeser mit 
einem seiner Begleiter, dem Maler Ruprorr, beim Befahren eines der 
Kraterseen der genannten Gegend ertrunken ist. Es sind, zum Teil auf 
Kosten der Stiftung, weitreichende Nachforschungen zur Aufklärung des 
Unglücksfalles unternommen worden, haben aber bis jetzt noch nicht zur 
Auffindung der Leichen oder zu bestimmten Anzeichen geführt, daß in 


108 


Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


der Tat der Tod durch Ertrinken erfolgt sei. Nach den Berichten des zur 
Zeit der Katastrophe in einer andern Gegend des Askjagebietes tätigen 
zweiten Begleiters des Hrn. vos Kseger, des Hrn. SpETHmAns, sowie 
des Konsuls Havsrern bleibt aber kaum eine andre Annahme als die 
vorhin angegebene bezüglich des Unglücksfalles übrig. Die geologisch- 
paläontologische Wissenschaft verliert in Hrn. vox Kxeser eine ihrer 
tüchtigsten jungen Kräfte! — Falls noch aus dem Nachlasse des 
Hrn. von Knesen wissenschaftliche Mitteilungen über die Expedition 
sich ermöglichen lassen, wird über diese später berichtet werden. 

Von frühern Unternehmungen der Hungorpr-Stiftung liegen eine 
ganze Anzahl von Veröffentlichungen vor: 


T. 


II. 


IV. 


vr 


Weitere Ergebnisse der Planktonexpedition. 

Bd. 2. Ha: Karı ZeLmka, Die Rotatorien. 

Bd. 3. La: Karı Branpr, Die Tintinnodeen. Systema- 

tischer Teil. 
. Lf3: A. Pororskv, Die Acantharia. Teil 2: Acan- 
thophracta. 
Bd. 3. Lh4: A. BoreerT, Die tripyleen Radiolarien. Me- 
dusettidae. Kiel und Leipzig 1906/07. 

H. Bückısse, Über die Phonolithe der Rhön und ihre Be- 
ziehungen zu den basaltischen Gesteinen. Sitzungsber. d. 
Berl. Akad. d. Wiss. 1907, XXXWVLJ, ı8. Juli, S. 669— 699. 

Eine zweite Publikation von Hrn. Bückme aus 1907 be- 
findet sich lediglich bei den Stiftungsakten. 
W. Vorz, Vorläufiger Bericht über eine Forschungsreise zur 
Untersuchung des Gebirgsbaues und der Vulkane von Sumatra 
in den Jahren 1904— 1906. Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. 
Wiss. 1907, VI, 7. Februar, S. 127—140. 
Derselbe, Das geologische Alter der Pithecanthropusschichten 
bei Trinil, Ost-Java. Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geo- 
logie und Paläontologie. Festband 1907, S. 256—-271. 
L. Scuurzze, Aus Namaland und Kalahari. Bericht an die 
Kgl. Preuß. Akademie der Wissenschaften zu Berlin über 
eine Forschungsreise im westlichen und zentralen Südafrika, 
ausgeführt in den Jahren 1903—1905. Jena 1907. 


Bd. 


Os 


Von der durch Hrn. Tuıwextws ausgeführten Forschungsreise 
nach Australien, die insbesondere der Untersuchung von 
Hatteria gewidmet war, sind eine Reihe weiterer Publi- 
kationen, die von Hrn. Prof. BurckuAarvr in Basel und unter 
dessen Leitung verfaßt worden sind, eingelaufen. 
1. Jura Gist: Das Gehirn von Hatteria punetata, Naum- 
burg a. S., Lippert & Co., 1907. 


Jahresberichte der Stiftungen. 109 


2. Ernst SauerBeck, Basel: Eine Gehirnmißbildung bei 
Hatteria punctata. Nova acta. Abh. der Kais. Leop.- 
Carol. deutschen Akademie der Naturforscher, Bd. LXXXV 
Nr. ı, Halle 1905. 

3. Run. Burcxnarpt, Basel: Das Zentralnervensystem der 
Selachier. Ebendaselbst, Bd. LXXII Nr. 2, Halle 1907. 

Dieses Werk Burcknarprs beruht zum Teil auf‘ Material, 
welches ihm durch Hrn. Tuıuextus übergeben worden war. 
VI. Eine Reihe von Veröffentlichungen des Hrn. Prof. Dr. 
H. Kraarscn in Breslau über die Ergebnisse seiner austra- 
lischen Reise, im ganzen zwei weitere Reiseberichte, ab- 
gedruckt in der Zeitschrift für Ethnologie 1906 und 1907, 
ferner »Ergebnisse meiner australischen Reise«, Korre- 
spondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, 
Ethnologie und Urgeschichte. XXXVII. Jahrgang, Nr.9— 12, 
Braunschweig 1907. 
Die für 1908 verfügbaren Mittel betragen in runder 
Summe 3300 Mark. 


Surıenr- Stiftung. 
Bericht des Hrn. Brunner. 


I. Vom Vocabularium Jurisprudentiae Romanae ist im verflossenen 
Geschäftsjahre Band II, Heft ı (daetylotheca — doceo), bearbeitet von 
Hrn. GrurEe in Buschweiler erschienen. Von Band III, dessen Be- 
arbeitung Hr. Hrsky in Wien übernommen hat, sind die beiden ersten 
Bogen (habeo) gedruckt. Bogen 3 ist im Satz. Der Bearbeiter des 
vierten Bandes, Hr. Braszıorr in Wien, hat noch kein Manuskript 
eingeliefert. Von Band V (v—z) sind die ersten 5 Bogen (radieitus — 
rescribo) gedruckt. Mit der Herstellung weiteren Manuskriptes ist der 
Bearbeiter, Hr. Vorkmar in Berlin beschäftigt. 

II. Über die Neubearbeitung von Homrvers Werk »Die deutschen 
Rechtsbücher und ihre Handschriften« berichten die HH. BorchLine 
in Posen und Juris Gierke in Königsberg, daß das Verzeichnis der 
Handschriften ergänzt und berichtigt und eine Anzahl von Nummern 
druckfertig gestellt worden sei. Durch Aufnahme der Handschriften 
des alten Kulm und der landläufigen Kulmischen Rechte hat das 
Verzeichnis einen Zuwachs von etwa 30 Nummern erfahren. Die im 
vorjährigen Berichte in Aussicht genommene Reise nach Schlesien, 
Sachsen und Böhmen hat Hr. Borcnuins wegen Erkrankung auf 
Ostern 1908 verschieben müssen. 


Sitzungsberichte 1908. 12 


110 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


IN. Über die Arbeiten an dem zweiten Band der Magdeburger. 
Schöffensprüche ist ein Bericht in diesem Jahre nicht eingelaufen. 

IV. Von den für das Jahr 1906 verfügbaren Zinsen der SavıcnY- 
Stiftung sind 3 200 Mark für die Zwecke des Wörterbuchs der älteren 
deutschen Rechtsprache und ı 200 Mark Hrn. Herrmann U. Kantorowicz 
für die Herausgabe des inzwischen erschienenen ersten Bandes seines 
Werkes: »Albertus Gandinus und das Strafrecht der Scholastik« be- 
willigt worden. 


Bopp- Stiftung. 
Bericht der vorberatenden Kommission. 


Am 16. Mai 1907 hat die Königliche Akademie der Wissen- 
schaften den Jahresertrag der Borp-Stiftung in zwei Raten verliehen, 
und zwar die größere Rate in Höhe von goo Mark Hın. Prof. 
Dr. Max WArtEser in Säckingen in Anerkennung und zur Fortsetzung 
seiner Arbeit über die philosophische Grundlage des älteren Buddhis- 
mus, die kleinere von 450 Mark Hrn. Oberlehrer Dr. Jouanses HERTEL 
in Döbeln zur Fortsetzung seiner Arbeiten über die Geschichte des 
Paäcatantra. 


Herrmann und Erise geb. Hrckmann WEnTzeL- Süftung. 
Bericht des Curatoriums. 


Aus den im Jahre 1907 verfügbar gewordenen Stiftungserträg- 
nissen sind bewilligt worden: 


6000 Mark zur Fortführung des Wörterbuchs der deutschen 
Rechtssprache, 

4000 Mark zur Fortführung der Ausgabe der ältesten grie- 
chischen christlichen Schriftsteller, 

4000 Mark zur Fortführung der Prosopographie der römischen 
Kaiserzeit, Jahrh. IV— VI, 

4000 Mark als zweite Rate der Beihülfe zur Herausgabe des 
Vorırzkow’schen Reisewerkes, 

ı000 Mark als erste Rate eines Zuschusses zur Herausgabe 
einer Karte des westlichen Kleinasiens von Prof. A. Prıuippson. 


Der letztgenannte Reisende der Stiftung bearbeitet auf Grund 
seiner Aufnahmen zunächst eine topographische Karte im Massstab 
1:300000, die Kleinasien vom Aegäischen Meer bis 30° 10’ Ost v. Gr. 
umfassen und in 6 Blättern bei J. Perthes in Gotha erscheinen soll. 
Das Curatorium hat beschlossen, dieses Unternehmen mit dem vom 


Jahresberichte der Stiftungen. Ar] 


Verleger verlangten Zuschuss zu unterstützen, während weiter eine 
geologische Ausgabe nach Vollendung der topographischen Karte von 
der Verlagshandlung veranstaltet werden wird. 

Der Druck an den Bänden I und IV des Vorsrzkow’schen Reise- 
werkes ist fortgegangen, erschienen ist im Berichtsjahr das 2. Heft 
von Bd. II mit neun kleineren entomologischen Arbeiten. 

Über den Fortgang der älteren Unternehmungen der Stiftung 
berichten die hier folgenden Anlagen I und I. 


Anl.1. 
Bericht der Kirchenväter-Commission für 1907. 


Von Hrn. Harnack. 


An Stelle des verstorbenen Mitglieds der Commission, Hrn. von 
GEBHARDT, wurde Hr. Horr, ordentl. Professor der Kirchengeschichte 
an der Universität Berlin, gewählt. 


1. Ausgabe der griechischen Kirchenväter. 


In dem Jahre 1907 ist der ı7. Band der Kirchenväter- Ausgabe 
erschienen, nämlich: 

Eusebius, Werke Bd. 2, Teil 2: Die Kirchengeschichte, Buch 
VI—X (hrsgeg. von Scnwartz und Monusen t). 

Im Druck befinden sich zwei Bände, nämlich: 

Der Einleitungsband zur Kirchengeschichte des Eusebius (hrsgeg. 
von SCHWARTZ), und 
Die Apokalypse des Esra (hrsgeg. von Viorer). 

Der Vollendung nahe ist das Manuskript für die Drucklegung 
des Werks /Iepi äpxov des Origenes (hrsgeg. von Korrsonav). 

Eine größere Unterstützung, um sich ganz der Vollendung der 
Ausgabe des Clemens Alexandrinus widmen zu können, erhielt Hr. 
Sränzın. Ferner wurden beträchtliche Summen auf Herstellung photo- 
graphischer Reproduktionen von Handschriften verwendet (für die 
Arbeiten der HH. Enurnarp, Preuscuen, Bipez, PARMENTIER, STÄHLIN 
und Frl. von Weper). Durch diese Reproduktionen wurden kostspielige 
Reisen, die sonst nötig gewesen wären, vermieden. Unterstützt wurde 
endlich Hr. Kırsr zur Vollendung seiner Ausgabe des armenischen 
Eusebius. 

Von dem » Archiv für die Ausgabe der älteren christlichen Schrift- 
steller«, in dessen Redaktion Hr. Carr Scnmivr an Stelle des Hrn. von 
GEBHARDT eingetreten ist, wurden sechs Hefte ausgegeben, nämlich: 

Bd. XVI (XXXD Heft 2a: Boxnwerscn, Die unter Hippolyts 
Namen überlieferte Schrift über den Glauben. 


12* 


112 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Bd. I(XXXT) Heft 2b: Kocn, Vincenz von Lerinum und Gennadius. 
Derselbe, Virgines Christi. Die Gelübde der gottgeweihten 
Jungfrauen in den ersten drei Jahrhunderten. 

Bd. I (XXXI) Heft 3: Scuervmann, Propheten- und Apostel- 
legenden. Nebst Jüngerkatalogen des Dorotheus usw. 

Bd. I (XXXI) Heft 4: ScnarkHuausser, Zu den Schriften des 
Makarios von Magnesia. 

Bd. II (XXXI) Heft 1: Carr Scnmprt, Der erste Glemensbrief 
in koptischer Übersetzung. 

Bd. II (XXX) Heft 2a: Dousart, Zur Textgeschichte der 
Civitas Dei Augustins. 


2. Prosopographia imperii Romani saec. IV—VI. 

Die Arbeiten gingen in ordnungsgemäßer Weise fort. Hr. Jürıcner, 
der Leiter der kirchengeschichlichen Abteilung, ist, nachdem das Ma- 
terial so gut wie abgeschlossen vorliegt, mit der Gestaltung und kritischen 
Ordnung desselben beschäftigt. Hr. Serex, der Leiter der profange- 
schiehtlichen Abteilung, läßt, nachdem die Untersuchung des Libanius 
abgeschlossen ist, nunmehr die großen byzantinischen Chronographen 
und Literarhistoriker sowie neben den lateinischen auch die griechischen 
Inschriftenwerke exzerpieren. Die Arbeit an den letzteren ist durch 
Hrn. GroAs und seine Mitarbeiter sehr gefördert worden. Unter der 
Leitung der HH. Enrnarn und Preiwscrirrer wurde die Exzerpierung 
der Acta Sanetorum fortgesetzt und nähert sich dem Abschlusse. 


Anl. Il. 
Bericht der Kommission für das Wörterbuch der deutschen Rechtssprache, 
für das Jahr 1907. 


Von Hrn. Brunner. 


Die akademische Kommission in Sachen des Rechtswörterbuchs 
trat am 7. April 1907 in Heidelberg zu ihrer siebenten Sitzung zu- 
sammen. Anwesend waren die HH. Brunner, FRENSDORFF, ROETHE, 
SCHROEDER, Freiherr von Schwinn und die Herren Mitarbeiter Freiherr 
Dr. von Künssgere, Dr. Prrers und Dr. Wanur. Die Kommission prüfte 
den Stand des Zettelarchivs durch Stichproben, beriet über Quellen, 
die noch verzettelt oder ausgezogen werden sollen und über die im 
Entwurf vorgelegten Siglenverzeichnisse. Auf Grund der Prüfung des 
Archivbestandes beschloß sie die Ausarbeitung der Wortartikel zu- 
nächst für die Rechtswörter von A bis Am systematisch in Angriff 
zu nehmen. Für/diese soll eine Wortliste angelegt und zum Zweck 
der Überprüfung und der Verteilung der Wortartikel in Umlauf ge- 
setzt werden. 


Jahresberichte der Stiftungen. 13 


Berieht des Hrn. ScuroEDER. 


Entsprechend den von der Kommission gefaßten Beschlüssen wurde, 
unter zeitweiliger Zurückstellung anderer Arbeiten, eine Stammliste 
der Rechtswörter von A bis Am angelegt: ebenso eine Liste der 
im Wörterbuche zu verwendenden Siglen, nachdem ein erster Ent- 
wurf bei der Kommission in Umlauf gesetzt und von dieser begut- 
achtet worden war. Beide Listen sollen vervielfältigt und den Be- 
arbeitern zugestellt werden. Von den Hilfsarbeitern Dr. von Künssgere, 
Dr. Prrers und Dr. Want wurden einzelne, dem Buchstaben A an- 
gehörige Probeartikel verfaßt und der Kommission ‚zur Begutachtung 
vorgelegt. Am ı. November ist Dr. jur. Fernımann Birser als weiterer 
ständiger Hilfsarbeiter eingetreten, so daß die dureh die anderen Auf- 
gaben verursachten Rückstände nunmehr werden aufgearbeitet werden 
können. 

Die Vervielfältigungsarbeiten sind durch Anschaffung einer Schreib- 
maschine wesentlich erleichtert worden. Als Grundstock für eine als 
unentbehrlich erkannte Handbibliothek wurden verschiedene Wörter- 
bücher angekauft, für welche die Kommission die Mittel bewilligt hat. 
Die Beschleunigung der Arbeiten hat dadurch eine wesentliche Förde- 
rung erfahren. 

In den Zettelschatz des Archives wird auch das bisherige Rechts- 
wörterverzeichnis aufgenommen, obwohl die Umschreibung auf die für 
das Archiv bestimmten Zettelformulare einen großen Arbeitsaufwand 
erfordert. Der Umfang des Zettelschatzes hat sich in dem abgelaufenen 
Jahre bedeutend vermehrt und dürfte die Zahl von 500000 bereits 
übersteigen. Über die im Laufe des Jahres ausgezogenen Quellen gibt 
das unten folgende Verzeichnis Auskunft. Das Neuhinzugekommene 
ist weniger zahlreich als in den letzten Jahren, weil die ständigen 
Hilfsarbeiter sich wegen der anderen Aufgaben weniger mit dem Ex- 
zerpieren beschäftigen konnten. 

Auch im Jahre 1907 sind uns eine Reihe erwünschter Einzel- 
beiträge, zumal solcher aus ungedruckten Quellen, zugegangen, so 
insbesondere von den HH. Prof. von Anmıra in München, Dr. Birser in 
Wien (jetzt Heidelberg), Landesgerichtsrat H. Brank in St. Peter in 
der Au, Dr. Fruume und Dr. Fınkz in Heidelberg, Prof. Förster in 
Würzburg, Oberst a. D. Freiherrn von Gurrengere in Würzburg, 
Dr. Hrerwacen in Nürnberg, Prof. Hıs in Königsberg, Dr. Könıger in 
München, Oberarchivassessor Dr. Menkıne in Stuttgart, Dr. jur. LANBERT 
Graf von ÖBernporrr in Heidelberg, Archivar Dr. Scnauss in Wies- 
baden, Oberbibliothekar Geh. Hofrat Dr. Wırxx in Heidelberg. Möge der 
überaus dankenswerte Vorgang der genannten Herren in immer weiteren 


_ 


114 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Kreisen Nachahmung finden. Bei den Arbeiten der Wiener Kommission 
war die Unterstützung durch Hrn. Prof. Zyena in Prag hinsichtlich der 
Ausbeutung der deutsch-böhmischen Quellen besonders wertvoll. 


Verzeichnis der im Jahre 1907 ausgezogenen Quellen. 


(Die Beiträge der österreichischen Kommission sind mit ** bezeichnet.) 


Abel, P., Veraltende Bestandteile des mhd. Wortschatzes. 1902: Dr. von KünssBErG. 
Althochdeutsche Glossen, gesammelt und bearbeitet von Steinmeyer und Sievers 
(fortgesetzt): Dr. von Künsspere. 
Augsburg, Stadtrecht (vollendet): Dr. Cosrenzer, München. 
Bech, F., Lexikalische Beiträge aus Pegauer Handschriften des 14. und ı5. Jhs. 1887: 
Dr. von Künssgere. 
**Beiträge zur Kunde steirischer Geschichtsquellen. ı2. bis 26. Jahrg.: jur. Baver, 
Wien (Seminar von Schwind). 
Berlinisches Stadtbuch, hrsg. v. Clauswitz 1883: Dr. E. Brure, Berlin. 
Berthold von Regensburg, hg. Pfeiffer u. Strobl. Wien 1862. 1880: Dr. KotzEngErs, 
Berlin. 
Bibliothek der ältesten deutschen Literaturdenkmäler, 2. bis 5.: Dr. von KünssgeEre. 
Bremen, Urkundenbuch, hrsg. R. Ehmck und W. von Bippen, ı. und 2.: Assessor 
W. Ernst, Berlin. 
Bogen, Privileg von 1341 (Verh. d. hist. Ver. f. Niederbayern 43, 107): Dr. Paur 
Hrapır, Graz. 
Chroniken der deutschen Städte, ıo. und ıı.: Dr. Schmeipter, Berlin. 
*Egerer Schöffengericht, Achtbuch 1310— 1390, ı. Teil, hrsg. v. Sigl: jur. F. Saupny, 
Prag (Seminar Zycha). 
Emdener Brücheregister 15. Jh. Jahrb. d. Ges. f. bild. Kunst zu Emden. 7, 14 fl.: 
Prof. Hıs, Königsberg. 
Fruin, De middeleeuwschen rechtsbronnen der kleinen steden van het sticht van 
Utrecht, 1. und 2.: Prof. van VLEUTEN, Lausanne. 
Gesamtabenteuer, hrsg. F. H. von der Hagen, 3 Bde.: Dr. Korzengere, Berlin. 
Johansen, Chr. Die nordfriesische Sprache. Kiel 1862: Dr. Wanr, Frankfurt a. M. 
Kehrein, J., Sammlung alt- und mitteldeutscher Wörter aus lateinischen Urkunden 
1863: Dr. von KünssgEre. 
Klöntrupp, Alphabetisches Handbuch der Rechte des Hochstifts Osnabrück, 3 Bde.: 
Dr. von Künssgere. 
Lamprecht, K., Deutsches Wirtschaftsleben, 3.: Privatdozent Dr. von Mörrer, Berlin. 
Landshut, Bestätigungsbrief 1321 (Verh. d. hist. Ver. f. Niederbayern 18, 81): Dr. 
PAur Hrapvır, Graz. 
Liebegott, Der Brandenburgische Landvogt. Halle 1906: Dr. LroroLn Prrers. 
“Magdeburger Schöffensprüche für Brüx, hrsg. v. Schlesinger (Mitt. d. Ver. f. Gesch. 
der Deutschen in Böhmen 21): jur. W. Langer, Prag (Seminar Zycha). 
Monumenta Boica, 45. und 46. (teilweise): Dr. Oserseıper, München. 
*Monumenta historica ducatus Carinthiae, 3. und 4.: Prof. Puntscnarr, Graz. 
*Monumenta Egrana, hrsg. v. H. Gradl, Bd. 1: jur. J. Gorz, Smichow (Seminar Zycha). 
Monumenta Germaniae historica, Diplomatum Karolinorum tomus I: Dr. Lrororn 
PErELS. 
"*Monumenta Hungariae juridico-historiea, tom. V, pars 2: jur. R. Zankn, Wien 
(Seminar von Schwind). 
Monumenta Zollerana, 3. und 4.: Dr. H. Hrerwasen, Nürnberg. 
Neue Mitteilungen aus dem Gebiet hist.-antiqu. Forschungen, 21. Bd.: Rechts- 
praktikant L. Kewuwer, Karlsruhe. 
*Olmütz, Stadtbuch des Wenzel von Iglau, hrsg. v. Saliger: jur. F. Bauer, Prag 
(Seminar Zycha). 
“Privilegien der Stadt Eger, hrsg. v. Gradl: jur. J. Gorz, Smichow (Seminar Zycha). 
*Quellen zur Geschichte der Stadt Wien. II, 3: Dr. Paur Hravır, Graz. 
Rheinische Urbare, Bd. ı: Dr. Bırger. 
Salbücher des Amtes Marburg. Zeitschr. d. Ver. f. hess. Gesch. NF. 29, 172: 
Prof. Hıs, Königsberg. 


Jahresberichte der Stiftungen. 115 


*Salzburg, Landesordnung 1328: jur. R. ZankL, Wien (Seminar von Schwind). 
Sankt Gereon, Urkundenbuch von: Dr. Bırcer. 

*Schlesinger, Deutsch-böhmische Dorfweistümer: jur. H. Terscn, Prag (Seminar Zycha). 
Schück, R., Brandenburg-Preußens Kolonialpolitik. 2 Bde.: Dr. Leororv Pereıs. 
Schwabenspiegel, Lehnrecht (vollendet): Assessor W. Ernst, Berlin. 

Sello. Beiträge z. Geschichte d. Landes Würden, Oldenburg 1841: Prof. Hıs, Königsberg. 
Siegburg. Quellen zur Rechts- u. Wirtschaftsgeschichte der rheinischen Städte. 
I. Siegburg: Prof. van Vreuren, Lausanne. 

*Stadtbuch von Falkenau, hrsg. v. Rietsch: jur. LAnGHAmmer, Prag (Seminar Zycha). 
Steiermark, Urkundenbuch von, hrsg. v. Zahn, 1. und 2.: Dr. von Künssgere. 

*Tomaschek, Deutsches Recht in Österreich: jur. Hupzcık (Seminar Zycha). 

* Trient, Die ältesten Statuten, hrsg. v. Tomaschek: jur. Zankr (Seminar von Schwind). 
Uhland, Alte hoch- u. niederd. Volkslieder: Dr. von Künssgere und E. Rosescekr. 
Westfälisches Urkundenbuch, D, 3. und 6.: Dr. von Künssgere. 
Wirtembergisches Urkundenbuch, 9. und ro.: Dr. Menrıng, Stuttgart. 
Württembergische Geschichtsquellen, hrsg. v. Statist. Landesamt, 1. bis 4.: Dr. 

Menrıng, Stuttgart. 
Württembergische Geschichtsquellen, hrsg. v. d. Kommission f. Landesgeschichte, 
2. bis 4.: Dr. Menrıne, Stuttgart. 


Akademische Jubiläums-Stiftung der Stadt Berlin. 
Bericht des Hrn. WALDEYER. 


Im Jahre 1906 sind die Verhandlungen mit Frau Prof. SeLenkA, 
München, über neue Ausgrabungen in Trinil auf Java zum Abschlusse 
gekommen. Der Zweck des Unternehmens war einmal, das geologische 
Alter der betreffenden Schichten nach Möglichkeit genau festzustellen 
und dann nach etwaigen weitern Resten von Pithekanthropus zu 
suchen. Da feststand, daß die betreffende Fundstätte noch ein großes 
Material wichtiger Fossilien birgt und die Berliner Museen von Trinil 
nur wenig besitzen, so erschien das Unternehmen, selbst wenn keine 
weitern Pithekanthropusfunde gemacht würden, dennoch empfehlens- 
wert. 

Frau Serenka hat in Begleitung der HH. Dr. Erserr und Dr. 
Moszkowskı im Frühjahr 1907 ihre Reise angetreten, und die Aus- 
grabungen sind bis zum 15. Oktober 1907 fortgesetzt worden. Leider 
traten zwischen Frau Prof. Serenka und ihren obengenannten wissen- 
schaftlichen Beratern Mißhelligkeiten auf; indessen ist eine reiche Aus- 
beute von Fossilien gemacht worden, von denen ein Teil bereits in 
Berlin eingetroffen ist, der Rest in Kürze erwartet werden darf. Für 
Hrn. Dr. Erserr trat auf einige Zeit Hr. Dr. Drxıseer (Freiburg i. B.) 
ein und zuletzt Hr. Dr. Carruaus in Java. Sobald sämtliches Fund- 
material eingetroffen ist, wird die Bearbeitung desselben in Angriff 
genommen werden. 

Für das Jahr 1908 stehen in runder Summe abermals 14000 Mark 
zur Verfügung. 


116 Öffentliche Sitzung vom 23. Januar 1908. 


Die Jahresberichte über die Monumenta Germaniae historica, das 
Kaiserliche Archaeologische Institut und den Thesaurus linguae latinae 
werden in den Sitzungsberichten veröffentlicht werden, nachdem die 
betreffenden Jahressitzungen stattgefunden haben. 


Schliesslich wurde über die seit dem Frırprıcns-Tage 1907 
(24. Januar) bis heute unter den Mitgliedern der Akademie einge- 
tretenen Personalveränderungen Folgendes berichtet: 

Die Akademie verlor durch den Tod die ordentlichen Mitglieder 
der physikalisch-mathematischen Classe Wırnern von BEzoLn, Kar 
Krrın und Hermann Karı VoGEL; die auswärtigen Mitglieder derselben 
Classe MaArceLin BErRTHELOT in Paris und Lord Kervın in Netherhall, 
Largs; das Ehrenmitglied Se. Majestät König Oskar Il. von Schweden; 
die correspondirenden Mitglieder der physikalisch-mathematischen 
Ölasse Damrrees MENDELEJEW in St. Petersburg, Henrı Moıssan in Paris 
und Morırz Lorwy in Paris; die correspondirenden Mitglieder der 
philosophisch-historischen Classe Fernımann Justı in Marburg, Antonıo 
Marıa Crrıanı in Mailand, Frieprıcn Brass in Halle a. S., THEODOR 
Aurreent in Bonn und Kuxo Fıscuer in Heidelberg. 

Neu gewählt wurden zum ordentlichen Mitglied der physikalisch- 
mathematischen Classe Hemsıch Rugens; zum ordentlichen Mitglied 
der philosophisch-historischen Olasse AnprrAsS HEUSLER; zu correspon- 
direnden Mitgliedern der physikalisch-mathematischen Classe Kar 
GrAEBE in Frankfurt a. M. und Orro Warracu in Göttingen; zu cor- 
respondirenden Mitgliedern der philosophisch - historischen (lasse 
Frieorıcn von Bezorn in Bonn, Arruur Unugurr in Villemomble (Seine), 
GABRIEL Monon in Versailles, Morız Rırter in Bonn, CUnkristian HüLsen 
in Rom, Bernarp Haussousuıer in Paris, Kar Rogerr in Halle a. S., 
EpuArnD SCHwWARTZz in Göttingen, Jaues Henry BrEASTED in Chicago und 
Jurivs Eurine in Strassburg. 


Ausgegeben am 30. Januar. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei. 


Gesammnitsitzung am 30. Januar. (S. 117) 

In  Scnortkr: Über Beziehungen zwischen veränderlichen Grössen, die auf gegebene Gebiete be- 
iR schränkt sind. I. (S. 119) 

Fischer und F. Wrepe: Über die Bestimmung der Verbrennungswärme organischer Verbindungen 

mit Benutzung des Platinwiderstandsthermometers. (S. 129) 


BERLIN 1908. 


VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 


1908. V 
1 SITZUNGSBERICHTE 
| | KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 
Ü AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 


Aus $. 

Die Akademie gibt gemäss $ 41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberiehte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften « 
und » Abhandlungen der Königlich Preussisechen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Aus $ 2, 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberichte« oder die 
»Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuseript zugleich einzuliefernist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

$3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuseripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthimasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

SA. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeiehnungen, photographische Original- 
aufnahmen u.s. w.) gleichzeitig mit dem Manuseript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung besehliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Secretar zu 
richten, dann zunächst im Seeretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Secretariat geboten. 

Aus $5. 

Nach der Vorlegung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manuseripts an den 
zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Niehtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der » Abhandlungen«e, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung dureh die 
Gesammt-Akademie. 


(Fortsetzung auf S. 3 des Umschlags.) 


Aus $6. 

Die an die Druckerei abzuliefernden Manuseriptemüssen, 
wenn es sieh nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sinı diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des "Manuseripts vorzunehmen. 
Dee hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correetur soll nach 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehlern 
und leieltten Schreibversehen hinausgehen. Umfängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- 
girenden Seeretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. ; 
Aus $8. 

Von allen in die Sitzungsberiehte oder Abhandlungen 


aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 


Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch fürden Buchhandel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be-_ 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. 

Von Gedächtnissreden werden ebenfalls Sonderabdrucke 
für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 

89. 

Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigierenden Seeretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akalemie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 


zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 30 Frei- 


exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akalemie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an-_ 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. . 
8 17. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jene) 
Stelle anderweitig, sei es auch nur BUSELER 


117 
SITZUNGSBERICHTE 1908. 
V. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


30. Januar. Gesammtsitzung. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 


*1. Hr. Lenz las über einen Reformversuch des Ministers von Massow 
in Bezug auf die medieinischen Unterrichtsanstalten des preussischen 
Staates (1802). 

Der Plan war ein Stück der Unterrichtspolitik Massow’s, die eine Auflösung 
der Universitäten in Fachschulen bezweckte. Den Beginn machte er mit der Mediein, 
da es hier bereits eine Fachschule gab, das Collegium medieo-chirurgieum in Berlin. 
Massow wollte dieselbe zu einer Oberschule für den praktischen Unterricht machen, den 
theoretischen Unterricht aber auf zwei Facultäten (Halle und Königsberg; Frankfurt 
und Duisburg sollten aufgehoben werden) beschränken. Hierzu hatten Reır und Hure- 
ran zwei Gutachten geschrieben, deren Differenzen unter einander, wie zu Massow’s 
Ideen geschildert wurden, woran sich eine vergleichende Charakteristik beider grossen 
Ärzte schloss. 


2. Hr. Scnorrky machte eine zweite Mittheilung über Beziehun- 


gen zwischen veränderlichen Grössen, die auf gegebene Ge- 


biete beschränkt sind. 

Die Mittheilung gibt eine Fortsetzung der Untersuchungen, deren erster Theil 
sich im Sitzungsbericht der physikalisch-mathematischen Classe vom 19. December 
1907 findet. 


3. Hr. Pıscuer legte eine Mittheilung des Hrn. Dr. E. Sırc in 
Berlin vor: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus 


Chinesisch-Turkistan. (Ersch. später.) 

Die Mittheilung ist eine Fortsetzung der in den Sitzungsberichten von 1907, 
S.466 ff. veröffentlichten Arbeit. Sie gibt drei neue Bruchstücke, eins in Särada-, 
zwei in Brähmi-Schrift, von denen die beiden letzten die Grammatik mit Commentar 
enthalten. Durch das unter II behandelte Bruchstück wird der Werth einiger bisher 
unbekannter Lautzeichen bestimmt. 


4. Die folgenden Druckschriften wurden vorgelegt: Inscriptiones 
Graecae. Vol. XII. Inseriptiones insularum maris Aegaei praeter Delum. 
Fasc. 7. Inseriptiones Amorgi et insularum vieinarum ed. I. Delamarre. 
Berolini 1908; A. Harnack, Die Apostelgeschichte. (Heft III der Bei- 
träge zur Einleitung in das Neue Testament.) Leipzig 1908; L. De- 


Sitzungsberichte 1908. 13 


118 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. 


vıste, Recherches sur la librairie de Charles V. Paris 1907; Souvenirs 
du Baron de Frenilly. Publies par A. Cuuqurr. Paris 1908; P. Ascner- 
son und P. GrAEBNer, Synopsis der mitteleuropäischen Flora. Lief. 54. 55. 
Leipzig 1907; Libanii opera rec. R. Forrster. Vol. 4. Lipsiae 1908. 


Die Akademie hat das eorrespondirende Mitglied ihrer philo- 
sophisch-historischen Classe Baron Vıcror von Rosen in St. Peters- 
burg am 23. Januar durch den Tod verloren. | 


Scaowrxv: Über Beziehungen zwischen ebenen Flächen. 11. 119 


Über Beziehungen zwischen veränderlichen Grössen, 
die auf gegebene Gebiete beschränkt sind. 


Von F. ScuoTTtkY. 


Zweite Mittheilung. 


$ 3. 


Un die Art der Transformationen genauer festzustellen, die y er- 
fährt, wenn x einen Grenzpunkt oder eine Grenzlinie von A umkreist, 
nehmen wir an, dass die einzelnen Grenzlinien reguläre analytische 
Curvenzüge sind, z. B. vollständige Kreise oder Ellipsen. Darin liegt 
keine wesentliche Beschränkung, da man durch conforme Abbildung 
der Fläche immer erreichen kann, dass die Randlinien reguläre 
Curven werden. 

Wesentlicher ist folgendes. Wir fordern von der aufzustellenden 
Beziehung (x, y), dass y nicht nur im Innern, sondern auch an den 
Randlinien von A eine reguläre Function von x ist, dass ferner in 
der Nähe jedes Grenzpunktes entweder y selbst, oder eine reelle 
lineare Function von y, sich darstellen lässt in der Form —ilog(E), 
wobei E eine Function von x bedeutet, die an der betrachteten 
Grenzstelle regulär ist und in ihr von der ersten Ordnung verschwindet. 
In den durchgeführten Speecialfällen sind diese Annahmen erfüllt. 
Die Frage, ob und in welcher Weise sie sich als nothwendige Folge 
der alten Voraussetzungen herausstellen, kann übergangen werden. 

Aus der zweiten Annahme folgt, dass bei der Umkreisung des 
Grenzpunktes a jeder Zweig von y eine lineare Transformation erfährt, 
deren sich selbst entsprechende Punkte zusammenfallen. Es ist also 
nur ein Werth, dem ein Zweig von y zustrebt, wenn man x den 
Punkt a unendlich oft umkreisen lässt, im positiven oder im negativen 
Sinne. Es ist dies zugleich der reelle Werth, den y im Punkte a hat; 
denn log (E) wird sowohl dadurch unendlich, dass man x unendlich 
oft den Punkt a umkreisen lässt, als auch dadurch, dass x sich dem 
Punkte a nähert. 


120 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. 
Definirt man ferner eine Grösse p durch die Gleichungen 


dy I d’u 
BE ur ge 
so ist p eine im Innern und an der Grenze von A eindeutige 
reguläre Function von x. Sie verschwindet für x = co, falls dieser 
Punkt nicht zu den Grenzpunkten gehört, von der vierten Ordnung. 
Unendlich wird sie nur in den Grenzpunkten, und zwar von der 
zweiten Ordnung; das Produet («—.a)’ p hat den Werth 4 für 2= a. 

In dem besonderen Fall, wo nur Grenzpunkte vorhanden sind 
und keine Grenzlinien, ist demnach p eine rationale Function von «. 
Bestimmt man, den obigen Angaben entsprechend, den Ausdruck 
von p, so enthält derselbe, abgesehen von den Werthen a, noch 
eine Reihe von Üoeffiecienten, die zunächst willkürlich sind; sie sind 
natürlich so zu bestimmen, dass die linearen Transformationen, die 
y erfährt, wenn x die singulären Punkte umkreist, reell werden. 

Da y in der ganzen x-Ebene, abgesehen von den singulären 
Punkten, nur Werthe annimmt, deren zweite Goordinate positiv ist, 
so ist die eindeutige Function & = \(y) nicht über die Grenze der 
positiven Halbebene fortsetzbar. 

Wir lassen jetzt diesen speciellen Fall beiseite. Der Voraus- 
setzung nach ist y an den Randlinien regulär, also fortsetzbar über 
die Grenze von A hinaus. Es nimmt ausserdem y an den Randlinien 
nur reelle Werthe an. Denn denken wir uns von einem Punkte x, 
im Innern von A, beliebig nahe einer Randlinie, eine kleine Strecke 
xx, gezogen, die durch die Grenze hindurchgeht, so muss auch die 
entsprechende Linie Y,y, durch die Grenze von B hindurchgehn; an- 
dernfalls würde der inneren Linie y,y, eine Linie x,x, entsprechen, 
die das Innere von A verlässt, was unmöglich ist. 

Es sei y, der reelle Werth, den ein Zweig von y in dem Punkte 
x, einer Randlinie annimmt. Dann kann y—y, im Punkte &, nur 
von der ersten Ordnung verschwinden, denn sonst würde y nicht 
nur auf der Randlinie reell sein, sondern auch auf bestimmten von 
x, aus in das Innere von A führenden Linien. Dies ist unmöglich. 
Hieraus folgt, dass die Funetion /(y) in dem Punkte y, der Grenze 
von B regulär ist. Ist andererseits y, ein Punkt auf der Grenze 
von B, in dem sich \(y) regulär verhält, dann muss der entsprechende 
Punkt &, = \(y.) auf einer Randlinie von A liegen, und es ist zu- 
gleich ein Zweig von  definirt, der im Punkte x, den Werth , hat. 

Denken wir uns nun, dass der Punkt x von x, aus die Randlinie 
beliebig oft durchläuft, in dem Sinne, dass das Innere von A zur Linken 
bleibt. Dann muss, da innerhalb A die zweite Coordinate von % positiv 


Scnorrky: Uber Beziehungen zwischen ebenen Flächen. 11. 121 


ist, auf der Randlinie sich y beständig im positiven Sinne ändern. Es 
ist nicht ausgeschlossen, dass y an einer Stelle unendlich wird. Dann 
geht y beim Durchgange durch diese Stelle von +00 zu — 0 über. 
Aber es ist nicht möglich, dass y die ganze reelle Linie durchläuft, 
wenigstens dann nicht, wenn mehr als eine Randlinie vorhanden ist, 
denn sonst würden für die übrigen Randlinien keine Werthe übrig 
bleiben. Demnach wird, wenn wir x auf eine Randlinie von A be- 
schränken, y beschränkt auf eine begrenzte Strecke der reellen Linie. 
Die Endpunkte n7,n' werden nie erreicht; sie würden unendlich oft 
wiederholten Umläufen im positiven oder negativen Sinne entsprechen 
und sind nur als Grenzwerthe zu betrachten. Beachtet man, dass 
auf diese Weise jeder Zweig von y längs jeder Randlinie verfolgt 
werden kann, so erhält man auf der reellen Linie der y-Ebene un- 
endlich viele sich nicht deckende Strecken; innerhalb jeder Strecke 
ist die Funetion Y(y) regulär; die Endpunkte aber sind singulär. 
Natürlich sind zu den singulären auch die Häufungsstellen der End- 
punkte zu rechnen. 

Es gehe y bei einmaligem Umgange um eine Randlinie in %.(y), 
bei nmaligem in x,(y) über. Die Grenze von %,(y) ist dann 7 für 
n—=+%,Y fürn = — 00; n und » sind demnach die sich selbst 
entsprechenden Punkte der Transformation y’=x(y), und diese Trans- 
formation kann so dargestellt werden: 

Yen) 


YV—ı — q 


zz 
Mr 


Hierbei ist q eine positive Grösse, denn y und y' liegen zwischen 
den reellen Werthen x, »‘, wenn x auf die Randlinie beschränkt wird. 

Die Function 2 = Y(y) ist in der positiven Halbebene regulär 
und eindeutig; sie lässt sich, durch die definirten Strecken hindurch, 
in die negative fortsetzen. In der letzteren ist aber \/(y) nicht ein- 
deutig, und noch viel weniger der Zweig von \(y), den wir erhalten, 
wenn wir durch irgend eine andere Strecke in die positive Halbebene 
zurückkehren. Dagegen sind die charakteristischen Functionen der 
Fläche A, angesehen als abhängig von y, in der ganzen y-Ebene ein- 
deutig und regulär, mit Ausnahme der bereits definirten Punkte der 
reellen Linie. Der in meiner Dissertation eingeführte Begriff der charak- 
teristischen Functionen einer Fläche zeigt sich demnach als funda- 
mental auch für das Cararu£onvorvy'sche Problem, das dem der con- 
formen Abbildung mehrfach berandeter ebener Gebiete entschieden 
verwandt ist. 

Wir müssen absehen von den vorhandenen Grenzpunkten des 


Gebietes A. Dasjenige Gebiet, das nur durch die Randlinien von A 


122 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. 


begrenzt wird, nennen wir \. Da die Linien als reguläre Curven 
angenommen sind, so lassen sich die charakteristischen Functionen 
von A definiren als diejenigen im Innern und an der Grenze von 
A eindeutigen regulären Functionen von x, die an der Grenze reelle 
Werthe haben. Von ihnen gilt folgendes (vgl. meine Dissertation, 
oder die unter gleichem Titel im Journ. f. Math., Bd. 83 erschienene 
Arbeit): 

Sie sind unter einander durch algebraische Gleichungen ver- 
bunden, und zwar lassen sich auf unendlich viele Arten zwei unter 
ihnen auswählen: s= f(x), t=g(&), durch die alle andern rational 
mit reellen Coefficienten ausgedrückt werden. Das Rırmann’sche Ge- 
schlecht & der algebraischen Gleichung 4(s, {) = 0, die zwischen s 
und 7 besteht, ist um ı kleiner als die Zahl der Randlinien von N. 
Ist x, ein beliebiger Punkt im Innern oder auf der Grenze von A, so 
giebt es charakteristische Funetionen von « — also rationale von 
s, £ —, die in x, von der ersten Ordnung verschwinden. Ist r eine 
solche, so kann man x in eine reguläre Potenzreihe von r entwickeln 
und deshalb sagen, dass nicht nur s und ? sich im Punkte «x, regulär 
verhalten, sondern auch & an der entsprechenden Stelle des alge- 
braischen Gebildes eine reguläre Funetion von s, ist. Den +1 
Randlinien von U entsprechen, punktweise eindeutig, +1 reelle 
CGurven des Gebildes (s, 2). Ist z ein Punkt (s, {), der nicht auf einer 
dieser + ı reellen Curven liegt, so gehört dazu ein conjugirter (s‘, f) 
oder «', und zu einem von beiden, aber nur zu einem, ein völlig 
bestimmter Punkt x im Innern von U. Es zerfällt also das Gebilde 
(s, £) symmetrisch in zwei conjugirte Hälften, die durch die c+ 1 
reellen Curven von einander getrennt sind; diejenige Hälfte, die dem 
Gebiete A entspricht, nennen wir A. Durch die Gleichungen s—= f(x), 

= g(x) wird demnach eine eindeutige reguläre Beziehung (s, t; &) 
zwischen A und U hergestellt: und zwar ist sie eindeutig-regulär 
mit Einschluss der Grenzen. 

Sondern wir jetzt von A diejenigen im Innern gelegenen Punkte 
ab, die den Grenzpunkten von A entsprechen. Wir nennen sie « und 
die conjugirten «'; letztere liegen ausserhalb. Wir bezeichnen ferner 
mit D das Continuum, welches von A übrig bleibt, wenn man die 
Punkte & fortlässt. Dann haben wir einen Bereich D, der genau 
ebenso viele Grenzpunkte und Grenzlinien besitzt wie A, und 
(s,t; x) ist eine vollständig reguläre eindeutige Beziehung zwischen 
A und D, mit Einschluss der Grenzpunkte und Grenzlinien. Fügen 
wir noch die andere Beziehung (x, y) hinzu, so entspringt aus beiden 
eine reguläre Beziehung zwischen D und der positiven Halbebene: 
(s,t; y). Aber diese letztere Beziehung kann analytisch fortgesetzt 


ScHorrky: Über Beziehungen zwischen ebenen Flächen. II. 123 


werden, einerseits über die reellen Gurven des Gebildes hinaus. 
andererseits über die reelle Linie der y-Ebene, und zwar einfach da- 
durch, dass man conjugirten Werthen von y eonjugirte Punkte des 
algebraischen Gebildes entsprechen lässt. Dies ist zulässig, da die 
Variable y reell ist, wenn man den Punkt (s,?) auf eine Randlinie 
von D und somit den Punkt x auf eine Randlinie von A beschränkt. 

Nun können wir (s,£: y) auffassen als eine gegenseitig reguläre 
Beziehung zwischen dem ganzen Gebilde (s,{), von dem nur die 
Punktepaare z, « ausgeschlossen sind, und der ganzen y-Ebene, von 
der allerdings die unendlich vielen singulären der reellen Linie aus- 
zuschliessen sind. Hierbei sind s und t eindeutige Functionen von % 
in der ganzen Ebene: yist eine unendlich vieldeutige von s,f, die 
nur singulär wird in den Punktepaaren #,«. Die Art, wie yin den 
Punkten z,« unendlich wird, ist natürlich diese: eine reelle lineare 
Function von y muss sich in der Form —ilog(Z) darstellen lassen, 
wo Keine an der betrachteten Stelle reguläre Function von (s, /) ist, 
die in diesem Punkte von der ersten Ordnung verschwindet. 

Beschreibt der Punkt (s, t) eine geschlossene Linie, die innerhalb 
D verläuft, so entspricht dieser eine geschlossene Linie in A; es er- 
fährt demnach y eine Transformation der schon vorher definirten 
Gruppe. Beschreibt aber (s, ?) einen Weg in D), der von einer reellen 
Curve zu einer anderen führt, und kehrt dann auf dem symmetrisch 
entsprechenden Wege zu dem Anfangspunkt zurück, so nimmt offen- 
bar auch y den anfänglichen Werth wieder an. Da man nun jeden 
Periodenweg zerlegen kann in zwei geschlossene Wege, von denen 
der eine innerhalb D verläuft, während der andere symmetrisch ist, 
so sieht man, dass y auf geschlossenen Wegen des Gebildes überhaupt 
keine andern Transformationen erfährt, als die der bereits definirten 
Gruppe. 

Sind Grenzpunkte von A, und somit auch Punktepaare «,«', 
nicht vorhanden, so kann man sagen, dass die Gleichung @ (s,)=0 
vollständig aufgelöst wird, indem man s und Zals eindeutige Func- 
tionen von y darstellt. Im anderen Falle sind die Punkte «,« von 
der regulären Darstellung ausgeschlossen. 


d I Ä 
Setzt man = =, so genügt w der linearen Differential- 
u 
gleichung, 
2 ar (6) 
nn U — 9 
di? p 


in der p eine reelle rationale Function von s,t bedeutet. Nehmen 
wir an, dass tin einem der Punkte «,« den Werth {, hat, und dass 


124 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. 


t— t,in diesem Punkte nur von der ersten Ordnung verschwindet. 
Alsdann wird p an derselben Stelle unendlich von der zweiten 
Ordnung, und zwar ist dort 4p(f—t)’ gleich ı. Dies sind die 
eigentlich singulären Punkte der Differentialgleichung: als uneigent- 
liche kommen diejenigen hinzu, in denen das Differential di ver- 
schwindet oder unendlich wird. Dem Falle, wo gar keine Grenz- 
punkte, sondern nur Grenzlinien existiren, entspricht diejenige Classe 
linearer Differentialgleichungen mit algebraischen Coeffieienten, die 
gar keine eigentlichen singulären Punkte besitzen. 

Wir haben hier diejenigen Functionen s = F(y), {= G(y) be- 
trachtet, in welche die charakteristischen f(x) und y(x) übergehn, 
wenn man die Variable y einführt. Dies sind eindeutige automorphe 
Funetionen; man kann sie — wenigstens in dem Hauptfalle, wo keine 
Grenzpunkte existiren; der andre kann als Grenzfall aufgefasst werden 
— durch Producte linearer Functionen von % darstellen, falls man 
die linearen Substitutionen als gegeben annimmt. Andrerseits sind 
die charakteristischen Functionen /(x) und g(2), wenn nicht in andrer 
Weise, durch das Dirıcnter'sche Prineip bestimmt. Durch die beiden 
Gleichungen f(x) = F(y), y(2) = @(y) wird die Beziehung (x,) de- 
finirt; es werden aber damit zugleich — da man zwei Gleichungen 
hat — auch die Coeffieienten der linearen Substitutionen festgelegt. 


$ 4. 


Ich kehre zu den besonderen Fällen zurück. 

Es sei wieder B die positive Halbebene, A die ganze Ebene, 
mit Ausnahme einer endlichen Anzahl sich nieht schneidender Strecken. 
Diese sollen alle auf einer Geraden liegen, und zwar auf der reellen 
Linie. Der Fall, wo einzelne sich auf Punkte redueiren, wird sich 
von selbst ergeben. 

Die Grenzen von A sind hier nicht reguläre Linien, sondern 
eigentlich zweiseitige Polygone, und die charakteristischen Functionen 
von A sind in dem Endpunkte a einer solchen Strecke im Allgemeinen 
nieht reguläre Functionen von x, nur von VY@—a. Indessen gehört 
in diesem Falle die Variable x selbst mit zu den charakteristischen 
Funectionen; man kann != x setzen; eine zweite ist: 


en. 


und durch s,? lassen sich alle übrigen rational ausdrücken. 

Die Endpunkte der Strecken betrachten wir nicht als unmittelbar 
gegeben; wir definiren sie, um die Auflösung transcendenter Glei- 
chungen zu vermeiden, auf folgende Weise: 


Scnorrky: Über Beziehungen zwischen ebenen Flächen. II. 125 


Wir nehmen in der y-Ebene eine Anzahl von Kreisen an, deren 
Mittelpunkte alle auf der reellen Linie liegen, und deren Flächen sich 
gegenseitig weder decken noch berühren. Es ist zulässig, dass einer 
dieser Kreise alle übrigen umschliesst; unter seiner Fläche verstehen 
wir dann das Gebiet ausserhalb der Peripherie. Ebenso kann an die 
Stelle eines der Kreise eine Gerade treten, die auf‘ der reellen Linie 
senkrecht steht. 

Das durch die angegebenen Linien begrenzte Gebiet wird durch 
die reelle Linie symmetrisch in zwei Hälften zerlegt. Die obere Hälfte 
nennen wir C; sie ist ein Polygon mit lauter rechten Winkeln, dessen 
Seiten abwechselnd durch Halbkreise und Streeken der reellen Geraden 
gebildet werden. Dieses Gebiet © denken wir uns conform abgebildet 
auf die obere Hälfte der x-Ebene. Wir führen also eine Funetion x 
von y ein, die innerhalb € nur Werthe der positiven Halbebene an- 
nimmt, und zwar jeden einmal. Lässt man y von einer bestimmten 
Stelle die Randlinie von C in positivem Sinne durchlaufen, so durch- 
läuft © stetig wachsend alle reellen Werthe von — co bis +00. «ist 
ausserdem im Innern und auf der Grenze von € eine reguläre Function 


da 
von , aber es verschwindet 7 den Eekpunkten von der ersten 
4 


Ordnung. % ist eine reguläre Funetion von x im Innern der positiven 
Halbebene; auf ihrer Grenze, also auf der reellen Linie, bilden die- 
jenigen Punkte eine Ausnahme, die den Eekpunkten von ( entsprechen. 

Diese Punkte bezeichnen wir mit (a). Durch sie zerfällt die reelle 
Linie der x-Ebene in eine Anzahl von Intervallen. Wir wollen die- 
Jenigen Intervalle gerade nennen, die den geradlinigen Stücken der 
Grenze von ( entsprechen, die übrigen ungerade. 

Betrachten wir zuerst x als Function von y. An jedem der 
Halbkreise, die zur Begrenzung von C gehören, ist x reell. Daraus 
geht hervor, dass die Function über diese Linie hinaus in der Weise 
fortzusetzen ist, dass sie in dem Bildpunkte den conjugirten Werth 
erhält. Wir kommen so in ein neues Gebiet ©‘, das genau wie das 
vorige begrenzt ist durch Theile der reellen Linie und dazwischen 
liegende Halbkreise. Aber hier nimmt « nur Werthe an, deren zweite 
Coordinate negativ ist. Wenn wir dies fortsetzen, auch bei den 
übrigen halbkreisförmigen Randstrecken von C, so wird die ganze 
positive Halbebene zerlegt in eine Folge von unendlich vielen Ge- 
bieten. Die Grenze zwischen einem Gebiete und einem benachbarten 
ist stets ein Halbkreis; auf diesem nimmt x nur reelle Werthe an, 
und zwar solche, die einem ungeraden Intervalle angehören. 

Wenn demnach y sich beliebig in der positiven Halbebene be- 
wegt, so kann x zwar beliebig oft die reelle Linie durchkreuzen, 


126 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. 


aber immer nur in einem ungeraden Intervalle. Wenn wir mit A 
die ganze x-Ebene bezeichnen, mit Ausnahme der geraden Intervalle 
der reellen Linie, so bleibt & im Innern von A, wenn y auf die 
positive Halbebene beschränkt wird. 

Es ist leicht zu sehen, dass auch das Umgekehrte stattfindet. 
Die Beziehung (x, y) ist hiermit, geometrisch sehr einfach, definirt. 
Aber sie lässt sieh auch analytisch in sehr einfacher Weise ausdrücken. 
Man kann die Function = \(y), durch die geraden Randstrecken 
von € oder die eines anderen Theilgebietes, in die negative Halb- 
ebene fortsetzen; sie ist eine in der ganzen Ebene eindeutige auto- 
morphe Funetioa von y, und die Gruppe der Substitutionen unmittelbar 
gegeben. Es seien , 3, y drei Eckpunkte des Polygons C; a, b, c 
die entsprechenden Werthe von x, ferner allgemein «,,®, ein Werthe- 
paar, das aus ©, durch eine und dieselbe Substitution (A) der Gruppe 
hervorgeht. Alsıdann ist: 


mn |) 
Bi en 


und Z(y) das folgende Product von Linearfactoren der Variabeln y: 


A) Ya, yv—ß, z 
Ey= IMS rer 
I 11 E —ß, en 


Schliesslich ist noch der Fall zu besprechen, wo an die Stelle 
einer oder mehrerer Streeken Punkte treten. Die Modifieation, die die 
Figur alsdann erfahren muss, ist leicht zu erkennen; es müssen auch 
die entsprechenden geraden Strecken des Polygons C gleich o werden, 
d. h. die Kreise müssen sich berühren. Wenn speciell die Grenze 
von A nur durch drei Punkte gebildet wird, so erhält man die be- 
kannte Figur eines Dreiecks, dessen Seiten durch drei sich berührende 
Kreisbogen gebildet werden. 

Wir wollen noch ein letztes Beispiel durchführen, das geometrisch 
sehr durchsichtig ist, analytisch allerdings weniger einfach. Es sei 
A die ganze Ebene, mit Ausnahme dreier Kreisflächen. Wir ziehen 
den Orthogonalkreis und bezeichnen mit A, den innerhalb desselben 
liegenden Theil von A. Die Grenze von A, ist wiederum ein Poly- 
gon mit sechs rechten Winkeln. Diejenigen drei Seiten des Polygons, 
die Theile des Orthogonalkreises sind, nennen wir gerade — obwohl 
auch sie gekrümmt sind —, die drei anderen ungerade. 


ı Vergl. meine Arbeit: Über eine specielle Function, welche bei einer bestimmten 
linearen Transformation ihres Arguments ungeändert bleibt. Journ. f. Math., Bd. 101. 


sä . 


Scaorrky: Über Beziehungen zwischen ebenen Flächen. Il. 127 


Die Fläche A, müssen wir uns nun conform abgebildet denken 

r auf eine andere D, der y-Ebene, deren Begrenzung zwar ebenso be- 
schaffen ist wie die von A,. Sie soll ebenso aus drei getrennten 
Strecken eines Kreises, und, rechtwinklig zu diesem, aus drei Kreis- 
bogen bestehen, die in das Innere führen. Es soll aber die Abbildung 

so beschaffen sein, dass den geraden oder Orthogonalkreis-Streeken 

der einen Figur die ungeraden der anderen entsprechen. Dass hier- 

für die Anzahl der verfügbaren Constanten gerade ausreicht, ist unmittel- 

bar zu sehen. Das Innere des zweiten Orthogonalkreises nennen wir B. 

Betrachten wir & als Function von y und beschränken zunächst 
y auf das Innere von B,. Dann wird x auf das Innere von A, be- 
schränkt. Rückt y nach der Grenze von D,, und zwar nach einem 
Kreisbogen ?, der nicht ein Theil des Orthogonalkreises ist, so rückt x 
nach der Grenze von A, aber nach einer Strecke des Orthogonalkreises. 
Die Function = Y(y) ist daher über A hinaus so fortzusetzen, dass 
zwei Punkten y,y', die zu einander in Bezug auf die Kreisstrecke A 
symmetrisch sind, zwei Punkte x, x’ der anderen Ebene entsprechen, 
die zu einander in Bezug auf den Orthogonalkreis symmetrisch liegen. 
Nun erfüllen, wenn x auf die Fläche A, beschränkt ist, die Bildpunkte 
von x in Bezug auf den Orthogonalkreis den ganzen übrigen Theil 
der Fläche A. Es bleibt demnach . in der Fläche A, wenn y von B, 
aus durch eine Grenzstrecke A, die nicht dem ÖOrthogonalkreis an- 
gehört, in ein Nachbargebiet B/ eindringt. Diese Betrachtung lässt sich 
fortsetzen, genau wie vorhin. Es folgt daraus: Wenn die Variable y in 
dem Orthogonalkreis B bleibt, der in ihrer Ebene gezogen ist, so bleibt 
x im Gebiete A. Aber auch das Umgekehrte gilt; man hat daher 
eine reguläre Beziehung (x,y) zwischen dem Gebiete “A und einer 
Kreisfläche oder Halbebene B. 

Betrachten wir jetzt die charakteristischen Functionen der Fläche A. 
Unter ihnen giebt es auch solche, die nicht nur an den drei Kreisen, 
sondern auch in den dazwischen liegenden Strecken des Orthogonal- 
kreises reell sind. Die letzteren Funetionen sind rational durch eine 
einzige unter ihnen ausdrückbar: diese eine, f, ist zugleich diejenige, 
welche die Abbildung von A, auf die Halbebene vermittelt. Eine 
zweite charakteristische Function von A (aber nieht von A,) ist: 


s—= V—Ilt—a) = YR(t), 


wenn wir mit a die Werthe von ? in den sechs Eekpunkten von 4, 
bezeichnen. 

Angesehen als abhängig von y ist ? auch eine charakteristische 
Function der Fläche B,, und auch desjenigen Gebietes D, das wir er- 
halten, wenn wir die drei Randkreise von BD, vervollständigen und 


128 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. 


den Orthogonalkreis fortlassen. s dagegen gehört nicht zu den cha- 
rakteristischen Funetionen dieser zweiten dreifach zusammenhängenden 
Fläche B, wohl aber is. s und £ sind eindeutige Functionen von & 
ebensowohl wie von y in den Ebenen dieser Variabeln; man hat dem- 
nach zwei Auflösungen der Gleichung s® = X(f) durch eindeutige 
automorphe Funetionen mit je 3g—3 ganz verschiedenen Moduln; die 
Beziehung (x,y) entsteht, wenn man diese eindeutigen Funetionen von 
x und y einander gleichsetzt. Die Differentialbeziehung, die in diesem 
Falle zwischen x und % besteht, ist folgende. Setzt man 


— 23 — ao ar za h dy rn 5 
VR() dw U: dw v 
so genügt u der Differentialgleichung 
du 


Zap +4 +hrP+ht+h)u=0o 
(vgl. Journ. f. Math., Bd. 83, S. 348). v genügt einer Differential- 
gleichung genau von derselben Form, nur mit dem Unterschied, dass 
an die Stelle von /h,,/,, Ah, andere Constanten treten. 

Hätten wir statt dreier nur zwei Kreise genommen, so hätten 
wir die doppelte Lösung der Gleichung 


°—= (1—)(I—k’f) 
bekommen, die Jacogı gegeben hat, wobei s und ? einmal als ein- 
deutige Functionen einer Grösse x dargestellt werden, die der Gleichung 


flgx) = f(x) genügen, und zweitens als eindeutige Functionen einer 
Grösse y, die mit x in der Verbindung steht: 


Bl ee: 


Fischer und F. Wrepe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 129 


Über die Bestimmung der Verbrennungswärme 
organischer Verbindungen mit Benutzung: des 
Platinwiderstandsthermometers. 


Von Enmır Fischer und FRANZ WReE»e. 


(Vorgetragen in der Sitzung vom 9. Januar 1908 [s. oben S. 1].) 


Be den Bestimmungen von Verbrennungswärmen organischer Ver- 
bindungen, die wir vor drei Jahren mitteilten', wurde eine BERTHELOT- 
sche Bombe nebst Kalorimeter benutzt, die auf elektrischem Wege 
geeicht waren; mithin wurden die Verbrennungswärmen auch in elek- 
trischen Einheiten erhalten. 

Die Grundeichung unseres Apparates war von den HH. W. JarGEr 
und von STEINWEHR in (der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt zu 
Charlottenburg ausgeführt worden mit einer Genauigkeit, die von 
ihnen auf 2 Promille des Wertes geschätzt wurde. Da die Ungenauig- 
keit der Messungen zum erheblichen Teil durch die Verwendung 
eines Quecksilberthermometers veranlaßt war, so lag der Gedanke 
nahe, dieses durch ein elektrisches Thermometer zu ersetzen. Das 
ist von den HH. JAEGER und von StEMmWEHR bei der neuen Grund- 
eichung unseres Kalorimeters geschehen. 

Durch diese Maßregel und andere kleine Veränderungen am System, 
wie z. B. erhebliche Vermehrung der Wassermenge, ist es ihnen ge- 
lungen, den Fehler des Eichungswertes so weit herabzusetzen, daß er 
nach einer an uns gerichteten Privatmitteilung sicher nicht mehr als 
0.5 Promille beträgt. 

Wir haben nun mit demselben Instrument und unter den gleichen 
Bedingungen einige Verbrennungswärmen bestimmt und glauben, auch 
hier, insbesondere durch die bessere thermometrische Messung, eine 
größere Genauigkeit erzielt zu haben, als dies früher möglich war. 
Denn bei Substanzen, die gut verbrennen, betrug die Abweichung 
vom Mittel bei ı° Temperaturerhöhung nicht mehr als 0.5 Promille. 

Wir haben die verbesserte Methode benutzt, um für einige Sub- 
stanzen, besonders für Rohrzucker und Benzoesäure, die Ver- 
brennungswärme möglichst genau festzustellen, damit sie als Grund- 
wert für die Eichung andrer Bomben benutzt werden kann. 


! Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1904, XX, S. 687 ff. 


130 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


Entsprechend der Grundeiehung unsres Kalorimeters sind alle 
Werte für die Verbrennungswärmen in Kilowattsekunden bestimmt 
und nur diese dürfen als Originalwerte betrachtet werden. Zum Ver- 
gleich mit andern Verbrennungswärmen, die in Kalorien ausgedrückt 
sind, haben wir allerdings eine Umrechnung vorgenommen, bei der 
eine Kilowattsekunde gleich 0.2390 Kalorien gesetzt wurde. 

Wir bemerken jedoch ausdrücklich, daß diese umgerechneten 
Werte alle Fehler enthalten. die in der Bestimmung des Verhältnisses 
von Wattsekunde zur Kalorie liegen, und daß auch die Änderung 
der spezifischen Wärme des Wassers mit der Temperatur zur Zeit nicht 
genau genug bekannt ist. Der von uns angenommene Wert von 
0.2390 scheint am genauesten für die Temperatur 15° zuzutreffen. 

Wie aus der später gegebenen Tabelle hervorgeht, liegen unsere 
eigenen Bestimmungen alle zwischen 15° und 20°. Für die Messungen 
selbst waren diese Temperaturunterschiede gleichgültig, da unser Ka- 
lorimeter nach den Beobachtungen der HH. JAEGER und vo STEINWEHR 
keinen Temperaturkoeffizienten zeigte. 

Beschreibung des Apparates. Als Kalorimeter benutzten wir 
das übliche, den Chemikern wohlbekannte Modell. Die Berruzrorsche 
Bombe war in der von Kröker angegebenen Weise modifiziert und 
von Peters (Berlin) geliefert. Sie hatte einen Inhalt von 275cem und 
ihr Innenraum war vollständig mit Platin in der Stärke von 0.3 mm 
von Heraeus (Hanau) ausgekleidet!. Das zylindrische Messinggefäß, in 
dem sich die Bombe und das Platinthermometer befinden, hatte ı5 cm 
Durchmesser und 26 cm Höhe. Das Gewicht desselben betrug 7238, 
mit der Wasserfüllung 4450g — gewogen in Luft. Die Menge des 
Wassers war so groß gewählt, daß die Polklemmen der Bombe sich 
etwa 24cm unterhalb der Oberfläche befanden. 

Zum Rühren des Wassers glaubten wir anfangs dem Quirlrührer, 
den erst BErTHELoT und später Loneumme beschrieben haben, den Vor- 
zug geben zu müssen, weil bei seiner Anwendung keine mit Wasser 
benetzten Teile aus der Flüssigkeit herausgehoben werden. Um die 
Wärmeleitung noch möglichst zu verringern, hatte der von uns be- 
nutzte Quirlrührer als Stiel eine starke Hartgummistange, die unge- 


! Die HH. T. W. Rıcuaros, L. J. Henperson und H. L. Freverr haben bei 
der von ihnen gebrauchten Bombe den zur Dichtung verwendeten Bleiring mit einer 
Blattgoldschicht überzogen, um seine Oxydation zu verhindern (s. Proc. of the Am. 
Acad. 42. (21) 576). Wir haben diese Maßregel bei unserem Apparat nicht ange- 
wendet, weil der Bleiring höchstens zu $ mm Breite für den Sauerstoff freiliegt. Er 
überzieht sich bei den Versuchen wohl mit einer ganz dünnen Oxydschicht, die aber 
als Schutz gegen die fortschreitende Oxydation bleibt, so daß wir die Wärmemenge, 
die bei der einmaligen Verbrennung entsteht, für so gering halten können, daß sie 
für uns nicht in Betracht kommt. 


Fischer und F. Wreoe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 131 


fähr ı cm unter dem Wasserspiegel mit dem eigentlichen aus Metall 
gefertigten Rührer in Verbindung stand. 

Die Geschwindigkeit des Motors wurde so reguliert, daß der Rührer 
ungefähr 45 Touren (Hin- und Herdrehung) in der Minute machte. Im 
Verlauf unserer Untersuchungen sind wir aber zu der Überzeugung 
gekommen, daß die Rühranordnung nicht ausreichend ist, um eine 
thermisch ganz gleichmäßige Mischung des Wassers herbeizuführen. 
Daß die HH. Berruerror und Loxsumme mit diesem Rührer zufrieden 
gewesen sind, erklärt sich vielleicht aus dem Umstande, daß sie die 
Temperatur mit dem Quecksilberthermometer gemessen haben, dessen 
Leistungsfähigkeit zur Entdeckung des Fehlers nicht mehr ausreichte. 

Übrigens hat Laneseın schon vor längerer Zeit anıegeben', daß 
der Quirlrührer vor dem Ringrührer keinen Vorteil bietet. 

Unsere Erfahrungen wurden bestätigt durch die Versuche der 
HH. JAEGER und von STEINWEHR, welche die Temperatur des Wassers 
im Kalorimeter an verschiedenen Stellen mit einem 'IThermoelement 
prüften und bei Anwendung des Quirlrührers größere Unterschiede 
beobachteten. Sie fanden, daß insbesondere die kleine Wasserschicht 
unterhalb der Bombe nicht genügend mit dem übrigen durchgerührt 
wird. Wir sind deshalb zu der älteren Rührvorrichtung, dem vertikal 
auf und ab gehenden Ringrührer zurückgekehrt. 

Das übliche, auch von Sronmansn gebrauchte Modell des Ring- 
rührers, wie es von Hugershoff (Leipzig) und anderen deutschen Firmen 
geliefert wird, wurde noch durch Hinzufügen von zwei weiteren Ring- 
platten verstärkt, um die von uns verwendete größere \Wassermasse 
genügend bewältigen zu können. 

Allerdings entsteht bei dieser Rührvorrichtung ein kleiner Fehler, 
worauf auch Bertneror und Loneumme” hingewiesen haben, dadurch, 
daß ein Stück der Messingstangen, die den Rührer halten, beim Auf- und 
Abgehen benetzt in die Luft über dem Kalorimeter eintritt. Aber dieser 
Fehler wird eliminiert, weil er in den Temperaturgang des Apparates 
während der Messung eingeht und folglich jedesmal bestimmt wird. 

Jedenfalls zeigen sowohl die Messungen der Eichung wie unsere 
Bestimmungen eine erheblich bessere innere Übereinstimmung bei An- 
wendung dieses Ringrührers, dessen Tourenzahl wir auf 45 pro Minute 
(jede Tour eine Auf- und Abbewegung) normierten. 

Wie oben angegeben, betrug die Wassermenge in unserenı Kalori- 
meter 3727 g, mithin fast 3 bis 5 mal soviel, als die meisten Autoren 
früher angewandt haben. Dadurch wird allerdings die Temperatur- 


! Zeitschr. f. angewandte Chemie 1896. 489. Vgl. auch ebenda 1900 Heft 19—50. 
2 W. Lonsvimine. Hauptmethoden der Bestimmung der Verbrennungswärme, 
Berlin 1897, S.6. 


132 _ Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


erhöhung bei der Verbrennung entsprechend kleiner; da aber ander- 
seits die Temperaturmessung durch das Platinthermometer außerordent- 
lich viel genauer ist, so überwiegen die Vorteile, welche die Anwendung 
der großen Wassermenge hat. Wir rechnen dahin einerseits die geringe 
Differenz zwischen Anfangs- und Endtemperatur, die bei den später 
angeführten Verbrennungsbestimmungen 0.9° bis 1.6° betrug, und 
anderseits den Umstand, daß die Bombe sich ganz in Wasser befindet. 

Das von uns benutzte Platinwiderstandsthermometer war das- 
selbe, das die HH. JAEGER und von STEINWEHR bei der Eichung der 
Bombe benutzten. Seine Konstruktion, Empfind- 
lichkeit, Zuverlässigkeit und Eichung ist von 
diesen Herren eingehend geschildert worden!, 
ebenso wie die Vorrichtungen zum Messen des 
Widerstandes. 

Zur leichteren Orientierung wollen wir hier 
folgende kurze Angaben darüber machen: 

Das Platinwiderstandsthermometer (s. Fig. I) 
bestand: aus einem Drahte von reinstem Platin 
der Firma Herxzus (Hanau) von o.ı mm Stärke 
und ungefähr 35 em Länge. Dieser war, mit 
einem Seidenfaden umsponnen und mit Schellack 
bestrichen, isoliert in ein Messingkapillarrohr X 
eingezogen. An beiden Enden waren je 2 isolierte 
Kupferdrähte angelötet, die aus der Kapillare 
herausragten und an vier Klemmschrauben s,—s, 
des Ebonitkopfes #, der die Enden des Rohres 
verschloß, angelötet waren. Die Lötstellen von 
Platin und Kupfer lagen so tief, daß sie sich 
während der Messungen im Wasser des Kalori- 
meters befanden. 

Die Trägheit des Instruments war so gering, daß sie bei unseren 
Messungen nicht berücksichtigt zu werden brauchte. 


t 1. W. JAEGER und H. von StEınwEHr, Bestimmung des Wasserwertes eines 
BertHerorschen Kalorimeters in elektrischen Einheiten. Verhandl. d. D. Physik. Ges. 
5. 50 (1903). — Ill. Dieselben, Erhöhung der kalorimetrischen Meßgenauigkeit durch 
Anwendung von Platinthermometern. Ebenda 5. 353 (1903). — III. Dieselben, Beitrag 
zur kalorimetrischen Messung von Verbrennungswärmen. Zeitschrift f. physik. Chemie. 
53. 2. 153 (1905). — IV. Dieselben, Bemerkung zu einer Veröffentlichung der HH. 
RıcHArvs, HENDERsSoNn und Forses. Ebenda 54. 4. 428 (1906). — V. Dieselben, 
Anwendung des Platinthermometers bei kalorimetrischen Messungen. Zeitschrift f. In- 
strumentenkunde 1906, 8. 237. — VI. Dieselben, Eichung eines Berrarrorschen Ver- 
brennungskalorimeters in elektrischen Einheiten mittels des Platinthermometers. An- 
nalen d. Physik IV. 21 (1906) 23. — VII. W.Jaeser, Über die Empfindlichkeit des 
Platinwiderstandsthermometers. Zeitschrift f. Instrumentenkunde 1906, 9. 278. 


Fischer und F. Wreoe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 133 


Das Instrument war von den HH. JAEGER und von STEINWEHR 
geeicht. Zur Kontrolle haben wir dann in längeren Zwischenräumen 
seinen Fundamentalabstand wiederholt bestimmt. An den folgenden 
Tagen: 1., 2., 21., 24. November 1904; 4. Januar 1905; 23. März 1905; 
15. Januar 1906; 22. Mai 1906 und 7. Januar 1907 wurde dazu mehr- 
mals der Widerstand abwechselnd in Eis und in Wasserdampf ge- 
messen. Nachdem die anfänglich starken Depressionserscheinungen 
durch einen Heizstrom reduziert worden waren, blieb der Fundamental- 
abstand konstant. Es betrug im Mittel: 


W;o00 9.5737 Ohm 
W. 6.8984 » 


Wooe—W. 2.6753 Ohm (deprimiert). 


Die Abweichungen der einzelnen Messungen waren im allgemeinen 
sehr gering, immer aber viel kleiner, als es für die angestrebte Ge- 
nauigkeit von 0.0001° für eine Temperaturdifferenz von ı° von Be- 
lang sein könnte. 

Außerdem war zur Eichung des Instruments die Abweichung 
der Widerstandskurve zwischen 0° und 100° von der Geraden durch 
Vergleich mit den Angaben eines geprüften Quecksilberthermometers 
bei 25° und 40° bestimmt. Danach ergab sich als Widerstand für 
eine bestimmte Temperatur u der Wert 


We Weaepn (I + u+ Bu), worin | 


2 7:00 xrom: und, 6 = 0.623x10, \ v 


Übrigens ist die genaue Eichung des Thermometers für die Be- 
stimmung der Verbrennungswärmen nicht von wesentlichem Belang, 
weil durch die Benutzung desselben Instruments bei der elektrischen 
Eichung und bei der Bestimmung der Verbrennungswärmen etwaige 
Fehler herausfallen. 

Meßapparate: Für die Widerstandsmessung waren außer einem 
sehr empfindlichen Differentialgalvanometer' mehrere Stöpselwider- 
stände, ferner ein Manganinwiderstand von S Ohm, der direkt mit 
dem Platinwiderstand verglichen wurde, und endlich ein leicht ver- 
stellbarer, großer variabler Widerstand erforderlich. Da gewöhnliche 
Schleifkontaktwiderstände nicht die nötige Präzision geben, und das 
Arbeiten mit Stöpselwiderständen wegen der Unzuverlässigkeit der 
Kontakte bei so schnellem Umstöpseln, wie es hier nötig wäre, Un- 
zuträglichkeiten im Gefolge hat, so benutzten wir für den letztge- 


! Kugelpanzergalvanometer nach Dusoıs-Rurens von Siemens & Halske, mit 


Differentialschaltung der Spulen. 
Sitzungsberichte 1908. 14 


134 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


nannten Widerstand nach dem Beispiel der HH. JAEGER und vox STEIN- 
WEHR einen Kompensationsapparat von Worrr (Berlin). 

Messung: Wie bei den älteren Messungen mit dem Quecksilber- 
thermometer können auch bei den Bestimmungen mit dem Wider- 
standsthermometer drei Perioden unterschieden werden: ı. der Vor- 
versuch, während dessen der gleichmäßige Gang der Temperatur beob- 
achtet wird, 2. der Hauptversuch, der mit der Einleitung der Ver- 
brennung beginnt und bis zum Wiedereintritt eines gleichmäßigen 
Temperaturganges ausgedehnt wird, und 3. der Nachversuch, der zur 
genaueren Beobachtung dieses letzteren Ganges dient. Die von uns 
gewählten Zeiten sind: 


1. 10 bis ı5 Minuten, 
2. 5 (2ER) » und 
(ME Do 


Ein ganz gleichmäßiger Gang tritt gewöhnlich erst 6—8 Minuten 
nach der Zündung wieder ein. 

Um aber »Strahlungskorrektionen«, d. h. »Korrektionen für den 
Wärmeaustausch mit der Umgebung«, von vergleichbarer Größenord- 
nung für eine Reihe von Versuchen zu erhalten, empfiehlt es sich, 
regelmäßig dieselbe Zeitdauer für den »Hauptversuch« anzunehmen: 
wir haben daher immer die 6. Minute als Beginn des Nachversuchs 
gewählt und die zugehörige Temperatur aus dem nachfolgenden Gang 
rekonstruiert. Die sehr kleine Differenz zwischen dieser und der ab- 
gelesenen Temperatur geht in die »Strahlungskorrektion« ein. 

Wie schon oben erwähnt, beruht die Widerstandsmessung bei un- 
seren Versuchen auf einer Vergleichung des Thermometers T (s. Fig. 2) 
mittels eines Differential- 
galvanometers G@ mit einem 
festen Widerstand, dessen 
Wert dureh genau bestimmte 
Nebenschlüsse abgeändert 
wird: in unserem Fall liegt 
parallel zu der S-Ohm-Man- 
ganinbüchse — in Paraffin- 
öl — ein Stöpselrheostat (2) 
von 100 bis 130 Ohm, sowie 
der genannte Kompensationsapparat (N), dessen Gesamtwert 15000 Ohm 
beträgt. Von diesen beiden Nebenschlüssen wird der erstere (w) so 
gewählt, daß er für den jeweiligen Versuch unverändert bestehen 
bleiben kann, d.h., daß der Bereich des Kompensationsapparats für 
die gesamte Widerstandsänderung ausreicht. 


Fıscuer und F. Wreoe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 135 


Für die spätere Rechnung ist es bequem, für ı nur drei oder 
vier verschiedene Werte, also etwa 100, 110, 120 oder 130 Ohm zu 
nehmen. 

Für die Schaltung hat sich die von Kontrauscn angegebene Me- 
thode des übergreifenden Nebenschlusses als die geeignetste erwiesen. 
Außer dem hierfür notwendigen Stromverzweiger V' war noch ein 
einfacher Kommutator in den Meßstromkreis eingeschaltet, der in der 
Skizze nicht angegeben ist. 

Zum Regulieren des Meßstromes, der von dem einzelligen Akku- 
mulator A geliefert wurde, diente ein Stöpselrheostat. Während für 
die Messung der Gänge 500 Ohm eingeschaltet waren, wurde zum 
gröberen Einstellen sowie zum Ablesen der Temperaturkurve des Haupt- 
versuchs der Widerstand um 5000 oder 10000 Ohm verstärkt: hier- 
durch werden die Ausschläge des Galvanometers und entsprechend 
die Empfindlichkeit der Messungen auf das nötige Maß reduziert. 

Eine Differenz zwischen der Widerstandsgleichheitslage des Gal- 
vanometers und der Nullpunktsstellung des stromlosen Instruments be- 
ruht auf der Ungleichheit der Wiekelungen und Leitungen, und wird 
beseitigt, indem man in den stärkeren Stromzweig einen Widerstand (x) 
einschaltet, der so abgeglichen wird, daß der Ausschlag beim Kom- 
mutieren Null wird. 

Der Verlauf eines Versuchs läßt sich nunmehr folgendermaßen 
darstellen : 

Nach Vorbereitung des Kalorimeters läßt man das Rührwerk etwa 
ı0 Minuten arbeiten. Darauf wird, zunächst mit dem schwachen Strom, 
ein ungefährer Ausgleich der Widerstände und der Galvanometerkreise 
vorgenommen. Nunmehr beginnt, unter Einschalten des stärkeren 
Meßstromes, die Ablesung des Vorversuchs: da es bei einigermaßen 
schneller Temperaturänderung auch mit den Kurbeln des Kompen- 
sationsapparates nicht möglich wäre, zu einem bestimmten Zeitpunkt 
den jeweiligen Widerstand zu fixieren, so lesen wir die Zeit ab, zu 
der die Differenz der Ausschläge des Galvanometers beim Umlegen 
des Stromverzweigers für einen vorher eingestellten Widerstand N den 
Wert Null erreicht. Den Widerstand N wählt man dann so, daß er 
in etwa ı bis 2 Minuten erreicht wird, so daß also alle ı bis 2 Mi- 
nuten wenigstens eine Ablesung stattfinden kann. 

Nach ıo bis ı5 Minuten schwächt man den Meßstrom ab und 
leitet — unter Ablesen der Zeit — die Verbrennung ein. Bei einiger 


! Der Stromverzweiger V besteht aus den zehn in der Figur angedeuteten Queck- 
silbernäpfen, von denen acht paarweise fest miteinander verbunden sind, und einer 
Wippe, deren Umlegen die Verbindungen so abändert, daß die an der Figur durch 
punktierte Linien angegebenen Stromzweige symmetrisch auf die untere Hälfte entfallen. 


14° 


136 _Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


Übung kann man leicht die dem schnellen Anstieg der Temperatur 
entsprechenden Widerstände mittels der großen Kurbeln des Kom- 
pensationsapparates rechtzeitig einstellen, um die zugehörigen Zeiten 
durch Kommutieren fixieren zu können. Schon nach ı bis ı4 Mi- 
nuten werden die Ausschläge meist so klein, daß man wieder den 
stärkeren Meßstrom einschalten kann. Der Verlust, den man in dieser 
kurzen Zeit an Stromwärme aus dem Thermometer erleidet, ist unmeß- 
bar klein. 

Von nun an werden, wie im Vorversuch, durch Voreinstellen des 
Widerstandes — nunmehr meist Verkleinern! — und Ablesen der 
Zeiten unter Kommutieren noch etwa 20— 25 Minuten Messungen vor- 
genommen. 

Berechnung. Für die Berechnung der Temperaturen usw. aus 
den so gemessenen Widerständen können wir an dieser Stelle nur kurz 
die allgemeinen Methoden und die nötigsten Formeln angeben. Be- 
züglich der Einzelheiten und der theoretischen Begründung müssen 
wir auf die betreffenden Ausführungen der HH. JarsER und von STEIN- 
WEHR' verweisen. 

Aus der Formel (1) S.133 läßt sich für die Temperaturerhöhung U 
die Gleichung ableiten: 


„2, ee I 
1 noos a ee # 
Wo—W, 28 I 
a" | wxw, 


In dieser Formel bezeichnen W, und W, die Widerstände zu Be- 
ginn und zu Ende des Hauptversuchs. Für den in der Klammer 
stehenden Ausdruck B, der nur die eine variable Größe « enthält, 
wurde die folgende Tabelle aufgestellt, die von Grad zu Grad inner- 
halb des für unsere Messungen wichtigen Temperaturintervalls die 
Werte von B und dessen Logarithmen enthält. 


Io 1.567086 | 36.9055 | 19 | 1.568332 37-011 
13 | 7501 | 941 | 20 | 8470 023 
14 | 7640 | 9525 | 21 | 8608 | 034 
15 7780 | 964 | 22 | 8746 046 
16 7918 976 | 23 | 8885 | 058 
17 8056 988 | 24 9023 | 070 
18 8194 | 9995 || 25 | gI6r | 082 


! Siehe die Anmerkung auf S. 132. 


Fischer und F. Wrepe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 137 


Durch Interpolation erhält man aus dieser Tabelle 3 und lg B für 
die jeweilige Temperatur u. 

Zur Berechnung von U ist der reziproke Wert der Widerstände 
W, und W, erforderlich. Bezeiehnet man die Widerstände im Kom- 
pensationsapparat zu Beginn und zu Ende des Hauptversuchs mit N, 
bzw. N,, so erhalten wir: 


I I I 

W, — g TUE und 

I ER I ag I 2 I \ (3) 
W, 8 DIVE 


I I fr rn ” . . 
Die Werte N und N erhält man auf folgende Weise: die Rezi- 


proken der gemessenen Widerstände aus dem Kompensationsapparat 


I 2 


im Vor- und Nachversuch werden als Abszissen mit den Zeitablesungen 
als Ordinaten graphisch dargestellt. Eine Gerade, die durch die so 
erhaltenen Punkte gelegt werden kann, ergibt dann sehr genau den 
reziproken Wert des Widerstandes N zu Beginn und zu Ende (des 
Hauptversuchs. Gleichzeitig bestimmt diese Gerade die Änderung des 


a de 
” ” ” Yr N ” 
reziproken Widerstandes pro Minute, d.h. , und 5 Diese Werte 
; R 2 Le N du, du, 
sind für die Berechnung der Temperaturgänge ar und dt und der 
»Strahlungskorrektion« nötig, denn es ist 
d nr \ 
du, Fu 
———B. und 
ao 
I \ 
ei } (4) 
B 8 
En 
dt Bar 
W; 
und die Korrektion für den Wärmeaustausch: 
tz 
u= a|(u —u,)dt (5) 


ı 


Hierin ist die Abkühlungskonstante des Kalorimeters: 
EIER © =) -U (6) 


und das Temperaturmittel der Umgebung: 


138  Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


dur = ditz 
u tu ra 1t 
acer (7 


2 2a 


Es bleibt dann nur das Integral, das aus der Kurve zu berechnen 
ist, die durch den Temperaturgang während des Hauptversuchs be- 
schrieben wird. Auch diese Kurve wird graphisch dargestellt, und 
zwar aus den in Temperaturgrade umgerechneten Widerständen, die 
während des Hauptversuchs abgelesen waren. Diese Umrechnung 
läßt sich, da an dieser Stelle eine Genauigkeit von 0.005° vollkommen 
ausreichend ist, sehr vereinfachen. Zu dem Zweck wurde für die 
vier vorkommenden Hauptwiderstände: 8100, 8/110, 8/ı20 und 
3 130 Ohm je eine Kurve konstruiert, die für einen bestimmten re- 
m direkt die zugehörige Temperatur abzulesen 
gestattete. Diese Konstruktion wurde in der Weise ausgeführt, daß 
für die vollen Temperaturgrade von 13° bis 24° nach der Formel (1) 
unter Einsetzen der genannten Hauptwiderstände die betreffenden rezi- 


ziproken Widerstand 


proken Nebenschlüsse _, errechnet und diese als Ordinaten mit den 


N 
Temperaturen als Abszissen aufgetragen wurden. Die zu je einem 
Hauptwiderstand gehörigen Punkte wurden dann durch eine Kurve, 
die übrigens sehr nahe eine Gerade ist, verbunden. 

Um nun die Temperaturen des Hauptversuchs zu erhalten, wurden 
die reziproken Werte der gemessenen Widerstände N gebildet und 
aus der betreffenden Kurve die zugehörige Temperatur abgelesen. Die 
so erreichte Genauigkeit war hinreichend, wenn der Maßstab für die 
Konstruktion der Kurven so gewählt wurde, daß auf ı Grad ıocm 
und auf das Intervall von _ = 0.001 bis _ = 0.002 etwa 20cm ent- 

N N 
fielen. 

Beispiel einer Versuchsberechnung. Im folgenden geben wir als 
Beispiel den vollständigen Versuch Nr. 4 für Benzoesäure aus der 
weiter unten folgenden Tabelle mit sämtlichen Daten und der Be- 
rechnung an: 


ı. Beobachtungsdaten: Kalorimeter + Wasser = 4450g (unkorr.) 
15. Mai 1906. Tourenzahl des Rührers: 45 — 46 pro Minute 
Zimmertemperatur: 19.3° — 20.0° 
Manteltemperatur: 18.6° — 18.7° 
Temp. d. Ölbades d. Ohmbüchse: 18.0°— 18.1° 
Füllung der Bombe: 46 Atm. (korr.) 0.5 cemH,o 
somm Eisendraht 
Substanz: 0.70004 g Benzoesäure. 


Fischer und F. Wreoe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 139 


——n a — ee een 


I 


Widerstandsmessungen | | N N‘ 107 | Zeitablesung 
| 8 | 110 634-4 15763 o' 00" 
| 4-7 7555 145 
| | 5.0 748 345 
Vorversuch ........... } | SB 7405 | 6 10 
| 5.6 1330 | 8 35 
5- 128 1 oo 
| gezündet bei 10 00 
- 6 | 650 | 15385 Io 
| LER: 790 | 12658 25 
Hauptversuch ......... ) R | : | 970 10309 II 20 
| | 967 341 ig — 
66.5 347 14 30 
66.0 352 15 45 
65.5 | 3575 16 50 
65.0 | 363 17 50 
Nachversuch........... | 27 | 3 en 
3.0 384 23 15 
62.0 395 26 10 
| 61.0 406 29 — 
er - | 960.5 10411 | 30 15 


Titration der entstandenen Salpetersäure 0.0420 K.W.S. 
Verbrennungswärme des Eisendrahtes. . 0.0473 » 


0.0893 K.W.S. 
E I > : 
2. Berechnung: Die Werte N werden, mit den Zeitablesungen 
als Abszissen, in der Art der Figuren 3 und 4 aufgetragen, und zwar 
für 0 —ı0’ für den Vorversuch und für 15° — 30’ für den Nachversuch 


(s> ig. 3 u. 4). 


Fig. 3. Fig. 4. 


Durch die so erhaltenen Punkte wird nun je eine gerade Linie 
gezogen, die den Gang der reziproken Widerstandsänderung pro Mi- 


I I 
dr ee 


—— 7,3 9X 107" und , = + 3.90X 10”, von kleinen 


Ablesefehlern befreit, ergeben. Ebenso werden durch diese Geraden 


nute, d. i. 


140 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


die Widerstände zu Anfang und zu Ende des Hauptversuchs, also zu 
den Zeiten 10’ und ı5', bestimmt. 


— AS! 


Wir erhalten so: 


07 und —- = 10351.5X 1077 


n: 


Für den Hauptversuch lesen wir aus der oben S. 138 besprochenen 
Kurve (8 110) die folgenden Temperaturen ab: 


[een 
i IE 7 
Zeit In x Io Grad 
10' 00 15728.2 17.444 | =U 
10" 15385 Be 
25" 12658 18.062 | 
ı1' 20" 10309 540 
13' 00" 341 534 
14'307 | 347 530 
15' 00" 10351.5 18.529 | =. 
\ u tu 
Danach ist u, — u, = 1.085° und — — = 17.987°. 


Die Temperaturkurve für den Hauptversuch ist in Fig. 5 wieder- 
gegeben: u, ist die rechnungsmäßig (s. u.) ermittelte Temperatur der 


Fig. 5. 


I I 
F ee — 
erner ist W. Sr 
I I 
Je — 
und w. r7 
also = a 
— 


2 


Umgebung und F, und F, die 
Teile der in der Zeit ı0' bis ı5' 
umschriebenen Fläche. Durch Aus- 
messen oder indem man das be- 
treffende Stück der Figur aus- 
schneidet und durch Wägung be- 
stimmt, erhält man F,+F, = 5.003 
Grad x Minuten. 

Zur Berechnung von U nach 
der Formel (2) haben wir gB= 
1.568192 für die Mitteltemperatur 
17.987° aus der Tabelle S. 136 zu 
entnehmen. 


Su 1572821 X 10 = 013508378 


u + 10351.5X10 7 = 0.13512606, 


0.0005 3767. 


Dann ist, nach (2), der unkorrigierte Wert von U = 1.08519°. (Für 
u,—u, war oben, angenähert, gefunden worden 1.085°.) 


Fischer und F. Wrepe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 141 


Diese gemessene Temperaturerhöhung U muß nun korrigiert 
werden wegen des Wärmeaustausches mit der Umgebung während 
des Hauptversuchs: 


d 
Nach (4) ist z = + 0.0006675 
| du, 
n =—o0. 791. 
und —, 0.000791 
Ferner berechnet sich, nach (6), @= 0.001343 und, nach (7), 
00 17.087. 0.0462° = 17.941°. . Dann ist M, — U. = 0.497°. 


la 


Nach (5) war die Korrektion u’ = a ar oder, nach der 


[ 
! 


Bezeichnung in Fig. 5: W=ax(F,—F,). 

Setzt man nun für (F,—F,) nach Fig. 5: (F,+ F,))—(F,+ F,), 
worin (F,+ F,) = 5.003 Grad x Min. bekannt (s. o. S. 140) und (F,+ F, 
= 5 Min.x (w—u,) oder = 2.485 Grad x Min., so erhält man: 


u = ax (5.003 — 2.485) = 0.001343X 2.518 = + 0.00338°. 


Der korrigierte Wert von U ist demnach 1.085 19°-+ 0.00338° 
—41.08857°. 

Der Wasserwert des Apparates (s. u.) ist 17.110 K.W.S. pro 
ı Grad Temperaturerhöhung. In unserem Fall entspricht also U korr. 
einer entwickelten Gesamtenergie von 17.110 K.W.S.x 1.08857 
= 18.6254 K.W.S., von denen für Eisenoxyd und Salpetersäure abgehen: 

0.0893 » . Es bleiben demnach für 0.70004 g Benzoesäure 


18.5361 K.W.S. Hieraus berechnen sich für 
ı g Benzoesäure: 26.479 K.W.S.' 


Resultate. Im Nachfolgenden geben wir als Auszug aus einer 
längeren Reihe von Versuchen nur die Resultate, die bei der Ver- 
brennung des Rohrzuckers und der Benzoesäure erhalten wurden, und 
bemerken dazu folgendes: 

Der Rohrzucker war aus reinstem käuflichen Material durch 
ıomaliges Auflösen in wenig Wasser und Abscheidung mit Alkohol 
gereinigt. Die Proben ı und 2 waren bei 105° unter gewöhnlichem 
Druck, Nr. 3 und 4 bei gewöhnlicher Temperatur über Phosphorpent- 
oxyd im Vakuum, endlich 5 und 6 über Phosphorpentoxyd bei 100° 
im Vakuum getrocknet. Das feine Pulver wurde aus einem Wäge- 
röhrehen in den Verbrennungstiegel übergeführt. 


! Diese » Verbrennungswärme« bezieht sich auf die Umwandlung von ı g Benzoe- 
säure von der Versuchstemperatur in gasförmige Kohlensäure und flüssiges Wasser bei 
konstantem Volum des reagierenden Systems. 


Sitzungsberichte 1908. 15 


142  Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


Die Benzoesäure war aus Harn dargestellt, mehrmals im Vakuum 
destilliert und dann noch über Phosphorpentoxyd wochenlang ge- 
trocknet. Sie wurde zu Pastillen geprelit und diese im Verbrennungs- 
tiegel abgewogen. 

Bei den bisherigen thermochemischen Untersuchungen ist, soweit 
es sich aus der uns zugänglichen Literatur ersehen läßt, keine Re- 
duktion der abgewogenen Substanzmenge auf den luftleeren Raum 
vorgenommen worden. Bei der Genauigkeit der Verbrennungswerte, 
die wir anstrebten, war aber diese Maßregel nicht zu umgehen. Die 
in der nachfolgenden Tabelle angegebenen Gewichte sind daher auf 
den luftleeren Raum bezogen, wobei als Dichte für Rohrzucker 1.53 
und für Benzoesäure 1.34 angenommen wurde. 

Von weiteren Vorsichtsmaßregeln sei folgendes angeführt: Alle 
gebrauchten Gewichte sind von der Kais. Normaleichungskommission 
geprüft und ebenfalls auf den luftleeren Raum bezogen. 

Das Manometer, das bei der Füllung der Bombe mit Sauerstoff be- 
nutzt wurde, war auf der hiesigen Physikalisch-Technischen Reichsanstalt 
geprüft. Besondere Aufmerksamkeit haben wir endlich der Beschaffen- 
heit des von uns benutzten Sauerstofis gewidmet: Er enthielt 4 Prozent 
Stickstoff (bzw. Argon), dagegen waren keine nachweisbaren Mengen 
von Kohlensäure, Wasserstoff oder Kohlenwasserstoffen vorhanden. Um 
die Abwesenheit der beiden letzten zu beweisen, wurden etwa 8 Liter 
des Sauerstoffs über glühendes Kupferoxyd und dann durch ein Rohr 
mit Phosphorpentoxyd und einen mit Barytwasser gefüllten Kali- 
apparat geleitet. 

Der » Wasserwert« unseres Kalorimeters ist bei den Bestimmungen 
folgendermaßen berechnet worden: Nach JAEGER und vo STEINWEHR 


entspricht das ganze Kalorimeter mit Ringrührer... 17.095 K.W.S. 
Dazu kommen: für 45 Atmosphären' Sauerstoffüllung 0.011 » » » 
für 0.5 eem Wasser ..... LER u. 30,002 0» Er 


für Verbrennungsprodukte aus etwa 
12 03SUbStan ze er ren 0.002 » » » 


zusammen 17.110 K.W.S. 


Die Bombe enthält 275 cem, d. h. mit 45 Atmosphärenfüllung: 
12.38 Liter Gas von gewöhnlichem Druck. Rechnet man das spezifische 
Gewicht des Sauerstoffs bei 18° zu 1.34. x IO-°, so entspricht die 


3ombenfüllung 16.59 g Sauerstoff. Da die spezifische Wärme des Sauer- 
0.218 


stoffs bei konstantem Volum gleich — = 0.156 ist, so würden 


on 


1.4 


! Ausschließlich ı Atmosphäre Luft, die auch bei der elektrischen Eichung vor- 
handen war. 


Fischer und F. Wreve: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 143 


obige 16.59 g entsprechen: 2.6 cal. oder, auf elektrisches Maß um- 
gerechnet: 0.011 K.W.S. 

Die 0.5 cem Wasser sind, dem allgemeinen Gebrauch entsprechend, 
in die Bombe eingefüllt, um vor der Verbrennung den Sauerstoff mit 
Wasserdampf zu sättigen. 

Als letzte Zahl ist beim » Wasserwert« 0.002 K.W.S. eingesetzt als 
spezifische Wärme der Verbrennungsprodukte. In Wirklichkeit be- 
trägt der Wert für Rohrzucker 0.0024 K.W.S. Er ist folgendermaßen 
bereehnet: 19 Rohrzucker gibt 0.53g Wasser (flüssig), die bei ı° 
Temperaturerhöhung 0.0024 K.W.S. entsprechen. Aus dem Kohlen- 
stoff wird eine dem verbrauchten Sauerstoff an Volum gleiche Menge 
Kohlensäure, die ungefähr die gleiche spezifische Wärme hat. 

Stellt man dieselbe Rechnung für Benzoesäure an, so ergibt sich 
für ıg verbrannter Substanz als Wasserwert der Produkte 0.0017 
K.W.S., weil hier nicht allein für den Kohlenstoff, sondern auch noch 
für + des Wasserstoffs Sauerstoff verbraucht wird. und weil außerdem 
die Menge des Wassers erheblich kleiner ist. 

Wir haben in beiden Fällen die abgerundete Zahl 0.002 K.W.S. 
eingesetzt, weil Differenzen in der 4. Dezimale innerhalb der Fehler- 
grenzen der Methode liegen. 

Für die Bestimmung der Salpetersäure diente eine Lösung von 
Natriumkarbonat, die im Liter 3.7066g Na,CO, enthält und von der 
ı cem einer Kalorie entspricht. Dabei ist nach BERTHELOT angenommen, 
daß die Bildungswärme von ıg HNO, (in Wasser gelöst) 2.27 eal. be- 
trägt. Dieselbe Lösung von Natriumkarbonat hat auch Sronnmann be- 
nutzt. 

Als Verbrennungswärme für Eisen (zu magnetischem Eisenoxyd) 
rechnet Stoumass (J. pr.Ch. 39, 508) 1601 cal. pro Gramm, während Ber- 
THELOT (Thermochem. Messungen S.84) 1650 cal. pro Gramm annimmt. 
Diese letztere Zahl ist auch im französischen Original S. 139 enthalten 
und eigens für die Berechnungen von Verbrennungswärmen angegeben. 
Je nachdem man den einen oder anderen Wert einsetzt, würde für 
unsere Korrektion in K.W.S. (s. Tab.) eine Differenz von 0.0013 ent- 
stehen. Wir haben die Berrnerorsche Zahl vorgezogen, um so mehr, 
als noch eine andre Wärmemenge zu berücksichtigen ist, die «dem 
Eisendraht bzw. den Zuleitungsdrähten innerhalb der Bombe zugeführt 
wird, bis er verbrennt und durchschmilzt. 

Da wir einen Strom von 5 Akkumulatoren benutzen, so erfolgt 
die Erwärmung sicherlich in einem kleinen Bruchteil einer Sekunde. 
Wir nehmen an. daß in dieser Zeit keine in Betracht kommende Wärme 


! Journ. prakt. Chem. 39. 522. 


u 


144 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


durch Leitung oder Strahlung in die Bombe gelangt. Um die andre Wärme- 
menge annähernd abzuschätzen, wollen wir die Annahme machen, daß 
eine Erhitzung des Drahtes auf 600° erfolgt. Da 5 em Draht, die wir stets 
verwenden, 6.85 mg wiegen und die spezifische Wärme des Eisens etwa 
o.1 beträgt, so würden zur Erhitzung 0.4 cal. oder 0.0017 K.W.S. nötig 
sein, was ungefähr der oben angegebenen Differenz zwischen den Ver- 
brennungswärmen für den Eisendraht entspricht, die sich nach dem alten 
Wert (1601 cal.) oder nach dem neuen BErrHeLorschen Wert (1650 cal.) 
berechnen. Wir machen übrigens darauf aufmerksam, daß es sich hier 
nur um eine Größe handelt, die bei unsern Bestimmungen mit Rohrzucker 


. I Y .. 
noch nicht ganz —— der Gesamtverbrennungswärme ausmacht. 
10000 S 


zu 7 - . = | 
Korrektion | __ Korrektion für Angewandte || Merbren en EA 
Nr Ai = “= U | für K.W.S. | Eisendraht: 0.0473 Sa nungswärme | weichung 
x = | Wärme- | brutto MEEEENO Y: pro Gramm | 5 
Grad | Grad | Austausch | K.w.S.: ? g (absol) | K.W.S. | Promille 
A. Rohrzucker. 0:00 | | —0.0 
d> 16.904 0.88214 345 15.1524 | 661 0.9120 | 16.542 —2 
2. 18.400 1.11442 306 19.120: 703 1.15I0 | Del ze 
3- 18.506 0.949857 | 575 16.3284 682 0.9827 546 | +I 
4. 18.549 0.89439 469 15.3833 | 682 0.9260 539 —4 
5. 17.860 0.891565, 142 15.2789 669 0.9196 542 _2 
6. 18.117 0.947792 370 16.2822 682 | 0.9796 552 +4 
Mittel | 16.545 
B. Benzoesäure. | 
| 
I. 15.874 | 1.4805, | 7Is 25.4549 841 0.9585 26.469 —3 
2 15.966 | 1.56434 635 26.8752 870 I.01I25 A907 0 Er 
3.1 16.147 1.465838 86: | 25.2285 841 0.9498 | 413 | — 
4. 17.987 | 1.085Ig 338 | 18.6254 893 0.7000, | 479 o 
| . 
| Mittel | 26.478 


Schließlich wollen wir noch die Resultate von drei weiteren Be- 
stimmungen von Benzoesäure anführen, bei denen wegen einer ge- 
ringen Veränderung im Wasserwert die Berechnung etwas anders 
wurde. Wir geben deshalb nur die Endzahlen für die Verbrennungs- 
wärme pro Gramm und die Abweichungen vom Mittel in Zehntausend- 
steln an: 


26.468 —2 
471) 6) 
A 


Mittel 26.472 | 
Als Mittel von allen sieben Versuchen ergibt sich der Wert: 
26.475 K.W.S. pro ıg (absol.) Benzoesäure. 
Um den Vergleich mit andern Werten der Thermochemie zu 
erleichtern, geben wir auch noch die Werte für die Verbrennungs- 


Fıscner und F. Wrepe: Verbrennungswärme organischer Verbindungen. 145 


wärme von 18 Benzoesäure, gewogen in Luft; sie beträgt: 26.497 
K.W.S. 

Für Rohrzucker ist, wie oben angegeben, die Verbrennungs- 
wärme pro 1g (absol.): 16.545 K.W.S.; unterläßt man die Reduktion 
auf den luftleeren Raum, so erhöht sich dieser Wert auf 16.555 K.W.S. 

Zum Schluß vergleichen wir diese Werte mit den Zahlen, die 
wir früher bei Anwendung eines Quecksilberthermometers und mit der 
ersten ungenaueren Grundeichung der HH. Jarser und von StEINwEHR 
erhalten hatten. Das Mittel für Benzoesäure betrug 26.546 K.W.S. pro 
Gramm. Die Differenz mit obigem Wert beträgt also 24 Promille. Wir 
bemerken dazu, daß früher die Substanzmenge nicht auf den luftleeren 
Raum bezogen war, wodurch schon eine Differenz von annähernd 
0.8 Promille entsteht. Jedenfalls ist die neue Zahl nach unsrer Schät- 
zung erheblich zuverlässiger. Bei Rohrzucker fanden wir früher als 
Mittel von allerdings nur drei Versuchen 16.658 K.W.S. pro Gramm, 
so daß gegen den neuen Wert eine Differenz von 0.113 K.W.S. ent- 
steht. Sie würde sich auf ungefähr 0.10 K.W.S. verringern, wenn 
die Substanzmengen bei den alten Bestimmungen auf den luftleeren 
Raum bezogen werden. Aber auch dann ist die Differenz noch so 
groß, daß wir bei den früheren Versuchen einen Fehler annehmen 
müssen, der die Fehler der Methode übersteigt. Selbstverständlich 
halten wir die neuen Bestimmungen für sehr viel zuverlässiger. 

Endlich geben wir noch eine Umrechnung der gefundenen Werte 
in Kalorien mit dem Faktor ı K.W.S. = 0.2390 Kal. Danach ergibt 
sich als Verbrennungswärme von 


ı g (absol.) Rohrzucker: 3.954 Kal. 
ı g (absol.) Benzoesäure: 6.328 Kal. 


oder, wenn die Reduktion auf den luftleeren Raum für die Wägung 
der Substanz nicht stattfindet: 

ı g Rohrzucker: 3.957 Kal. 

ı g Benzoesäure: 6.333 Kal. 


Wir betonen jedoch nochmals, daß diese letzten Zahlen mit 
der Unsicherheit belastet sind, die der Bestimmung des Verhältnisses 
K.W.S.: Kalorie auch heute noch anhaftet. 

Wir glauben bei dieser Gelegenheit auch unserem Bedauern Aus- 
druck geben zu müssen, daß von unserer früheren Arbeit »Über die 
Verbrennungswärme organischer Verbindungen«' in die Sammelwerke, 
z. B. die Tabellen von Lanporr-Börnstem, nicht die Originalwerte in 
elektrischem Maß, sondern an ihrer Stelle nur die daraus berechneten 


! Diese Sitzungsber. 1904. XX. S. 687. 
Sitzungsberichte 1908. 16 


146 Gesammtsitzung vom 30. Januar 1908. — Mittheilung vom 9. Januar. 


Kalorien übergegangen sind. Da nun der Faktor, den wir damals 
vor vier Jahren für das Verhältnis von K.W.S.: Kalorien für den 
besten angesehen haben, d.h. die Zahl 0.2394, als ungenau erkannt 
ist, so sind jene in den Lehrbüchern enthaltenen Werte, die auf unsere 
Bestimmungen zurückgeführt werden, mit einem verhältnismäßig hohen 
Fehler belastet. 

Wir müssen die Verantwortung für die dadurch entstandene Ver- 
wirrung ablehnen und bitten, bei etwaigem Gebrauch unserer Zahlen 
auf die Originalbestimmungen zurückgreifen zu wollen. 


Ausgegeben am 6. Februar. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei. 


RESTE". VI. vI. 


athematischen Classe am 6. Februar. (S. 147) 
: Über die Analyse der Stickoxyde durch ihre Absorptionsspectra 


le der Eetabidlitie: a ee 


3 ai 2“ E 
: x ei BERLIN 1 1908. 
KÖNI en AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


J TUN. 16 1008 


EN 
hm, HSONIAN vr 


Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 


Aus $l. 

Die Akademie gibt gemäss $ 41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: » Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften« 
und »Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften «, 

Aus $ 2. 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberichte« oder die 
»Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
dasdruckfertige Manuscript zugleich einzuliefernist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

83. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberiehten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

SA. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photographische Original- 
aufnahmen u.s. w.) gleichzeitig mit dem Manuseript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf geriehteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Secretar zu 


riehten, dann zunächst im Secretariat vorzuberathen und | 


weiter in der Gesammit-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Secretariat geboten. 

Aus $5. 

Nach der Vorlegung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manuseripts an den 
zuntkndisen Secretar, oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
ıler Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Niehtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der »Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 


L 
(Fortsetzung auf S. 3 


Aus 86, 7 


Die an die Druckereiabzuliefernden Manuseriptemüssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen j 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenlen 
Mitgliede vor Einreichung des Manuscripts vorzunehmen. 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen Jie 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an Jas 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correetur soll nach 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Drucktehlern 
und leichten Sehreibversehen hinausgehen. Umfängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- 
givenden Secretars vor der Einsendung an die Druckerei, 

und die Verfasser sind zur Tragung dere un Mehr- 
kosten verpflichtet. ri 4 
Aus $8. 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Aalen 
aufgenommenen wissenschaffliehen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch fürden Buchhandel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. 

Von Gedächtnissreden werden ebenfalls Sonderabdrucke 
für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 


$9. 


Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten - | 


erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- 


exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 


auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 


von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 


zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 


sofern er diess rechtzeitig dem redigierenden Secretar an- | 
wünselit er auf seine Kosten noch | 
| 


gezeigt hat; 
Brtarte zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 


treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Freie | 


exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Sceeretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertlieilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl‘ 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 ‚Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf i 
Kosten abziehen lassen. 


8 17. ‘ 4 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung da 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jene 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs 


des Umschlags.) 


J 


147 
SITZUNGSBERICHTE 1908. 
VI. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 


l. Hr. Wargure las über eine von ihm mit Hrn. Dr. G. Lertnäuser 
ausgeführte Untersuchung: Die Analyse der Stickoxyde durch 


ihre Absorptionsspeetra im Ultraroth. 

Salpetersäureanhydrid, Stickstoffperoxyd (NO,) und Stickoxydul haben im Ultra- 
roth je einen intensiven Absorptionsstreifen, welcher zur qualitativen und quantitativen 
Analyse des betreffenden Gases dient. In atmosphärischer Luft bildet die stille Ent- 
ladung ausser Ozon Salpetersäureanhydrid und Stickoxydul, der Lichtbogen nur Stick- 
stoffperoxyd. 


2. Hr. Branca legte eine Arbeit des Hrn. Prof. Dr. H. Porontz 


vor: Eine Classification der Kaustobiolithe. 

Die Classification der gasförmigen, flüssigen und festen, heutigen wie fossilen, 
brennbaren Gesteine leidet unter einer Überzahl von Namen und Bezeichnungen, die 
vielfach eine ganz schwankende, unsichere Bedeutung besitzen und von verschiedenen 
Autoren in ganz verschiedenem Sinne gebraucht werden. Gerade umgekehrt fordert 
die überaus grosse nationalökonomische Wichtigkeit der Kaustobiolithe eine möglichst 
scharfe Präeisirung ihrer Entstehungsweise und ihrer Herkunft. Eine solche wird hier 
als Ergebniss langjähriger Untersuchungen gegeben; sie führt zu einer Hauptgliederung 
in die Sapropel-Bildungen, Humus-Bildungen und Liptobiolithe. 


3. Hr. Warvever legte eine Mittheilung des Hrn. Prof. Dr. Oskar 
ScHuLTzE in Würzburg vor: Zur Histogenese des Nervensystems. 

Es werden bei den Wirbellosen zwei Formen der peripheren Nervenfasern als 
weit verbreitefes Vorkommniss unterschieden und mit den Nervenfasern der Wirbel- 
thiere verglichen. Weitere Beobachtungen über die multicelluläre Entstehung der peri- 
pheren Nervenfasern werden mitgetheilt. 

4. Hr. Warpever überreichte ferner Sonderabdrucke zweier Mit- 
theilungen des Reisenden der Hunsor.pr-Stiftung Hrn. Prof. Dr. W. Vorz 
in Breslau: Die Battak-Länder in Zentral-Sumatra (Zeitschr. Ges. f. Erdk. 
1907), und Über das geologische Alter des Pithecanthropus erectus Dus. 
(Globus 1907). 


Sitzungsberichte 1908. 17 


148 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


Über die Analyse der Stickoxyde durch ihre 
Absorptionsspektra im Ultrarot. 


Von E. Warsure und G. LEITHÄUSER. 


Mitteilung aus der Physikalisch- Technischen Reichsanstalt. 


SETe Di. Analyse der Stickoxyde durch chemische Methoden 
stößt zuweilen auf Schwierigkeiten. So haben sowohl Ozon wie NO, 
die Eigenschaft, Jod aus Jodkaliumlösung freizumachen. Auch ist 
eine chemische Methode zum Nachweis des N,O in schwacher Kon- 
zentration nicht bekannt. 

Die Aufnahme der Absorptionsspektra von N,O,, N,O, NO, und NO 
zwischen den Wellenlängen 2.7 und 7 u hat nun ergeben, daß nicht 
nur, wie früher gefunden, N,O,, sondern auch NO, und N,O in diesem 
Gebiet einen sehr intensiven Absorptionsstreifen besitzen, welcher zur 
qualitativen und quantitativen Analyse kleiner Mengen dieser Gase 
benutzt werden kann. 

$ 2. Die Aufnahme der Spektren geschah durch ein Spiegel- 
spektrometer mit einem Flußspatprisma, für dessen leihweise Über- 
lassung wir Hrn. Dr. HauswArLn zu größtem Dank verpflichtet sind; 
es wurde automatisch in der Minimalstellung gehalten. Als Strah- 
lungsquelle diente eine Nernstlampe, als empfangende Vorrichtung ein 
Vakuumbolometer (beschrieben Ann. d. Phys. (4) 24, S. 25, 1907) von 
o.2 mm Streifenbreite und 7 Ohm Widerstand in Verbindung mit 
einem Panzergalvanometer nach der Konstruktion der HH. pu Boıs und 
Rusens. Die Reduktion auf Wellenlängen erfolgte nach den neuesten 
Bestimmungen der Dispersion im Flußspat von Hrn. Pascnen'. Die 
Breite des Spaltbildes umfaßte einen Wellenlängenbereich von 0.02 
bis 0.03 u. 

$ 3 Fig.ı gibt die graphische Darstellung der Absorptionsspek- 
tren, das des ÖOzons einbegriffen; die im Gase durchlaufene Weg- 
länge belief sich im allgemeinen auf ı8 em, nur beim NO, auf 30cm. 
Es betrug ungefähr der Partialdruck des N,O, 100 mm, des NO 4omm, 
des N,O Atmosphärendruck. Auch für die einzelne Substanz gibt 


Ann. d. Phys. 4, 299, Igo1. 


WAaRBUuRG u. G.Lerruäuser: Absorptionsspectra d. Stickoxyde im Ultraroth. 


0) 
686 


Fig. 1. 


149 


150 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


die Darstellung kein richtiges Bild von der relativen Stärke der Ab- 
sorption an verschiedenen Stellen des Spektrums. Denn bei hinrei- 
chend großer Konzentration oder Schichtdicke werden sowohl die 
schwächer als auch die stärker absorbierbaren Wellenlängen fast voll- 
ständig ausgelöscht. Sobald ferner innerhalb der Breite des Spaltbildes 
die Absorption nicht konstant ist, hängt die Höhe eines Absorptions- 
maximums von der Spaltbreite ab und wird um so größer, je schmaler 
der Spalt gemacht wird. Absorptionskoeffizienten können in einem 
solchen Fall nicht bestimmt werden. 

In der folgenden Tabelle sind die Minimalablenkungen 6 und 
die Wellenlängen A der Absorptionsmaxima zusammengestellt. 


No & oral ons) 1932, 10083 2Su21 2°400 a 
N 2:78 2.83 2033 3.86 Ar 4-81 5.81 
01924) 1°40' 1053, 2205. (2>173.)28202°01, 
N,O 
2 2.79 3.54 3.86 4.02 (4.29) 4-45 
a 
NO, |) 3438 6.11 
0 3°33:5 
N.0, | 
A 5.695 
no)‘ 3°%4:5  3°14:5 
A 5.24 5.40 
ö 2°36 
0, 
"IX 4.74 


Für den vorliegenden Zweck interessieren besonders die intensiven, 
in der Tabelle fettgedruckten Absorptionsstreifen; sie sind in Fig. 2, 
3, 4 für schwächere Konzentrationen dargestellt, bei welchen sie 
beinahe allein übrigbleiben und bei welchen die Lage der Maxima 
deutlich hervortritt. Fig. ı zeigt, daß O,, N,O und N,O, nebeneinander 
nachgewiesen werden können, ebenso N,O und NO.. 

Das als NO, bezeichnete Gas ist in Wahrheit ein Gemisch von 
NO, und N,O,, und es fragt sich, welchem dieser beiden Gase die ver- 
schiedenen beobachteten Streifen angehören. Die ausgezogene Kurve I, 
Fig. 4, gibt nun die Absorption für eine Weglänge von 30 cm und eine 
schwache Konzentration, bei welcher der Partialdruck des Gases bei 
der Dissoziation Null 0.58 mm betrüge und bei welcher nach der Disso- 
ziationstheorie der Dissoziationskoeffizient bei 20° sich auf 95 Prozent 
beläuft. Die Dissoziation zu NO, ist also fast vollständig, und die 
Kurve I zeigt, daß die Absorption bei 4°2' stark, bei 3°34' aber sehr 
schwach ist, wodurch bereits wahrscheinlich gemacht wird, daß der 
Streifen bei 3°34' dem N,O, angehört. Darauf kühlten wir das Gas- 
gemisch mittels eines um das Versuchsrohr gelegten Mantels auf +- 30° 


Warsure u. G.Lerrsäuser: Absorptionsspectra d. Stickoxyde im Ultraroth. 151 


ab, wobei nach der Dissoziationstheorie der Dissoziationskoeffizient auf 
47 Prozent zurückgeht. Wie die auf diese Temperatur bezügliche 
Kurve II zeigt, ist durch die Abkühlung die Ab- 
sorption bei 4°2' von 64 Prozent auf 44 Prozent 
IN herabgesetzt, bei 3°34' von 3 Prozent auf 35 Pro- 


ng. 2. 


zent erhöht; Erwärmung auf 20° brachte wieder 
genau die Kurve I hervor. Der Streifen bei 


3°34' (5.7 u) gehört also dem N,O,, der Streifen 
bei 4°2' (6.11 u) dem NO, an; auch der schwache 

A Streifen bei 3.38 « rührt von NO, her. Sofern 
N,O, im sichtbaren Gebiet nicht absorbiert, ist 
demnach für dieses Gas der Streifen bei 5.7 u 
der einzige bis jetzt bekannte. 

5 $ 4. Solange die Absorption nicht zu groß 
wird, ist die Methode auch zu quantitativer Be- 
stimmung zu brauchen. Dazu mußte für das zu 

20 benutzende 30 cm lange Rohr die Absorption 
zusammen mit dem Partialdruck des Gases be- 
stimmt werden. Es handelte sich dabei vielfach 
um Partialdrucke zwischen 0.3 und ı mm, so 


3° 3 7 daß der Inhalt des Versuchsrohres (179 eem) 

zur Analyse nicht hinreichte. Wir verfuhren 
bei N,O, und NO, so, daß wir den Luftstrom, weleher zur Auf- 
nahme dieser Gase bestimmt war, durch eine Gasuhr leiteten und, 
nachdem die Absorption der Strahlung konstant geworden war, ein 
gemessenes Luftvolumen von passender Größe durch ein mit Wasser 


Fig. 3. Fig. 4. 
No, 
N,O, 


60 


40 


20 


152 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


gefülltes Absorptionsgefäß treten ließen; hierbei wurde NO, vor Ein- 
tritt in das Wasser durch beigemischtes Ozon zu N,O, oxydiert, die 
Salpetersäure im Wasser durch Titrieren mit '/, normaler Kalilauge 
bestimmt. Stiekoxyd brachten wir in einem Wasser-, Stickoxydul 
in einem Quecksilbergasometer auf die gewünschte Konzentration. 
Die Ergebnisse dieser Versuche sind in der folgenden Tabelle 
zusammengestellt, m, ist die Anzahl von Molen des Gases im Kubik- 
zentimeter, p der Partialdruck bei 18°, A die Absorption in Prozenten. 


NO (= 5.24 a) O; (A=4.74 u) NO (A=4.45 4) 
m,-10® 239 483 Sa a2 235 0.63 12.507 art 
p 43.4189 16.8 25.38 142.8 0.114 0.455 0.656 
A AUSH T e Frsze l57 11.4 29.4 36.4 
NO; (A= 6.12 u) N.0, (A= 5.81 u) 
Mm. 10, 1432970105.430016.05 1.26. 1.44.) 2.04. 2.08.3.00 
p Serie Oo) Mortal 0.23. 0.26! 0.37. 0.491 050 
A a 3 ee no 


Demnach ist die Empfindlichkeit der spektralanalytischen Reaktion 
am größten für N,O,, für NO, und N,O auch sehr groß, klein für O, 
und NO. 36 Prozent Absorption wurden an der empfindlichen Stelle her- 
vorgebracht durch Partialdrucke von 0.24 mm an N,O,, 0.5ımm an NO,, 
0.64 mm an N,O, 25 mm an O, auf einem Wege von 30 cm Länge. 

$ 5. Wir haben die dargelegten Methoden angewandt auf die 
Untersuchung der durch elektrische Entladungen in atmosphärischer 


Fig. 5. 


Warsurs u. G.Lerrnäuser: Absorptionsspectra d. Stickoxyde im Ultraroth. 153 


Luft bewirkten Stickstoffoxydation. Dabei wurde das Gas aus den 
Entladungsapparaten in das Versuchsrohr geleitet. 

ı. Stickstoffoxydation bei der ÖOzonisierung in der Sırmexsschen 
Röhre. Fig. 5 zeigt das Absorptionsspektrum für zwei verschiedene 
ÖOzonkonzentrationen. Die drei beobachteten Streifen entsprechen 
N,0, O, und N,O,. Es bildet sich also, was bisher nicht bekannt 
war, neben Ozon außer N,O, auch N,O. In der folgenden Tabelle 
sind auf Grund der Ergebnisse des $ 4 für drei Ozonkonzentrationen 
in den drei ersten Kolumnen die Partialdrucke bzw. des O,, N,O,, 
N,O bei 18° verzeichnet, in der 4. und 5. Kolumne die Verhältnisse 
der Partialdrucke des N,O, bzw. des N,O zu dem des O,'. 


0; N,0, N.O N I 
19.7 0.39 0.50 0.020 0.025 
E23 0.23 0.30 0.019 0.024 

9-5 0.22 0:165% 0.072 0.023 


Die drei Ozonkonzentrationen entsprechen 52, 33 und 25 g 0, im 
Kubikmeter. 

Die Wirkung der stillen Entladung auf trockne atmosphärische 
Luft unter normalen Verhältnissen ist also nunmehr dahin bestimmt, 
daß neben O, auch N,O,, N,O und das von HAurrreviLre und Umarpuis 
entdeckte neue Stickoxyd entsteht. 

2. Stickstoffoxydation bei der ozonlosen Entladung. Dieselbe 
wurde, wie früher (Ann. d. Phys. 20, 747, 1906) beschrieben, durch 
den Strom der Elektrisiermaschine zwischen Platinelektroden her- 
gestellt. Es zeigte sich, daß neben NO, auch N,O entsteht; so er- 
gab sich in einem Versuch die Absorption bei 4°3' (NO,) zu 43 Pro- 
zent, bei 2°2ı' (N,O) zu 15 Prozent. 

Aus NO, das in O,freiem N, gelöst ist, bildet die stille Ent- 
ladung in der Sıruensschen Röhre N,O; diese Wirkung kann zu der 
Entstehung des N,O bei der ozonlosen Entladung beitragen. 

3. Wirkung des Lichtbogens auf trockne atmosphärische Luft. 
Es wurde ein Hochspannungs-Wechselstromlichtbogen zwischen Platin- 
elektroden bei einer Potentialdifferenz von ungefähr 2000 Volt in einem 
Glasgefäß eingeleitet, welches sich bald mit den braunen Dämpfen 
des NO, füllte. In dem Absorptionsspektrum des Gases wurden nur 
die drei Absorptionsstreifen des NO, bzw. N,O, gefunden; andere 
Stickoxyde bilden sich also hier nicht. 


! Der eine der beiden (Fig. 5) dargestellten Versuche eignet sich wegen zu 
starker Absorption nicht für diese Berechnung. 


154 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


Eine Klassifikation der Kaustobiolithe. 


Von Prof. Dr. H. Poroniz. 


(Vorgelegt von Hrn. Branca.) 


b+ der entscheidenden Wichtigkeit, welche die Klassifikation der 
rezenten Kaustobiolithe' für diejenige der fossilen und deren Genesis 
besitzt, gebe ich im folgenden eine ganz kurze Übersicht der Ergeb- 
nisse meiner langjährigen hierauf bezüglichen Studien in möglichster An- 
lehnung an die bisher gebräuchliche Klassifikation und Terminologie. 

Die flüssigen oder festen, brennbaren, kohlenstoffhaltigen fossilen, 
subfossilen oder nach ihrem Absterben gebildeten rezenten Produkte 
der Lebewesen — kurz gesagt die Kaustobiolithe — zerfallen in 
drei große Kategorien, nämlich: 


I. in Sapropel- (Faulschlamm-) Bildungen, 
essın Humusbildungen, 
II. in Liptobiolithe (Harz-, Wachsharz- und verwandte 
Bildungen). 


I. Sapropelgesteine. 


Die Sapropelgesteine sind besonders Sapropelite, wobei »Pelit« 
nur auf die feine, tonartige Beschaffenheit hinweist. Ein Sapropelit 
kann ganz rein sein (ausschließlich aus organischen Resten hervor- 
gegangen), oder kann noch anorganische Bestandteile, ebenfalls von 
Pelitnatur enthalten. Wo die Sapropelgesteine viele psammitische Be- 
standteile haben, ist von Sapropsammiten zu sprechen, die weit 
seltener sind. 

Lagerstätten von Sapropelgesteinen sind vor allem stagnierende 
bis halbstagnierende Wässer. Sind sie mit Sapropel oder Sapropel 
enthaltenden Sedimenten vollständig erfüllt, so haben wir sehr ge- 
fährliche Sümpfe. 


! Von kavsros, brennbar, im Gegensatze zu den Akaustobiolithen (wie z.B. 
Korallenriffkalk), die nicht brennen bzw. keine brennbaren Bestandteile mehr enthalten. 


H.Poronız: Eine Classification der Kaustobiolithe. 155 


Sapropel entsteht aus den im Wasser lebenden tierischen und 
pflanzlichen Organismen, unter denen die Planktonten die hervor- 
ragendste Rolle spielen. Auch in bewegtem Wasser, vorausgesetzt, 
daß die sapropelbildenden Teile schnell etwa durch Tonsediment zur 
Einbettung gelangen, kann ein Sapropelit entstehen. Die abgestorbenen 
Organismen und die Exkremente der Tiere sammeln sich am Grunde 
der Gewässer an, wo sie oft mächtige Schichten bilden, die jedoch 
stets, wenn auch zuweilen nur untergeordnet, Driftbestandteile ent- 
halten; so findet sich so gut wie immer im Sapropel Blütenstaub 
von Windblütlern. Im Gegensatze zu den Humusbildungen, 
deren wesentliche Urmaterialien Kohlenhydrate sind, spielen 
in den Sapropelurmaterialien die Fette und wohl auch die 
Proteine eine besondere Rolle, und zwar in beiden Fällen in 
demselben Sinne. D. h. die genannten Stoffe üben einen wesentlichen 
Einfluß auf die entstehenden Kaustobiolithe aus, indem die sich zer- 
setzenden Kohlenhydrate anders charakterisierte Gesteine ergeben als 
Urmaterialien, die weniger Kohlenhydrate, dafür aber relativ viel Fett- 
substanzen enthalten, deren Zersetzung daher auch andere Produkte 
liefert. Wo — kurz gesagt — einerseits Kohlenhydrate, andererseits 
Fette stark vertreten waren, werden auch die resultierenden Kausto- 
biolithe dementsprechend voneinander abweichen. Humus und Sa- 
propel sind daher chemisch verschieden. Es soll nur dann von Sa- 
propel gesprochen werden, wenn der organogene Schlamm noch wirk- 
lich oxydierbare (brennbare) kohlenstoffhaltige Teile enthält; sind 
diese bereits ganz oder fast ganz oxydiert, so können zwar immer 
noch wesentlich organogene Bestandteile zurückbleiben, z. B. beim 
Diatomeenpelit die Schalen, aber dieser Rest ist kein Sapropel mehr, 
sondern tritt zu den Akaustobiolithen über. 

Saprokoll (Faulgallerte) ist älteres, fest-gallertig gewordenes 
Sapropel, es sei denn, daß sich in dem Gestein sehr zahlreiche Ske- 
letteile, z. B. Diatomeenpanzer, befinden, wodurch die gallertige Kon- 
sistenz naturgemäß sehr wesentlich herabgemindert werden kann. 

Von fossilen Sapropeliten gehören hierher die reinsten tertiären 
Dysodile und die reinsten paläozoischen usw. Oannelkohlen. 
Bogheadkohlen sind meist so »aschereich«, daß sie oft fossile 
Sapropeltone sind. Die fossilen, aus Sapropel hervorgegangenen 
Kohlen (Sapanthrakone) sind Mattkohlen. 

Sapropel- (Saprokoll-) Torfe bzw. Torfsapropele (-sa- 
prokolle) nennen wir solche Kaustobiolithe, die sowohl in auffälli- 
ger Weise Sapropel- als auch Torfbestandteile enthalten, und zwar 
kann man unterscheiden: ı. Streifentorfe, bei denen schwache 
Saprokoll- und Torflagen miteinander abwechseln. 2. Sumpftorfe, 


156 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


deren Struktur, da die Sapropel- mit der Torfbildung gleichzeitig 
einhergeht, homogener als die von Streifentorfen ist. 3. Doppleritsa- 
propel bzw. -saprokoll, der ein Sapropel bzw. Saprokoll mit reich- 
lichem Humussäure- bzw. Schlämm- und Schwemmtorfzusatz ist. — 
Von fossilen Sapropeliten wären die Streifenkohlen fossile Streifen- 
torfe, gewisse »Pseudocannelkohlen« fossile Sumpftorfe bzw. fossile 
Doppleritsapropele. 

Diatomeensapropel bzw. -saprokoll nennen wir einen Sa- 
propelit, in welchem die Diatomeen gegenüber allen anderen Bestand- 
teilen ganz außerordentlich überwiegen, so daß sie die Hauptmasse 
ausmachen. — Diatomeenpelite umfassen sowohl die Diatomeen- 
sapropele bzw. -saprokolle als auch die aus bloßen Diatomeenschalen 
zusammengesetzten Gesteine, die brennbare organische Materialien 
nicht mehr enthalten. 

Sapropel- (bzw. Saprokoll-) Kalk oder Kalksapropel (bzw. 
-saprokoll) ist Sapropel mit vielem oder weniger organogenem Kalk 
und dem von Pflanzen niedergeschlagenen Kalk. — (Bei sehr geringem 
oder fehlendem Sapropelgehalt haben wir den Seekalk [wenn das 
Material am Grunde von Gewässern auftritt] oder Moorkalk bzw. 
Wiesenkalk [wenn verlandetes Wasser von Torf eingenommen wird, 
unter dem sich nunmehr das Material vorfindet]. Streng genommen 
gehören diese als Akaustobiolithe nicht hierher.) 

Häufig ist bei diesen Gesteinen ein mehr oder minder reichlicher 
Gehalt an Diatomeen, die bei ihrer Auffälligkeit unter dem Mikroskop 
zu einer Verwechslung mit Diatomeenpelit geführt hat. Hierher ge- 
hört z.B. die sogenannte »Berliner Infusorienerde« EHRENBERGS, bei 
der es sich um Diatomeen führenden Sapropelkalk (und Saprokollkalk) 
handelt. — Fossile Sapropelkalke usw. sind die bituminösen Kalke. 

Sapropel- bzw. Saprokollerden sind Sapropelite mit Ton-, 
oder Sand- oder Mergelzusatz. Im Schlammzustande sind sie oft so 
sapropelähnlich, daß sie sich nur unter dem Mikroskop und chemisch 
zu erkennen geben; lufttrocken hingegen sind sie andererseits oft 
wieder nicht von sapropellosen Tonen, Sanden oder Mergeln zu unter- 
scheiden. Wenn es sich um dunkel gefärbte Sapropelite handelt, 
ist oft die wesentliche, starke Aufhellung bemerkenswert, nament- 
lich wenn der Schlamm Einfach-Schwefeleisen (FeS) enthielt. (Reine 
Sapropelite dunkeln im Gegensatz hierzu oft nach). — ı. Sapropelton 
sieht meist aus wie Ton, da die Sapropelbestandteile oft nicht oder 
kaum färben; jedoch ist der Sapropelton von sehr weicher (halbflüssiger), 
schlammiger, gallertiger Konsistenz. Derzeitig werden sowohl der 
Sapropelton wie der kein Sapropel enthaltende Ton beide zusammen- 
geworfen und meist als Schlick bezeichnet. Beim Erhitzen unter 


H.Poronıe: Eine Classifieation der Kaustobiolithe. 157 


Luftabschluß wird der Sapropelton aber durch den Destillationsrück- 
stand (Kohlenstoff) des Sapropels schwarz, wodurch das Gestein als 
Sapropelton leicht von bloßem Ton unterschieden werden kann. Wenn 
man ganz sicher gehen will, wird man eine mikroskopische Unter- 
suchung vorangehen lassen. Je nach dem geringeren oder höheren 
Tongehalt gewinnen die Sapropeltone die von dem lufttrockenen Sa- 
propel her bekannte hohe Festigkeit oder sie zerfließen in Wasser ge- 


tan wie Ton. — Von fossilen Sapropeliten gehören die bituminö- 
sen Schiefertone und Tonschiefer hierher (Posidonomyenschiefer 
usw.). — 2. Sapropelsand kann flüssig-gailertig sein, da der Sand 
— meist Feinsand — im Sapropel suspendiert ist. Lufttrocken — oder 
wenn er in der Natur den ,Schlammzustand verlassen hat (z. B. in 
Profilen) — sieht er aber wie Sand, gewöhnlich Feinsand, aus und 


ist hell, gewöhnlich hellgrau bis dunkelgrau. Besonders wenn es 
sich um Feinsand handelt, ist der Sapropelsand im lufttrockenen Zu- 
stande locker, porös, zuweilen so stark porös, daß man einen stark 
ausgelaugten Feinsand oder einen Diatomeenpelit vor sich zu haben 
glaubt. Beim Erhitzen unter Luftabschluß wird er aber wie der Sa- 
propelton durch den Destillationsrückstand schwarz. Eine vorherige 
mikroskopische Untersuchung ergibt natürlich figurierte Sapropelbe- 
standteile (z. B. u. a. auch Diatomeen, wodurch eine Verwechslung 
mit Diatomeenpelit erst recht möglich ist). Die lockere Beschaffen- 
heit des nieht mehr im Schlammzustande befindlichen Sapropelsandes 
bedingt die leichte vollständige Zersetzung der Sapropelbestandteile. 
Die Sapropelsande zeigen also nach dem Gesagten lufttrocken nichts 
von der bedeutenden Festigkeit des lufttrocknen Sapropels, sondern 
zerfallen sehr leicht. 


II. Humusgesteine. 
A. Lagerstätten. 


Bildung von Humus findet statt: a) auf den Böden, und zwar 
auf nassen und trocknen, b) untergeordnet in dem Boden durch sich 
zersetzende oder solche Pflanzenteile, die in frischem Zustande von 
Sedimenten eingebettet werden. Diese Bildungsstätten können zu 
Humuslagerstätten führen, und zwar sind die wichtigsten derselben 
die Moore. Es gibt aber auch Humusvorkommen, die nicht gleich- 
zeitig die Bildungsstätten sind, wo nämlich fertiger Humus einen 
Transport erlitten hat und zum Wiederabsatz gelangt ist. 

Moore sind Gelände mit Humusboden; der Humus ist entweder 
unter Wasser oder auf nassem oder vernäßtem Boden entstanden und 
muß in reichlicher Menge vorhanden sein. -— Wo die Bodenbeschaffen- 


158 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


heit sumpfig ist, wird man von einem Moorsumpf sprechen, im 
Gegensatz zu einem Sapropelitsumpf. Wo die Humus- (Torf-) Ent- 
wicklung schwächer ist, das Gelände nur einen etwas moorigen Boden 
besitzt, sprechen wir von einem anmoorigen Gelände oder Boden. 
Die verschiedenen Moorarten charakterisieren sich durch Unterschiede 
in ihrem Vegetationsbestande. Die meisten unserer Moore sind na- 
mentlich durch die im Interesse ihrer Bewirtschaftung vorgenommenen 
mehr oder minder weitgehenden Entwässerungen nicht weiter Humus 
produzierende oder nur unwesentlich zunehmende, bei überwiegendem 
Verwesungsprozeß sogar an Humus abnehmende »Tote Moore«. 
Bei den »Lebenden Mooren« hingegen findet eine durch Wachs- 
tum erfolgende gleichmäßige Humusvermehrung statt. — Wir unter- 
scheiden 


1. Flachmoore. 


Sie entwickeln sich, wo tellurisches (für die Pflanzen nährstoff- 
reiches) ruhiges Wasser vorhanden ist; das ist in erster Linie in den 
Niederungen der Fall, wo die Flachmoore Ausfüllungen mit ebenen 
oder nahezu ebenen Oberflächen bilden. Bei dem vorhandenen Nah- 
rungsreichtum entwickeln sich auf den Flachmooren große Pflanzen 
mit reichlicher Stoffproduktion. Je nach der Art der zur Verfügung 
stehenden anorganisch-mineralischen Nahrung kann man Eisenmoore 
und Kalkmoore unterscheiden. 

Die Flachmoore treten in verschiedenen Typen auf; sie können 
z. B. entwickelt sein als Flachmoorsümpfe, d. h. als Sümpfe, 
die in Flachmoorbildung begriffen sind. Die Flachmoorsümpfe können 
Übergänge von der Sapropelitsumpfform zur eigentlichen Moorform 
sein. Bei einer Verlandung eines Wassers oder Sumpfes durch Sumpf- 
und Moorpflanzen erzeugen diese auf der Oberfläche vom Rande des 
Wassers oder Sumpfes aus eine schwimmende Decke, die, indem sie 
von Jahr zu Jahr mächtiger wird, vertorft und schließlich begehbar 
werdend ein Schwing(flach)moor wird. 

Ferner seien erwähnt die Flachmoorwiesen. Die meisten 
derselben sind bei uns wie auch die meisten nicht moorbildenden 
Wiesen überhaupt Kunstwiesen im wahren Sinne, die durch das 
Mähen oder Abweiden als solche erhalten bleiben. Es gibt aber auch 
Naturwiesen, und zwar in den Überschwemmungsgebieten der großen 
Flüsse. Hochwasser vernichten alljährlich alle oberirdischen Teile; Ge- 
hölze werden durch Eisgang zerstört. So findet gewissermaßen eine 
natürliche Maht statt. — Wo Flachmoorbildung möglich ist, aber wegen 
klimatischer Einflüsse Baumwuchs fehlt, tritt ebenfalls natürliche 
Wiesenbildung auf; ebenso wie dort, wo ein Baumwuchs aus anderen 


H. Poronıe: Eine Classification der Kaustobiolithe. 159 


Gründen hintangehalten wird, wie z.B. in absolut stagnierendem Wasser, 
das von unserem Hauptflachmoorbaum, der Erle (Alnus glutinosa), nicht 
vertragen wird. 

Eine besondere Wichtigkeit haben die Flachmoorwälder. Wo 
die Einflüsse, die zur Flachmoorwiesenbildung führen, nicht zur 
Geltung kommen, sehen wir Flachmoorwaldbildung eintreten. Die 
Bewaldung von Mooren findet bei uns vorwiegend durch Erlen statt: 
Erlenmoore. Es gibt auch Eichenmoore, bestanden mit (Quercus 
pedunculata, Fichtenmoore, bestanden mit Picea excelsa, Birken- 
moore, bestanden mit Betula pubescens usw. oder mit Mischbeständen. 

Die fossilen Kohlenlager, insbesondere die Steinkohlen- und 
Braunkohlenlager, sind allermeist fossile Waldflachmoore. 


2. Zwischenmoore. 


Zwischenmoore tragen Pflanzengemeinschaften, die teils dem Flach- 
moor angehören, andernteils aber für das Zwischenmoorstadium cha- 
rakteristisch sind. Hierhin gehören Ledum palustre (in der östlichen 
Hälfte Norddeutschlands) und Andromeda calyculata (in Ostpreußen) 
sowie Mwyrica gale (wesentlich im westlichen Teil Norddeutschlands) 
und andere. Da bei der durch Torfbildung stattfindenden Boden- 
anhöhung in den Flachmooren aus diesen dadurch ein nahrungs- 
schwächeres Moor, ein Zwischenmoor werden kann, indem es sich 
durch die Bodenanhöhung allmählich den Einflüssen des Grundwasser- 
standes entzieht, so kommt als eigentümliches Merkmal für die Zwi- 
schenmoore hinzu, daß vermöge der größeren Trockenheit des Bodens 
gegenüber dem Boden der Flach- (und Hoch-) Moore sich auch gern 
eine Anzahl Waldpflanzen unserer nichtmoorigen Wälder einfinden. 
Dort, wo sich auf den Zwischenmooren Wasser ansammelt, sind 
Scheuchzeria palustris und Rhynchorpora alba so recht zu Hause. Von 
Carices sind die Parvocariceten für die Zwischenmoorbildungen cha- 
rakteristisch, während Magnocariceten dies für Flachmoorbildungen 
sind. Von Bäumen sind bei uns besonders die Kiefer (Pinus silvestris) 
und Betula pubescens vorhanden. 


3. Hochmoore. 


Hochmoore entwickeln sich, wo atmosphärisches (für die Pflanzen 
nährstoffarmes) Wasser oder hinreichende Luftfeuchtigkeit vorhanden 
sind; das ist in erster Linie auf ausgelaugten (nährstoffarmen) Böden 
und auf den Höhen der Fall. Unter der Voraussetzung, daß ein Boden- 
wasser sehr nährstoffarm ist, tritt ebenfalls die Hochmoorpflanzen- 
gemeinschaft auf. Das Zentrum großer Hochmoortlächen liegt höher 


160 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


(der Unterschied kann mehrere Meter betragen) als der Rand der Moore 
(daher der Name Hochmoor). Bei dem Nahrungsmangel entwickeln 
sich auf den Hochmooren kleine Pflanzen mit geringer Stoffproduktion, 
oder die unter anderen Bedingungen groß werdenden Pflanzen bleiben 
auf dem Hochmoor kleiner und wachsen wesentlich langsamer. Die 
Zwischenmoore pflegen relativ schnell in Hochmoor überzugehen. Unter 
den Pflanzen ist sehr wesentlich das Torfmoos: die Gattung Sphagnum 
(einige Sphagnum-Arten kommen auch auf Flachmooren vor, aber immer 
nur untergeordnet). Die Fähigkeit der Arten dieser Gattung, besonders 
viel Wasser (es kommt das atmosphärische Wasser in Betracht) zu 
speichern, bedingt eine starke Vernässung des entstehenden Hoch- 
moores; man könnte die außerhalb des Wassers, auf dem Trockenen 
lebenden Arten, die ein Wasserspeicherungsvermögen in hervorragen- 
dem Maße besitzen, deshalb fast als an der Luft lebende Wasser- 
pflanzen bezeichnen, da sie sich durch ihre besondere histologische 
Einrichtung, die ihnen zum Leben — um nicht auszutrocknen — 
so notwendige große Wasserquantität schaffen. Daher vernäßt denn 
auch ein vergleichsweise trockenes Zwischenmoor, das dem Hochmoor- 
stadium entgegengeht, wieder stärker. — Von den Zwischenmoor- 
pflanzen geht eine Anzahl auf das Hochmoor, wo aber viele derselben 
nicht in derselben üppigen Entwicklung auftreten, wodurch sie an- 
zeigen, daß geeignetere, d. h. die eigentlichen Wohnstätten für sie 
bei uns die Zwischenmoore oder ihnen entsprechende Böden sind. 
So ist es mit den schon genannten Arten Ledum palustre, Andromeda 
calyculata usw. 

Besonders wichtig sind bei uns die Sphagnetum-Moore, über- 
wiegend mit Sphagnum bestanden und außer Krüppelkiefern usw. 
wenige kleine andere Pflanzenarten dazwischen. Dieser Typus ist für 
regenreiche oder luftfeuchte Gebiete charakteristisch. Besonders durch 
Entwässerung gehen aus den Sphagnetum-Mooren Heidemoore her- 
vor, überwiegend mit Ericaceen, namentlich Calluna vulgaris, bestanden. 
Sie tendieren in ihrem Vegetationsbestande wieder zum Zwischenmoor. 
In Gebieten geringerer Luftfeuchtigkeit bzw. wo die Niederschlags- 
höhe geringer ist, neigen die Hochmoore ebenfalls zum Heidemoor- 
typus, jedenfalls treten dann die Sphagna zurück, und es drängt sich 
ein andres Moos, nämlich Polytrichum strietum, etwas stärker hervor. 
Danach kann man — wenigstens in Norddeutschland — Hochmoore 
vom Küstenhochmoortypus (Sphagnetum-Moore) und andere vom 
Binnenhochmoortypus unterscheiden, ohne daß freilich die ersteren 
nur an den Küstengebieten auftreten. 

Fossile Kohlenlager, die man als die fossilen Torflager von Hoch- 
moorbildungen ansehen könnte, haben sich bis jetzt nicht gefunden. 


H.Poronıe: Eine Classification der Kaustobiolithe. 161 


Lagerstätten von Trockentorf-, Moder- und andern humosen Böden 
treten den genannten gegenüber an Bedeutung so zurück, daß sie 
hier übergangen werden mögen; sie ergeben sich übrigens aus dem 


Folgenden. 


B. Gesteine. 


Das Wort Humus wird nieht nur von Laien, sondern nicht selten 
auch von Gelehrten auf jede durch zersetzte Pflanzen- und Tierreste 
schwarz oder dunkel gefärbte Bodenart angewendet. Es sei daher 
ausdrücklich hervorgehoben, daß hier unter Humus ausschließlich die 
Residua der Organismen verstanden werden (d. h. also einschließ- 
lich ihrer Aschenbestandteile), sofern es sich um kohlenstoffhaltige 
brennbare Produkte handelt; und zwar ist zu betonen, daß es wesent- 
lich die Residua von Landpflanzenresten — demnach in erster Linie 
von Kohlenhydraten — sind, die den Humus bilden. Nur unter- 
geordnet können Tierreste beigemengt sein. 

Bei der Humusbildung findet eine ständige Anreicherung von 
Kohlenstoff in den Substanzen statt. Der Humus ist aus differenten 
Humusstoffen zusammengesetzt, deren chemische Charakterisierung 
jedoch noch immer aussteht. Ganz generell heißen die kolloidal im 
Wasser und in Alkalien löslichen (sich mit diesen wohl verbindenden) 
Humusstoffe Humussäuren. Gewässer, die dunkle, färbende Humus- 
säuren in Lösung enthalten, heißen Schwarzwässer. Dopplerit be- 
steht aus niedergeschlagenen, im bergfeuchten Zustande fest-gallertigen, 
dunklen Humussäuren. 

Die Streu (Streudecke), d.h. alle der Zersetzung verfallenden 
Pflanzenteile des Landes, kann — sofern sie nicht vollständig ver- 
west — Humusformen erzeugen, die sich in zwei große Gruppen 
scheiden: in a) Torf und b) Moder. 


a) Torf. 


Bei der Vertorfung kann erst Verwesung (d.h. vollständige 
Zersetzung) und Vermoderung (d.h. Zersetzung bei vermindertem 
Sauerstoffzutritt) statthaben; nach dem Luftabschluß des Materials 
findet »Fäulnis« (d.h. Zersetzung bei vollständigem Sauerstoffabschluß) 
statt, die bei der Entstehung des Torfs in erster Linie in Betracht 
kommt. 

Der Torf unterscheidet sich in: ı. Trockentorf, der auf dem 
Trocknen, und 2. Moortorf, der im Wasser entsteht. 

Trockentorf besteht aus zusammenhängenden, dicht gelagerten, 
schneidbaren humosen Massen mit hohem Gehalt an makroskopisch 
erkennbaren Pflanzenresten. 


162 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


Den Moortorf muß man unterscheiden in ı. unreifen Torf 
oder Rohtorf, der erst im Anfangsstadium der Vertorfung begriffen 
ist, so daß die ihn zusammensetzenden Pflanzenteile noch frisch sind, 
2. halbreifen Torf und 3. reifen oder Specktorf. Er ist ein 
sehr verbreitetes Übergangsglied zum Dopplerit. 

Die fossilen, aus reifem Moortorf hervorgegangenen Kohlen sind 
Glanzkohlen, sofern nicht, wie bei den jüngeren (insbesondere tertiä- 
ren) Kohlen, durch Harzgehalt eine matte Farbe bedingt wird. 

Je nach den Pflanzen oder Pflanzenteilen, die an der Zusammen- 
setzung des Torfes teilnehmen oder ihn wesentlich oder ganz zu- 
sammensetzen, werden die Namen der betreffenden Pflanzen benutzt, 
um die Torfarten zu kennzeichnen. Es ist aber dabei zu unterscheiden, 
ob es sich erstens nur um zwar charakteristische Bestandteile im Torf 
handelt, die, da sie sich figuriert besser erhalten haben, auffällig ge- 
blieben sind, die dabei aber nur beschränkter zu dem Torfmaterial 
beigetragen haben, oder ob zweitens die Bestandteile, die die Namen- 
gebung veranlassen, aus reinen oder reineren Vegetationsbeständen 
hervorgegangen sind. Mit Rücksicht darauf, daß die Vegetations- 
bestände nach den vorherrschenden Arten bezeichnet werden, z.B. als 
Phragmiteten (nach Phragmites communis), muß man dem Gesagten zu- 
folge aus solehen hervorgegangene Torfe- auch als Phragmitetum- 
usw. Torfe bezeichnen, zum Unterschiede von solchen Torfen, in 
denen zwar die auffälligen Phragmites-communis-Rhizome vorhanden 
sind, ohne daß aber die Torfe aus Phragmiteten hervorgegangen wären. 
Diese Torfe sind weiter nichts als Phragmites enthaltende Phragmites- 
Torfe, die in ihren wesentlichen Bestandteilen aber aus anderen 
Pflanzen hervorgegangen sind. 

Die meisten Torfe sind entstanden aus torfbildenden Pflanzen- 
gemeinschaften, die an Ort und Stelle lebten, wo jetzt der aus ihnen 
entstandene Torf lagert. Es gibt aber auch allochthone Torfe, nämlich 

1. die Schwemmtorfe, entstanden aus gedrifteten, verschwemm- 
ten, noch unvertorften, abgestorbenen oder im Absterben begriffenen 
Pflanzenteilen. Hier haben wir den Häckseltorf (aus natürlichem 
Häcksel hervorgegangenen Torf, d.h. entstanden aus Pflanzenmaterialien, 
die beim Transport durch mechanische Angriffe zerkleinert wurden). 
Material, das als Strand- und Uferdrift auftritt und auf dem Lande, 
wo es hingeraten ist, zu einem Lager aufgehäuft wird, wird leicht 
Moder, wenn die Ablagerung nicht ausgiebig ist, so daß auch die 
unteren Partien vor Sauerstoff und weitgehender Auslaugung nicht 
geschützt sind. Ein spezieller Häckseltorf ist der Driftholztorf, 
dureh Zusammenhäufung von Holz, auch ganzen Stämmen, entstanden. 
— Der durch Flözdrift, d.h. unter Wasser, abgesetzte Schwemmtorf 


H. Poronır: Eine Classification der Kaustobiolithe. 163 


erleidet im Wasser gern eine Separation; es gibt dann spezielle 
Schwemmtorfe, so den Laubtorf, durch Zusammenhäufung von 
Laubblättern entstanden. Laubtorf kann übrigens auch auf dem 
Trockenen entstehen, wo der Wind sehr viel Laub zusammentreibt 
(Laubwehen). Da sich beide Laubtorfarten unterscheiden können, 
namentlich durch Sapropelgehalt des ersteren, ist es zweckdienlich, 
beide zu unterscheiden in Wasserlaubtorf und Trockenlaubtorf. 

2. Torfe an zweiter Lagerstätte, die in zwei Formen auf- 
treten, nämlich als Sehlämmtorf, der meist aufgearbeiteter (ausge- 
schlämmter) und meist unter Wasser wieder abgesetzter Moortorf ist, 
und Bröckeltorf, der durch die Anschwemmung von Torf’brocken 
und -fetzen, die, vom Wasser losgerissen, gelegentlich zu Lagern 
oder Nestern angehäuft werden und durch Sedimentbedeckung er- 
halten bleibt. — Von fossilen Kohlen gehört zu den fossilen Torfen 
an zweiter Lagerstätte z.B. die tertiäre »Rieselkohle«. Hier wären 
auch die Moorausbrüche und -rutschungen zu erwähnen, die große 
Torfmassen verlagern können. 


b) Moder. 

Moder ist in Verwesung und Vermoderung begriffenes Ma- 
terial. Die Durchlüftung und damit hinreichende Sauerstoffzufuhr wird 
besonders durch wühlende Bodentiere (in erster Linie bei uns durch 
Regenwürmer) besorgt. Moder ist also zerkleinerte, zu Humus werdende 
Streu, welche auf dem Mineralboden lose gelagert aufliegt und ziem- 
lich leieht weiter zersetzbar ist. — Ein Torf, der sich bei Luftzutritt 
weiter zersetzt, wird naturgemäß ebenfalls zu Moder. Über Schwemm- 
moder und Schlämmoder wurde früher berichtet (Sitzungsbericht 
vom 16. Januar). 


c) Humuserden!. 

Humuserden sind anorganische mineralische Erden mit Humus- 
gehalt oder Humus mit bemerkenswerteren anorganischen mineralischen 
Beimengungen. Im ersteren Falle spricht man von (schwach, stark) 
humosen Sanden, Tonen u. dgl., wobei es dahingestellt bleibt, 
wie die Mischung zustande gekommen ist. Der Zusatz des Wortes 
»-Erde« zu einem anderen Wort deutet also stets auf ein Mischprodukt 
von anorganisch-mineralischem Boden mit Humus. 

Die Humuserden sind zu scheiden in: 

I. Solehe mit vorherrschender Vermoderung (milde Humus- 
erden). 

! Vgl. hierzu oben das Seitenstück Sapropel- bzw. Saprokollerden. 


Sitzungsberichte 1908. 15 


164 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


Mullerden sind solche Erden, bei denen das organische Material 
größtenteils verwest ist; es bleibt im organischen Mineralboden nur 
verhältnismäßig wenig, und zwar gleichmäßig zersetzter Humus zurück, 
der den Boden so vollständig homogen durchdringt, daß der Humus 
dem Boden eine einheitliche dunkelgelbe, hellbraune bis schwarze 
Färbung verleiht. Die Mächtigkeit von Mullerden kann weit über 
7 Meter erreichen. Die Humussubstanz der Mullerden heißt Mull; 
sie trägt den Charakter chemischer Ausfällungen. Die Mischung von 
Mull mit Mineralboden ist also Mullerde. Man wird demnach unter- 
scheiden stärker oder schwächer mullhaltige Mullerde. Reine Mull- 
böden (aus Mull allein bestehende Böden) sind nicht bekannt. Es 
ist daher sehr darauf zu achten, daß für einen aus Mullerde beste- 
henden Boden nicht Mullboden, sondern Mullerdeboden zu sagen 
ist. — Hierher gehören die Ackerböden in ihrem regelmäßig bear- 
beiteten humushaltigen oberen Teil, viele Waldböden mit bis etwa 
5 Prozent (selten mehr) Mull und die Schwarzerdeböden. 

Modererde ist mit Mineralsubstanz gemischter Moder, unter- 
scheidet sich demnach von der Mullerde dadurch, daß der Moder noch 
zum wesentlichen Teil figuriert erhalten ist. 

2. Solche mit vorherrschender Vertorfung, d. h. mit = bleiben- 
dem Humussäuregehalt (mehr oder minder saure Humuserden). 

Die Moorerden. Moorerde ist ein Gemisch von vertorften und ver- 
moderten Pflanzenresten mit anorganisch-mineralischen Bestandteilen. 

Die Bleieherden, Humusorterden. Wo eine Vertorfung ein- 
getreten ist, wird der Mineralboden unter dem Moortorf bzw. Trocken- 
torf durch Infiltration von Humussäuren mehr oder weniger stark 
entfärbt; infolge der Auflösung (Auslaugung) leichter löslicher anor- 
ganisch-mineralischer Bestandteile (Eisen- usw. Verbindungen), die 
tiefer geführt, sich dort wieder ausscheiden, bildet sich eine Orterde 
(bei noch erdiger Beschaffenheit). Bei uns speziell handelt es sich, 
da in derselben Zone auch die Humussäuren zum Niederschlag kommen, 


um Humusorterde bzw. — wenn die Erde vollständig zu »Stein« 
verkittet worden ist — um Humusortstein. Humusort heißt das 


Gestein im Gegensatz zum Eisenort: Eisenortstein bzw. Eisen- 
orterde. Zwischen Humusort und Eisenort sind alle Übergänge vor- 
handen. Man wird typische Mittelbildungen Humuseisenorterde 
bzw. -stein nennen. Die entfärbte Schicht ist die Bleicherde (spe- 
ziell z. B. Bleichsand). Sie ist oft durch Humussäuren und ein- 
geschwemmte Humussubstanz mehr oder weniger stark, unter Um- 
ständen bleigrau bis schwarz gefärbt, kann aber auch fast gänzlich 
der Humusbestandteile ermangeln (reine Bleicherde). Es ist darauf 
hinzuweisen, daß gewöhnlich die unmittelbar unter dem Torf lagernde 


H. Poronız: Eine Classification der Kaustobiolithe. 165 


Bleicherde (das Sohlband) torfiger ist als die dann darunter folgende. 
Es scheidet sich also in den Profilen die Bleicherde oft merkbar in 
zwei Horizonte: eine stärker torfige (bzw. humose) obere und 
eine weniger torfige untere Bleicherde. 


II. Liptobiolithe'. 


Die Stoffe, aus denen die Gesteine bzw. Mineralien dieser Gruppe 
bestehen, sind sehr schwer verweslich, weshalb sie, bei hinreichender 
Produktion durch die Pflanzen, leicht nach der vollständigen Verwe- 
sung der übrigen Bestandteile zurückbleiben. Aus einer sehr stark 
harz- und wachsharzhaltigen Flora können daher die genannten Pro- 
dukte als Gestein zurückgelassen werden, wie das bei dem rezenten 
Denhardtit und dem (tertiären) reinen Pyropissit der Fall ist. 

Hierher gehören also die Harz- und verwandten Bildungen bzw. 
solche, die durch diese Stoffe wesentliche Eigenschaften gewinnen. 
Als Beispiele seien erwähnt Kopal, Fichtelit, Fimmenit (durch 
Ablagerung von Erlenpollen entstanden). Von Fossilien gehört hier- 
her z. B. der Bernstein und mit dem Fimmenit zu vergleichen der 
paläozoische Tasmanit (wesentlich aus Sporen zusammengesetzt). 
Natürlich gibt es hier viele Übergangsbildungen zu den vorausgehen- 
den Gruppen wie z.B. Harz- (Resinit-) Torfe und diesen entsprechend 
die Harzkohlen wie die mit Pyropissit gemengte Braunkohle u. dgl. 


’ .. 
ı Von Asırw, zurücklassen. 


166 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


Zur Histogenese des Nervensystems. 


Von Prof. Dr. Oskar SCHULTZE 
in Würzburg. 


(Vorgelegt von Hrn. Warpever.) 


m mehreren im Jahre 1905 erschienenen Abhandlungen habe ich 
unter Hinweis auf entsprechende Angaben von Barrour, KuprrEr, 
Done u.a. mitgeteilt, daß periphere Nerven von Vertebraten bis zu 
einem Stadium zurückverfolgt werden können, in welchem der spätere 
Nerv noch aus einer einzigen marklosen Faser besteht, die sich als 
eine Kette weniger bipolarer Zellen oder als ein kernhaltiger Plasma- 
faden darstellt — ganz entsprechend der Darstellung von ScHuwAnN 
und der von Köruıker aus dem Jahre 1846. Für den Ramus sup. 
nervi lateralis vagi konnte ich zeigen, daß die periphere Endzelle einer 
solchen Einzelfaser bei eben ausgeschlüpften Tritonlarven in der Epi- 
dermis liegt, aus welcher sie weiterhin in die Tiefe verlagert wird. 
Es endigt also hier vorübergehend eine sensible Leitungsbahn in einer 
Epidermiszelle, entsprechend dem vornehmlich durch v. Lexmosser 
und Rerzıs bei zahlreichen Wirbellosen bekannt gewordenen Dauerzu- 
stand epidermoidaler Perzeptionszellen und den nunmehr definitiv von 
Docıer, nachgewiesenen Nervenendzellen in der Epidermis des Am- 
phioxus. Meine Befunde widersprechen, wie ich hervorhob, der bis- 
her noch weitverbreiteten Hypothese des freien Auswachsens der 
Nervenfasern von zentralen Zellen aus und der sekundären Auflage- 
rung sogenannter Scheidenzellen. Sie nähern sich vielmehr der alten 
Hrnsenschen Auffassung. 

Die jungen Nervenfasern meiner Beobachtungen stimmen überein 
mit den bei der Regeneration eines durchscehnittenen Nerven in dem 
peripheren Stumpf unabhängig! von dem zentralen auftretenden 
Fasern, die als kernreiche, noch fibrillenfreie Protoplasmabänder oder 
»Bandfasern« bekannt sind. T#. Enerrmann hat im Vorjahre der 
Akademie mikroskopische Beobachtungen an normalen und verletzten 


! In dieser Beziehung herrscht erfreuliche Übereinstimmung unter den zahl- 
reichen Bearbeitern der Nervenregenerationslehre. 


O.Scaurrze: Zur Histogenese des Nervensystems. 167 


Nerven mitgeteilt, welche gleichfalls zugunsten der Lehre sprechen, 
daß jede periphere Faser nicht als ein Zellausläufer mit einem 
trophischen Zentrum, sondern als eine Kette genetisch selbständiger 
Zellen und Zentren zu betrachten ist. 

Die Frage. wie aus der die Nervenanlage darstellenden Einzel- 
faser der spätere, viele Fasern enthaltende Nerv wird, mußte ich auf 
Grund zahlreicher Beobachtungen dahin beantworten, daß unter fort- 
währender mitotischer Teilung der Kerne der ursprünglichen Einzel- 
faser sich sowohl das Längen- als das Diekenwachstum der sich neuro- 
fibrillär differenzierenden Bahn vollzieht. 

Die wiederholte Prüfung meiner Angaben hat mich in jeder Be- 
ziehung in meiner Auffassung bestärkt, so daß ich sie — unterstützt 
durch die folgenden Mitteilungen — vollkommen aufrechterhalte. 

Das Längenwachstum des Nerven geht unter mitotischer Teilung 
der die Zellketten bildenden Elemente und unter fortwährender Er- 
haltung der protoplasmatischen Kontinuität vor sich. Der Kernteilung 
folgt keine Zellteilung, wie es die Entwicklung einer Leitungsbahn 
gleichsam erfordert. Die Vermehrung der Fasern — das Diekenwachs- 
tum des Nerven (abgesehen von dem Diekenwachstum der Fasern) — 
findet unter Längsspaltung statt. Hierbei ist die mitotische Kern- 
teilung von Zellteilung gefolgt, wie es die isolierte Leitung erheischt. 

Das Wachstum des Nerven wird so im Sinne der Zellenlehre auf 
das allgemein gültige Prinzip mitotischer Teilung der konstituierenden 
morphologischen Elemente zurückgeführt. Diese Elemente nenne ich 
deshalb Nervenfaserzellen. Ihre Kerne — die Kerne der bisherigen 
sogenannten Scuwansschen Scheidenzellen — nenne ich Nervenfaser- 
kerne. Sie entsprechen genetisch den Muskelfaserkernen. Das Proto- 
plasma der Nervenfaserzellen wird, wie das der Nervenzellen, Muskel- 
zellen und Bindegewebszellen, entsprechend fibrillär differenziert. 

Die Elemente der ersten, rein plasmatischen, noch neurofibrillen- 
freien vorgebildeten Reizleitungsbahn nenne ich periphere Neuroblasten, 
weil es keinem Zweifel unterliegt, daß sie die Bildungszellen sind, 
welehe den Nerv aufbauen. Hern nennt dieselben Zellen »Leitzellen«, 
aber er nimmt an, daß sie mit der Bildung der Nerven insofern nichts 
zu tun haben, als sie nur die Bahn abgeben, in welcher von den 
Zentralzellen aus die Neurofibrillen »vorgetrieben« werden. Insofern 
als HeLn das freie Auswachsen der Achsenzylinder und deren Hinaus- 
irren in die Maschen des Bindegewebslabyrinths als irrtümlich er- 
kannte, hat er sich von der Ausläuferhypothese losgesagt. Aber er 
glaubt — immer noch unter dem Einfluß dieser durch das in seiner 
ursprünglichen Form heute als unrichtig erwiesene Warzersche Gesetz 
eingeschleppten und embryologisch ungenügend gestützten Hypothese 


168 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


stehend —, daß nur die Zentralzellen neurofibrillenbildend sind. Eine 
motorische Vorderhornzelle soll z. B. die ganze, bis meterlange Achsen- 
fibrillenbahn ohne jede Mitbeteiligung der syneytialen Leitzellenbahn 
aus sich allein in diese Bahn heraustreiben. Bewiesen ist aber nur, 
was ich nie bezweifelt habe und was durch die schönen Neurofibrillen- 
methoden klar gezeigt wird, daß die neurofibrilläre Differenzierung in 
der Leitzellenbahn zentral beginnt und peripherwärts fortschreitet. 
Darum ist die bündige Erklärung Hrrvs, daß meine peripheren Neuro- 
blasten gar keine solchen sind, ganz ungerechtfertigt. Die anfangs 
fibrillenlosen Zellen sind so gut Neuroblasten, als die den Muskel bil- 
denden noch fibrillenlosen Zellen Myoblasten sind. Gewiß ist die 
Untersuchung der neurofibrillären Differenzierung innerhalb der pri- 
mären plasmatischen Leitungsbahn von großem Interesse. Aber der 
Neurofibrillenspezialismus -—— sit venia verbo — darf uns nicht zur 
Einseitigkeit veranlassen. Die wesentliche Aufgabe weiterer Unter- 
suchung ist die, das zeitliche und örtliche Sichtbarwerden der noch 
fibrillenfreien Leitungsbahn festzustellen. Hierbei ist die Anwendung 
der Goreıschen Methode, der Methylenblaumethode und der Neuro- 
fibrillenmethoden ebenso unzweckmäßig, wie bei der Absehnürung des 
Medullarrohres oder des Ramus lateralis vagi oder des diffusen Nerven- 
systems eines Cölenteraten vom Ektoderm. 

Als ein Hauptgrund gegen die multizelluläre Genese der Nerven- 
faser wird bekanntlich vielfach die zentrale Faser angeführt, bei welcher 
zu keiner Zeit »Scnwanssche Kerne« sich finden sollen. Abgesehen 
von älteren Angaben Ranvırrs sind aber neuere von Paranıno und 
Frasnıro über die plurizelluläre Genese der zentralen Faser, bei welcher 
zahlreiche Kerne zugrunde gehen sollen, zu beachten. Auch hier heißt 
es vor einem definitiven Urteil neue Tatsachen sammeln. Und auch 
die Wirbellosen mit ihren kernhaltigen Zentralfasern (s. unten) sind 
nicht zu vergessen. 


Die auf die Histogenese gegründete Auffassung der peripheren 
markhaltigen Nervenfaser der Vertebraten als eine Zellkette, in welcher 
nur an den Einschnürungen teilweise Zellgrenzen zur Ausbildung 
kommen, legte eine erneute Untersuchung der Nerven der Wirbellosen 
nahe. Das Literaturstudium ergibt ohne weiteres, daß hier ein über- 
sichtliches Verständnis sehr fehlt. Ich benutzte einen mehrfachen, 
zum Teil mit der gütigen Unterstützung der Akademie unternommenen 
Aufenthalt an der See zu entsprechenden Studien'. 


! Den HH. Corı in Triest, Heıncke, HarırLaug und EurenBAaum auf Helgoland 
b} > 
sage ich auch an dieser Stelle herzlichsten Dank für Ihr liebenswürdiges Entgegen- 
kommen. 


O. Scauvtze: Zur Histogenese des Nervensysteims. 169 


Unter den wenigen markhaltigen Nervenfasern der Wirbellosen 
gehören zu den auffallendsten zweifellos die von Rerzıus zuerst be- 
schriebenen Fasern der Garnelen. Ich konnte sie zwar nicht, wie 
der schwedische Forscher, bei Palaemon squilla, sondern bei Orangon 
vulgaris (Helgoland) untersuchen. 

Die frisch in Kochsalzlösung zerzupften Konnektive des Bauch- 
markes lehren ohne weiteres, daß es sich um markhaltige Nervenfasern 
von sehr verschiedenem Durchmesser (bis zu 90 a) handelt, an denen alle 
Erseheinungen der sogenannten Markgerinnung zu beobachten sind. 
Wie Rerzıus, so finde auch ich außer der Markscheide keine Hülle. 
Die oft variköse Beschaffenheit der feinen Fasern erinnert ganz an 
die Fasern des Zentralorgans der Vertebraten. Aber trotz des Feh- 
lens des Neurilemmas und der Einschnürungen sind die Fasern reich- 
lieh mit Kernen, die nach innen von der Markscheide liegen, ver- 
sehen. Das lehren schon die frischen Fasern, deutlicher aber Quer- 
sehnitte von Osmiumpräparaten mit geschwärzter Markscheide. Hier 
wird es vollends klar, daß die Kerne nicht zu einer Scmwannschen 
Scheide oder zu Hüllzellen gehören, denn die Scheide fehlt, die Kerne 
gehören zur Nervenfaser. 

Die Nervenfaser ist ein vielkerniges, von einem Mark- 
mantel umhülltes neurofibrilläres Syneytium. Jeder Gedanke 
an sekundär aufgelagerte Hüllzellen scheint hier vollends als eine 
willkürliche Konstruktion. Zudem handelt sich hier auch um zen- 
trale Fasern. Schon Rerzıus hat die Lage der Nervenfaserkerne in 
diesen Fasern beschrieben und darin »eine in der Tat ganz eigentüm- 
liche Erscheinung« gefunden. Übrigens ist das Bauchmark trotz des 
Nervenmarkes in fast allen Fasern ganz blaß, wie denn überhaupt die 
weiße Beschaffenheit auch im Vertebratenmark und den peripheren 
Nerven von Säugern und dem Menschen durchaus nicht mit dem Auf- 
treten des Nervenmarkes zeitlich zusammenfällt. Meine Untersuchungen 
der Nervenmarkbildung lehren z. B., daß das Rückenmark mensch- 
licher Föten vom fünften Monat sowie der N. medianus und andere 
Nerven trotz der grauen Beschaffenheit schon voll markhaltiger Fasern 
sind, und zwar finden wir solche im Rückenmark bereits in allen 
Hauptsträngen. 

Im Jahre 1863 hat Warpever bei den Nerven der Wirbellosen 
zwei Haupttypen unterschieden, nach welchen sich die von ihm 
zuerst Achsenfibrillen genannten Neurofibrillen der peripheren Nerven 
zu diesen vereinigen. Es ist das eine prinzipiell wichtige Unter- 
scheidung, die heute kaum mehr Beachtung findet. Bei dem ersten 
Typus, den Warpever sehr richtig als den unvollkommeneren be- 
zeichnet, sind in dem Nerven alle Fibrillen zu einem einzigen, kern- 


170 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


reichen, von einer Hülle umgebenen Bündel vereinigt: der Nerv zer- 
fällt nieht in Einzelfasern. Der zweite Typus faßt alle diejenigen 
Nerven zusammen, in welchen Gruppen von Achsenfibrillen — Achsen- 
zylinder —, wie bei den Vertebraten, von einer Hülle umgeben 
werden: der Nerv besteht aus Nervenfasern. Beide Formen können, 
wie schon Warprver beschrieb, bei nahe verwandten Gruppen vor- 
kommen. Sehr auffallend finde ich den Unterschied im Bereich der 
Mollusken, wo sich bei Lamellibranchiern und Gasteropoden, soweit 
meine Beobachtungen und das Literaturstudium lehren, nur Nerven 
des ersten unvollkommeneren Typus, bei den Cephalopoden jedoch 
solche des zweiten Typus finden. Der erste Typus entspricht durch- 
aus dem frühen Stadium der Wirbeltiernerven, in welehem diese 
aus einem Bündel von Achsenfibrillen bestehen, ohne daß bereits aus 
Hülle und Achsenzylinder bestehende Nervenfasern ausgebildet sind. 

Von Gephalopoden untersuchte ich Eledone moschata und Sepiola 
Rondeletiü (Triest) sowie Loligo vulgaris (Helgoland). 

Zerzupft man den frischen, zum Ganglion stellatum verlaufenden 
Nerv oder die von dem Ganglion ausstrahlenden Nerven von Eledone in 
Kochsalzlösung unter dem Doppelmikroskop, so hat man durchaus den 
gleichen Eindruck wie bei dem Zerzupfen eines peripheren Wirbel- 
tiernerven, indem der Nerv sehr leicht in zahllose weiche und blasse, je- 
doch von schmalen glänzenden Konturen begrenzte Fasern zerfällt. 
Bei starker Vergrößerung erscheinen die Fasern deutlich doppeltkon- 


turiert, der Achsenzylinder in günstigen Fällen — bei weitem nicht 
in allen Fasern — und bei günstiger Beleuchtung außerordentlich 


fein fibrilliert. Einzelne spindelförmige Kerne sind frisch sichtbar, 
besser und mehr natürlich nach Essigsäurezusatz. Querschnitte ge- 
färbter Osmiumpräparate zeigen die dünne, glänzende, nicht durch 
Osmium geschwärzte Hülle in doppelter Konturierung, an deren Innen- 
fläche die Kerne liegen. Bei meiner Osmium-Hämateinfärbung, welche 
für den Nachweis der ersten Spuren des Nervenmarks bei Wirbel- 
tieren ausgezeichnete Resultate liefert, erscheint auch diese Hülle der 
Cephalopodennervenfasern dunkelschwarz, im Gegensatz zu den grauen 
Achsenfibrillen und der grauen Bindesubstanz (an Schnitten unter 5 a). 
Diese Reaktion sowie das optische Verhalten, welches diese Fasern als 
»dunkelrandig, doppeltkonturiert« erscheinen läßt, möchte uns ver- 
anlassen, die Fasern als markhaltig zu bezeichnen. Die Hülle einfach 
als Neurilemma aufzufassen, scheint mir unstatthaft, da wir ein der- 
artiges Neurilemma sonst nicht kennen. Ist es aber Mark, so würden 
kernführende markhaltige Fasern ohne Neurilemma vorliegen. Sie 
würden sich von den Garnelenfasern nur durch die viel dünnere Mark- 
hülle unterscheiden. Das Ausbleiben der Osmiumreaktion spricht nicht 


O.Scaurrze: Zur Histogenese des Nervensystems. 17 


unbedingt gegen das Vorhandensein von Nervenmark. Denn wir wissen 
seit den klaren Ausführungen von Gap und Hrymans, daß nur das 
Myelin als einer von mehreren Bestandteilen des Nervenmarks die 
Schwärzung bedingt, daß aber das Myelin durchaus nicht in allen mark- 
haltigen Fasern vorhanden ist, vielmehr Nervenfasern mit myelinhaltiger 
neben solchen mit myelinfreier Markscheide zu unterscheiden sind'. 

Die Nervenfasern von Sepiola, die ich an Quer- und Längs- 
sehnitten der in die Flosse eintretenden Nerven untersuchte, verhalten 
sich, soviel ich bisher beurteilen kann, so wie die von Äledone. Das- 
selbe gilt von Loligo vulgaris. Die frischen Fasern zeigen, in See- 
wasser zerzupft, die glänzende doppeltkonturierte Scheide sowie platt- 
ovale Kerne. In manchen Fasern finden sich glänzende Tröpfehen 
von dem gleichen optischen Verhalten wie die Hülle, so daß man an 
die sogenannten Gerinnungsbilder (»Myelinformationen«) des Nerven- 
marks bei Vertebraten erinnert wird. Aber auch hier tritt durch 
Osmiumsäure weder Schwärzung der Hülle noch jener Tropfenbildungen 
ein. Querschnitte der zum Ganglion stellatum laufenden, mit Osmium- 
säure konservierten Nerven zeigen Kaliberunterschiede von Nerven- 
fasern, wie sie bei Wirbeltieren nie zur Beobachtung kommen. Die 
stärksten kommen den markhaltigen Riesenfasern im Bauchmark von 
Anneliden gleich. Zwischen ihnen, die etwa 120 u im Durchmesser 
haben, und den Fasern von nur ı u Stärke existieren alle Übergänge. 
Kleinere und mittelstarke Fasern zeigen, wenn der Kern überhaupt 
getroffen ist, immer nur einen solchen; die großen Fasern können 
in einem (uerschnittbild 3—4 Kerne enthalten. Die Kerne liegen 
nach innen von der doppeltkonturierten Hülle. In dünneren Fasern 
füllt der Kern im Querschnitt oft die halbe Faser aus. In dem 
Achsenzylinder liegen die sehr feinen Fibrillen dicht beieinander, nur 
hier und da unterbrochen durch mit Hämatein sehr dunkel gefärbte 
Granula (Neurosomen), wie der Vergleich von Längs- und Quersehnitten 
ergibt. Bei schlechter Konservierung ist hier, wie allgemein bei der 
Fixation von Nervenfasern, leicht zu beobachten, daß die sehr zarten 
Achsenfibrillen im Zentrum der Faser bis zu einem verhältnismäßig 
feinen Faden zusammenschrumpfen, ähnlich der Chromsäurewirkung 
auf die Vertebratennervenfaser, so daß dann der Eindruck einer 
einzigen dieken Fibrille entsteht. 

Wie die Nerven der Cephalopoden, so sind auch die der großen 
Crustaceen, von denen ich Cancer pagurus und Homarus untersuchte, 
aus röhrenförmigen Fasern mit relativ diekem, aus zahllosen Achsen- 


! Die Weıcerrsche Färbung konnte ich bisher nieht anwenden. Ist sie aber 
eine ausschließliche Myelinreaktion ? 


172 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


fibrillen zusammengesetztem Achsenzylinder und dünner, doppelt kon- 
struierter Hülle von starker Lichtbreehung aufgebaut. Als bequemes 
Objekt habe ich den in der Scherenextremität unschwer zu finden- 
den starken Nerven benutzt. Schon Enrengere und Remax haben 
bekanntlich das Vorhandensein markhaltiger Fasern bei Astacus be- 
hauptet. Es ist leicht zu bestätigen, daß die Fasern des Bauchmarks 
und des Scherennerven von Asiacus dem optischen Verhalten der 
Hülle nach zu urteilen den markhaltigen Fasern nahe stehen. Auch 
sind im frischen Zupfpräparat die Fasern oftmals ganz erfüllt von 
glänzenden tropfenartigen Bildungen, die an die »Myelinformationen « 
erinnern. Hier aber unterbleibt, wie auch bei Cancer und Homarus, 
die Osmiumreaktion, auch nach tagelanger Einwirkung der Säure. 
Am Querschnitt des Nerven erkennt man, daß er durch Bindegewebe 
in Bündel zerfällt. Der Diekenunterschied der Fasern ist auch hier 
viel auffallender als bei dem Vertebratennerv. Bei den feinsten 
Fasern bis unter ı u Durchmesser — die stärksten messen im 
Scherennerv von Fomarus ı1o a — lassen sich noch Hülle und 
Achsenzylinder an tadellosen Quersehnitten nachweisen. Die Neuro- 
tibrillen sind außerordentlich fein und nur bei guter Osmiumkonser- 
vierung so zu sehen, wie sie sich an günstigen Fasern auch im 
frischen Präparat zeigen. Wie bei Crangon und Palaemon liegen die 
Kerne nach innen von der stark lichtbrechenden Hülle. Ob diese 
aber in Übereinstimmung mit den Angaben Frırprinpers über die 
Hülle der Fasern von Squilla mantis, die zu untersuchen ich noch 
keine Gelegenheit hatte, als Mark zu betrachten ist, muß ich dahin- 
gestellt sein lassen. Die Osmium-Kaliumbichromat-Hämateinfärbung 
färbt zwar die Hülle tiefschwarz — schwärzer als die übrigen Ele- 
mente des Querschnitts, wie dünnste Schnitte lehren —, aber die 
Werserrsche Markscheidenfärbung hat mir keine positiven Resultate 
geliefert. 

Auch unter den Anneliden (Hirudo, Aulostomum, Pontobdella, 
Lumbricus) finden wir röhrenförmige Fasern des vollkommeneren Typus. 
Bei Zumbrieus hat bekanntlich Levoıe zuerst die markhaltigen Riesen- 
fasern des Bauchmarkes richtig erkannt. Ich schließe mich Frırn- 
LÄNDER, der diesen Fasern noch die markhaltigen Fasern von Masto- 
branchus anreihte, insofern an, als ich die Frage, ob die röhren- 
förmigen Fasern des Bauchmarkes von Lumbrieus allgemein als mit 
dünner markhaltiger oder markähnlicher Hülle versehen zu deuten 
sind, für unentschieden halte. 

Für die Beobachtung peripherer sensibler Verzweigungen fand 
ich in den Elytren von Lepidastenia, Polynoe, Hermione und Aphro- 
dite ein vortreffliches Objekt. Hier handelt es sich nieht mehr, wie 


ah 


%s 
O.Scaurrze: Zur Histogenese des Nervensystems. 173 
in den Hauptstämmen — wie bei den Vertebraten —, um röhren- 


förmige Fasern, sondern um »marklose Fasern«. Sie führen reichliche 
Nervenfaserkerne, sind deutlich feinfibrilliert und entbehren der Hülle. 
Besonders nach dem freien Rande der Elytren hin bilden sie ein zartes 
Netz mit unregelmäßig polygonalen Maschen, das ganz an das sensible 
Zellennetz (syneytiale Netz) der Amphibienlarven und vieler Wirbel- 
losen erinnert und diesem homolog sein dürfte. 

Fasse ich alles zusammen, was mir meine bisherigen Unter- 
suchungen der Nerven der Wirbellosen ergeben haben: Bei Wirbel- 
losen kommen, ebenso wie bei den Vertebraten, zweierlei Nerven 
in weiter Verbreitung vor. Die eine Form ist die vollkommenere. 
Sie besteht aus röhrenförmigen Nervenfasern mit Inhalt (Achsenzylin- 


der) und stark lichtbrechender Hülle, die in manchen Fällen — wo 
sie sehr stark ist — zweifellos, in vielen — bei geringerer Dieke — 


fraglicherweise markhaltig ist. Die zweite Form der Nerven besteht 
aus einem oder mehreren Bündeln von Neurofibrillen mit ein- oder 
angelagerten Kernen — röhrenförmige Fasern, aus Achsenzylinder und 
Hülle bestehend, fehlen'. Sie lösen sich peripherwärts in einzelne 
Neurofibrillen auf. Diese Form stellt den primitiveren Typus, die 
Vorstufe der ersten Form, dar und tritt in der Ontogenese der Haupt- 
stämme der Vertebratennerven vorübergehend auf, bleibt aber auch 
bei den Wirbeltieren peripher und in gewissen Teilen des Sympathi- 
cus dauernd bestehen. Die gewöhnliche Angabe, welche die Nerven- 
fasern der Wirbellosen allgemein mit Sympathicusfasern und denen 
des N. olfactorius der Wirbeltiere zusammenfaßt und den markhalti- 
gen Fasern der letzteren gegenüberstellt, bedarf einer wesentlichen 
Berichtigung. Denn es stehen z. B. die Nervenfasern der Haupt- 
stämme bei Cephalopoden, Anneliden und Urustaceen den markhalti- 
gen Fasern der Vertebraten viel näher als den Riechnervenfasern der 
letzteren und den Milznervenfasern der Wiederkäuer. 

Eine erneute Untersuchung des Baues der peripheren Nerven des 
Amphioxus lanceolatus mußte mir unter den obwaltenden Umständen 
besonders erwünscht sein. Trotz der zahlreichen ausgezeichneten Dar- 
stellungen des Amphioxus-Nervensystems, von denen ich nur aus neue- 
rer Zeit diejenigen von Hrymans und van DER Stricnt, FUSARı, Rerzıus 
und Docırr anführe, vermissen wir bestimmte Angaben über den Bau 
der Nerven. Denn die Methylenblau-, die Gold- und die Gorsısche 
Methode können, so unschätzbar sie für das Studium der Verteilung 
der Nerven sind, die rein histologische Frage des Baues nicht be- 


! Auf die in den letzten Jahrzehnten durchaus unklar gewordene Bezeichnung 
»Remaxsche Faser« kann ich hier nicht eingehen. 


174 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


friedigend beantworten, ebensowenig wie die einfache Angabe es ver- 
mag, daß die Nerven aus »marklosen Fasern« bestehen. Etwas mehr 
befriedigt schon die Darstellung, daß die Arnphioxus-Nerven aus Fibrillen 
und eingelagerten Kernen bestehen. 

Zur ersten Orientierung über das periphere System gibt es keine 
bessere Methode als die, die lebenden Amphioxen in mit Methylen- 
blau gefärbtes Seewasser zu bringen (0.1—0.5 Prozent). Auffallend 
ist hierbei gegenüber dem sonstigen Verhalten, daß in den größeren 
Stämmen die Färbung mehr durch die Imprägnierung zahlloser Gra- 
nula in den Nerven als durch die der Neurofibrillen zustande kommt, 
wie dies schon Rerzıus beobachtete. Auch sonst tritt die vitale Gra- 
nulafärbung in den Zellen in ähnlicher Weise hervor, wie ich dies 
früher bei Amphibienlarven beschrieb — aber die Nervenfärbung 
herrscht vor. 

Die Frage von dem Bau der Nerven kann, wie allgemein, nur 
mit der Osmiumkonservierung befriedigend gelöst werden. Ich wandte 
sie sowohl bei der kleinen Nordseeform als bei Exemplaren aus 
dem Mittelmeer an und ließ ihr die Kaliumbichromateinwirkung be- 
hufs besserer Nachfärbung folgen. Die unter der äußersten Corium- 
schicht gelegenen Endbäumchen der dorsalen Nerven treten in tief- 
schwarzer Färbung im Flächenbild nach Hämateinfärbung sehr schön 
hervor, jedoch sind die einzelnen Neurofibrillen und die Kerne wenig 
deutlich, solange man nicht zu feinen Quer- und Längsschnitten greift. 
Am besten erwies sich mir Totalfärbung der mit Osmium und Ka- 
liumbichromat behandelten Tiere mit Karminfarbstoffen, an denen sich 
unter dem Doppelmikroskop die gewünschten Nervenpräparate durch 
Präparation gewinnen lassen zur Untersuchung in schwach licht- 
brechenden Medien. Quer- und Längsschnitte stärkerer Nerven er- 
hält man leicht von den beiden in der Längsrichtung des Tieres 
zum Rostrum laufenden ersten »Hirnnerven« und den starken ventra- 
len Ästen der Dorsalnerven, die mit einem Teil der anhaftenden 
Muskulatur durch Rasiermesserschnitt der Seite des Tieres entnommen 
werden. 

In den peripheren Nerven des Amphioxus fehlen die für viele 
Wirbellose typischen röhrenförmigen Fasern durchaus. Die Längs- 
ansichten sowie die Längs- und Querschnitte der stärksten Nerven- 
stämme zeigen einen einheitlich neurofibrillären Bau. Außen findet 
sich eine zarte, anscheinend strukturlose Hülle. Im Innern liegen 
zahlreiche Kerne, teils zentral, teils mehr peripher. Nur an sehr 
dunkel mit Hämatein tingierten Nerven sieht man am feinen 
Querschnitt zarte, dunkle Septa zwischen die graugefärbte Neuro- 
fibrillenmasse von der peripheren Hülle her einstrahlen. Die Kerne 


O.Scnuurze: Zur Histogenese des Nervensystems. 175 


liegen teils in den Septen, teils in den durch die Septen mehr oder 
weniger vollkommen umscheideten Fibrillenbündeln. In den feineren 
Ästen fehlen Hülle und Septa, die Neurofibrillenbündel liegen nackt 
mit teils ein-, teils aufgelagerten Kernen. Die Nervennetze — am 
leichtesten nachweisbar ist das an der Innenfläche der Bauchmusku- 
latur gelegene — bestehen nur aus Neurofibrillen mit Kernen vor- 
nehmlich an den Knotenpunkten. 

Durch den Mangel röhrenförmiger Nervenfasern und den Aufbau 
der Nerven' aus kernreichen Neurofibrillenbündeln erweisen sich die 
Nerven des Amphioxwus als der unvollkommeneren, dem embryonalen 
Wirbeltiertypus nahestehenden Gruppe angehörig. Sie stehen also 
histologisch auf primitiverer Stufe, als die der Cephalopoden, Anne- 
liden und Crustaceen. 

Die von mir vertretene Auffassung des Aufbaues des gesamten 
Nervensystems aus Neuroblasten, die teils zu Nervenzellen (Ganglien- 
zellen), teils zum Zwecke der Reizleitung zu syneytial vereinigten 
Nervenfaserzellen werden, findet eine weitere wesentliche Stütze in 
den genetischen Beziehungen der beiden Zellformen, welche aus fol- 
genden Beobachtungen sich ergeben. 

1. Die Entwicklung des durch seine oberflächliche Lage und 
seinen Verlauf besonders günstigen Nervus lateralis vagi der Amphi- 
bienlarven lehrt, daß der anfangs rein zellige und noch nicht neuro- 
fibrilläre Nerv als Zellstrang aus dem Ektoblast in loco hervorgeht, 
wobei die spindelförmigen Zellen des Hinterendes des während des 
Wachstums zunächst mit dem Ektoblast verbunden bleibenden Nerven 
ohne jede scharfe Grenze allmählich in die Ektoblastzellen übergehen. 
Das beweisen unzweideutig außer Durchschnitten Flächenbilder der ab- 
gelösten und entpigmentierten Epidermis aufeinanderfolgender Stadien. 
Der Nerv schnürt sich als ein Ast des Baumes genau so von dem 
Ektoblast ab wie der Stamm, das Medullarrohr. Wenn ein Experiment 
einen anderen Bildungsmodus ergibt, so kann dies niemals den nor- 
malen Befund in Zweifel ziehen. Vielmehr zeigt sich wieder, daß es 
unter Umständen verfehlt ist (Harrısox), aus experimentellen, unter 
abnormen Bedingungen gewonnenen Befunden weitgehende Schlüsse 
auf normales Geschehen zu ziehen. 

2. Die an dem N. lateralis und an seinem Ramus superior ge- 
machte Beobachtung inniger Beziehungen der den Nerven aufbauenden 
Nervenfaserzellen zu dem Ektoblast legt den Gedanken nahe, daß wie 
die zentralen so auch die peripheren Neuroblasten bei den Vertebraten 
frühzeitig aus dem ektodermalen Verband ausscheiden, um im Meso- 


! Im Zentralorgan finden sich röhrenförmige Fasern. 


176 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 6. Februar 1908. 


derm zu proliferieren'. Dieser Gedanke findet eine gute Stütze in 
der Tatsache, daß das gesamte diffuse oder noch wenig zentralisierte 
Nervensystem eines Cölenteraten dem ektodermalen Verband entstammt, 
daß das Nervensystem der Echinodermen sowie ganze Nervenstämme 
bei manchen Würmern dauernd im Ektoblast verbleiben, und daß bei 
Astacus auch die peripheren Nerven, wie das Zentralnervensystem, aus 
dem Ektoblast hervorgehen. 

3. Seit der Veröffentlichung meiner letzten Arbeiten auf diesem 
Gebiete habe ich mich andauernd mit der Nachprüfung der früheren 
Angaben und deren Erweiterung beschäftigt. Hiernach halte ich auch 
das Folgende in vollem Umfang aufrecht. Das Vorhandensein eines 
integumentalen kontinuierlichen Netzes multipolarer nervöser Zellen, 
in welches zahllose marklose und markhaltige Fasern eintreten, sowie 
die Umbildung dieses dem sensiblen Nervenzellennetz vieler Wirbel- 
losen homologen Netzes in ein Nervengeflecht markhaltiger Fasern auf 
dem Wege mitotischer Teilung in der von mir beschriebenen Weise, 
stehen für mich fest. Der Plexus nervosus profundus der Amphibien- 
haut entsteht in loco aus dem primitiven syneytialen Zellennetz. An 
Jedem Knotenpunkt des Geflechts lag ursprünglich eine multipolare 
Nervenzelle. Durch Mitose liefert sie zahlreiche Nervenfaserzellen. 
Beide Zellformen sind genetisch aufs innigste verwandt. 

4. Dieselben innigen Beziehungen fand ich in Folgendem: Aus 
dem von mir in der Gaumenschleimhaut von Amphibienlarven be- 
schriebenen nervösen Zellennetz geht in gleicher Weise wie in der 
Haut der bekannte Plexus markhaltiger Fasern auf mitotischem Wege 
hervor. In den hinteren, dem Rachen angehörigen Teil dieses Plexus 
sind bekanntlich Ganglienzellen eingeschaltet. Diese sind nicht etwa 
»eingewandert«. Sie entstehen in loco. Innerhalb einzelner multi- 
polarer Zellen des Netzes tritt in der betreffenden Gegend eine Kern- 
vermehrung ein. Einzelne der mehrfachen Kerne gewinnen eine auf- 
fallende Größe und nehmen die für viele Ganglienzellen typische große 
Kugelform mit großem Nukleolus an. Es kann keinem Zweifel unter- 
liegen, daß wir es hier mit den Kernen der späteren Ganglienzellen 
zu tun haben, die sich als solche erst später abschnüren. Aus dem 
ursprünglich gleichartigen Zellennetze gehen also sowohl Nervenfaser- 
zellen als Ganglienzellen hervor. 

Meine Opposition gegen die Neuronenlehre hat sich auf die 
Morphologie bezogen. In biologischer Hinsicht wirkt die Neuronen- 
lehre zweifellos fruchtbringend. Aber das Neuron bedarf vom morpho- 
logischen Standpunkte aus einer anderen Definition, denn es handelt 


! Von dem entodermalen Nervensystem sehe ich jetzt ab. 


OÖ. Scaurrze: Zur Histogenese des Nervensystems. 177 


sich bei Vertebraten und bei Wirbellosen, zum mindesten in peri- 
pheren Bahnen, nicht um einzellige, sondern um vielzellige, syneytiale 
Leitungswege. 


Nachtrag. 

Nach Absendung dieses Berichts fand ich in dem sympathischen 
Nervensystem der Katze, sowohl im Grenzstrang als in Eingeweide- 
nerven, eine neue Form markloser Nervenfasern von besonderer Be- 
deutung. Die Fasern bestehen, auf Längs- und Querschnitten unter- 
sucht, aus einer dünnen Mantelscehicht von Neurofibrillen. Innerhalb 
dieser liegen in der Achse der Faser in Abständen Kerne von kreis- 
rundem Querschnitt, welche das von den Neurofibrillen umgebene 
Zentrum fast ganz ausfüllen. Das Bild erinnert sofort an ein gewisses 
Stadium embryonaler Muskelfasern von Vertebraten, wo die ersten 
Myofibrillen zylindermantelartig die zentralen Kerne umhüllen. Dieser 
Befund bezieht sich auf dünnste Schnitte von Osmiumobjekten mit 
Neurofibrillen- und Kernfärbung. 

Hier haben wir »Nervenfaserkerne«, wie wir sie nicht klarer ver- 
langen können. Hier wird das Typische der Nervenfaser, die Neuro- 
fibrillen, nieht von »Hüllzellen« umgeben, sondern die Neuro- 
fibrillen bilden die Hülle um die vermeintlichen » Scheiden- 
zellen«. Wo aber bleiben diese, wenn sie selbst »umscheidet« sind? 


Ausgegeben am 13. Februar. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei 


IrS 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
Va. 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


6. Februar. Sitzung der philosophisch-historischen Classe. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Dies. 


l. Hr. Ermav besprach eine Sammlung von Hymnen an das 
Diadem der Pharaonen aus einem Papyrus im Besitze des Hrn. 
W. GoLENISCHEFF zu St. Petersburg. (Abh.) 

Der Papyrus ist etwa im 16. Jahrhundert v.Chr. für den grossen Tempel des Gottes 
Sobk im Faijum geschrieben. Die Hymnen stammen aber in ihrem Kerne aus weit 
älterer Zeit, zwei sogar noch aus dem alten unterägyptischen Reiche. Mehrere haben 
die Form der Morgenlieder, mit denen man ursprünglich wohl den König erweckte, 
die man dann aber früh auch als Morgengruss an die Götter verwendete. 


*). Hr. Rorrtuz berichtete über eine Handschrift des Reinaert | 


auf der Fürstl. Salm-Reifferscheidt’schen Schlossbibliothek 
zu Dyck. 


Hr. Dr. Deserıng in Münster ist auf die wichtige Handschrift gestossen, als er 
für das Handschriftenarchiv der Deutschen Commission die kleineren Bibliotheken der 
"Rheinlande durchsuchte. Sie gehört noch in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts, 
füllt die Lücke hinter 2655, bestätigt nicht selten den Text des Reinaert II, verbessert 
den Text der Comburger Hds. an vielen Stellen. Besonders interessant ist, dass V. 6 
hier lautet: Die arnout niet en hadde bescreven, was auf einen nl. Reinaertdichter Arnout, 
der vor Willam dichtete, hinzuweisen scheint. — Dr. DesErıng wird die Hds. dem- 
nächst publieiren. 


3. Folgende Druckschriften wurden vorgelegt: Deutsche Texte 
des Mittelalters. Bd. XII. Der Grosse Alexander, hrsg. von G. Gurn. 
Berlin 1908; Cart Scnmr, Der erste Ölemensbrief in altkoptischer 
Übersetzung. Leipzig 1908 (Texte und Untersuchungen zur Geschichte 
der altchristlichen Literatur. XXXI 1); J. Hırscngers, Geschichte der 
Augenheilkunde. II 2. Leipzig 1908. 


Ausgegeben am 13. Februar. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei, 


Sitzungsberichte 1908. 19 


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cm: Bestimmung der kritischen Spannungen in festen Körpern. (S. 210) 
x: Zur a] des Gagats. (S. 221) 


dm 


BERLIN 1908. 


] —- AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


Aus dem Reglement für die Redaetion der akademischen Druckschriften. 


Aus Sl. 

Die Akademie gibt gemäss $41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberichte 
der Königlich Prenssischen Akademie «der Wissenschaften « 
und »Abhandlungen der Königlieh Preussischen Akademie 
der Wissenschaftene. 

Aus $2. _ 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberichte« oder die 
» Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuseript zugleich einzuliefern ist. Niebt- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

$3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Sehritt 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druekbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schritt der Abhand- 
lungen nieht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden (lasse statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuseripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werıle, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen mutlımasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 
s4. 

Sollen einer Mittlieilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeiehnungen, photographische Original- 
aufnalımen u. s. w.) gleichzeitig mit dem Manuseript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Secretar zu 
riehten, «ann zunächst im Seeretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussiehtliche Höhe dieser Kosten 
ist -— wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Übersehreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
dureh das Secretariat geboten. 

Aus $5. 

Nach der Vorlesung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manuseripts an den 
zuständigen Seeretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Sehriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welehe nielıt Mitglieder 
der Akademie, sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Niehtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der »Abhandlungene, 


BE no 


Aus $ 6. Een | | 
Diean die Druckereiabzuliefernden Mahuscrinse mitzsei | 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes. | 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen | 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des Manuseripts vorzunehmen. || 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser I 
seine Mittlieilung als vollkommen druckreif ansieht. il 
Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen die |] 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correetur soll nach |] 
Möglichkeit nieht über die Berichtigung von Druckfehlern? | | 
| 


und leichten Schreibversehen hinausgehen. Umfängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des. vedi- 
girenden Secretars vor der Einsendung an die Druckerchä 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr. 
kosten verpflichtet. ; 


‚„ Aus $8. 
Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Beriehten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel - 
abdrucke hergestellt, ie alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. 
VonGedächtnissreden ebentallsSonleridrzai 
für den Buelihandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 
89. 5 
Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten” 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung olıne weiteres 50 Frei 
exemplare; er ist indess ber‘ echtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere E Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noclı weitere bi 
zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Seeretar a 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der eigen Akademie oder der be- 
treffenden Case — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei 
exemplare und dürfen nach reelitzeitiger Anzeige bei den 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. & 
Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen & 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zweck 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Seeretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch" mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden ae — Nichtmitglieder erhalten 30 Fre i 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf il 
Kosten abziehen lassen. 
> Sur. 
Eine für die akademischen Schriften bi e 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung 


so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an je; 
Gesammt-Akademie. ı Stelle anderweitig, sei es auch nur aus 
(Fortsetzung auf S.3 des Umschlags.) By a ” 


181 
SITZUNGSBERICHTE 1908. 
vi. 


DER 
KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


13. Februar. Gesammtsitzung. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwens. 


l. Hr. Prnck las über den Drakensberg und den Quath- 
lambabruch. (Ersch. später.) 

Die Mittheilung führt aus, dass Südafrica nicht längs eines grossen Quathlamba- 
bruches gegen den Indischen Ocean abfällt, und dass die Steilränder des Drakens- 
berges nichts anderes sind als Erosionsabfälle, die sich weder au eine bestimmte geo- 
logische Struetur noch an einen bestimmten geologischen Horizont, sondern lediglich 
an widerstandsfähige Gesteine knüpfen. Der Küstensaum von Natal wird weithin 
von einer Flexur begleitet, durch die vor der jüngeren Kreideperiode eine Rumpfiläche 
zum Indischen Ocean abgebogen worden ist. Diese Flexur scheint seither strecken- 
weise in anhaltender Fortbildung gewesen zu sein, und der Wechsel von Hebungs- und 
Senkungserscheinungen an der Küste von Natal lässt sich erklären unter der Annahme, 
dass der Knoten der Flexur seine Höhenlage in Bezug auf den Meeresspiegel ge- 
ändert hat. 


2. Vorgeleet wurde das von dem correspondirenden Mitoliede 
fe} fo} 
Hrn. Levasszur eingesandte Werk: Questions ouvrieres et industrielles 
fo) 14 
en France sous la troisieme republique. Paris 1907. 


Die Akademie hat das correspondirende Mitglied der physikalisch- 
mathematischen Classe Hrn. Karr vox Vorr in München am 31. Januar 
durch den Tod verloren. 


Sitzungsberichte 1908. 20 


152  Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 
g 8 


Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik 
aus Chinesisch-Turkistan. 


Von Dı. E. Sızs 


in Berlin. 


Voreeleet von Hrn. Pıscuer am 30. Januar 1908 [s. oben S. 117). 
> fo) 


Hierzu Taf. 11. 


Be weiterer Durchforschung der Manuskripte aus der Sammlung 
vox LE CoQ ist mir noch ein grammatisches Bruchstück in die Hand 
gckommen, das derselben Grammatik angehört wie das in den Sitzungs- 
berichten 1907, S. 4661f. behandelte. Es ist besonders interessant, weil 
darin die grammatischen Sutren in Verbindung mit einem Kommentar 
erscheinen. Bei dem sehr geringen Umfang des Fragments — es be- 
steht nur aus einem einzigen Papierfetzen von etwa 7 em Höhe und 
9 em Länge — schob ich indessen die Publikation einstweilen auf, 
da ich hoffte, daß Prof. Grünweners Heimkehr aus 'Turfan weiteres 
Material bringen würde. Diese Erwartung hat mich nicht getäuscht, 
denn in seiner reichen Sammlung von Handschriftenfunden befanden 
sich noch zwei Manuskripte grammatischen Inhalts, die wiederum der- 
selben Grammatik angehören, und von denen das eine ebenfalls die 
Sutren mit Kommentar gibt. Ich behandele der Reihenfolge des In- 
halts entsprechend zunächst das kommentarlose Bruchstück, dann das 
mit Kommentar versehene der Sammlung Grünweoen und schließlich 
(las neue Stück der Sammlung vox Le Con. 


l. 


Dieses Fragment, gez. TIIl, M 167, besteht aus einem noch ziem- 
lich festen gelben Papierfetzen von etwa I4 cm Länge und Breite, der 
he > 


nach Mitteilung des Hrn. Bartus — Prof. Grünwenen krankt leider 
noch immer an den Strapazen der letzten Turfan-Expedition — in 


Murtug im Schutt der 3. Anlage gefunden wurde. Der Sanskrit-Text 
ist in Sarada-Schrift mit schwarzer Tinte bzw. Tusche auf die Rück- 
seite eines chinesischen Blockdrucks geschrieben, dessen freie Partien 


E. Sıeg: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 183 


wiederum mit uigurischen Schriftproben gefüllt sind. Nur die linke Blatt- 
hälfte (s. Taf. II, Abb. ı) ist erhalten: nach Ausweis des Inhalts fehlen 
der kürzesten der sechs Zeilen etwa 12, der längsten etwa 7 Aksaras. 
In gleicher Höhe mit der untersten, d.h. 6. Zeile, findet sich am Rande 
die Zahl 2, was dem Inhalt auch entsprechen dürfte, denn der Text 
beginnt mit der Regel = Kätantra ı. ı. ı2 und reicht bis zum Schluß 
des ersten Pada. Die einzelnen Sutren decken sich vollständig mit 
denen des Katantra, nur sind 21 u. 22 umgestellt, eine Anordnung, 
die durch das unter II behandelte Bruchstück bestätigt wird. 

Der chinesische Blockdruck auf der Rückseite, die Särada- 
Schrift und die Festigkeit des Papiers lassen darauf schließen, daß 
das Manuskript schwerlich älter als das 9. bis ı0. Jahrhundert sein 
dürfte: bestimmtere Grenzen sind aus der Schrift nieht zu gewinnen. 
Die steifen, dicken Striche, die den Buchstaben der Särada-Schrift ein 
grobes, klotziges Aussehen geben', treten auf diesem Manuskript be- 
sonders hervor: man beachte namentlich das Aksara na (2. 2 u. 6), 
das hier aus einem geraden Deckstrich mit drei kurzen Vertikal- 
strichen von gleicher Länge besteht; den Upadhmanıya 4 (Z. 3), der 
sich außer seiner Stellung über dem pa nur durch den Fußstrich 
vom na unterscheidet; das a (Z. 1, 2 u. 4), das mit dem Deckstrich ge- 
schlossen ist, usw. — Von Ligaturen sei besonders auf rtha (Z. 4) 
aufmerksam gemacht, sie entspricht genau dem Zeichen in Bünters 
Tafel 6, Kol. 8, 50, man vergleiche auch Paippalada” fol. 4* Z. 10 
pärthivanam. Zu rna (2.5) s. z.B. Paipp. fol. 2°2.3 v.u. nyürno, zu ya 
(Z. 5) Paipp. fol. 7” letzte Zeile apasyan ja. — Der Anusvära wird in 
der üblichen Weise durch den Punkt bezeichnet, auch vor Labialen, 
der Virama ist hier ein einfacher, schräg oben an den Buchstaben 
gelehnter Strich (s. Z.4 u. 5). Visarga wird regelrecht geschrieben, 
doch wird er vor unverbundenem Zischlaut dem Zischlaut assimiliert, 
wie üsmäanas sasasahah (Z. 2) zeigt. Ob auch vor tonlosen Labialen 
und Gutturalen der Upadhmanıya bzw. Jihvamulıya gesetzt wurde, 
läßt sich nicht ausmachen, da sich auf dem Bruchstück kein Anhalt 
dafür bietet: Apa (Z. 3) ist durch die Regel (s. Kat. ı.ı. 18) geboten, 
zu bedauern ist, daß Jka, welches wir in Z.2 zu erwarten hätten, 
leider weggerissen ist. Als Interpunktionszeichen ist an den Schluß 
der einzelnen Sutren ein kleiner Schrägstrich in gleicher Höhe mit 
dem Fuß der Aksaras gesetzt, der beim Visarga diesen direkt zu 
stützen scheint (s. Z. 2 u. 3), während er dem Virama parallel läuft 
(s. Z. 4). Größere Pause am Schluß des Päda und beim Beginn der 
Unterschrift (s. Z.6) wird durch Doppelstrich markiert. 

! Siehe Bünter, Ind. Paläographie 1896, S. 57- 

®2 The Kashnirian Atharva Veda reprod. by M. Brooxriern and R. GARBE 1906. 


20° 


154 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


Ich gebe nunmehr die Umschrift des Textes in der Form, wie 
er in der Handschrift steht, und lasse zur Erklärung einfach die Regeln 
des Katantra folgen. 


TII, Mı67,R. Z. 1. ghosavanto nye anunäsika ha 

2. usmanas sasasahah | ah iti 
hvamüliyah hpa ity upadhmantyah 
rayor arthopalabdhau padam  analikrama 
vyanjanam asvaram param varnam nayet lo 
siddhih sandhiprakarane sa 


oNen =-pzS 


Kat. 1. 1. 12fl.: ghosavanto "nye 13 anunasika hanananamah 
ı4 antahsth@ yaralavah 15 Usmänah sasasahah 16 ah iti visarjanıyah 
17 hka iti jihvamüliyah 13 hpa ity upadhmäniyah 19 am ity anusvarah 
20 pürvaparayor arthopalabdhau padam 21 vyanjanam asvaram param 
varnam nayet 22 änatikramayan vislesayet 23 lokopacarad grahanasid- 
dhih. Mit dieser Regel schließt im Katantra der erste Pada, dessen 
Unterschrift bei Durga lautet: sandhau prathamah padah. Merkwürdig 
ist in unserem Text der Pausa-Strich hinter prakarane, soll damit die 
Kapitelunterschrift schon geschlossen sein und das folgende sa etwa 
schon die Regel ı. 2.1 samanah savarne usw. beginnen? Andernfalls 
wäre vielleicht an sanjnapadah zu denken. 


UK 


Das 2. Bruchstück, gez. TI, Sor@ugq, stammt aus Sör@ug bei Kurla 
und wurde dort in einem kleinen Gang (zwischen den Ruinen you. 
61) gefunden. Es ist ein kleines Buch in indischer Pothı-Form mit 
einem Schnürloch auf der linken Seite. Das Material ist gelbbraunes 
bzw. durch die Zeit gebräuntes Papier, die Schrift ist Brahmı in dem- 
selben Duktus wie die Sitzungsber. 1907, S. 466ff. behandelten Blätter. 
Das Buch war noch durch das Schnürband zusammengehalten, aber 
es ist leider nur die Partie um das Schnürloch erhalten geblieben. 
Die Anfangs- und Schlußblätter fehlen ganz; von den vorhandenen 
ersten und letzten sind nur so winzige Stücke übrig geblieben, daß 
ihre richtige Zusammensetzung und Einordnung meist nicht mehr 
möglich war. Das Papier ist total zermürbt. und die Auflösung des 
Schnürbandes konnte nur mit der allergrößten Vorsicht ermöglicht 
werden, da die Blätter bei der Berührung zu zerfallen drohten. Trotz- 
dem ist es unter Assistenz von Dr. Sı:sLıns und mir den kunstfertigen 
Händen des Technikers des Museums für Völkerkunde, Hrn. Buch- 
bindermeister Scıurıs. gelungen, die einzelnen Blätter ohne ärgere Be- 
schädigungen unter Glas und Rahmen zu bringen. Selbstverständlich 


E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 185 


sind die Blätter genau in der Reihenfolge gelassen worden, in der sie 
sich befanden, aber der Inhalt zeigt, daß zwischen fol. 10 u. ıı ein 
Blatt fehlt und daß die Blätter 28/29, 37/38, 48/49 je miteinander ver- 
tauscht sind. Wie sich bei der Auflösung ergab, sind die Reste von 
rund 60 Blättern vorhanden. Die Höhe des auf beiden Seiten 4 zeilig 


beschriebenen Blattes — die Ränder sind oben und unten meist er- 
halten — beträgt 7 cm, die Länge jetzt im Mittel ebenfalls 7 em 


(s. Taf. II, 2a u. b); die ursprüngliche Länge läßt sich nur ungefähr aus 
dem Inhalt erschließen, da wir eben nur noch die Partie um das 
Sehnürloch besitzen, auf der linken Seite dürften durehschnittlich etwa 
ı bis 2 Aksaras, auf der rechten 7—-9 Aksaras fehlen. 

Die erste deutlich erkennbare Regel ist ah iti visarjanzyah s. Kät. 
1. 1. 16, die letzte ro re lopam svaras ca pürvo dirghah s. Kät. 1. 5. 17. 
Mit Kat. 1.5. ıS schließt aber dessen 1. Buch, welches den Sandhi 
behandelt, es ist also anzunehmen, daß unser Manuskript nur dieses 
eine Buch enthielt, daß also am Schlusse nur wenig fehlt. 

Die Schrift ist merkwürdig schwarz und klar, zweifellos eine Folge 
des die Blätter fest zusammenhaltenden Schnürbandes. Da nun der 
Inhalt — Sandhi-Regeln mit illustrierenden Beispielen im Kommentar 
— eine Fülle der seltensten Ligaturen bedingt, so liefert dieses Frag- 
ment eine besonders gute Ausbeute für die Brahmı-Schrift. Hier sei 
nur auf 5. wenigstens in Sanskrit-Texten noch nicht belegte Zeichen 
aufmerksam gemacht: bezüglich der Ligaturen verweise ich auf die 
demnächst erscheinenden Tabellen SırsLıngs. 

Anlautendes r' findet sich 21” ı an einer Stelle, die nieht klar 
ist, aber über den Wert des Zeichens kann wohl kein Zweifel sein, 
da es sich auch neben r in einer Schreibübung in Brahmı-Schrift auf 
einer chinesischen Handschrift des Saddharmapundarıka gez. TIL, Y4 
u. 7 findet, worauf mich Dr. Srönser aufmerksam gemacht hat; es ist 
das kurze r mit dem unten angehängten Längshäkchen. 

Ein selbständiges Zeichen für anlautendes ai” findet sich mehrfach 
in unserem Manuskript, 2 mal hintereinander 14° 2 in der Regel ekäre 
ai aikare ca s. Kät. ı. 2.6: es sieht aus wie ein Aha ohne den un- 
teren Schrägstrich‘. 

Anlautendes / sollten wir kurz vorher in der Regel Iarne al 
s. Kät. ı. 2. 5 erwarten, leider ist aber gerade dieses Zeichen 13" 2 
weggerissen, auch das betreffende Kommentarstück fehlt, dagegen findet 


5 
4 


Die Zeichen für r, o und au sind bereits aus meiner r. Abhandlung bekannt. 


186 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


sich m!" 16° 2 in der Regel am arnah s. Kat. 1. 2. ı1. Dieses 
Zeichen für 7 ist dasselbe Zeichen, das Leumann bereits in der frem- 
den Sprache” — Klasse I seiner Gruppierung“, F. W.K. Mürrer hat sie 
neuerdings’ in geistreicher Verwertung einer uigurischen Quelle für 
tocharisch erklärt als Zeichen für / erkannt hat. 

Noch 2 weitere Bekannte aus dieser Sprache finden sich in un- 
serem Fragment, nämlich ı. der Doppelpunkt, der hier über dem y 
zur Bezeichnung von @y 17° 2° erscheint, in der Regel ai @y s. Kat. 
1.2.13 und 2. für den Jihvamulıya in hkha 43” 4°, jenes Zeichen, 
das man auch im Tocharischen als A-Laut erkannt hat‘. Leider ist 
diese Stelle — es handelt sich um ein Beispiel für kakhayor jihvama- 
Iyam na va s. Kät. 1.5.4 — die einzige, an der sich in unserem 
Manuskript der Jihvamulıya findet, denn die betreffenden Stellen zu 
hka iti jihramtlyah s. Kat. ı. 1. 17 auf 6* fehlen, und sonst wird immer 
der Visarga gesetzt‘. 

Der Visarga erscheint überhaupt in diesem Manuskript ständig 


wo wir ihn nach den Regeln des klassischen Sanskrit erwarten sollten, 
auch vor tonlosen Labialen und vor Sibilanten. Die Fälle, wo er 
weggelassen wird, sind außerordentlich selten und offenbar nur 
Schreibfehler; ich habe nur folgende Stellen notiert: ra sakarah 29 2 
für rah sa°, nanana khahı 33” ı für Onah, bho gaccha 45" 4 für bhoh, 
ayni daha® 48” 2 für agnih. Dagegen findet er sich überflüssigerweise 
noch in [utti]sthah 20° 4 für °stha, kah stasaya 42" ı für kas t@° und 


Über eine von den unbekannten Literatursprachen Mittelasiens, Zapiski Imıp. 
Nauk, VII. Serie, T. 4, Nr. 8, St. Petersburg 1900, S. ro, Note 13. 
® Siehe ZDMG. 61, 1907, S. 648—658. 
* Siehe Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1907, S. 958—960. 
se 


Akad. 


? Siehe Levmann a. a. OÖ. und HoErstE, JASB. 70 P. ı, Extranr. ı, App. 1901 
und Faksimile-Reprod. 1902. 

5 Es möge mir gestattet sein, an dieser Stelle noch nachzutragen, was ich leider 
zu spät bemerkt habe, daß nämlich die von mir, Sitzungsber. 1907, S.470, besprochene 
Jihvämuliya-Bezeichnung bereits von Hoerrxte für das Bower-Manuskript nachgewiesen 
ist, s. JASB. 62, 1393, S. 25, Note 17; auch die in diesem Duktus übliche, von mir 
a.a. 0. S. 471 behandelte Viräma-Bezeichnung hat Iloerste bereits festgestellt, s. a. a. O. 


S. 39. 


3%. Sıeg: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 187 


kah ssete 45° 4 für kas sete. Bisweilen wird der Visarga irrtümlich statt 
des Pausa-Zeichens gesetzt, s. kalı altrah 46° 2 und [atra|A bho atra 
47° 4- 

Der Upadhmanıya fehlt gänzlich: zu Apa ity upadhmanıyah 
s. Kät. ı. 1. ı8 auf 6” fehlt das betreffende Stück im Text wie im 
Kommentar, und im Kommentar zu paphayor upadhmaniyam na va 
s. Kät. 1. 5. 5 ist er einfach ausgelassen s. 44” ı hkah pacati » ka pacati. 

Die Auslassung von Zeichen ist übrigens mehrfach in diesem 
Manuskript zu konstatieren, und zwar handelt es sich dabei um ab- 
siehtlich ausgelassene, wie der dafür freigelassene Raum be- 
meist. Solche Lücken habe ich 1ı2*2, 32” ı, 37°4, 37’ıu4, 
39° 3 u. 46” ı notiert. Im ersten Fall ı2° 2 handelt es sich um das 
Zeichen kl, 37"4u."ı um a, 39°3 um ca, 37”’4 um Aa, 32° 1 
um nina, während 46”ı eine größere Lücke im Original des Ab- 
sehreibers vorgelegen zu haben scheint. Da es sich bei diesen 8 Fällen 
ı mal um das eigentlich nie vorkommende kl handelt, 6 mal um den 
Buchstaben 7, sei es selbständig, sei es als Anfang der Ligatur', 
und das 2 in dieser Verbindung sonst überhaupt nieht vorkommt’, 
so ist wohl anzunehmen, daß der Schreiber diese Zeichen eben nicht 
zu schreiben verstand und sie vielleicht erst nachträglich einfügen 
wollte. 

»Nach Pan. 8. 4. 46 ff. wird ein auf r oder 4 folgender Konsonant 
(doch nicht ein Sibilant, dem ein Vokal folgt) und ein auf einen 
ent- 


3 


Vokal folgender erster Konsonant einer Gruppe verdoppelt«; 


sprechend finden wir in unserem Manuskript Konsonantenverdoppelung 


nach r in sargga 7” 3, dirgghi 11° 3, dirggha 53" 4; arttho® 7° 4,” 1, 


Omohärttham 9° 4, °rtihan 30* 1, rayor mma® 45” 3: tiryyan 34° 1; °yor lo 
Bi Durcvarı“ Aa, ı8°4A, 30° 2, 35" 4, 36" 3, saruvad' 18%4 — da- 
neben aber auch varga® 29° 4, 31? 2u. 3, 39” 1, 41" 35 °yor ji? 43” 1; 
caturtho 41° 3; tıryan 34” 1, yor lo° 20” 1; pürca 17° 2, 53" 4, sarva 17" 2, 
während tisarjanıya, s. 5" 1, 45" 4, 46° 4,” 4, 48” 4, 5o’ı, und varna, 
s. 4°, ı0® 1, ı1° 2 usw., ständig ohne Verdoppelung geschrieben 


werden. — Für Verdoppelung nach A habe ich kein Beispiel ge- 
funden; dagegen findet sich 6° ı und 43" 4 Jiheamalıya. — Beispiele 


für Verdoppelung des ersten Konsonanten einer Gruppe nach Vokal 
sind: prakrttya 24° ı, attra ı5” 3, 16° 2 usw., lattra 8” 4; upaddluna” 
6° 2, aa” 2, maddhye 46* 4; loppya ı5“4, "2, 21” 4, 22*ı und wahr- 


. . 2 a - b n nm? 
scheinlich auch 54% 4, tu ppra® 20° 4, vargappra® 29° 4, 39° 1, "üppra® 


OD 


ı Als Schluß der Ligatur findet es sich mehrfach in samjn@ usw. 

2 39° 2 steht bhavag su? für bhavan su°, für vyanjana wird regelrecht ayemjana, 
für pancama pamcama geschrieben. 

®? Siehe WackernaGer, Altindische Grammatik 1 $ 98a. 


138 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


48° 2: sarvva ssvaresu 18* 4, [anya]ssvare 46” 3, eva ssvare 47" 4, ca ssvare 
47°1. °tra ssva® 52” ı — daneben finden wir aber auch atra o® 2, 
21"4, 25°4 usw.; lopya 18” 1; svare pralyaye pra® 23* 4, svare pra® 49° 3, 
supra® 25” a, 31” 3: ständig ohne Verdoppelung erscheint pratyaya, 
s-i72°4 usw., und anusvara,sı ao za 6 

Eine weitere Eigentümlichkeit des Manuskripts ist die häufige 
Assimilation von auslautendem 2 mit folgendem anlautenden n, s. var- 
nan ne 10” 1, varnan na° ı 1° 2, °ranna 29° 1, °turtthan na 30° ı, liyan na 
43° 4: aber umgekehrt findet sich auch Anusvara für auslautendes n, 
s. "kramayam 11° 1, trliyam 27" 4 und wahrscheinlich auch bhavam 
40° ı. Die Vermischung beider Erscheinungen zeigt sich am deut- 
lichsten in tasmimnneva go” a'. 

Schließlich sei noch bemerkt, daß in diesem Manuskript die 
Zeichen für Zu. n und eu. deutlich voneinander geschieden sind; 
dagegen besteht zwischen anlautendem x und r« bzw. zwischen @ und 
r% kein Unterschied. 

Ich erwähnte bereits, daß die erste deutlich erkennbare Regel 
dieses Fragments mit der Regel, die gleich Kat. ı.ı.ı6 ist, beginnt 
und mit der Regel, die Kät. 1.5.17 gleicht, schließt, daß unser Buch 
also höchst wahrscheinlich das ı. Buch der Grammatik, das Sandhi- 
prakarana, umfaßt hat. Die Kapitelschlüsse stimmen ebenfalls mit dem 
Katantra überein, s. 23° ı samaptah für Kap. 2, 25° 3 samapt° für 3 
und 41° 3 caturtho für 4; ob auch eine Sehlußbemerkung für ı vor- 
gelegen hat, läßt sich nicht feststellen, da gerade an dieser Stelle ein 
Blatt zu fehlen scheint, s. die Bemerkungen zu fol.ıo u. ı1. Daß das 
Kapitel aber sicher wie im Katantra mit der Regel lokopacarad grahana- 
siddhih geschlossen hat, erweist das unter I behandelte Säradä-Fragment. 
Auch die einzelnen Regeln stimmen größtenteils wörtlich zu denen 
les Katantra, aber es liegen doch wieder einige Abweichungen vor, 
die erkennen lassen, daß wir hier eben doch nieht unser Kätantra 
vor uns haben, sondern einen älteren Text’. Im ı. Kapitel sind die 
Regeln 21 u. 22 umgestellt, s. oben S. ı83 unter I; im 2. Kapitel er- 
scheint die Regel 16 in ayadınam yavalopah padante na va und lope 
lu prakrtih geteilt, s. fol. 19 u. 20. Ob hinter ı. 2. 17 u. 18 noch eine 
Regel gestanden hat. die dem Katantra fehlt, läßt sich bei dem lücken- 
haften Manuskript nicht ausmachen, s. fol.2ı" u. 22 und die Bemer- 
kungen zur betreffenden Stelle. Im 4. Kapitel finden sich zwischen 
7 u.8 zwei unserem Kätantra fehlende Regeln, die den Einschub von 


' Siehe auch bhavamn 36° 3 u. 4, 37% 4, 38° 2 u. 3. 


® Der Ansicht von Fıxor (Bulletin de l’Ecole Francaise d’Extreme-Orient T. 7, 
1907, S.145), daß es ein Textus amplior des Kätantra sei, kann ich mich nicht an- 
schließen. 


E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 180 


k und £ nach n und n vor Zischlauten und von Z nach f und 
vor s behandeln, s. fol. 34*—35" und vgl. Pan. 8. 3. 23—30. Im 
5. Kapitel hat die Regel S (Kat. aghosavatos ca) wohl akaraghosavatos ca 
gelautet, s. 46° 3, eine Fassung. die trotz des ausführlicheren kara besser 
ist als die des Katantra, weil damit ein Irrtum ausgeschlossen ist. 
Zwischen 10 u. ıı findet sich wieder eine Regel, die dem Katantra 
fehlt, von Dursa aber künstlich hineininterpretiert wird, sie betrifft 
den Sandhi von bhago(h) und agholh), s. fol. 49 u. 48 und vel. Pän. 8. 
3.17. Schließlich scheint die Regel Kat. ı. 5. 13 unserem Text ge- 
fehlt zu haben, doch ist das nicht ganz sicher, s. die Bemerkungen 
zu 48” 2 ff. 

Unser ganz besonderes Interesse verdient der Kommentar. Die 
Tatsache, daß hier schon in so früher Zeit die Sutren mit einem Kom- 
mentar verbunden sind, legt die Vermutung nahe, daß der Verfasser 
der Grammatik selbst den Kommentar dazu geschrieben hat, wie ja 
auch Caxpra selbst eine Vrtti zu seinem Vyakarana verfaßt hat'!. Da- 
gegen spricht nicht, daß 9° ıf. unter vaksyati hi »er wird nämlich 
lehren« eine Regel aufgeführt wird, die gleich Kat.2.3.1ı ist, denn 
auch sonst sprechen Autoren, die selbst einen Kommentar zu einem 
eigenen Werke verfaßt haben, von sich in der 3. Person, wie Vamana 
in der Kavyalamkaravrtti und Visvanatha im Sahityadarpana. Bei 
dem unmittelbar vorher, s. 8” 4, stehenden nas tatiraitatpratye, was 
doeh wohl nur als raksyamas tatraitat pratyetaryam ergänzt werden 
kann, ist leider das zugehörige Zitat weggerissen, so daß sich nicht 
kontrollieren läßt, ob der Kommentar an jener Stelle ein Sutra oder 
eine Stelle des Kommentars zitiert hat. Auch 9” 2 traivodah bleibt 
zweifelhaft, ob tatraicodaharati oder udaharamah oder udaharanam zu 
ergänzen ist. Alle weiteren Hinweise auf den Verfasser fehlen. Kann 
(lie Frage über den Verfasser also einstweilen nicht sicher entschieden 
werden, so erscheint mir doch so viel sicher, daß der Kommentar so 
gut wie die Grammatik aus Indien nach Zentralasien herübergekom- 
men ist, denn Dursa bzw. sein Vorgänger muß diesen Kommentar 
noch gekannt haben, sonst wäre meines Erachtens die große Über- 
einstimmung, die zwischen diesem Kommentar und dem Dursas zum 
Kätantra besteht, nieht zu erklären. Sie zeigt sich besonders bei den 
Beispielen so auffallend, daß man sie nicht einfach damit motivieren 
kann, daß es sich um die bekannten feststehenden Schulbeispiele 
handle; aber auch sonst finden sich mehrfach Redewendungen, die 
sich merkwürdig mit den Bemerkungen an den betreffenden Stellen 
bei Durca decken. 


! Siehe Lıesıcn, Cändra-Vyäkarana S. VII. 


190 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. Mittheilung vom 30. Januar. 


Der Kommentar ist im wesentlichen einfach und durchsichtig; 
im eigentlichen Sandhiprakarana, d.h. von Kap. 2 ab, wird er ganz 
schematisch und formelhaft. Zur Einleitung des Sutra werden dort 
regelrecht die in Betracht kommenden Beispiele ohne Sandhi vorauf- 
gestellt, dann folgt das Sutra, dann eine ganz einfache Paraphrase, 
die zumeist mit der Bemerkung vyam (doch wohl = vyakhyanam) > 
tad bhavati abgeschlossen wird, s. 13°1, (bı u. 4), 15° 1, 16” 1, (17® 3), 
19° 4, (202, 21%4, 22%3)1 3302, 3503, (36 2),war 30 Bee 
a3” 2, 45° 3, 47° 1, (48° 3); nur zweimal findet sieh xyam tad bha°, näm- 
lich ı8°2 u. 39” 3 (an letzter Stelle aber durelı das Schnürloch ge- 
trennt), und einmal, 31° 4, steht ryam- allein. Dann folgen die Bei- 
spiele nochmals der Reihe nach, und zwar erst in Pausa-Form, dann 
in Sandhi. Gegenbeispiele fehlen merkwürdigerweise gänz- 
lich. Dann und wann wird eine in Betracht kommende Regel zitiert, 
nur selten finden sich eingehendere Erörterungen, die übrigens in- 
folge der Lückenhaftigkeit unseres Manuskriptes meist unverständlich 
bleiben. 

Ich gebe nunmehr den Text, und zwar der größeren Anschaulich- 
keit wegen möglichst genau in der Form des Originals: weggerissene 
oder nicht mehr erkennbare Zeichen werden durch einen Punkt, vom 
Schreiber absichtlich offengelassene Stellen (s. S. 187) durch ein 
Kreuz (t) markiert, die Pausa, dem Manuskript entsprechend, entweder 
durch ein Häkchen (») oder durch Doppelstrich ( ). Wo es für das 
Verständnis nötig schien, habe ich auch den Virama durch einen 
Schrägstrich unten am betreffenden Buchstaben kenntlich gemacht. 


TI, Söreug. 6° ı r jihvamaliya 

OL taNfe 2 yahı + 
ı’ ı jü-kha 3 io va 
2" 4 r- ekäsamo nu (2) | 4 .jna pratyela 
2” ı kak- 6" ı nayasamjnaya 
3" ı danam ta 2 upaddhına 
3”4 tram pa 3 ty anusv@ 
4" ı vah khalı varn- 4 städ bindus tasya 

2 ‚Maya ı 7" ı vyas tad yathıa » am 
4” 2 JAjR- 2 prayo 

3 nyanu (?) | 3 janam i 

4 he yav etav ak- 4 rayor artthopala-au 
5" ı ryanıya ily e 7’ ı rithopalabdhau pa 

2 ah ii 2 lauyam 
573 ty- tavya 3 sa rggajam nat 

4 Imyasamjnaya 4 nama vrkso yni 


Gi 


gb 


10" 


Io 


Il 
12 


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2 
3 
4 
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2 
3 
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5 
4 
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DH Porn P$Pwn 0 


akhyataypam puna 
pacyate 
di > aupa 


ni» nir ud duh sam vy ac@ 


ty-vamddi » naipataj- 
utaho 
0 tyevamı- 
mas tattraitat pratye 
ne vaksyati hi» 
sa steatu 
di | ana 
d asalm|moharttham api 
k-matam vislesanam 
traivodah- 
m adha 
tv@ tasmimneva 


stad vyamja 


d vyamjanam tad yath- 
ka m pür 
 oyamjama 
nayel vyamjan- khal- 
tatparam varnan meta 
darutr 
pa carad gr- 
sya khalupacara 
natikramayam visle 
ram adha 
dirgghrbh- 
mänah khalı purvvah » 
t- paras ca lopam apa 


sva 


varnan na 

da ndäyra-, 

saddhau | dadhi id- 

madhüdakam_ pitr 

ka rah > + k- 
yogam sa 

e » avarnah khal- 

ekäram üpadya . 

n ta .i 

ka m_uva 

wvarne pratyaıye 

-opam_ vyam » tad bhava 

m tava 


a 


14 


14 


16° 


16° 


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E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 


ra h khalu pa 
ar_bhavali para .lo 
vati » tava rsa .la 
vorne al 
ca rne pralya 
lopam äpadyate » 
valkarah tava e 


v-am 


ai aikare 
re pratyaye 
dyate paras ca lopam 
lavaisa »s@ ailik@ 
odanam 
au aukare 
kare pralyaye au 
ras ca lopam vyam + 
van danamı 
dadhr a 
rne na ca paro lopp- 
asavarne pratyaye 
loppya 
dadhy altra 


ro 
itra 
urarnah khahı pü 

m apadyate na ca pa 
madhı attra » ına 
rna Ah» rva 


pratyaye rakaram @ 


vyam » tad bhavati » pür 


lam Iva 
r[n]aıı 


padyate na ca paro I- 


ASAUA 


h klamah ne ana 
pw rcah sarva 
vati na 
vati » ne anam, nay- 
aikarah khalu pw 
ay bha 
n tad bhavati 
.anah - 0 av 
r-su pratyayesu 
vyam tad bha 
akah > 
pürvvah sarvvassvares- 


191 


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Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


na ca paro lopyah 
kahı | te 
[72 sanam 
r tau mi » tau 

av, au av ay- 
na var ay- 
yor llopo 
yä +» vyam +» tad bhavali 
-@ layahuh > tasmai 
yadiva 

.» pala utli 
h +» tau ünau » ta 


MS 


ahuh » tasmai @ 
Ü maure a 
5 v ay@ 
fu pprakrtih > a 
karayolr] lope kr 
d bhavati 
[77 sanam 
s[fhjah » pata uttis|th]a 
» pato altva > e 


hr ekara 
r- akaro 
vati » te atra » te tra 
rbudah » mara r 
rne na ca pa 
varna h » svara 


loppyo vyamjane 
nadistho loppy- 
o rore I- 
vati » na 
rurrutah » ma ru 
. m_na vyamjane svar- 
Jane pra 
n tad yath- 
nadhighata ._. 
samäptah > 
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pata 
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iha »hamgho ä 


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m amt » bahuvaca 
Iyaye prakrtty@ bha 
» amt 
nupa dist@ 
nopadisträs te 
ke ca te plut@ 
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samapt- 
» sat, atra » sat, 
dati irstup_ atra 
mäh pa 
ti yan, cavi 
-ah svaresu pratya 
n äpadyanle » c- 
; tad bhavati ». 
k_gada 
sa. tra +» sat, gad- 
tad attra » tat gada 
stub atra 
dati | vak, may- 
yam, sat maya 
stup_ mayam, trstu 
s tr tıya 
niah pamcame 
n apadyamle triiyam 
yam, vanmayam, 
m, sanmayam, 
t_ ma yamı, 
t-st-p_ mayam, tr 
surah vakchurah » 
-yama h > sat chy@ 
ta m_tac chve 
stup_Sruyati + 
st.p srüyali» va 
t hasati 
sati » tat h- 
st-p_ hasati > te 


34 


E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 


- 


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Do vv +. on Hm now 


Dr Po DH Po DD HH po DD pn LH pw nn Hp 


stupmayam. väk, 
» sat syama 
m_Irstup_ sru 
- vargapprathamebhyah sa 
raparas cchakäran na va: 
ra sakarah svara 
ka raparah raka@ 
-yate vibhasaya = 
turtthan na ca » tebhya 
.pa ro hakärah pürvva 
vi  bhäsayä + 
svaraghosavatsu trti 
k_hasati vag ghasati 
t hasatı 
sati » tat, hasa 


va 


sad ha 
va tad hasati »tr 
yadi va trstub ha 
ca ranam_ tat_ cha 
m tat_ jhasanam, 
nam, tat_ tha 
kanam, tat na 

vargesu » takarah 
ca lavargesu pratyaye 
-yate » vyam » aghose 
d bhavati » tat. lavana 
ra nam, tac carana 
ta c charanam. tal, 
nam, lat_ jhasanam, 
ta + tva » tat lasanam, 

nam. tat thadanam, 

lad da yanamı tat, dhau 
nam, tat_nalva » ta 
karah khalu pada . 
ka ram apadyati » vyam + 

nam, tac sarana 
sagan, attra » rajan. 
dhah svare dvih » hanana kha 
dha@ 
vatı tryan, atra » türya 
sugann atra »ra@ja 
S-t- » sugan_ sa-d- 


-au katäbhyam sasase 


h svare pralyaye dvi 


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-aU khalu padantau 
katabhyam vyapadhiyaite 
» Bryan sete » tiryyanı- 

-U 


gant sande » b-y- 


-sA rasi sat saha 
srani » bharän. s- 
lakarena va » tanau 
tya ye takarena va 
yä + vyam » tad bhava 
» satt sahasräni > ya 
bhavan. sadhu » bhavat s- 

bhavan. cara 

no ntas cachayoh 
pürvvam nakärah kha 
yoh sakaram apadya 
ta d bhavati » bhava 
Ei » bhavamn, chat|tre 
na » bhavamn. tasaya 
thayoh sakäram, nak- 

yoh parayoh 

nusvarapurvranı, 
n_ tasayati » bhava=s-a 
dyate anusvarapı 

lavanena +» bhav- 


bha 


van + tva » bhavamn, 


va n_jayati 

su + karam, » nakarah 
karesu pratya 

dya te » oyam + lad bhavat- 

bhava + yati » bha 

na +» bhavams thakar- 

n_thakarena » 

na karah khalu pa 

yoh sakaram apadya-e 

tad bhavati » bhavan. t- 

n_thakarena 


va 


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bha 
khalu padantah I- 
na +» bhava 

bhavag surah 
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hu padantahı sakare pra 


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Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


-asaya » vargappratham- 


sva rayavarapara 
-yam tad bhavati » bha 
rah » yadi 

bhava- dhaukyati 

pa ras tu nakär- 

pa dantah dadhan- 
karam apadıyate- vyam 


ti » bhavan deyati > 

n dhaukyati > 
-a n natva » | ta- 
ram vyamjane » ma 
pratyaye amu 


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suramtam Su 
ta ın_ karati varge 
makarah khalu pada 

pamcamapadyate vibh@ 
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m, karoti » tan- 
roti caturtho 
kah carati 
ch- v@ sam, visa 
re sakaram apadya 
ram varnam nayel, 
kas carati » kah chat-e 
yati » kah stäsaya 
karena » | ka 
» te the va sam, 
v@ the va pari sa 
kah tarati » ka 
karena » ka 
kah khanati » k- 
r jihvamüliyan na va 
khhayoh parayor Jihwva@-% 
sa ya vyam + lad bha 
roti » yadıva 
ti» kah khanati » ya 
kah pacati » 
phayor üpaddhm- 
yah khalu paph- 
d-anıyam apadyate vi 
kah pacati » ka paca 
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su pratyayesu 
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kah ssete » yadiva ka 
 yadiva kah sande 
yadiva kah sa 
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d-tparah 
» kah atrah ko 
raghosavatos- 
tosca maddhye visarjant 
rna + +» lad bhavati » ka 
h iha kah . 
ssvare yam va» 
rjantjah a 
va » vyam +» tad bha 
yadi va kay i 
tra » bhoh atra 
vam eva ssvare » Akar- 
h bhoparas ca ssvare pra 
lo pam apadyate y- 
tra » k@ atra » 
h bho atra » ya-i v- 
bh-bhyam bhag- a 
ghosavati ppra 
» tad bhavati » k- 
ti » bho gaccha » bho ga 
ghatasva » aghoh v-J- 
» ‚agni dahat- 
ro ram ghosava 
I- visaryant .h 
h atra » 
bhyam ca. bha 
niyah svare pra 
lopam äpadyate 
» bhago atra ». 
tra . agho at- 
hah gacchamti 
- aghohı 


E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 


195 


50" 4 k-tir anami 53” ı agn- rathe 
so” ı visarjanıya ya ni 
5ı" ı sasapar- 54'4 ppyaha . 
2 $ ca visarja San 1% mipa...C0: 
3 padyate 2 -im 
4 ti> sa gacchati 55" 4 nah svah prätah 
sı? ı var na visa-ja 55" 1 yasamjn- h pra 
2 visa-ja Slot lı (475 
3 ti» tad bha 56° d bha 
4 h rathe Se a inase pro 
E93 agni 57" ram üpa 
4 Yy- pra@ 55° pa upa 
S2’ı tra ssva 5 m 
2 vati 59° ga 
53’ 4 pürvo dirggha Sehr 0 


Die Reste von ı—3 sind so dürftig, daß ich sie nicht einzu- 
ordnen vermag, auch bei 4 bin ich nicht sicher, 4° ı dürfte eventuell 
zur Paraphrase von 1. 1. 14 (antahstha@ yaralavah) gehören, so daß also 
yaralavah khalu varndh zu ergänzen wäre, dann müßte natürlich 4" 2 
zur Einleitung von ı. 1.15 gerechnet werden. Ist das richtig, dann 
muß aber das Blatt umgedreht werden, und der Inhalt von 4” gehört 
zu 1.1.13 (amunäsika nanananamäh). Auf sicherem Boden stehen wir 
erst von fol. 5 ab. 5*ı gehört zur einleitenden Bemerkung des Kom- 
mentars zu 1.1.16, Z.2 gibt das Sütra: ah iti [visarjanıyalıl: 5" 3 
dürfte den Schluß der Erklärung von ı.ı. 16 bilden, während 5" 4 
und 6° ı zur Einleitung von ı. 1.17 gehören. 6° 2 ist der Schlut 
des Sutra erhalten: [Aka iti jihvamül]lıyah. Eine Paraphrase wird hier 
wie bei den beiden folgenden nicht mehr gegeben. da sie schon bei 
1.1.16 erledigt ist. Das r vor jihvamalıya 6° ı dürfte als vajrakrtir 
zu ergänzen sein, s. Dunca zu Kät. ı. 1. 17, und entsprechend wird 
6° 3, das zur Einleitung von ı.ı. 18 gehören muß, [gayakumbhäkr]tir 
var[nahı] gelautet haben, s. D. zu 1.1.18 und vel. 6" 4 [uparilstad bindus 
mit D. zu 1. ı. ı9 bindumätro varnah. — Auf 6° 2 hat wohl die Regel 
1.1.18 gestanden: [hpa iti]' upadhmalniyal]. 6° 3—7"ı bilden die 
Einführung zu ı. 1.19, mit am beginnt die Regel selbst: am [ity 
anusvarah]. 

7'2—3 dürften zur Einleitung von ı.1ı.20 gehören, aber die 
Reste sind so dürftig, daß sich Bestimmtes darüber nicht behaupten 
läßt. 7° 4 gibt das Sütra 1. 1. 20 [pürvapa]rayor arthopalabdhau | padam], 


ı Allerdings ohne Sandhi. 


196  Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


z’ıu.2 enthalten die Paraphrase, während 7"3—9'3 eine sachliche 
Erörterung zu dieser wichtigen Regel enthalten. Der Kommentar er- 
örtert offenbar die 4 Arten der Worte, der alten Klassifizierung ent- 
sprechend (s. Rk-Prat. ı2. 5, Vaj.-Prat. 5. 46, Nirukta ı. ı, Brh.-Dev. 
I. 39, Pat. Einl. z. Mbhas. I, 3, 17 K'.). Der Wortbegriff ist entweder 
namajyam (so ergänze ich, dem akhyatajyam usw. entsprechend) nominal 


Beispiele für naman sind erkso’gnih” — oder akhyalaja (s. 5° ı), ver- 
bal — von Beispielen ist nur paeyate erhalten. daß aber mehr Verba 
dagestanden haben, erweist 8° 3, wo zweifellos [öyeramaldi zu ergänzen 
ist — oder er stammt von einer Präposition, upasargaja® — Beispiele 
nir, ud, duh, sam, ci, ava, @ usw. s. 8? 4—”"ı — oder schließlich von 
einer Partikel, nipataya -—- von den Beispielen sind nur uta und aho 


erhalten, s. S’ı—-3. Zu $”’4 u. 9*ı s. oben 8. 189, die 9* 2 zitierte 
Regel ist Kat. 2. 3. ı [yusmadasmadoh padam padat sa]sthicatulrthr- 
deitiyasu vasnasav üyaldi. 

Die große Pausa 9° 3 zeigt den Schluß von ı.ı.20 an, mit 
na beginnt die Regel anatikramayan vislesayet — Kat. 1.1. 22 (! s. oben 
S. 183), das d 9" 4 bildet ihren Schluß. Zu asammohartham apü@ vgl. 
D. zu 1.1. 22 asammohärtho yam yogah. Die Erklärung reieht bis 
10" 3, wie die Pausa-Striche erweisen: über den Inhalt läßt sich aber 
wegen der Lückenhaftigkeit des Textes Bestimmtes nicht sagen. 
10° 3 u. 4 haben wir die Regel ı.ı. 21 eyanjana|m asvaram param 
rarnamı) nayet, das Folgende gibt die Paraphrase: aber der Kommentar 
ist ganz aus der Konstruktion gefallen, denn der Schluß kann doch 
kaum anders als netaryam ergänzt werden. Die folgende Zeile ver- 
stehe ieh nicht, 10” 3 enthält die Regel 1. ı. 23 [loko]pucarad gr[a- 
hanasiddhil]; 10” 4 beginnt deren Paraphrase [loka]sya khalapacaralt), 
nach dem Platz, der zur Verfügung stelit. kann dieselbe aber un- 
möglich schon auf 10” zu Ende geführt sein, sondern müßte noch 
auf das folgende Blatt hinüberreichen. Dort wären auch sachliche 
Ausführungen und Beispiele für die Regel zu erwarten sowie eine 
Angabe über den Kapitelschluß, da das ı. Kapitel mit dieser Regel 
schließt (s. oben S. 188). Das uns vorliegende folgende Blatt steht 
aber offenbar schon bei der Einleitung von 1.2.1; ı1*ı wird (die 
Regel [a]natikramayan vistelsayet| = Kat. ı. ı. 22 zitiert‘, und 1 1"3 bringt 
schon das Sutra 1.2. ı [samanah savrarne| dirghebh|arali paras ca lopan|], 


! Vgl. Burserr, On tlie Aindra School of Sanskrit Grainmmarians 1875, S. 12. 
® Mit Absicht scheint hier ein Fall gewählt zu sein, wo nach den Sandhi-Regeln 
Schwund des anlautenden Vokals eintreten muß, s. Dursas Ieira, yajante'tra. 
Der Text hat hier auffallenderweise aupa|sargajam) s. 8° 3 und entsprechend 
8% 1 naipälaj| am]. 


' Zu 11% 2 svaram adha vol. 9» 3. 


E. Sızs: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 197 


wie die folgende Paraphrase beweist. Es scheint mir daher „anz 
zweifellos, daß zwischen ıo u. ıı ein Blatt verloren gegangen ist. 


Dieser Verlust — es kann sich eventuell auch um eine Verlegung 
der Blätter gehandelt haben -—— muß dann aber schon vor der Ver- 


einigung der Blätter durch das Schnürband liegen, da das Schnür- 
loch bei ı0 u. ı1 unversehrt ist. Mit ı1? ı [bharalifi] paras ca lopam 
apa|dyate| schließt die Paraphrase von 1.2. ı, in der folgenden Zeile 
dürfte die Regel ı. ı. 21 [vyanjanam asvaram param]| varnam nal yet] 
zitiert sein. dandagram (l. |danda agram] dandäagram) ı1° 3 wird auch 
bei Durca als Beispiel für a gegeben, desgl. dadhidam und madhitda- 
kam (s. 11” 4 u. 12° 1) für © und u, ob aber in unserem Text auch 
ein Beispiel für @ gestanden hat (bei D. sägata), bezweitle ich, da 
auch die Beispiele für 7 und @ (D. nadihate und vadhüdham) fehlen. 
Was in Wirklichkeit hinter dandägram gestanden haben mag, weiß 
ich nicht zu sagen, saddhau ı1° 4 verstehe ich nicht. Zu pär ı2*ı' 
ergänze ich nach D. rsabhah; das Beispiel für r (D. krkarah) dürfte 
wiederum fehlen, ich vermute, daß ı2" 2 so zu ergänzen ist [A/ ka- 
rah-[kl]klaran] (s. auch D. in den Hdss. B. C.E.); kl ist von dem 
Schreiber absichtlich weggelassen, s. oben S. 157. Wie 12" 3 zu er- 
gänzen ist, vermag ich nicht zu sagen. Das e 12" 4 bildet den Schluf 
von 1.2.2 [avarna ivarne]| e, das Folgende gibt die Paraphrase, das 
Beispiel 12” 2 ergänze ich nach D. ta|va] i[ha taveha]. Dahinter dürfte 
wahrscheinlich das Beispiel für die Z. 3 folgende Regel 1.2.3 ura- 
[rne 0], d.h. wohl [tava udalkam, bei D. tavohanam und gangodakam, 
gestanden haben, denn von jetzt ab werden ständig die in Betracht 
kommenden Beispiele ohne Sandhi als Einleitung voraufgestellt, und 
der Kommentar wird so schematisch (s. S. 190), daß ich mich fortan 
kürzer fassen kann. Mit [paras ca l|opam 13° ı schließt die Paraphrase, 
zu vyamrtad bhavalti] s. S. 190, die Lücke enthielt das Beispiel |[/ava 
udakam tavodaka]ın. 

13" 2ff. Beispiel für ı. 2. 4 ist tava rsabhah, s. 13° 2 u.bı (bei D. 
lavarkärah), das Sutra rvarne ar hat in der Lücke zwischen 13° 2 u. 3 
gestanden. 

13” 2 [/Jvarne al= ı. 2. 5, Beispiel tavalkarah wie bei D. 

14" ıff. Die Beispiele für ı. 2. 6 [ekare] ai aikäre [ca], s. 14" 2, 
sind tava esa und s@ aitikaya[ni?], s. 14” 1, bei D. tavais@ und saindri. 

14° 2ff. Für 1. 2. 7 [okäre] au aukare [ca], s. 14” 3, gibt D. die 
Beispiele tavaudanam und saupagavt; das ı. hat in unserem Text auch 
gestanden, wie das 2. lautete, läßt sich nicht feststellen. 


ı Zu madküdakam pitr vgl. 10% 2, vielleicht ist dort diese Stelle zitiert. 


Sitzungsberichte 1908. 21 


198 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


ı5° 3 Natürlich ist dadh al|tra] zu lesen (wie 16° 2 madhu altra), 
Z. 4 ist der Schluß von ı. 2.8 [iwarno yam asavalrne na ca paro lop[yah] 
erhalten. D.s Beispiele sind dadhy atra und nadıy esa. 

ı5° 3 Hinter den Pausa-Strichen muß madhu atra und vam uvarnah 
— 1.2.9 gestanden haben, D. madhv atra und vadhvasanam. 

16° 3 Der Schluß von ı. 2. ıo [ram rvalrnah, das Beispiel wird 
pür arthah sein, D. pitrarthah und krarthah. 

16°’ 2 Der Anfang von ı. 2. ı1ı /am lvalrnah], als Beispiel wird 
hier wunderbarerweise Alamah gegeben, s. 17° ı, das der Kommentator 
demnach von einer Wurzel kl + Suff. ama abzuleiten scheint, D. hat 
lanubandhah und lakrtih. 

1ı7°ı Für eay = ı.2.ı2, das hinter ne ana|m]' zu ergänzen ist, 
gibt D. nayati neben .agnaye; für ai @y = ı. 2. 13, das 17” ı gestanden 
haben muß, nayakah neben r@y aindri, nai akah n@yakah dürften wir 
also wahrscheinlich hinter ı7” 3 [eyam] » tad bhavati zu ergänzen 
haben. 

Für o av = ı.2. 14, s. 17” 4, hat D. die Beispiele /avanam und 
patav otuh; hier scheint pavanah gestanden zu haben, denn vor anah 
17°a ist noch ein Stückchen des voraufgehenden Aksara erhalten, das 
auf ein p schließen läßt. Genau das gleiche ist vor akah ı8° 3 der 
Fall. so daß wir für die unmittelbar dahinter zu ergänzende Regel 
au av — 1.2.15 p@vekah als Beispiel anzusetzen haben; D. gibt hier 
gavau und g@vah. Für ı. 2. 16° (die Regel Kat. ı. 2. 16 wird hier, wie 
wir oben sahen, in 2 Regeln geteilt) ayladımam yavalopah padante] na 
va, s. 19° 1—2, haben die Beispiele wie folgt gelautet: fe @huh, s. ı8?2 
u. 19° 1, tasmai asanam, s. 18° 3 u. 19° ı, pato uttistha, s. 19" 3 u. 20° 4, 
und au imau, s. 19° 4: tau imi ı8” 4 (das i ist ganz verwischt) ist wahr- 
scheinlich nur verschrieben und deshalb vom Schreiber nochmals auf- 
geführt worden. D.s beide ersten Beispiele sind mit den obigen iden- 
tisch, statt pafo uttistha hat er pato iha, für au aber asau induh. Vor 
ayladımam) ı9° ı werden natürlich außer o av und au av noch e ay und 
ai @y, also die 4 in Betracht kommenden Regeln 1.2. 12—15, ge- 
standen haben. 

20° ıff. erscheinen dieselben Beispiele für ı. 2. 16” [Zope] tu prakrtih, 
s. 20" 4, desgl. hinter imau 20*2 nochmals die Regeln 12—15, dazu 
kommt mit aya 20° 3 wahrscheinlich noch 16%. 

21°ı. Beispiele für ı. 2. 17 e|dotparah padante lopam akarah], s. 
Z.1—2, sind fe atra (s. Z.4) und pato atra (Z. ı) wie bei D. 

Der Abschnitt 21”—22* (vgl. Taf. II, 2a) ist mir unverständlich, 
was sollen rdudah und mara r 2ı” ı und rurrutah » maru 22*4?— 21° 2 


! = nayanam. 


E. Sıeg: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 199 


dürfte auf die Regel 1. 2.3 gehen, während 22*2 ro re I[opam svaras 
ca purvo dirghah] = 1.5.17 zu zitieren scheint. 

22” ı enthält die Regel 1. 2. 18 na vyamjane svar[äh samdheyah), 
aber das Beispiel 22” 4 ist nicht klar. Ist etwa dadhighatam zu lesen? 
D.: devigrham, patuhastam, mältrmandalam usw. 

23° ı. Schluß von Kap. 2. Es folgt ı. 3. ı [odanta ai u äü nipatah} 
svare prak[rty@]. Die Beispiele sind durchweg anders als bei D.. vor 
iha 23” ı wird doch wohl eine einsilbige Partikel auf o gestanden 
haben; hamgho ist bisher noch nicht belegt, dagegen zitiert BornrLisek 
Pet. W. hamho als Interjektion des Anrufes; das Beispiel dürfte hamgho 
ägacchami gelautet haben. Die Reihenfolge im folgenden scheint 


aber durchbrochen zu sein, denn hinter iha 23” 3 würde man vielleicht 


{oder v, aber nicht a erwarten. Der Anfang von 23” 


4 ist nicht klar, 
zunächst ist nicht sicher zu erkennen, ob das erste Aksara ca oder 
va zu lesen ist, da der untere Teil fehlt, auch was unter dem dha 
gestanden hat, ist nicht mehr zu erkennen; sollte es avadhvasa für 
apadhvamsa sein? Ein Imperativ ist wohl am Platz, s. D. a apehi, i 
indram pasya, u uttistha. 

24° ı beginnt die Paraphrase zu 1. 3. 2 dvivacanam amau. D.s Bei- 
spiele sind agn? etau, patis imau, sale ete, mäle ime. 

24" 4. Der Schluß von 1.3.3 [dahuracanalın amt. D.s Beispiele 
sind amr ascah, amt edakah. 

24° 3 anupadista[s ca] = ı. 3. 4, der Fehler upadisträs in der Para- 
phrase 24° 4 ist merkwürdig; daß die Regel die Plutas betrifft, lehrt 
auch Durca; 25° 2 dürfte zu den Beispielen gehören, das erste Aksara 
scheint ccha (ayaccha?) gewesen zu sein, D. gibt @gaccha bho devadattaz 
atra und fistha bho yajnadattaz iha. Mit dieser Regel schließt das 
dritte Kapitel. 

25" 4ff. Kat. 1.4.1 lautet varyaprathamah padantah svaraghosavatsu 
irtoyan, hier wird sie nicht anders gelautet haben, s. 25" 2 u. 3, cari 
ist vielleicht cavivarjitah zu ergänzen und gehört schon zur Paraphrase, 
die mit apadyante 26° ı schließt. Dahinter dürfte der Kommentator 
auseinandersetzen, daß c hierbei nicht in Betracht kommt, da es eben 
am Wortende zu % werden muß, vor tad bhavati 26° 2 scheint k\ ge- 
standen zu haben. Für jeden Fall wird ein Beispiel gegeben, nämlich 
vak atra und vak gadati, sat atra und sat gadati, tat a. und tat g. und 
tristup' a. und tristıp g., während D. nur vag atra und sad gacchanti 
gibt. Das Aksara zwischen sa und ira 26*4 ist verwischt, es scheint 
ta dort gestanden zu haben, das der Schreiber also wohl hat in da 
verbessern wollen. 

! Es wird hier und im folgenden ständig Zrstup geschrieben. 


312 


200  Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


26” 3 ff. Von den Beispielen für 1.4. 2 |pancame pancamam]s trtiyaln 
na va] s. 27°2 sind sicher zu ermitteln v@k-mayam, saf-mayam und 
tristup-mayam, für den Dental hat es vielleicht fat-mayam gelautet, 
s. 27”3, D. gibt vak-mati, sat mukhäni, tat nayanam und tristup minoti. 

Die Blätter 28 und 29 sind zweifellos vertauscht, denn [tri]stud- 
mayam 29°ı setzt das 27”4 begonnene Beispiel fort: trstup mayam 
tr[stum-mayam yadi va tr]stub-mayam, und mit vak beginnen die ein- 
leitenden Beispiele für 1.4. 3 vargaprathamebhyah sa|karah svarayava]- 
raparas chakäram na va, s. 29" 4—"ı, nämlich va@k-surah, sat Syamah, tat 
Scelam und tristup Srüyate, bei D. ebenso, nur tristup srutam. Die Para- 
phrase schließt 29” 4, 2S’ıff. stehen die Beispiele, 28” ı beginnt 
die Einleitung für ı. 4.4 telbhya eva hakarah pürvacalturtham na va 
s. 28S’a4 und 30*ı. Die Beispiele für diese Regel sind vak hasati, saf 
hasati und tristup hasati, bei D.: vak-hmah, sat halani, tat-hitam, und 
kakup-hasah. D. gibt hier merkwürdigerweise auch ein Beispiel für c, 
nämlich ac-halau = ac und hal, das aber in unserem Kommentar mit 
recht fehlt, da ac ja nur eine grammatische Fiktion ist. 

31° 2 gehört schon zu den einleitenden Beispielen für 1.4. 5 
[pararapam takaro lacatalvargesu s. 31” 2, es sind der Reihe nach tat 
lavanam s. 32" 1, tat caranam 31*2 u. 32*2, tat charanam (sie!) 31" 2 


u. 32° 3, das Beispiel für 7 fehlt an beiden Stellen, es muß 31" 2—3 
u. 32° 3—4 gestanden haben, tat jhasanam (sie!) 31" 3, 32" 4, tat Natva 
32° 1'; tat füsanam (sie!) 32” 1, tat thadanam (sie!) 32” 2, tat dayanam 


32” 3, lat dhaukanam 31° ı u. 32”3, tat natva 31” ı u. 32”4. — Dura 
hat entsprechend tat lunati, carati, chadayati, Jjayati, Jhasayati, nakarena; 
tikate, thakarena, dinam, dhaukate und nakarena. 

In der Lücke zwischen 32”4 u. 353"ı muß die Regel 1.4.6 cam 
se gestanden haben, das Beispiel ist Zat saranam s. 33° 3, bei D. haben 
wir tac slaksnah und tac Smasanam. 

33" 4ff. taryan atra, sugan atra 33"4 u. 33’4 und rajan atra sind 
die Beispiele für 1.4.7 [Hanana hrasvopa]dhah svare dvih s. 331, be 
D. lauten sie krunn atra, sugann atra und pacann atra. 

34'ıff. Die beiden nächsten Regeln fehlen unserem Katantra (s. 
oben S. ı88f.). Das erste Sutra, dessen Behandlung bis 34” 3 reicht, 
dürfte so gelautet haben: [nan]au katabhyam sasase[su vyavadhayete] S. 
34°2, denn so wird doch wohl das vyapadhiyaite 34° 4 zu verbessern 
sein: »7 und 2 im Wortauslaut werden von folgendem Zischlaut durch 
k bzw. f getrennt«. Zur Sache vgl. P.8. 3. 28, Ca. 6.4.12, die Bei- 
spiele sind tryan(k) sete, sugan(t) sande und tiryan(k) sarasi. 


! Siehe die Bemerkungen S. 187, diese Bildungen auf va (sie!) sind dem 
Kommentar eigentümlich, s. auch 37%4 und natva 32» 4. 


E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 201 


Die folgende Regel hat dann wohl [fanau si | fakärena va gelautet, 
s. 35°1: »f und n im Wortauslaut werden von folgendem s beliebig 
durch { getrennt«, s. P. 8. 3. 29—30, Ca. 6. 4.13— 14, Beispiele sind 
satt) sahasr@ni und bhavanft) sadhu. 

Mit 35" 2 beginnen die Beispiele für 1. 4. 8 no’ntas cachayoh |sa- 
karam anusvara|pürvam s. 35” 3—4, es sind bhavan carati und bharan 
chaitrena, bei D. bhavams carati, chadayati, eyavate und chyati. 

36" 4ff. Die Beispiele für 1.4. 9 [fa]thayoh sakäram, s. 36’ ı, sind 
bhavan tasayati (sie!), s. 36° 4 u. "4, und bhavan thakärena, s. 38° ı, 
(bei D. bhavams tkate und thakärena), denn die Blätter 37 u. 38 sind 
wieder vertauscht. [bha]van thakarena 38° 2 ist schon das zweite Ein- 
leitungsbeispiel für die unmittelbar dahinter zu ergänzende Regel 
1.4.10 lathayoh sakaram. Das erste Beispiel wird bhavan tarati (s. 
38” ı) gelautet haben, das läßt sich mit ziemlicher Sicherheit aus 
dem Beispiel zu 1.5.3 s. 43" erschließen, weil die zu 1.5.1ff. ge- 
gebenen Beispiele immer den zu 1.4. Sfl. gegebenen analog lauten. 
D. hat bhavams tarati und thudati. — Die Regel fr am 1.4.11 muß 
38” 3 hinter dem sie einleitenden Reispiel bhavan lavanena (bei D. 


bhavamllınati und bharamllikhati) gestanden haben. Leider ist die Stelle, 
wo der Sandhi ausgeführt, d. h. wo bhavimnllaranena stehen müßte, 
37° 2 weggerissen. — 37" 3 beginnen die Beispiele für die Regel 
1.4.12 | jajhanasakarelsu [ra]karam, deren Schluß wir 37” ı finden; 
wie das Beispiel für 7% gelautet hat, läßt sich nicht mehr ermitteln, 
sonst sind es bhavan jayati 37°" 3 u. ”4, bhavan [naltea 37°4 und 
bhavan süurah 39° 2, für die a sind 37"4. ”ı u. 4 Lücken gelassen, 
39° 2 steht fälschlich bhavag Surah für bhavan surah'. D.s Beispiele 
sind bhavan jayati, jhasayati, nakärena und s$ete. 

39° 3ff. Das Beispiel für 1.4.13 $ [ncau” va], s. 39° 3, ist wieder 
bhavan sürah. D. gibt 3 Beispiele, die er außerdem nach den 3 Mög- 
lichkeiten variiert, nämlich blavan surah, kurvan surahı und prasan 
sayanam, Unser Kommentar kann nach dem zur Verfügung stehenden 
Platz, s. 39° 34, nur 2 Möglichkeiten berücksichtigen. 39” 1—2 
wird 1.4.3 zitiert. 

Für 1.4.14 [dadhana]paras tu nakarlam], s. 40° 2, gibt der Kom- 
mentar die Beispiele bhavan deyati (sie!), Ss. 4o’ı, dhaukyati (sie!), 
s. 40*ı u. ?2, und natva, s. 40° 3, D. bhavan dinam, dhaukate und 
nakarena. 

40” 4 [mo’nusvalram vyanjane 1.4. ı5, das Beispiel ist fam suram 
40° 3 u. 41° 2, bei D. fram yasi, tvam ramase. 

! Siehe oben S. 187. 


2 So ist meines Erachtens statt des von Eserrıng in den Text des Kät. ge- 
setzten ncau zu lesen. 


202 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


Das letzte Sutra des 4. Kapitels lautet varge |tadvargapancamam 
va] s. 41° 3, einziges Beispiel ist {am karoti s. 41" 3 u. b2, während 
D. für Gutturale, Palatale und Labiale je ein Dept gibt: tvan karosi, 
tan carasi und pumbhyam. 

1.5. I lautet Kat. [visarjanzyas ce] che va sam, der Schluß ist 
noch 42" ı erhalten, die Beispiele sind kah carati, s. 41” 4 u. 424 
und kah chattrena, s. 42°4 und vgl. 35° 2ff. zu 1.4. 8 sowie die 
Bemerkung S. 201 zu 1.4. IO'. 42°3 wird Regel ı.ı. 21 zitiert. 

42” ı— 2. Für die folgende Regel ı.5. 2 fe the va sam bleibt 
zu wenig Platz übrig, da das einleitende Beispiel für ı. 5. 3 schon 
42” 2 beginnt. Offenbar hat der Schreiber hier versehentlich einen 
Teil seines Originals übersprungen, indem er von den einleitenden 
3eispielen gleich auf den Schluß herübergeraten ist; die Beispiele 
haben natürlich kah tasayati und kah thakärena gelautet, s. 36° 4 ff. 
zu 1.4.9. 

42” 3 te the va sam —= 1.5.3, Beispiele sind kah tarati und kahı 
thakärena, s. die Bemerkungen zu I.4. 10, 38" 2 ff. 

Für 1.5.4 [kakhayo|r Jihvamüliyam na va, s. 43" 4, erscheinen die 
Beispiele Aah karoti und kah khanati wie bei D., zum Jihvamulıya s. 
oben S. 186, für die Parallelregel 1.5. 5. |pa]phayor upadhm|anıyam 
na va], s. 44" 2, kah pacati und kah phalati ebenfalls wie bei D., zum 
Upadhmanıya s. oben S. 157. 

Die Beispiele für ı. 5. 6 [se se se va] v@ pararupam, s. 45° ı, sind 
kah sete 45"4, kah sande 44” 4 u. 45” ı und wahrscheinlich kah sarasi, 
s. 45” 2 u. 34” ıff., bei D. steht als letztes sadhuh. 

[um alkarayor ma[dhye]) = ı. 5.7. Beispiel ist kah atra, s. 
46° 2, bei D. ko’tra und ko’rthah; 46° ı wird sicherlich ı. 2. 17 edot- 
parah padänte lopam akärah zitiert. 

Die folgende Regel 1. 5.8 lautet im Kätantra aghosaratos ca, hier 
dürfte sie [aka]raghosavatos [ca] gelautet haben, s. 46° 3 und vgl. oben 
S. 189. Die Paraphrase ist nicht zu Ende geführt, der Fehler muß 
hier aber an dem Original des Abschreibers liegen, wie die offen ge- 
lassene Stelle hinter rna 46” ı beweist”. Das Beispiel läßt sich nieht 
mehr ermitteln, das erste Wort war ka[l], s. 46° ı, aber gacchati oder 
dhäcati wie bei D. wäre zu lang, da 46° 2 schon die einleitenden 
Beispiele für ı. 5.9 [aparo lopyo 'nyalscare yam va, s. 46° 3, bringt. 
Das erste von diesen hat kahı iha gelautet, Ss. 46° 2 u. 47" 2, das zweite 
ist nicht sicher. Das Zeichen hinter Akah 46” 2 ist nicht mehr deut- 
lich erkennbar, es sieht aus wie yu, das könnte aber an dieser 


! Auch bei D. lauten die Beispiele von ı1.5.1ff. den zu 1.4. 8ff. gegebenen 
analog. 
2 S. oben S. 187. 


E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 203 


Stelle natürlich nur irrtümlich für « stehen: D. hat kah iha und 
kah upari. 

Die Beispiele für ı. 5.10 [abhobhyam ejvam eva sware, s. 47" 4, 
sind kah atra, s. 47° 3 u.” 3, und bloh atra 47° 3 u.”4. Der Visarga 
am Anfang von 47" 4 ist nur versehentlich statt des Pausa-Zeichens 
geschrieben. D.s Beispiele sind deva ahuh und bho atra. 

Die Blätter 48 und 49 sind wieder vertauscht, außerdem ist hier 
zwischen 10 und ıı eine Regel eingeschoben, die unserem Katantra 
fehlt, die aber von D. nach einigen in die Katantra-Regeln 1.5.11 
u. 12 hineinzuinterpretieren ist: bho ity amantranaukaropalaksanam kecit. 
Es handelt sich um den Sandhi von bAayo(h) und ayho(h), und die be- 
treffende Regel dürfte [bhagoagholbhyam ca, s. 49° 2, gelautet haben. 
Zur Sache s. P. 8. 3. 17. Mit kah gacchanti 49” 3 beginnen dann die 
Beispiele für die 49’ 4 zu ergänzende Regel 1.5. ı1 ghosavati lopam, 
48° ı— 3 gibt deren Paraphrase, das Folgende bis 48” 2 die Beispiele‘. 
Zur größeren Anschaulichkeit will ich jedoch den ganzen Text so 
hierhersetzen, wie er vielleicht gelautet haben wird. 


49° ı [bhagolh atra +» [aghoh atra » bhayo 

2 agholbhyam ca » bhalgoaghobhyam vi 

3 sarjalnıyah svare praltyaye pare 

4 lopam apadyate [yadi va yam +» bhagoh a 

ı tra] » bhago atra +» [yadi va bhagoy atra >» a 
2 ghoh altra » agho at|ra » yadi va agyhoy a 

3 tra » ]kah gacchamti|- bhoh gaccha » bha 

4 goh vijaya] » aghoh [ghatasva » ghosavati lopam 
48° ı albhobhyam bhagoa|ghobhyam ca visarja 

2 niyah] ghosavati ppraltyaye lopam apadya 

3 te vyam] » tad bhavati -» k|ah gacchamti ka ga 

4 echam]ti » bho(h) gaccha » bho ga|ccha - bhagoh ghatasva 
48” ı bhago] ghatasca » aghoh cijalya agyho vija 

2 ya] » 


Die folgende Regel 1.5. 12 lautet Kat. [nzmipa]ro ram, es ist an- 
zunehmen, daß sie in unserem Text ebenso gelautet hat. s. 48” 3. doch 
läßt es sich nicht sicher behaupten, da die Reste von jetzt ab zu 
dürftig werden. Das erste Beispiel ist hier agnih dahati, was auch zu 
der mit ghosavati” beginnenden Paraphrase stimmt, während D. diese 
Regel anders faßt (würartham [s. Kat. 2. 3. 52] vacanam idam) und erst 
das folgende Sutra 1. 5. 13 ghosavatscaraparahı in dieser Weise erklärt, 


! Bei D. deva gatah, bho yasi, bhago vraja, agho yaja. 


?2 Anuvrtti von I. 5.11. 


204 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. Januar. 


denn erst dort gibt er die Beispiele agnir gacchati, agnir atra; pahur 
vadati, patur atra. Es ist darum leicht möglich, daß die Regel Kat. 
1.5. 13 unserem Text überhaupt gefehlt hat, denn das nächste Stück 
50°4 gehört schon zu der Regel 1.5. 14 [rapra]krtir anami| paro'pi). 

Fol. 51, das ich noch aus 3 kleinen Fetzen zusammensetzen konnte, 
enthält in 51" ı die Regel ı. 5. 15 [e]lsasapar|o vyanjane lopyah], in 
51’ ı die Regel ı. 5. 16 na visarjalniyalope punah sandhih], während 
auf 53° 4 die Regel 1.5. 17 [ro re lopam svaras ca] pürvo dirghalh] 
vorzuliegen scheint. 


m. 


Dieses Stück, gez. TIL, S 74, Nr. ı, stammt aus derselben Ge- 
gend wie das Sitzungsber. 1907, S. 466 ff. behandelte Fragment, näm- 
lich aus einem Sehutthaufen in der Schlucht von Sängim Agiz, so 
versicherten wenigstens die Leute jener Gegend, von denen Hr. voLeCoo 
es neben anderen Papierfetzen heterogensten Inhalts käuflich erworben 
hat. Das gelbbraune Papier ist stark zermürbt, und die Brahmı-Schrift 
ist sehr verblaßt. Auf jeder Seite stehen 6 Zeilen, und es scheint, 
als ob die ursprüngliche Höhe sich erhalten hat, dagegen fehlen die 
Ränder rechts und links (s. Taf. II, Abb. 3), und es läßt sich bei 
dem geringen Umfange des Fragmentes nicht sagen, wieviel an beiden 
Seiten fehlt. Wir werden sehen, daß die Regeln behandelt sind, welche 
Kät. 2. 6. 41—47 entsprechen, aber es ist nicht sicher auszumachen, 
ob sie alle genau so gelautet haben. Daß der Kommentar mit dem 
unter II behandelten identisch ist, halte ich für zweifellos, wenn- 
gleich er hier im Gegensatze zu der Breite und Klarheit, ich möchte 
fast sagen Harmlosigkeit im Sandhiprakarana, eine merkwürdige Kürze 
und Prägnanz zeigt. 


ı va » devaraja » devasakh- 

2 » chatropanaham » vägviprusam » upasaradam + 

2 -yaksadharmäh surabhigandhi » vadhüjani » gant 
4. niy-der lopah » danubandhe pratyaye a 

5 -o dv-dasa ter-i. ter api +» ter lopo 

6 e.vimsa... 

I aDa-N- 

2 ya » väsistha » ga.yah kapyah g@- gya. 

3 n-nlasya kvacit tu lopo bhavati » sva 

4 -dyam vartate » haslinam +» vemanya +» | u 

5 -v- . padayitavyah svare pratyaye ye cah bha 

6 eye kadrcas tu lupyate » ...tyaye pa 


E. Sıes: Neue Bruchstücke der Sanskrit-Grammatik aus Chin.-Turkistan. 205 


Auf der ersten Zeile beginnen die Beispiele zu Kat. 2.6.41 
samasanlayatanam va rayadınam adantata, zu devaraja und devasakha', 
s. P. 5.4.91 und Ratnesvara bei DurcAa zu Kat. 2. 6. 41, Sutra I, es 
fehlt merkwürdigerweise das Beispiel für ahan; zu chatlropänaham und 
vägviprusam S. P. 5. 4. 106, R. 36, zu upasaradam P. 5.4. 107, R. 38. 
Sehr instruktiv für die Erklärung der Regel sind |[prat|yaksadharmä@', 
surabhigandhi und vadhijani, da sie Beispiele für ursprüngliche a-Stämme 
bilden, die als letztes Glied des Bahuvrihi-Kompositums nicht mehr adanta 
sind, zur Bildung s. P. 5.4. 124,135 u. 134. Bei gan? dürfte vielleicht 
an ganikapäda, s. die hasty@dayah zu P. 5.4. 138, zu denken sein. 

Kat. 2. 6. 42 lautet danubandhe "ntyasvaräder lopah, hier steht aber 
nur 'nty[alder lopah, s. Z. 4. Mit dänubandhe beginnt die Paraphrase, 
(dv[aldasa Z. 5 scheint das Beispiel zu sein, vgl. P. 5.2.45, D. hat 
hier catvaärımsah, s. P. 5. 2. 46. 

Es folgt die Regel ter [ry[msu]ter api = Kät. 2. 6. 43. Hinter e[ka]- 
vimsa 2.6 haben noch 2—3 Aksaras vor dem Schluß des Kommen- 
tars gestanden, vielleicht ist ekavimxam satam gemeint, s. P. 5. 2. 46 
a. 3, D. gibt nur vimsah. 

avalrjna Z.ı d. R. gehört wohl zur Paraphrase von iwarnararnayor 
lopah svare pratyaye ye ca = Kat. 2. 6. 44, 2.2 gibt Beispiele dazu. 
Das Beispiel vor väsistha muß nach dem Schema, das der Kommentar 
im folgenden beobachtet, ein Beispiel für 7 gewesen sein, das ya dürfte 
also wohl als sauparneya zu ergänzen sein, Suff. eya von suparnt, Ss. 
P.4.1.120; vasistha, Suff. a von vasistha, s. P.4.1.114. Da wir ein 
Beispiel für @ zu erwarten haben, dürfte das nächste Wort galngelya 
(vgl. D.) zu ergänzen sein, Suff. eya von ganya, s. P. 4. 1. 120, Kat. 
2.6.4 — käapya, Suff. ya von kapi, s. P. 4. 1. 107 — gälr]yya, Suff. ya 
Mon garga, Ss. P. 4: 1.105, Kat. 2..6. 2. 

Z.4 gehört zur Paraphrase von nas tu kvacit = Kat. 2. 6. 45, 
hastinam und vaimanya|h] sind Beispiele für den Niehtschwund, die 
bei D. fehlen, vgl. P. 6. 4. 144 und 164ff., zu hästinam P. 6. 4.166, zu 
vaimanyah 6. 4.168 und die Glosse in Bönrrisexs Panini, ı. Aufl. 

Das folgende vw bildet den Anfang der Regel Kat. 2. 6.406 
uvarnas tv olvam Apadyalı (vgl. P. 6. 4.146), mit o|tvam @]padayitaryalı 
svare pratyaye ye ca» (sie!) Z. 5 schließt die Paraphrase, das folgende 
Beispiel war vielleicht bhargavah, bei D. haben wir aupagavah und 
babhravyah. 

2.6 eye 'kadrväs tu lupyate ist = Kät. 2. 6. 47, das ist die Regel, 
mit der das Sitzungsber. 1907, S. 466 ff. behandelte Bruchstück beginnt, 


! Visarga wird teils geschrieben, teils nicht, öfter auch an Stelle des Pausa- 
Zeichens gesetzt. 


206 Gesammtsitzung vom 13. Februar 1908. — Mittheilung vom 30. ‚Januar. 


zu dem ich hier am Schlusse noch einiges nachtragen möchte. Die 
Lesart laksmana (s. S.483f, 61) haben, wie mir Geheimrat KırLınorn 
schrieb, auch Säkatäyana 1.3.73 und Hemacandra 2.4.75, während 
die von K. verglichenen Manuskripte Paninis und der Kasika sämt- 
lich /aksana haben. 

kumbht (s. S. 48ı, 36—43) findet sich im Ganaratnam. 1.46 als 
Pflanzenname, und kadra (s. S. 483, 60) fußt natürlich auf P. 4.1.72, 
was ich damals ganz übersehen hatte. Ich verdanke diese beiden 
Hinweise Prof. WACKERNAGEL. 


Ausgegeben am 27. Februar. 


ER 
S 
a 
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2 
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NS 
RS 
102] 


Tu 


Taf. II. 


tugq, fol. 22a 


Sor 


’ 


TII 


M. 167 


’ 


DU 


örtug, fol. 22b 


So 


’ 


TI 


11.574, Nr. ı 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
IX. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 
20. Februar. Sitzung der philosophisch-historischen Ulasse. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Dies. 

*, Hr. Koser las: Zur Charakteristik der Politik Lup»- 
wire. s XIV. 

Abschnitt aus einer demnächst in dem Sammelwerk »Die Kultur der Gegenwart« 
erscheinenden Übersicht »Staat und Gesellschaft zur Höhezeit des Absolutismuss. 

2. Hr. von Krkure legte den 6. Bericht über die von den König- 
lichen Museen in Berlin, in den Jahren 1906 und 1907 unter der 
Leitung des Hrn. Wırcann, in Milet und Didyma fortgesetzten Aus- 
grabungen vor. (Abh.) 


Ausgegeben am 27. Februar. 


— 


209 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
X. 


DER 
KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


20. Februar. Sitzung der physikalisch-mathematischen Olasse. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 
l. Hr. Rugens las über das Reflexionsvermögen des Wassers. 
(Ersch. später.) 


Wasser und Alkohol zeigen im ultrarothen Speetrum selective Reflexion. Beide 
Flüssigkeiten besitzen eine Reihe von Streifen anomaler Reflexion, welche angenähert 
an denselben Stellen liegen, an welchen die stärkste Absorption vorhanden ist. Ein 
Einfluss der hohen Dielektrieitätsconstanten, welche beiden Flüssigkeiten eigenthümlich 
ist, macht sich innerhalb des durchmessenen Spectralbereichs nicht bemerkbar. 


2. Hr. Martens legte eine Mittheilung aus dem Kgl. Material- 
Prüfungsamt vor: »Bestimmung der kritischen Spannungen in 
festen Körpern« von Hrn. E. Rason. 

Die kritische Grenzspannung (Elastieitätsgrenze) in festen Körpern wird thermo- 
dynamisch als Fliessvorgang bei der Temperatur 7 und dem Druck p definirt. Es ist 

Tı 
Ne 


einfache thermisch-elektrische Beobachtungsmethode angegeben und an Versuchen 


bei derselben o. Zur Bestimmung der Fliessgrenze (pr) wird noch eine 


geprüft. 
3. Hr. Branca legte eine Mittheilung des Hrn. Dr. W. GornAan 


vor: »Zur Entstehung des Gagats.« 

Die Mittheilung berichtet über die Ergebnisse einer mit akademischen Mitteln 
im Jahre 1906 ausgeführten Untersuchung. Verf. hat den Gagat und sein Vorkommen 
an der classischen, jetzt freilich ganz verarmten Fundstätte des Lias von Whitby 
studirt. Es ergibt sich, dass Gagat in seinem chemischen Verhalten in der Mitte 
steht zwischen echten Sapropelbildungen und Humusbildungen. Bei seiner Entstehung 
sind also nicht nur Bituminirung, sondern auch Verkohlung thätig gewesen. Der Her- 
gang war offenbar der folgende: der Gagat wurde als ein stark erweichtes, zersetztes 
Holz in einen weichschlammigen Sapropelit eingebettet. So konnten die Sapropel- 
bestandtheile in das Holz eindringen, und es erfolgten nun Inkohlung und Bituminirung. 


210 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


Bestimmung der kritischen Spannungen in festen 
Körpern. 


Von Ewaıp Rascn. 


(Mitteilung aus dem Königlichen Materialprüfungsamt zu Groß-Lichterfelde.) 
(Vorgelegt von Hrn. Martens.) 


15 


Be der Verwendung auf Festigkeit beanspruchter Materialien, sei es 
in Bauwerken, sei es in Konstruktionsteilen, ist für die Technik die 
Kenntnis gewisser Grenzspannungen erforderlich, mit deren Überschrei- 
tung die unelastischen, bleibenden Formänderungen (8) die Sicherheit 
gefährdende Werte annehmen. 

Physikalisch sind die Grenzbeanspruchungen, die gemeinhin als 
Elastizitäts-, Proportionalitäts- oder Streckgrenze bezeichnet werden, 
nicht eindeutig definiert. 

Zwar könnte man grundsätzlich die Festsetzung treffen, daß als 
Elastizitätsgrenze diejenige spezifische Höchstbelastung p, zu gelten 
habe, bei der die bleibenden Formänderungen (2) den Wert Null 
soeben überschreiten. Innerhalb dieser Grenze würde sodann der be- 
trachtete Körper durch beliebige Wechselkräfte ausschließlich rein 
elastische Formänderungen (e) erleiden und im Sinne der Thermo- 
dynamik vollkommen umkehrbare, geschlossene Kreisprozesse durch- 
laufen. 

Gegen diese Begriffsbestimmung wäre einzuwenden, daß die An- 
nahme eines vollkommen umkehrbaren Kreisprozesses in dem betrach- 
teten Falle keineswegs gesichert erscheint und weiter, daß der Punkt, 
bei dem 2 > o wird, sich mit der Verfeinerung des jeweils ange- 
wendeten Meßverfahrens verschiebt. 

Die nicht umkehrbaren Formänderungen (©) nehmen ferner bei 
einer großen Anzahl von Materialien mit steigenden Beanspruchungen (p) 
stetig und gesetzmäßig zu, und demgemäß treten auch die Gesamt- 
dehnungen (y) aus der Hooxzschen Geraden p = eE nur langsam und 
zögernd heraus. In allen diesen Fällen ist ohne Willkür eine bestimmte 
Aussage über die Lage der Elastizitätsgrenze nicht möglich. 


E. Rasen: Kritische Spannung in festen Körpern. 211 


Um dieser Unsicherheit angesichts der einschneidenden technischen 
Bedeutung der Elastizitätsgrenze zu entgehen, schreiben wohl auch Ab- 
nahmebehörden vor, daß die Überschreitung einer bestimmten, will- 
AL 
L 
als Kennzeichen der »praktischen Elastizitätsgrenze«, der Streckgrenze, 
dienen solle. 

Die Messung der Formänderungen an den auf Zug oder Druck 


kürlich gewählten bleibenden Dehnung (d = = 0.002; L-Meßlänge) 


beanspruchten Probestäben erfolgt z. Z. in der technischen Physik zu- 
meist nach der von A. Marrens angegebenen Feinmeßmethode durch 
Spiegelapparate, die eine Dehnung von em in der Schätzungs- 
100000 

einheit zu messen gestatten und deren Handhabung bequem genannt 
werden muß. Immerhin setzt die Aufnahme der vollständigen p, &, &- 
Kurve einen versuchstechnisch geschulten Beobachter, die Festlegung 
der Elastizitäts- bzw. Proportionalitätsgrenze ein nicht geringes Maß 
persönlicher Erfahrung und persönlichen Vertrauens voraus und nimmt 
für einen Versuch eine Zeitdauer von ı bis 2 Stunden in Anspruch. 

Aufgabe war es, eine Methode zur Bestimmung der kritischen 
Grenzspannung p, anzugeben, die tunlichst der willkürlichen Deutung 
entzogen ist und in bezug auf Einfachheit und Schnelligkeit «des Meß- 
verfahrens den Bedürfnissen der technischen Praxis entsprechen könne. 

Diesen Ansprüchen ist die elektrische Bestimmung der den Deh- 
nungsvorgang begleitenden Temperaturänderungen gerecht geworden. 


> 


Die Thermodynamik macht in dem Crareyrox-Örausıusschen Satz 
eine allgemeingültige Aussage über den Gleichgewichtszustand zweier 
Aggregatszustände ©’ und £’, die bei der Temperatur 7 und dem 
Druck p miteinander in Berührung stehen können. 


Es gilt unabhängig von der Natur des betrachteten Körpers: 
dT I 


re (d’— €’) (T=dT = constans.) 
2 


(1) 

Dieser Satz werde auf feste Körper bezogen. 

Unter $’ sei das spezifische Volumen einer Masse verstanden, die 
unter der Spannung p und der Temperatur T Träger zähflüssiger 
Eigenschaften und Urheber der bleibenden Formänderungen des Ma- 
terials ist. Sie sei im letzteren gleichmäßig verteilt. In Berührung 
mit der 8-Masse stehe eine feste Phase mit dem spezifischen Volumen €. 


212 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


Dieser Massenanteil besitze die rein elastischen Eigenschaften eines 
festen Körpers. 

Die Größe r in Gleichung (1) ist eine Wärmetönung und stellt 
diejenige Wärme bzw. Arbeit dar, die erforderlich ist, um die Massen- 
einheit der Substanz durch Druckerhöhung bei der Temperatur 7 zum 
Fließen zu bringen. Sie kann daher in Anlehnung an den technischen 
Ausdruck der »Streckgrenze« als Streckwärme bezeichnet werden. 

Unterwirft man einen Versuchsstab einer stetig sich steigernden 
Zugbeanspruchung p, so kühlt er sich ab, solange e’ erheblich größer 
als 3° bleibt. Überwiegt anderseits beim jungfräulichen Material von 
vornherein die 8-Phase gegenüber der e-Phase, so ist = positiv und 
der Stab erwärmt sich. 

Der erstere Fall liegt beispielsweise beim Gußeisen vor, bei dem 
AT 


dp 
dann in Erscheinung, wenn es sich um weiche Materialien handelt, bei 


bis zum Eintritt des Bruches negativ bleibt, der letztere Fall tritt 


denen die bleibenden Formänderungen von Anbeginn die elastischen 
überwiegen. 

Man erkennt aus Gleichung (1) ohne weiteres, daß bei allen Ma- 
terialien der ersten Gattung im Verlauf des Zugversuchs ein kritischer 
Punkt auftreten muß, der dadurch ausgezeichnet ist, daß 


OW 7 
BD >28 


wird und E durch Null geht, um hierauf unter Vorzeichenwechsel 
rasch positive Werte anzunehmen. 

Es wird sich zeigen lassen, dal3 dieser wohldefinierte kritische 
Punkt p, sich mit der Erscheinung deckt, die man in der Technik 
als Streckgrenze anspricht. 

Zu beachten ist noch, daß bei adiabater, rein elastischer Form- 
änderung (© = 0) die Abkühlung gegeben ist durch 


dT ı ab, 
dp T 72 C) 
wobei < die thermische Ausdehnungszahl, v, das spezifische Volumen 
und c, die (in gleichem Maß wie r gemessene) spezifische Wärme des 
Ausgangsmaterials bedeutet. 
Hieraus und aus Gleichung (1) folgt 


aT Fu r(- aM ==) : 
dp r C 


E. Rascn: Kritische Spannung in festen Körpern. 213 


3. 


Die Versuchsmethode. Bereits Eprunn (1865), Haca (1882), 
WacnsmurH u. A. haben die thermischen Erscheinungen innerhalb des 
Gebietes der elastischen Formänderungen untersucht. Neuerdings sind 
während der Bearbeitung des vorliegenden Gegenstandes von H. Horr 
(1907) auch die Wärmeerscheinungen im Gebiete der bleibenden, nicht 
umkehrbaren Formänderungen kalorimetrisch verfolgt worden. Die 
letztere Methode kommt für den vorliegenden Zweck nicht in Frage, da 
sie einesteils nicht ohne Umständlichkeit ist und da andererseits infolge 
der großen Wärmekapazität des den Versuchsstab umgebenden Kalori- 
meters die thermischen Anzeigen zeitlich hinter den Kraftwirkungen 
beträchtlich nachschleppen. 

Von Mißständen dieser Art hat sich die elektrische Temperatur- 
messung durch Bolometer oder Thermoelemente frei erwiesen. 

Zur Anwendung kamen zumeist Thermoelemente aus Silberkon- 
stantan, deren Thermokraft (e) zu 

e= [—1.259 + 0.3943 + 0.000279, ?]|- 10”* Volt 


ermittelt wurde. 

Die Warmlötstellen des Elements konnten in sehr verschiedener 
Weise an dem Versuchskörper angeordnet werden, ohne daß hierdurch 
die Meßsicherheit merklich beeinflußt wurde. So erwies es sich kei- 
neswegs als notwendig, die Lötstelle mit dem Probestab a (Fig. ı) 
durch metallische Lötung zu verbinden; vielmehr war es hinreichend, 
die Lötstellen mit Hilfe einer federnden Spange gegen die Stabober- 
fläche zu pressen. Erstere trug an dem einen Schenkel einen kleinen 
Hartholzriegel, der die auf einer Tuchunterlage gebetteten Lötstellen 
gegen die Stabunterlage anlegte. Es war vermutet worden, daß die 
thermoelektrische Anzeige zeitlich hinter dem Einsetzen des Streck- 
vorganges nachhinken könne, wenn letzterer nicht gerade an der Stab- 
stelle einsetzt, die von der Lötstelle berührt wird. Um dies zu 
vermeiden, wurde die Spange mit neun reihenartig angeordneten Löt- 
stellen belegt. Diese Vorsichtsmaßregel erwies sich jedoch als nicht 
erforderlich. So genügte es u.a. auch, eine Lötstelle durch einen 
übergeschobenen Gummiring gegen die Staboberfläche zu pressen. 
Will man, um Gleitbewegungen der Lötstellen auf der Staboberfläche 
zu vermeiden, die Thermodrähte metallisch mit der Probe verbinden, 
so kann man (Fig. ı) den einen Draht (Ag) an das eine zylindrische 
oder konische Stabende ı und den zweiten Thermodraht (Cn) an das 
Stabende 2 getrennt anlöten. In diesem Falle bildet das den Form- 
änderungen unterworfene, zwischen ı und 2 gelegene Probematerial 
selbst die Lötstelle. 


Sitzungsberichte 1908. 22 


214 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


Pig. 1. 


P 


Wesentlich ist es naturgemäß, den Stab und die Lötstellen wäh- 
rend des Versuches vor Luftströmungen zu schützen. Die langsamen 
Schwankungen der Zimmertemperatur störten den praktischen Ver- 
such, der nur kurze Zeit in Anspruch nimmt, in keinem Einzelfalle 
derart, daß eine Unsicherheit bezüglich der Lage der kritischen Span- 
nung auftauchen könnte. Die Kaltlötstellen befanden sich gemeinhin 
in Ölgefäßen 3,4 (Fig. ı). 

Die Thermokräfte wurden zum Teil mit einem Drehspulgalvano- 
meter von Harrmann & Braun, das mit objektiver Spiegelablesung 
ausgerüstet war, zum Teil mit einem kleinen Saitengalvanometer (b, 
Fig. ı), Bauart Emruoven-EveLmann, gemessen. Für die Wahl des letz- 
teren waren Versuche ausschlaggebend, die sich auf das Studium 
zeitlich rasch verlaufender Formänderungen (Schlagversuche) beziehen. 
Das schwingende System des Saitengalvanometers bestand aus einem 
dünnen Goldfaden (b) von 87 Ohm Widerstand und 0.0085 mm Durch- 
messer, der unter dem elektrodynamischen Einfluß des ihn durch- 
fließenden Thermostromes einerseits und eines senkrecht zur Mikro- 
meterskala gerichteten elektromagnetischen Kraftlinienfeldes anderseits 
parallel zur Skalenebene ausweicht. Die Empfindlichkeit des Instru- 
ments kann durch Entspannung des Fadens in sehr weiten Grenzen 
geregelt werden; der Ausschlag erfolgt in Anbetracht des geringen 
Trägheitsmoments des schwingenden Systems außerordentlich rasch. 
Die Anzeige des Instruments ist der elektromotorischen Kraft in den 


E. Rascn: Kritische Spannung in festen Körpern. 215 


einzelnen Ablesebezirken nicht völlig proportional. Bei den später mit- 
zuteilenden Versuchen entspricht eine Schätzungseinheit $ der Able- 
sung den nachstehenden Temperaturen: 


— - 
Ablesung $ | 24 5o 1020 | 146 205 270 350 


| 


Io= 0.00417 0.00400 0.00393 | 0.00343 0.00296 0.00260 | 0.00229 0° 


| 
| | | | 
| | | | | 

Für praktische Zwecke hat sich diese Empfindlichkeit als aus- 
reichend erwiesen. Für feinere Untersuchungen ist eine Bolometer- 
doppelbrücke vorgesehen. Die symmetrisch in einem innen geschwärz- 
ten Kasten angeordneten acht Einzelzweige der Doppelbrücke bestehen 
aus dünnen Platinfäden, die in kleinen evakuierten Glasbirnen ange- 
ordnet sind. Die Herstellung der Bolometerlampen erfolgte in dan- 
kenswerter Weise durch das Glühlampenwerk der Deutschen Gasglüh- 
licht-Aktiengesellschaft. 

Die Zugversuche wurden zumeist an Stäben von 3.14 gem Quer- 
schnitt, 22 em prismatischer bzw. zylindrischer Länge und üblicher 
Probenform ausgeführt. Zur Verwendung kam eine Prüfmaschine, 
Bauart Pontmever, mit 50000 kg Kraftleistung und hydraulischem 
Kraftantrieb. Die Kraftmessung erfolgt durch eine in Fig. ı schema- 
tisch angedeutete Neigungswage c, die mit einem MaArrensschen Kraft- 
anzeiger und Sehaulinienzeichner ausgerüstet ist, der die Formände- 
rungen des Probestabes als Funktion der Zugkräfte aufzeichnet. 

Dehnungsmessungen bis zur Streckgrenze wurden mit Hilfe Mar- 
rensscher Spiegelapparate ausgeführt. 


4. 


Versuchsergebnisse. Bei weicherem Flußstahl setzt der Streck- 
vorgang gemeinhin rasch ein und macht sich auch durch Absinken 
der Pendelwage mehr oder minder deutlich kenntlich. In diesem ty- 
pisch ausgeprägten Falle wird die Streckgeschwindigkeit größer als 
die konstante Vorschubgeschwindigkeit des Kraftkolbens, so daß sich 
der Stab durch den Streckvorgang selbst entspannt. 

Tabelle ı veranschaulicht den Versuchsverlauf für einen Stahl- 
rundstab von 2.010 cm Durchmesser, dessen Streckgrenze sich durch 
die Umkehr der Galvanometeranzeige $ und gleichzeitiges Absinken 
der Kraftanzeige bei einer Zugkraft von 10710 kg (p,—= 3380 kg/gem) 
scharf zu erkennen gibt. Es bedeutet —$ eine Abkühlung, + eine 
Erwärmung des Stabes in den Ablesungseinheiten des Saitengalvano- 
meters. 


22° 


216 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


Tabelle ı. 
Material: Stahl. Rundstab von 2.010 cm Durchmesser (Vers. 38). 


Ablesung | 


Zugkraft am Saiten- Br 
galvanometer = 
kg S 
o = 0 | Thermoelement: Silber-Konstantan. Mit Gummiring an Stabmitte 
2000 —t48 angepreßt. 
4000 — 90 | 
6000 | —132 
8000 | — 133 
10000 1 — 230 
10710 —255 Streckgrenze! Galvanometeranzeige kehrt um, Kraftanzeige sinkt 
10650 | ne) bis auf 10650 kg ab. 
11000 + 10 
12000 +I15 
13000 | +193 


Wesentlich schwieriger als in dem vorigen Fall ist die Angabe 
einer Streckgrenze bei weichem Material, bei dem der Einfluß vor- 
aufgegangener mechanischer Bearbeitung durch Glühen beseitigt ist. 

Fig. 2 veranschaulicht Versuche, welche mit einem Messingrund- 
stab von 3.14 qem Querschnitt durchgeführt wurden. Der Stab war 
bei 550° 6 etwa ı5 Minuten lang geglüht und wurde einer stetig 
ansteigenden Belastung unterworfen. Wie der Verlauf der Kurve a 


dT 
zeigt, kühlt sich der Stab zuerst ab, Gr ist negativ. Mit steigender 
p 


Belastung wird die Abkühlung geringer, und schließlich wird bei 


Y 


dT 
3610kg = 1150 kg/qem 23 = 0, der Stab hat die Streckgrenze erreicht. 


AT 
Bei weiterer Belastung nimmt ——- positive Werte an, welche sehr 
D 


dy 
schnell ansteigen; bei einer Belastung von 6000 kg wurde der Stab 
entlastet. Bemerkenswert ist, daß der Kraftmesser der Maschine 
keinerlei Anzeichen des Streckens wahrnehmen ließ, während das 


all 
(alvanometer den Punkt DE = 0 stets dadurch scharf anzeigt, daß 
ıp 


der im Magnetfeld bewegte Faden seine Bewegungsrichtung umkehrt. 

Derselbe Stab wurde hierauf einer erneuten Belastung unterworfen, 
dT 

es wiederholt sich derselbe Vorgang, wie Kurve b zeigt; a wird 0 

bei einer Belastung von 6040 kg = 1920 kg/gem, d.h. der Stab 

zeigt die Streckgrenze bei der Höchstspannung, der er bei dem vor- 


E. Rascn: Kritische Spannung in festen Körpern. 


Fig. 2. 


da 


+450 
Bi 
Sur: 
+400 
+90 


Belastung rn —— h 


100 


218 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


herigen Versuch unterworfen worden war. Das Strecken wird in 
diesem Fall auch von dem Kraftmesser deutlich angezeigt, indem die 
Wage etwas absinkt. Nachdem der Stab noch bis 7500 kg belastet 
und sodann entlastet wurde, wird derselbe Versuch mehrmals wieder- 
holt; die Kurven ce, d, e und f zeigen alle übereinstimmend dasselbe: 


dT 
zE —= 0 bei derjenigen Höchstbelastung, welcher der Stab bei dem 


vorhergehenden Versuch ausgesetzt worden war. 
Fig. 3 zeigt Versuche mit einem Normalrundstab aus Gußeisen. 
Ik 
dp 


steigender Belastung nähert sich die Kurve a der horizontalen Tan- 


Bei Belastung ergibt sich auch hier Abkühlung, negativ; mit 


dT 
gente, d.h. en dem Werto. Bei 3560 kg = ı130 kg/qem wird all- 
mählieh entlastet; der Stab erwärmt sich gegenüber der zuletzt er- 


dT . 
reichten Temperatur; den Verlauf von —— bei Entlastung zeigt Kurve b. 


dp 

Derselbe Stab wird nochmals belastet (s. Verlauf der Kurve ce). 
Im Moment des Bruches, bei 4000 kg = 1270 kg/gem, zeigt das 
Galvanometer eine plötzliche starke Umkehr des Fadens an, ent- 
sprechend einer Erwärmung des Stabs. 

Einen Versuch mit Flußeisen veranschaulicht Fig. 4, bei 1I000kg 
= 3500 kg/qem haben wir die Umkehr von Abkühlung zu Erwärmung, 


Fig. 4. 


Mi 


E. Rascn: Kritische Spannung in festen Körpern. 219 
aT = . Eh ® > 
— o, der Kraftanzeiger zeigt ein Strecken durch Sinken der Wage 

pP 


erst später an. Bei weiterer Belastung nimmt die Erwärmung stark zu. 

Die Übereinstimmung dieser Versuchsresultate mit den durch 
Dehnungsmessungen gewonnenen zu zeigen, wird durch einen Zug- 
versuch mit einem Messingrundstab von 2 cm Durchmesser dargetan, 
bei dem neben den Temperaturmessungen Dehnungsmessungen mit 
Marrtensschen Spiegelapparaten ausgeführt sind. Tab. 2 gibt die 
beiderseits beobachteten Werte wieder, während in Fig. 5 einerseits 
$, andererseits die Dehnungen zu den zugehörigen Belastungen auf- 


Tabelle 2. 


Zugversuch mit einem Messingrundstab d= 2.0 cm. 


|  Gesamt- Dehnungs- 


Galvanometer- 
ablesung Bemerkungen 


dehnung zuwachs 


100000 


[6) | [6) [6) [6) Zeit: ı1 ©6 
1000 320 320 —1 
2000 631 | 311 —25 
3000 35 | 323 35 
4000 1277 | 323 —40 
5000 | 1617 340 —48 | 
6000 1971 354 —) 
7000 2336 365 | —56 
8000 2717 381 —60 
9000 | 3108 391 —63 
10000 3527 | 419 —67 
11000 | 3965 438 | —69 
12000 | 4431 | 466 | —69 | 
12810 4948 — | —69 Galvanometerablesung kehrt um! 
12860 5400 —_ —50 
12890 5700 — —44 | 
12900 6620 — —40 | 
12900 6810 — —32 | 
12000 6490 — | —22 | Entlastet. 
10000 5801 | — 2 | 
9000 5450 351 | +13 | 
8000 5098 | —352 | +23 
7000 4712 | —386 +28 | 
6000 4335 — 377 4317 0 | 
5000 3953 —382 +30 Abflußventil wird weiter geöffnet. 
4000 3566 — 387 | +38 | 
3000 | 3151 | —415 +48 | 
2000 | 2751 —400 +57 
1000 2324 —427 | +54 
o 1885 | —439 | +67 | Zeit: 11 32 
[6) 1866 | 52 | 


220 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


Fig. 5 


Dehnung cm.” 
8000 


4000 


getragen sind. Fig. 5 erweist, daß beide Versuchsresultate scharf über- 
einstimmen. 

Die thermische Methode scheint auch geeignet zu sein, über die 
Spannungsverteilung im Innern fester Körper, die z.Z. jeder Beob- 
achtung unzugänglich ist, Aufschlüsse zu geben. 

Es sei vorbehalten, über diese Untersuchungen, die z.Z. beim 
Kgl. Materialprüfungsamt im Gange sind, a.O. zu berichten. 


W.Gornan: Zur Entstehung des Gagats. 221 


Zur Entstehung des Gagats. 


Von Dr. W. GoTHAn. 


(Vorgelegt von Hrn. Branca.) 


er Unterstützung der Akademie verdanke ich die Möglichkeit 
einer Untersuchung der klassischen Lagerstätte des Gagats im Lias 
von Yorkshire, bei welcher sich mir die im folgenden dargelegte Ent- 
stehungsweise dieser interessanten, von den gewöhnlichen Steinkohlen 
so abweichenden Kohle ergab. Einleitend möchte ich zunächst kurz 
die in meiner früheren Publikation über die Entstehung von Gagat 
(Naturw. Wochenschr. 1906 Nr. 2 S. 17-—24) bis dahin gewonnenen 
Resultate rekapitulieren. Es wurde neuerdings erhärtet, daß Gagat' 
trotz aller Fremdartigkeit seines Aussehens aus Holz hervorgegangen 
ist, das bei und vor der Einschwemmung in die Schichten, in denen 
es jetzt vorkommt, einen eigentümlichen Erweichungs- und Zersetzungs- 
prozeß durchgemacht hat; später verlor es bei dem zunehmenden 
Wasserverlust des umgebenden Gesteinsmediums seine anfängliche 


Größe und Form, wobei es gleichzeitig — im Gegensatz zu seiner 
anfänglichen großen Weichheit, die selbst harte Fremdkörper mühe- 
los eine Strecke weit hineindringen ließ — die große Kompaktheit 


und relative Strukturlosigkeit erhielt, die. uns beim Gagat immer 
wieder — besonders im Hinblick auf seine Entstehung aus Holz — 
Schwierigkeiten verursacht. Die »Strukturverhältnisse«, soweit der 
Jet solche erkennen läßt, namentlich die von Sewarn beobachteten, 
aber nicht richtig erklärten Zickzacklinien, treten beim Zusammen- 
schrumpfen des Holzes von selbst auf, wie die Beobachtung der von 
mir untersuchten rezenten Parallelen ergab: es sind die Tracen der 


ı Es wird oft allerhand als Gagat bezeichnet, das nicht hierher gehört; besonders 
aus dem Gebiet der sogenannten »Pechkohle«, eines übrigens recht unbestimmten 
Terminus, wird manches für Gagat angesehen. Man muß sich indessen hüten, solche 
auch in einzelnen Bruchstücken vorkommenden »Pechkohlen« damit zu verwechseln, 
die von einem stark doppleritisierten, d.h. mehr oder minder homogen humifizierten 
Urimaterial (wie etwa der rezente Dopplerit) sich herleiten. (Vgl. die Definition von 
Gagat S. 226.) 


222 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


Herbstholzschicht der Jahresringe, die beim Zusammensinken des 
Holzes infolge der Inhomogenität des Jahrringholzes Knickstruktur 
annimmt. Die Kompaktheit des Jets kann ohne Mitwirken von Ge- 
birgsdruck erworben werden und wird meist ohne diese erworben, 
da der Gebirgsdruck vielfach erst zur Geltung kommt, wenn das Ge- 
stein mehr oder weniger sein Wasser eingebüßt hat und damit die 
Jethölzer ihre Kompaktheit schon mehr oder weniger erreicht haben. 


Lagerungsverhältnisse des Jets an der Küste von 
Yorkshire. 


Wie bekannt, findet man den Jet in Yorkshire in denselben 
Schichten wie in Deutschland (Holzmaden in Württemberg); es sind 
dort gewisse Schichten der bei uns als Lias e bekannten Liasstufe, 
und zwar des als Posidonienschiefer bezeichneten Horizonts, der sich 
auch in Yorkshire durch sehr starken Bitumengehalt, auch von Pe- 
trolea, auszeichnet. Innerhalb des Posidonienschiefers ist es wieder 
ein wenig mächtiger Horizont, der eigentliche Jetrock, der den Gagat 
enthält'. Es ist dies ein Gestein, das infolge stärkeren Kalkgehalts 
diekplattig bankt und frisch gebrochen intensiv nach Rohpetroleum 
riecht. Die Fossilien in diesem Gestein (am häufigsten sind Ammo- 
nites (Harpoceras) serpentinus und außer Posidonomya Bronni Inoceramus 
dubius) sind meist (bis auf die Posidonomya) oder doch sehr häufig in 
Knollen eingehüllt, die außer Ton Kalk, Schwefelkies, auch Brauneisen 
in innigem Gemenge mit dem Ton enthalten. In solchen Knollen 
finden sich auch mit Vorliebe die Jetstücke. Zwar konnte ich an 
Ort und Stelle (bei Kettleness nördlich Whitby) nur schmälere Platten 
von Gagat beobachten, da dickere jetzt nur noch selten gefunden 
werden; doch ist dies für die Untersuchung gleichgültig. Diese Jet- 
platten zeigten sich nun sehr oft umgeben von einem grobkörnig 
krystallinischen, sehr bituminösen Kalk, oder dieser war ihnen ange- 
lagert. Auch sah man, daß einzelne Jetstückchen abgebröckelt waren 
und nun regellos in dem Kalk verteilt waren. Aber auch das Um- 
gekehrte kommt vor, insofern die Gagathölzer sehr oft kreuz und 
quer verlaufende Sprünge zeigen, die mit Kalkspat — dieser ist es 
mit Vorliebe — erfüllt sind. Alle diese Zerspellungsvorgänge an 
den Hölzern sind offenbar mit ihrer einstigen außerordentlichen Weich- 


! Die Whitbyer Vorkommnisse in Yorkshire sind übrigens sozusagen erschöpft; 
um die alte Jetindustrie dort nicht eingehen zu lassen, wird massenhaft Jet aus Spa- 
nien eingeführt, der aus der Kreide zu stammen scheint (vgl. Ror#, Allgemeine und 
chemische Geologie Bd. Il, S. 653. Ich konnte nur noch 3 schöne Stücke von Jet 
aus Yorkshire dort erhalten. 


W. Gornan: Zur Entstehung des Gagats. DR! 


heit in Verbindung zu bringen, die unter Umständen beim Schrumpfen 
des Gesteins sogar zu Zerreißungen führte. Diese Zerreißungen wür- 
den noch weit bedeutender gewesen sein, wenn nicht die Schrumpfung 
der Hölzer in der Längsrichtung die geringste wäre. 

Schon die Abbildungen, die ich a.a.O. S. 21 von den verschrumpf- 
ten Hölzern aus Ton von Hermsdorf bei Berlin gegeben habe, legen 
den Gedanken nahe, daß die Schrumpfung der Gagathölzer eine meist 
weit stärkere ist als die des Hüllgesteins. 

Dies kann man auch an den fossilen Vorkommnissen in England 
nachweisen. Man wird hier allerdings im allgemeinen keine Hohlräume 
im Gestein an der Stelle, an welcher der Gagat liegt, erwarten dürfen; 
denn in der Natur werden die löslichen Bestandteile des Posidonien- 
schiefers alsbald diese Höhlungen erfüllen, und zwar wird es mit Vor- 
liebe das leichtest lösliche, hier in Betracht kommende Mineral sein, 
der Kalkspat. So sahen wir vorhin schon, daß bei den durch Quer- 
sprünge zerspellten Gagathölzern der Kalkspat in die Spalten einge- 
wandert war. Die oben erwähnten Kalkspatmassen (das Bitumen 
lasse ich hier noch außer Betracht), die sich so häufig an den Gagat- 
stücken in den Knollenkonkretionen finden, sind es gewesen, die die 
durch das starke Schrumpfen des Holzes entstehenden Hohlräume 
füllten. Im Whitbyer Museum befindet sich übrigens auch ein Stück 
Gagat mit einer unausgefüllten Höhlung, das aber als Ausnahme zu 
betrachten ist. In anderen Fällen ist es statt des Kalks Material von 
dem umgebenden Gestein oder der Konkretion, das die Lücke erfüllt, 
(vgl. die Abbildung von SewArn, Jurassie Flora 1904 part II S. 67, 
kopiert in Naturwiss. Wochenschrift 1906 Nr. 2, S. 22). 


Die Rolle der Bitumina bei der Gagatbildung. 


Eine sehr auffällige Erscheinung bei dem Vorkommen des Gagats 
— ich denke hier an die Württemberger und englischen Verhältnisse — 
ist der reichliche Bitumengehalt des Hüllgesteins. Der Umstand, daß 
in England und Württemberg in dieser Beziehung das gleiche Ver- 
hältnis herrscht, legt den Gedanken nahe, daß der Bitumengehalt des 
Nebengesteins eine sehr wesentliche Rolle beim Gagatisierungsprozeß 
spielt. Hierin wird man noch mehr bestärkt, wenn man das chemi- 
sche Verhalten des Gagats betrachtet. Die Mengen brennbarer Gase, 
die bei der trockenen Destillation aus Gagat entweichen, sind außer- 
ordentlich groß und erinnern an das Verhalten von Kannelkohle 
oder ähnlicher Saponthrakone, überhaupt an das Verhalten von fossilen 
Sapropelbildungen. Nach Srärz (Die Bituminierung, Berlin 1907, S. 66) 
stellt sich das Verhältnis von H zu Ö im Gagat, C= 100 gesetzt, auf 


224 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


7.29—8.84 Prozent. Bei rezenten und fossilen Sapropelbildungen er- 
hält man, für Ö= 100, ıI—1ı4 Prozent H (nach Srreume, Zeitschr. 
Deutsche Geol. Ges. Monatsber. 1907, S. 161), bei Humusgesteinen 
(die also den Humifizierungs- oder Inkohlungsprozeß durchgemacht 
haben und bei denen sich © auf Kosten von H je länger, je mehr 
anreichert) 4—5 Prozent H, wobei die känozoischen Materialien 
außer Acht gelassen sind, die ja für unseren Gagat nicht in Frage 
kommen. 

Der Gagat hält also in seinem chemischen Verhalten zwischen 
echten Sapropelbildungen und Humusbildungen die Mitte. Bei seiner 
Entstehung sind die beiden Prozesse der Bituminierung und Inkohlung 
tätig gewesen. Daß beim Gagat der Inkohlungsprozeß wirksam war, 
leuchtet unschwer ein, da er ursprünglich Holz war. Unter gewöhn- 
lichen Umständen wird ja Holz nur den Inkohlungsprozeß durch- 
machen; solche dichten, inkohlten Holzstücke kennen wir ja aus der 
Braunkohlenformation und dem Mesozoikum genug, die sich aber we- 
der in ihrem physikalischen noch chemischen Verhalten mit dem 
(ragat decken. Hier weisen aber die chemische Beschaffenheit und 
der Bitumengehalt des umgebenden Gesteins darauf hin, daß außer 
der Holzsubstanz noch Bitumina in dem Gagat enthalten und in das 
Holz eingedrungen sind. 

Dies letztere läßt sich nun in der Tat auf ganz andere Weise 
als durch die chemische Analyse und den Vergleieh mit Sapropel- 
und Humusbildungen sehr wahrscheinlich machen. Im Posidonien- 
schiefer spielten Konzentrationsvorgänge im Gestein eine hervorragende 
Rolle; die Knollen mit den eingeschlossenen Fossilien zeugen davon, 
daß viel von den mehr oder weniger leicht wasserlöslichen Mineral- 
bestandteilen des Posidonienschiefers an den heterogenen Bestandteilen 
im Hüllgestein niedergeschlagen wurde; besonders Kalkspat und Eisen- 
verbindungen spielen hier eine Rolle. Ob die Niederschlagszentra 
Fossilien oder Gagat oder andere Dinge waren, ist ja für diese Vor- 
gänge gleichgültig. Uns interessiert hier speziell, daß auch der Gagat 
zu solehen Konzentrationszentren gehörte. Man könnte daran denken, 
daß auch die Sapropelbestandteile oder später die schon fertigen Bi- 
tumina von den Konzentrationsvorgängen mitbetroffen und attrahiert 
worden sind. Tatsächlich läßt sich eine solche Konzentration von 
Bitumen um den Gagat herum aufzeigen. Schon S. 222 hatte ich 
den stark bituminösen Kalk erwähnt, der dem Gagat häufig unmittel- 
bar angelagert ist. An diesen schließt sich meist eine ebenfalls 
stark kalkhaltige, aber feiner krystallinische Partie in den Knollen an. 
Dann folgt, wenn nicht etwa noch eine durch viel Pyrit ausgezeichnete 
Zone kommt, die uns hier nicht interessiert, der eigentliche Jetrock 


W. Goruan: Zur Entstehung des Gagats. 225 


als Hüllgestein. Wie die Analyse zeigt, enthält der Jetrock selbst 
5.40 Prozent Bitumen! (SpÄtr, a.a.0. S.66). Hr. Dr. Winter, Chemiker 
und Lehrer an der Bochumer Bergschule, der die Freundlichkeit hatte, 
für mich einige Analysen auszuführen, wofür ihm auch an dieser 
Stelle gedankt sei, fand bei dem zuletzt genannten feinen krystalli- 
nischen Kalk 25 Prozent Bitumen, bei dem vorher genannten stark 
bituminösen Kalk am Gagat 46 Prozent, während der Gagat selbst 
etwa 90 Prozent organische Substanz enthält. Wenn wir den Gagat 
zunächst selbst außer acht lassen, der ja auch ohne hinzugekommenes 
Bitumen einen sehr hohen Gehalt an organischer Substanz aufweisen 
würde, so erhalten wir für die anderen genannten Materialien die Folge: 


ERIELTOCKS ae 20 ner 36 ren 5.4 Prozent organische Substanz, 
2. weniger bituminöser, feiner 

krystallinischer Kalk....... 25 » » » 
3. stark bituminöser Kalk am Jet 46 » » » 


Man sieht die Steigerung des Bitumens nach dem Jet hin sehr 
deutlich. Wir gehen kaum fehl in der Annahme, daß das Jetholz 
eine erhebliche Quantität Bitumen in sich aufgenommen hat; bei der 
Fossilisierung liefen dann Inkohlung und Bituminierung nebenein- 
ander her. 

Daß bei der Bildung des Gagats tatsächlich Konzentrationsvorgänge 
tätig gewesen sind, lehren ferner einmal Stücke, bei denen das Zentrum 
des Holzes echt versteint, die äußeren Partien gagatisiert sind, und 
zweitens der verschiedene Gehalt der Gagatstücke an mineralischen Be- 
standteilen. So z. B. enthält nach Sräre (a. a.0. S. 66) ein Gagatstück 
85.97 Prozent organische Substanz, ein anderes 95.35 Prozent, also 
fast volle ıo Prozent mehr; man kann dies kaum auf Rechnung 
von etwas anderem als sekundär eingedrungener Mineralbestandteile 
setzen, die durch konkretionäre Attraktion oder Konzentration hinein- 
gekommen sind. 

Es fragt sich nun noch, ob das in den Gagat zugewanderte 
Bitumen als solches oder bereits vor der Bituminierung als Sapropel- 
masse hineingedrungen ist. Mir erscheint das letztere näherliegend, 
wiewohl bezüglich dieses Vorgangs manches unklar bleiben mag. 
Immerhin ist soviel klar, daß in das Holz, solange es noch nicht kol- 
labiert war, beträchtliche Mengen Sapropelmasse eindringen konnten, 
die in den zahlreichen Zellhohlräumen Platz hatte; später kollabierte 


ı Es sei hier gestattet, die ganze organische Substanz einmal als Bitumen anzu- 
führen; ein Fehler entsteht in unserem Falle dabei kaum, da es sich, wie gleich er- 
sichtlich, nur um Verhältniszahlen handelt. 


226 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 20. Februar 1908. 


dann Holz und Sapropelmasse. Vielleicht können wir uns diese 
Sapropelmengen als in kolloidaler Lösung befindlich gewesen vor- 
stellen. 

Wenn die Gesteine aber erst fertige Bitumina, Endprodukte des 
Bituminierungsprozesses, enthalten, sind sie schon so weit vom Wasser 
befreit, daß ein Holz, das den dem Gagatprozeß vorausgehenden Zer- 
setzungs- und Erweichungsprozeß durchgemacht hat, längst zu einer 
kompakten Masse zusammengeschrumpft wäre, in die überhaupt nichts 
mehr hineingeht, weder Bitumen, noch Sapropel, noch Mineralbestand- 
teile. Alle Konzentrationsvorgänge im Gestein können nur vor sich 
gehen, solange das Gestein eine solche Beschaffenheit hat, daß die 
Minerallösungen usw. ungestört im Gestein diffundieren können, müssen 
also vor der Umwandlung in ein eigentliches festes Gestein beendet 
sein, während die Bituminierung — bei Humusgesteinen die Inkoh- 
lung — auch nach der Gesteinswerdung weitergehen. Der Gagat- 
prozeß würde folglich damit beginnen, daß die noch nicht zusammen- 
gesunkenen Hölzer Sapropelmasse aufnehmen und mit dieser später 
verschrumpfen, worauf dann der Inkohlungsprozeß und Bituminierung 
einsetzen. 

Wir sehen also, daß der Bitumengehalt des Hüllgesteins eine 
wesentliche Rolle bei der Gagatisierung von Hölzern spielt. Gagat ist 
ein vor und vielleicht noch nach der Einbettung in weich- 
schlammigen Sapropelit zersetztes und stark erweichtes 
Holz, das als Holz — die Inkohlung und — vermöge der 
aufgenommenen Sapropelbestandteile — den Bituminierungs- 
prozeß durchgemacht hat, wobei immer eine sehr starke 
Schrumpfung nebenhergeht. 

Betrachtet man umgekehrt Holzstücke aus nicht bituminösen 
Gesteinen, denen man an ihrer Diehtigkeit ansieht, daß sie ebenfalls 
stark zersetzt und erweicht waren, so bemerkt man, daß diese nie- 
mals Gagat sind. Sie sind brüchiger, der Glanz ist anders, das che- 
mische Verhalten das von Humusgesteinen'. Es fehlt ihnen eben 
das, was dem Gagat seine Eigentümlichkeit verleiht, der Bitumen- 
gehalt; die Umsetzungen, die die Holzmasse solcher Stücke durch- 
gemacht hat, fallen in das Gebiet des reinen Inkohlungsprozesses. 
Es möge schließlich nicht unterlassen sein, zu erwähnen, daß wir 


nunmehr rücksichtlich der Entstehung des Gagats zu einer ähnlichen 


! Hierher gehört jedenfalls auch der »soft jet« der Engländer, von dem Phıt.Lırs 
(Illustration of the geology of Yorkshire. Pt. I, zrd edition by R. Ernerinee 1875 S.185) 
sagt: » ‚Soft jet‘ of less firm texture, is obtained from the sandstones and shales of 
the oolitie series«, also aus Schichten, deren Gesteine nicht bituminös sind. Demnach 
wäre »soft jet« gar nicht als »Jet« zu betrachten. 


W. Gornan: Zur Entstehung des Gagats. 227, 


Annahme gekommen sind, wie Parkınson vor etwa hundert Jahren. 
In seinem bekannten Buch: Organie remains of a former world 1811, 
Bd.I, S.ı55 sagt er vom Jet: It may be considered as possessing 
the intermediate place between the purer bituminous matters and coals; 
wenn auch die weiteren Ausführungen dieses Autors große Unsicherheit 
und Unklarheiten zeigen, ist er doch in dem obigen Satz im Prinzip 
unserem jetzt erreichten Resultat ziemlich nahe gekommen. 


Ausgegeben am 27. Februar. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei. 


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KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


ADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


mtsitzung am 27. Eebruag) (S. 229) 

Der Drakensberg und der Quathlambabruch. (S. 230) 

ng der physikalisch-mathematischen Classe am 5. März. (S. 259) 

ı CA: Vorläufiger Bericht über die Ergebnisse der Trinil-Expedition der Akademischen Jubi- 
& jäums-Stiftung d er Stadt Berlin. (S. 261) 

= und E.  LADENBURG: ‚Das ‚Beflaxionsvermögen! 2 ses (S. 274) 


us ‚der Vorgeschichte der ersten Theilung Poleie e. 286) 


ÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


des —— 
x 


IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 


Aus $. 

Die Akademie gibt gemäss $ 41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften « 
und »Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Aus $ 2. 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberiehte« oder die 
» Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuseript zugleich einzuliefern ist, Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

$ 3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt- Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der NMittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

SA. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photographische Original- 
aufnahmen u. s. w.) gleichzeitig mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. i 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung besehliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Secretar zu 
richten, dann zunächst im Secretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist -— wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Seeretariat geboten. 

Aus $5. 

‚Nach der Vorlegung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manusceripts an den 
zuständigen Seceretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welehe nicht Mitglieder 
der Akademie, sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberiehte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnalıme der Mittheilung eines Nichtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der »Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 


Aus $ 6. 
Diean die Druckereiabzuliefernden Manuseripten müs: 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, au 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satz 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendung: 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des Manuseripts vorzunehmen 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfa sse 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 
Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen d 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur ai 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll 
Möglichkeit nieht über die Berichtigung von Druckf 
und leiehten Schreibversehen fensossehen Umfängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des re 
girenden Secretars vor der Einsendung an die Druck 
Od die Verfasser sind zur Tragzung der entstehenden 
kosten verpflichtet. 


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aufgenommenen isses dhaielichen Shane 
Adressen oder Berichten werden für die V re 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfan; r 

Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Sond er- = 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen ( jes 
treffenden Stücks der Baus le SUPERB j 


Verfasser sich esdkteklieh damit re 1 
89. 

Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten e 
erhält ein Verfasser, welsher Mitglied der Akademi ne 


zur-Zahl von 200 (im ganzen Kaks Sr abziehen. zu la; 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Seer 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der 
treffenden laser — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem. 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare 2 ihre 
Kosten abziehen lassen. Be 
Von den Sonderabdrucken aus den Aubandtne - 
hält ein ne welcher see der Akademie it 


auf ee der Akademie weitere anne bis zur 
von noch 100 und waf! seine Kosten noch weite, 


sofern er diess ee ‚dem redigirenden Sec 'c 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch 
Ahdrucke zur  Vertheilung zu erhalten, so bedarf e: es 
der Genehmigung der Gesammt- Akademie oder der I 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Er 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige be 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare D- Ihre 
Kosten abziehen lassen. ö FE 
$ 17. 
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in keinem Falle vor ihrer Au 


929 
SITZUNGSBERICHTE 1908. 
x1. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


27. Februar. Gesammtsitzung. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 


*]. Hr. Scamivr las über »Drei ungedruckte Dictathefte aus 
Wiırrann’s Züricher Hauslehrerzeit«, vornehmlich die Theorie und 
Geschichte der Poesie und im besondern Hinblick auf die Würdigung 
Shakespeares. 


2. Hr. Pıscner legte eine Abhandlung des Hrn. Dr. Herrmann Beoxn 
in Berlin vor: Beiträge zur tibetischen Grammatik, Lexiko- 
graphie, Stilistik und Metrik. (Anh. z. d. Abh.) 

Die Abhandlung bildet den dritten Theil der im Anhang zu den Abhandlungen 
vom Jahre 1906 erschienenen Arbeit: Die tibetische Übersetzung von Kälidäsas Megha- 
düta. Der zweite Theil ist unter dem Titel: Ein Beitrag zur Textkritik von Kälidäsas 
Meghadüta als Inaugural-Dissertation Berlin 1907 veröffentlicht worden. Der vorliegende 
dritte Theil verarbeitet das im ersten Theile beigebrachte neue tibetische Material in 
sprachlicher und metrischer Hinsicht. 

3. Hr. Prof. Leroxnarn Schurtze in Jena übersendet: »Zoologische 
und anthropologische Ergebnisse einer Forschungsreise im westlichen 
und zentralen Südafrika, ausgeführt in den Jahren 1903— 1905 mit 
Unterstützung der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften 
zu Berlin«. Erster Band: Systematik und Tiergeographie. Lief. r. 
Jena 1908. 


Die Akademie hat das ordentliche Mitglied ihrer philosophischen 
Classe Hrn. Anorr Kırcauorr am 27. Februar durch den Tod verloren. 


Sitzungsberichte 1908. 


[| 
DE} 


230 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 


Von ALBRECHT PENCcK. 


(Vorgetragen in der Sitzung am 13. Februar 1908 [s. oben S.181].) 


Das Burenhochland in Britisch-Südafrika setzt sich nach Osten mit 
einem gewaltigen Steilabfall gegenüber den tiefer gelegenen meernahen 
Gebieten von Zululand, Natal und Pondoland ab. Er ist so auffällig, 
daß er von den Eingeborenen einen eigenen Namen erhalten hat, dem 
wir vielfach auf unseren Karten begegnen, nämlich den des Quath- 
lambagebirges. Die Burenbevölkerung Südafrikas hat ihn Drakens- 
berg genannt. 

In dem großen Gemälde, welches Epvarn Surss' vom Antlitz der 
Erde entworfen hat, spielt jener Steilrand eine bedeutsame Rolle. Surss 
pflichtet Remmann” bei, wenn dieser das Quathlambagebirge auf einen 
großen Bruch zurückführt, und zeigt an der Hand von Grizszacns® 
trefflicher geologischer Schilderung von Natal, daß es hier von flach- 
gelagerten Karruschichten gebildet wird, welche gegen die See hin 
ausstreichen, aber an der Küste wiederkehren: »Hieraus geht hervor, 
daß die Karruablagerungen sich einst viel weiter gegen Ost ausdehnten, 
und daß die Schollen an der Meeresküste abgesunken sind an einem 
oder mehreren großen Brüchen. Aber die heutigen Abhänge der Quath- 
lamba sind nicht die Bruchfläche (Bd.ı S.508).« Die Umrisse der 
Ozeane schildernd (Bd.2 S.259), nennt Surss den Quathlambabruch 
abermals, um darzutun, daß der Indische Ozean ebenso wie der At- 
lantische den durch Abbrüche verursachten Küstentypus zeige. Ein 
drittes Mal endlich kommt er auf das Quathlambagebirge im Schluß- 
kapitel des zweiten Bandes zurück, in welchem er seine bekannten 
Ideen über den Zusammenbruch der Erdkruste und die Entstehung 
zweier großer Ozeane durch Einbruch entrollt: »Die pflanzenführenden, 
gewiß nicht im Meere gebildeten Gondwanaschichten blicken mit offe- 
nem Bruche, z.B. an den Quathlambabergen, gegen das Meer hinaus. 


! EnuArn Suess, Das Antlitz der Erde. Bd. I, 1885. Bd. II, 1888. 

® A. Renmann, Das Transvaalgebiet des südlichen Afrika in physikalisch-geo- 
graphischer Beziehung. Mitteil. k. k. geogr. Gesellsch. XXV]. Wien 1883, S. 257 (326). 

® Cn.L. Griessaca, On the Geology of Natal. Quart. Journ. Geolog. Soc. London 
XXVI, 1871, S. 53. 


Penner: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 231 


Niemals hat man auf der Höhe des weiten südafrikanischen Tafellandes 
Spuren des Meeres gefunden, und man begreift nicht, wie es sollte 
aus dem Meere emporgehoben sein.« So stützt Surss seine Annahme, 
daß der Indische Ozean eingebrochen sei, ganz wesentlich mit auf 
den Quathlambabruch und gelangt zu der Ansicht, daß die keilförmig 
sieh zuspitzenden Festlandenden in Vorderindien und Südafrika den 
Charakter von Horsten tragen. 

Die Ansicht von Surss hat viel Beifall gefunden, aber nur selten 
ist versucht worden, sie weiter zu stützen. Kürzlich ist solches durch 
PassarcE' in seiner »Landeskunde von Südafrika« geschehen. Er weist 
darauf hin, daß längs der Ostküste von Südafrika große vulkanische 
Eruptionen erfolgt seien, so namentlich in den Lebombobergen, im 
Zululande und in den Bergen des Basutolandes. Die Staffelbrüche, 
welche den Umriß des Landes bestimmten, sollten Hand in Hand 
mit vulkanischen Eruptionen gegangen sein, und letztere sollten mit 
den Randbrüchen indirekt in Verbindung stehen. Wie und wo aller- 
dings diese Randbrüche verlaufen, sagt PassareeE nicht; er beschränkt 
sich nur, zu erwähnen, daß sie häufig nachgewiesen worden sind. 

Auf diese letztere Frage erhält aber auch hinsichtlich des Dra- 
kensberges derjenige keine Antwort, welcher die neuere geologische 
Literatur über Südafrika einsieht. Diese Literatur hat im Laufe der 
letzten zehn Jahre einen bedeutenden Umfang und ansehnliche Tiefe 
erhalten. Das Vorkommen von Diamanten im Kaplande, von Gold 
in Transvaal hat der geologischen Erforschung des britischen Süd- 
afrika mächtige Impulse gegeben. Bereits 1895 wurde in Johannesburg 
eine sehr tätige geologische Gesellschaft begründet. Gleichzeitig wurde 
eine geologische Aufnahme des Kaplandes organisiert, welche, nun- 
mehr unter der Leitung von A.W. Roses stehend, bereits zehn äußerst 
wertvolle Jahresberichte erstattet hat. 1897 wurde eine geologische 
Aufnahme der südafrikanischen Republik von G. A. F. MoLENGRAAFF 
begonnen. Der Bericht über seine Arbeiten des Jahres 1898 ist das 
letzte Druckwerk, das aus der republikanischen Staatsdruckerei im 
Jahre ı900, also während des Krieges, hervorgegangen ist. 1899 
endlich begann eine geologische Aufnahme von Natal unter der Lei- 
tung von W. Anperson, und ist diese auch bereits im Jahre 1905 
zu einem hoffentlich nur vorübergehenden Abschlusse gelangt, so hat 
der Krieg, welcher um die Jahrhundertwende Südafrika erschütterte, 
die Arbeiten der geologischen Aufnahme des Kaplandes nicht einmal 
unterbrochen, und nur bedingt, daß dieselben von Westen her eine 


ı S. Passarge, Südafrika. Eine Landes-, Volks- und Wirtschaftskunde. Leipzig 
1908, S. 66. 


23° 


232 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


Zeitlang in die vom Kriege verschont gebliebenen östlichen Teilen 
der Kolonien verlegt wurden, so daß wir gerade über die Abfall- 
regionen des Drakensberges von seiten der Kapgeologen wichtige 
Aufschlüsse erhalten haben. Nach dem Kriege wurde die geologische 
Aufnahme von Transvaal neu organisiert und der Leitung von KynAston 
unterstellt. In streng systematischer Weise ist dieselbe an die Her- 
stellung einer geologischen Karte von ganz Transvaal in großem Maß- 
stabe gegangen und hat namentlich das Gebiet des nördlichen Drakens- 
berges näher untersucht, über dessen Abfall und Vorland wir erst 
kürzlich in dem Berichte der Aufnahme für 1906 treffliche Dar- 
stellungen erhalten haben. Wir sind daher heute in der Lage, den 
geologischen Bau des Drakensberges auf Grund der Literatur viel ein- 
gehender kennen zu lernen, als dies Surss bei Abfassung der einschlägi- 
gen Kapitel seines klassischen Werkes möglich gewesen ist, zumal da 
wir auch seit Erscheinen der einschlägigen Bände des Antlitzes der Erde 
eine Reihe zusammenfassender Darstellungen über Südafrika erhalten 
haben. Bereits 1833 hat A. Scuenck in grundlegender Weise die 
Entwicklung von Südafrika behandelt!. 1901 hat sodann G. A. F. Mo- 
LENGRAAFF die Ergebnisse seiner Forschungen zu einer ganz ausge- 
zeichneten Geologie von Transvaal zusammengefaßt’, von der 1904 
eine mannigfach bereicherte englische Übersetzung erschienen ist’. 
1905 hat A.W.Rosers eine kurze, aber ungemein inhaltreiche Geo- 
logie des Kaplandes veröffentlicht‘, und F. H. Harcn hat im Verein 
mit G. S. Cosrtorrume in übersichtlicher Weise die Geologie von ganz 
Südafrika behandelt’. Diesem Gegenstand hatte schon ein Jahr vor- 
her PassarceE® in seinem ebenso groß angelegten wie weitschauend 
durchgeführten Werke über die Kalahari mehrere Kapitel gewidmet. 

Mir persönlich wird eine Darstellung des Drakensberges ganz 
wesentlich dadurch erleichtert, daß ich selbst im September und 
Oktober 1905 Gelegenheit hatte, anläßlich des Besuches der British 
Association in Südafrika an zwei Stellen den Abfall des Drakens- 
berges zu sehen. Ich nahm an den Exkursionen, welche die HH. 
MOoLENGRAAFF und ANDERSoN in dem Distrikt von Vryheid und Harı 
nach Devils Kontor führten, teil. Nach Abschluß der Versammlung 


! A.Scnenck, Die geologische Entwicklung Südafrikas. Prrerm. Mitt. 1888, S.225. 

2 G. A. F. MoLensraArr, Geologie de la republique sud-africaine du Transvaal. 
Bull. Soc. geolog. de France (4) I, 1901, S. 13. 

® G. A. F. MotenGrAAFF, Geology of the Transvaal. Translated by Ronaldson. 
Johannesburg 1904. 

* A. W.Rocers, An Introduction to the Geology of Cape Colony. London 1905. 

5 F.H. Harca and G.S.CosrorPaine, The Geology of South Africa. London 1905. 

6 S. Paıssarse, Die Kalahari. Versuch einer physisch-geographischen Darstellung 
der Sandfelder des südafiikanischen Beckens. Berlin 1904. 


Prncx: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 233 


hatte ich dann ferner Gelegenheit, unter der Führung von Wiırrıam 
Anperson weitere Teile von Natal zu besuchen. An sich würden 
derartige kurze Exkursionen wohl kaum genügen, zu einem tieferen 
Verständnis des geologischen Baues eines so großen Gebietes zu ge- 
langen. Allein unter der ausgezeichneten Führung, die ich genoß, 
und unter der mannigfaltigen Aussprache mit meinen Reisegefährten 
lenkte sich der Blick immer aufs neue auf die weiteren Probleme, 
welche mit den besuchten Gebieten im Zusammenhang stehen, und 
manche sich aufdrängende Frage wurde bereitwilligst von den aus- 
gezeichneten Führern beantwortet, wobei auch damals noch unver- 
öffentlichte Beobachtungen zur Sprache kamen, so daß ich bald nach 
meiner Rückkehr bereits in einem Vortrage' auf der Versammlung 
deutscher Naturforscher und Ärzte eine Reihe von Problemen streifen 
konnte, die nunmehr nach Publikation jener Beobachtungen ein- 
gehender erörtert werden können. 

Der Drakensberg ist kein einheitliches Gebilde. Der Name wird 
dem Abfall des Hochlandes gegen Osten gegeben, wie auch dieser Ab- 
fall beschaffen sei; er knüpft sich weder an eine bestimmte geo- 
logische Struktur noch an bestimmte Gesteine. Zwei Gebiete sondern 
sich scharf voneinander. Im Süden sind es ausschließlich Schichten 
der Karruformation, welche sich an seiner Zusammensetzung betei- 
ligen, und er bildet hier die scharf ausgesprochene Wasserscheide 
zwischen dem Oranje und seinem Zuflusse, dem Vaal, auf der einen 
und den zahlreichen, zum Indischen Ozean herabeilenden Flüssen von 
Ostgriqualand nebst Pondoland, von Natal und Swaziland auf der 
andern Seite. Im Norden besteht der Drakensberg aus den kam- 
brischen oder präkambrischen Schichten des Transvaalsystems, und 
hier bildet er keine Wasserscheide, sondern wird durchbrochen so- 
wohl von den Quellflüssen des Komatiflusses als auch von dem Oli- 
fantflusse. Nur den südlichen Drakensberg hat Surss bei seinen Dar- 
legungen über das Quathlambagebirge im Auge; wir wollen daher 
zunächst ihn betrachten. 

Die geologische Schilderung, welche Grisssacn 1871 von Natal 
gegeben hat, erweist sich auch heute noch, ebenso wie für die ganze 
Kolonie, für den südlichen Drakensberg zutreffend. Er stellt ihn als 
eine Aufeinanderfolge von Schichtstufen dar, gebildet von den wider- 
standsfähigen Gliedern, insbesondere Diabaseinschaltungen, in den 
mächtigen flach westwärts fallenden Karruschichten, welche einem 
Sockel älterer Gesteine auflagern. Einen Quathlambabruch verzeichnet 


ı A.Pencx, Südafrika und Sambesifälle. Verhandlungen d. Gesellsch. Deutscher 
Naturforscher u. Ärzte. LXXVIII. Stuttgart 1906, I, S.147. Hewrners Geographische 
Zeitschrift. XII, 1906, S. 601. 


234 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


GRIESBACH nicht. Anpersons' Untersuchungen haben die Richtigkeit 
dieses Profils in großen Zügen bestätigt; ihm ist gelungen, die mäch- 
tige Folge von Karruschichten in eben dieselben Abteilungen zu zer- 
legen, welche im Kaplande unterschieden worden sind. Der westlich 
von Pietermaritzburg im Giants Castle, Cathkin Peak und im Mont- 
aux-Sources mehr als 3000 m erreichende Drakensberg wird — vgl. 
Profil II Durban-Parys S. 257 — aus den Stormbergschichten aufge- 
baut, welche die obersten, möglicherweise schon in den unteren Jura 
gehörigen Karrubildungen darstellen. Darüber breiten sich außer- 
ordentlich mächtige basische Ergußgesteine, die Mandelsteinlaven’?. 
Der 1000— 1500 m hohe Steilabfall, den Reumass auf eine Verwerfung 
zurückführte, wird aus diesen durchweg flach gelagerten Gesteinen 
gebildet. Weithin kann man auf Photographien schneebedeckte Schicht- 
bänder verfolgen, deren horizontaler Verlauf durch keinerlei Verwer- 
fung unterbrochen wird. Vor dem Steilabfall erstreckt sich ein breiter 
Gürtel von Vorbergen; er besteht aus den beiden unteren Abteilun- 
gen der Karruschichten, den mutmaßlich triasischen Beaufortschichten 
und den permischen Eecaschichten. Ihre genauere Abgrenzung ist bis- 
her noch nicht möglich gewesen, doch ist nach Anperson das Vor- 
handensein der ersteren durch Wirbeltierreste, das der letzteren durch 
die Glossopterisflora sicher gestellt. Merror” zweifelt aber, ob diese 
Flora als ausschließlich charakteristisch für die Eecastufe gelten darf. 
Sehr mächtige Intrusivlager von sogenanntem Dolerit kommen in beiden 
Schichtgliedern vor und drängen stellenweise, wie z. B. um Lady- 
smith und am Inhluzaniberge, die Sedimente stark zurück. Wo sie 
auftreten, gibt es stufenförmige Abfälle; alle Gipfel des Vorberggür- 
tels, die sich wiederholt bis rund 2000 m Höhe erheben, knüpfen 
sich an injizierte Doleritmassen. Die Basis der Karruschichten wird, 
wie fast allenthalben in Südafrika, von dem sogenannten Dwyka-Kon- 
glomerat gebildet, der verfestigten Grundmoräne der permokarbonen 
Vergletscherung. Der Name Konglomerat ist ein durchaus unpassen- 
der, denn die Ablagerung besteht nicht aus verkitteten Rollsteinen, 
und hat nicht die mindeste Ähnlichkeit mit dem deutschen Rotlie- 
genden oder der subalpinen Nagelfluh. Sie gleicht vielmehr durchaus 
einem festgewordenen Geschiebelehm oder Till. Ich habe daher das 
Gestein Tillit genannt. Der Dwyka-Tillit Natals tritt in sehr wechseln- 


ı W. Anperson, The Geology of the Drakensberg Mountains. III. Ann. Report 
Geolog. Survey of Natal and Zululand. 1907, S.153. 

2 F. F. Cuurcairr, Notes on the Geology of the Drakensbergen, Natal. Trans- 
act. Philos. Soc. South Africa. X, 1899, S. 419. 

3 E. T. Merror, The Position of the Transvaal Coal-Measures in the Karroo 
Sequence. Transact. Geolog. Soc. South Africa. IX, 1906, S. 97. 


Penck: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 235 


der Mächtigkeit auf und planiert dadurch die gelegentlich, wie es 
scheint, recht ansehnlichen Unebenheiten seiner Unterlage, die unter 
ihm an verschiedenen Stellen deutliche, meist gegen Süden gerich- 
tete Gletscherschliffe zeigt. 

Insgesamt dürfte sich die Mächtigkeit der geschilderten Karru- 
schichten auf 2000—3000 m belaufen. Sie ruhen einem Sockel von 
paläozoischen Schichten auf, welcher, 1000 m Höhe nur selten über- 
schreitend, die Küstenvorstufe des Drakensberges bildet. Es han- 
delt sich hier um einen Sandstein ähnlich dem des Tafelberges bei 
der Kapstadt; er wird als Tafelbergsandstein bezeichnet und zum 
Silur gestellt. Diskordant unter ihnen heben sich archaische Gesteine 
und Granite hervor. Im großen und ganzen bildet der Tafelberg- 
sandstein mitsamt seiner alten Unterlage in der Küstenvorstufe eine 
flache Antiklinale. Im Westen fällt er unter die Karruschichten ein, 
im Osten biegt er zum Meere hinab, so daß die alten Gesteine nament- 
lich in der Mitte des Streifens zutage treten; hier aber spannt sich 
häufig über sie noch eine dünne Lage von Tafelbergsandstein hinweg. 

Dort nun, wo letzterer im Osten sich zum Indischen Ozean ab- 
biegt, stellen sich über ihm oder auch unmittelbar über dem liegenden 
Granit wieder Karruschichten ein, der Dwyka-Tillit mit den hangenden 
Eceaschiefern, und beide fallen ebenso wie ihre Unterlage meerwärts 
unter einem Winkel von meist mehr als 10° ein. Diese Vorkomm- 
nisse hat En. Surss im Auge, wenn er von Karruschollen spricht, 
die an einem oder mehr großen Brüchen an der Küste von Natal 
abgesunken seien. Auch Passarer findet, daß der Aufbau aus Staffel- 
brüchen hier deutlich ist (S. 110). Aber ein Bruch liegt hier nicht 
vor; es findet sich vielmehr eine ganz klar ausgesprochene Flexur. 
Dieser Flexur der unteren Karruschichten auf der Ostseite der Anti- 
klinale in der Küstenvorstufe entspricht auf der Westseite ein sanftes 
Abfallen derselben Schichten von ihr, was auf dem von GRIESBACH 
gegebenen Profile besser hervortritt als auf einem von ANDERSoN' 
mitgeteilten, in der Natur aber unverkennbar ist; denn der Dwyka- 
Tillit, der bei Camperdown (761 m) unter die Eccaschiefer eingesunken 
ist, liegt 20 km weiter westlich bei Pietermaritzburg (678 m) bereits 
unter der Talsohle; wir haben also ein Mindestgefälle von 4 Promille 
nach Westen. Die antiklinale Schichtstellung beherrscht also nicht bloß 
den wahrscheinlich silurischen Tafelbergsandstein Natals, sondern auch 
die hangenden unteren Karruschichten, sie ist daher jünger als die 
letzteren. Das Westfallen der Karruschichten läßt sich bis in den 


! W. Anperson, Ideal Section from the Bluff to Pietermaritzburg. I. Rep. Geolog. 
Survey of Natal and Zululand. 1902, Taf. XIV. 


236 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


Drakensberg hinein verfolgen; welches Fallen die weiter westlich ge- 
legenen Karruschichten der Hochflächen der Orange-River-Kolonie 
haben, ist ebenso unbekannt wie deren Gliederung. Sicher ist nur 
eines, daß sich unweit des Vaalflusses der Dwyka-Tillit mit seiner 
Unterlage von älteren Gesteinen wiederum sanft hervorhebt. Das 
geschieht, wie sich aus der Karte von Harc#' entnehmen läßt, in 
etwa 1400m Höhe. Es muß also irgendwo in der Tiefe unter dem 
Drakensberg oder unter der benachbarten Hochfläche das westliche 
Fallen der Dwyka-Ablagerung aufhören und durch ein sanftes Ostfallen 
ersetzt werden. Hiernach dürfen wir das Drakensberggebiet ebenso 
als eine sehr flache Synklinale ansehen wie das Gebiet der Küsten- 
vorstufe als flache Antiklinale. 

Sicher haben sich die oberen Karruschichten des Drakensberges 
und seiner Vorstufen einst weiter ostwärts erstreckt als heute, denn 
sie brechen allenthalben an Erosionsrändern ab. Wie weit sie gereicht 
haben, wissen wir nicht; wenn sie sich aber je bis an die Gestade 
des heutigen Indischen Ozeans ausgedehnt haben sollten, so müßten 
sie von hier bereits vor der jüngeren Kreideperiode gänzlich abge- 
tragen worden sein, denn an der Küste hat ein auf dem Durbanbluff 
angesetztes Bohrloch in geringer Tiefe obere Kreideschichten ange- 
troffen, die in 239 m Tiefe unmittelbar auf Eecaschichten lagern’. 

Weiter südlich, an der Grenze von Natal und dem Kapland, 
liegen die Dinge ähnlich wie im besprochenen Profile (vgl. Profil IV 
Umtamvuna-Bloemfontein S. 257). Nur ist der Steilrand des Drakens- 
berges im Matatielegebiete nicht so hoch; er steigt im Ongeluks Nek 
nur auf etwa 2700m Höhe an. Um so kräftiger entfalten sich die Vor- 
stufen der Beaufort- und Ececaschichten dank dem Auftreten wahrer 
Stöcke von Dolerit; sie kommen an Höhe dem Drakensberge in der 
Umgebung von Kokstad ziemlich nah; stark verschmälert ist die 
Küstenvorstufe, die von Anperson” untersucht worden ist. Sie stellt 
sich als ein Plateau von Tafelbergsandstein mit einem Granitfuße 
dar; letzterer wird auf weite Strecken vom Ozeane bespült, an 
anderen aber biegen sich Tafelbergsandsteinschichten, stellenweise be- 
deckt mit Dwyka-Tillit, dem Eeccaschiefer aufsitzen, seewärts ab; so 
ist es in der Nähe der Umzimkulu-Mündung bei Port Shepstone. 
Westwärts aber lagert dem Tafelbergsandsteinplateau allenthalben 
Dwyka-Tillit auf. Es ist also nicht deutlich, ob die Küstenvorstufe 


! Fr. Haren, A Geological Map of the Southern Transvaal. London 1903. 

2 W. Anperson, On the Geology of the Bluff Bore. Durban, Natal. Transact. 
Geolog. Soc. South Africa. IX, 1907, S. ıı1. 

® W. Anperson, The Geology of Alfred County, Natal. III. Rep. Geolog. Survey 
of Natal and Zululand. 1907, S. 105. 


Penek: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 237 


hier ebenso antiklinalen Bau aufweist, wie weiter nordwärts, aber 
das Abbiegen der Tafelbergsandsteinschichten mitsamt dem Tillit und 
den Eecaschiefern ist an vielen Stellen zweifellos. Weiter gegen 
Süden wird die Küstenvorstufe schmaler und schmaler; Rocers und 
Scuwarz' haben geschildert, wie sie schließlich wenig südwestlich 
von Port Grosvenor am Waterfall Bluff durch eine ostwestlich strei- 
chende Verwerfung abgeschnitten wird; weiter gegen Südwesten hebt 
sich sodann an der Mündung des Umzimvubu bei Port St. Johns 
abermals ein Streifen Tafelbergsandstein hervor, welcher von zwei 
ostwestlich streichenden Verwerfungen begrenzt wird; dann ist unsere 
Küstenvorstufe endgültig verschwunden. Zwischen Grosvenor und 
St. Johns treten die unteren Vorbergschichten des Drakensberges, der 
Dwyka-Tillit mit hangenden Schichten unmittelbar an die See, zu 
der sie sich deutlich herabbiegen. Weiter südlich aber treffen wir 
im Gebiete von Kentani die beiden langgedehnten, ostwestlich strei- 
chenden, weithin zu Talzügen ausgewitterten Dioritgänge der Trans- 
kei Gap, die Rocers und Scuwarz” näher kennen gelehrt haben. 
Dieselben sind jünger als die mächtigen Lagergänge von Dolerit in 
der dortigen Gegend, und verknüpfen die ostwestlich streichenden 
Brüche, welche die Küstenvorstufe von Natal abschneiden, mit den 
ostwestlich streichenden Kapfalten, die bei Port Elizabeth ins Meer 
hinauslaufen. 

Über den mehr als 1000 m hohen Steilabfall des Drakensberges 
des Matatielegebietes hat uns E. H. L. Schwarz’ unterrichtet. Wir 
treffen hier dieselbe Schichtfolge wie westlich Pietermaritzburg. Mäch- 
tige basaltische Mandelsteinlaven krönen ihn hier wie da, darunter 
lagern die Bank des Höhlensandsteines und die roten Schichten, 
schließlich die Moltenosandsteine als unterstes Glied der Stormberg- 
schichten. Stellenweise setzt der Höhlensandstein aus, und es kom- 
men die Mandelsteinlaven unmittelbar auf die roten Schichten zu 
liegen; es fehlt also auch hier nicht das Anzeichen einer Diskordanz 
zwischen den obersten Partien der Stormbergschichten, deren auch 


! A. W. Rocers and E. H.L. Schwarz, General Survey of the Rocks in the 
southern part of the Transkei aud Pondoland, including a description of the Cretaceous 
Rocks of Eastern Pondoland. (VI.) Annual Rep. Geol. Comm. Cape of Good Hope. 
1901 (1902), S. 23. 

® A. W. Rogers and E. H. L. Scuwarz, The Geological Survey of the Division 
of Kentani. Ebenda S.48. The Transkei Gap. Transact. South African Philos. Soc. 
XIV, 1903. 

® E.H.L. Scawarz, Report on Part of the Matatiele Division, with an Account 
of the Petrography of the Voleanie Rocks. (VII.) Ann. Rep. geol. Commiss. Cape of 
Good Hope. 1902 (1903), S.ır. The Volcanoes of Griqualand East. Trans. South 
Afrie. Philos. Soc. XIV, 1903. 


238 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


ÄNDERSON aus seinem weiter nördlich gelegenen Gebiete gedenkt. Sehr 
wichtig ist, daß die Mandelsteinlaven teilweise mit Eruptionsschloten 
in Verbindung stehen. Scmwarz zählt deren 19 auf, welche größten- 
teils mit Schlacken sowie von oben in sie hineingelangten Trümmern 
erfüllt sind. Diese 19 Schlote liegen auf einer ungefähr südwestlich 
(genauer S 60° W) streichenden Zone, welche gerade am Fuße des 
Steilabfalles vom Drakensberg entlang läuft. Bei dieser Situation darf 
nicht ohne weiteres darauf geschlossen werden, daß hier eine süd- 
westlich streichende Vulkanlinie vorliegt, zumal da einige Schlote in 
einer nordsüdlich streichenden Linie angeordnet sind, die sich mög- 
licherweise unter den hangenden Laven weit nach Basutoland hinein 
fortsetzt. In der Tat hat nu Torr' in den an das Basutoland süd- 
wärts angrenzenden hochgelegenen Teilen des Kaplandes eine ziem- 
lich unregelmäßige Verteilung der Vulkanschlote nachgewiesen. Aber 
im großen und ganzen ordnen sich doch alle bisher bekannten Schlote 
des Drakensberggebietes einschließlich derjenigen, die Dunx bereits vor 
Jahren bei Jamestown und Molteno im Kapland aufgefunden hat, in 
eine allerdings ziemlich breite N 60° E streichende Zone. Überdies 
treten neben den Schloten des Matatielegebietes zahlreiche südwestlich 
streichende Gänge von Mandelsteinlaven auf, welche die Mandelstein- 
lavadecken gelegentlich durchschneiden. Wir haben es daher hier wohl 
mit einer Hauptvulkanlinie zu tun. Dieselbe läuft der Küste annä- 
hernd parallel; genau genommen bildet sie mit ihr einen Winkel von 
15°. Ausdrücklich wird von Scuwarz hervorgehoben, daß mit den 
Schloten keinerlei Verwerfungen verknüpft sind; sie sind einfache Durch- 
schlagröhren, ähnlich den Kimberlitschloten bei Kimberley, aber mit 
weniger basischem, ja vielfach saurem Material erfüllt. 

Über die Vorberge des Drakensbergs unseres Gebiets haben wir 
lediglich kurze Notizen von Anperson” erhalten. Dieselben reichen 
aber durchaus hin, daß von einem großen Quathlambabruche hier ebenso 
wenig die Rede sein kann wie weiter im Norden; nirgends werden 
z.B. die Gesteine, die den Abfall des Drakensbergs krönen, die Mandel- 
steinlaven und die leicht kenntlichen Höhlensandsteine, in tieferen 
Niveaus angetroffen; es gibt immer nur kleinere Störungen im Konnex 
mit Doleritintrusionen, doch bewirken diese kein Absinken größerer 


! A.L. ou Torr, Geological Survey of Aliwal North, Herschels Barkley East 
and Part of Wodehouse. IX. Ann. Rep. Geolog. Comm. Cape of Good Hope 1904 
(1905), S.71. The Forming of the Drakensberg. Transact. South African Philos. Soc. 
XV], I, 1905, S. 53. 

®2 W. Anperson, Geological Traverse from Pietermaritzburg via Richmond to 
the Umzinto Distriet. II. Rep. Geolog. Survey of Natal and Zululand. 1904, S. 119. 
The Geology of ALrrep County. 11]. Rep. 1907, S. 105. 


Penecr: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 239 


Partien; gelegentlich hebt W. Anperson den Mangel an Brüchen 
ausdrücklich hervor, und am Schlusse seines Berichts über den Ma- 
tatieledistrikt wendet sich Schwarz direkt gegen die Annahme, daß 
die Küstenumrisse durch Verwerfungen bedingt seien; er findet, daß 
sie besser durch die Annahme von Verbiegungen erklärt werden könn- 
ten. Am Abfalle der Drakensbergwände beobachtete Scuwarz, daß 
die Stormbergschichten regelmäßig bergwärts, also gegen Westen fallen. 
Dieses westliche Fallen muß irgendwo weiter westlich östlichen wei- 
chen, denn es hebt sich in der Gegend von Kimberley die Basis der 
Karruablagerungen mit dem Dwyka-Tillit wieder hervor. Wie weiter im 
Norden hat das Gebiet des Drakensbergs mitsamt dem Basutolande 
und der Orange-River-Kolonie flach muldenförmigen Bau, der aber im 
einzelnen noch ganz unbekannt ist. Unser Profil IV S. 257 erhebt 
nicht den Anspruch, ihn in Einzelheiten richtig wiederzugeben. 

Wie weiter im Norden werden sich auch in unserem Profile die 
oberen Karruschichten einst weiter nach Osten, in das Bereich der 
Vorberge, vielleicht sogar in das der Küstenvorstufe, erstreckt haben. 
Allein, wenn letzteres der Fall gewesen sein sollte, so müssen sie hier 
bereits vor der Kreideperiode, ebenso wie bei Durban, entfernt worden 
sein, denn auch hier finden sich an der Küste Schichten der oberen 
Kreide. Sie sind seit langem bekannt. GeriEssacH hat sie als Izin- 
hluzabalungaschichten beschrieben. Heute heißen sie vielfach Umtam- 
vunaschichten, nach dem Flusse, südlich dessen Mündung sie vor- 
kommen. Sie lehnen sich hier an ein Steilufer von Tafelbergsand- 
stein. Rosers und Scuwarz schließen hieraus und aus der gerad- 
linigen Erstreckung der Anlagerungsfläche, daß es sich um einen Bruch 
handelt; doch konnte sich Anperson' von der Existenz eines solchen 
nicht überzeugen. Nach ihm sind die weiter nordwärts an der Küste 
unweit der Mündung des Umpenyati auftretenden oberen Kreideschichten 
an das dortige Granitkliff regelmäßig angelagert. 

Südlich von dem eben betrachteten Gebiete hört der Drakens- 
berg auf. Der große nach Südosten gekehrte Steilabfall nimmt an 
absoluter und an relativer Höhe ab und biegt schließlich nach Westen 
hin um. Der Xalanga (2400 m) bezeichnet sein Westende, welches 
hier wie am Mont-aux-Sources genau mit dem der großen Mandel- 
steinlavadecke zusammenfällt. 

Durch die fleißigen Untersuchungen von nu Toır sind wir über 
dieses Gebiet besser unterrichtet als über irgend einen anderen Teil 
des Drakensberges. Der nach Südosten und Süden gekehrte Steil- 


ı W. Annerson, Cretaceous ‚Rocks of Natal and Zululand. III. Rep. Geolog. 
Survey of Natal. 1907, S. 47- 


240 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


abfall hat dieselbe Schichtenfolge, die wir bereits im mittleren Natal 
kennen gelernt haben: Unter den Mandelsteinlaven der Höhlensand- 
stein, darunter die roten Mergel und tiefer bis in die Vorberge hinein- 
reichend die Moltenoschichten, denen hier zahlreiche Doloritlager inji- 
ziert sind. Dann stellen sich die Beaufortschichten ein, die bis ans 
Meer reichen, wo sie von Rosers und Schwarz im Kentanigebiete 
näher kennen gelehrt worden sind. Die Lagerung ist durchweg eine 
flache. Hier und da kommt, allerdings meist in Verbindung mit Do- 
leritinjektionen, die stellenweise ganz bedeutende Dicke erhalten, eine 
Verwerfung vor. Du Toır' erwähnt z.B. eine nordöstlich streichende 
Flexur gerade unter der Xalangaspitze, längs welcher die Schichten 
unter einem Winkel von 25° fallen. Aber er erwähnt ausdrücklich, 
daß diese Flexur nur 10 km Länge habe. Einen großen Quathlamba- 
bruch finden wir also auch hier nicht. Flach ist die Lagerung 
der obersten Karruschichten im Bereiche des vom Steilrande umrahm- 
ten Hochlandes. Du Torrs Profile und Ausführungen lassen deutlich 
erkennen, daß es hier an irgendwelchen größeren Störungen fehlt: 
er bemerkt lediglich flache Wellungen. Nach Norden zu gegen den 
ÖOranje brechen die oberen Karruschichten mit einem ähnlichen Steil- 
abfalle ab wie gegen Südosten und Süden. Der Steilabfall heißt eine 
Strecke lang Witteberge; er hängt mit dem des Drakensberges durch 
einen nach Westen gekehrten Steilabfall zusammen, an dessen Fuße 
der Waschbankfluß fließt. Dieser Steilabfall besteht lediglich aus den 
Mandelsteinlaven und dem Höhlensandstein, während sich der untere 
Teil des Drakensbergabfalles, bestehend aus den roten Schichten und 
den Moltenoschichten, im Steilrande der Stormberge weiter nach Westen 
hin fortsetzt. Nördlich von ihm heben sich bei Aliwal North am 
ÖOranje in 1630 m Höhe die obersten Beaufortschichten unter den 
Stormbergschiehten hervor, die wir am Südfuße des Drakensberges 
in 1220 m Höhe bei Cala verlassen haben. Nach pu Torrs Profilen 
ist zwischen beiden Orten die Schichtlagerung im eigentlichen Dra- 
kensberggebiete flach muldenförmig. 

Wir lenken unsern Blick nun nach Norden (Profil II St. Lucia 
Bai-Heidelberg S. 257). Das Aufhören der mächtigen Mandelsteinlava 
decke des Basutolandes in der Gegend des Mont-aux-Sources bezeichnet 
ein deutliches Herabschnellen in der Höhe des Drakensbergsteilabfalles. 
Rasch sinkt seine Oberkante unter 2000 m Höhe herab. Noch ist er, 
wie wir von AnpErson” erfahren, bis in die Gegend von Harrysmith, 


! A.L. ou Torr, Geological Survey of Elliot and Xalanga, Tembuland. (VIH.) 
Ann. Rep. Geolog. Comm. Cape of Good Hope 1903 (1904), S. 169. 

® W. Anperson, Introduction. I. Rep. Geolog. Survey of Natal and Zululand. 
1902, S. 9. 


Pexex: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 241 


wohin wir von Natal über den Van Reenens-Paß (1680 m) mit der Eisen- 
bahn gelangen, von den obersten Strombergschichten gekrönt. Aber 
weiter nördlich scheinen diese auszusetzen, und dort, wo die Eisenbahn 
von Durban nach Johannesburg bei Volksrust (1655 m) die Wasserscheide 
zum Vaalgebiete überschreitet, sah ich weder die weißen Höhlensand- 
steine noch die darunter lagernden charakteristischen roten Schichten. 
Der über 2000 m hohe Majubaberg nahe dem Übergange knüpft sich 
hier an eine der äußerst zahlreichen Doleritinjektionen, die wir so- 
wohl in den unteren Stormbergschichten als auch in den Beaufort- 
und Eecaschichten der Vorberge des Drakensbergabfalles kennen. Es 
senkt sich also auch hier im Norden die obere Kante des Drakens- 
bergsteilrandes in tiefere geologische Horizonte herab, ganz ebenso, 
wie wir es im Süden bei den Stormbergen gesehen haben. Zugleich 
nimmt in den Verzamelbergen bei Wakkerstroom die Höhe des Steil- 
randes ganz bedeutend ab. Von seinem Ostfuße ziehen sich Karru- 
ablagerungen ununterbrochen bis zur Küstenebene des Zululandes herab, 
welche sich als selbständiger Zug in der Oberflächengestaltung des 
Landes nördlich von 29° S. einstellt. Dies geschieht aber nur auf 
den Höhen. Die großen Täler des weißen Umfolozi und Pongola 
schneiden daneben fast in ihrer ganzen Erstreckung ältere Gesteine, 
Granite und Babertonschichten an. Wir begegnen Kuppen dieser 
älteren Gesteine selbst bei Vryheid (1097 m hoch), und westlich Lüne- 
burg reichen sie fast an den Fuß der Verzamelberge. Über diesem 
älteren Gestein beginnt die Serie der Karrubildungen, in der Regel 
mit dem Dwyka-Tillit, welcher gelegentlich in größerer Mächtigkeit 
auftritt, starke Unebenheiten seiner Unterlage ausgleichend. Darüber 
lagern zunächst kohlenfreie Schiefer und Sandstein, schließlich kommen 
kohlenführende Schichten, die bei Paulpietersburg in 1470—148o m, 
am Abfalle des Hlobaneberges bei Vryheid in 1200—1300 m Höhe, 
am Gotsheberge in etwa 1050om Höhe und schließlich im Somkele- 
(St. Lueia-) Kohlenfelde dieht an der Küstenebene in etwa 100— 200 m 
Höhe auftreten. Moreneraarr' war anfänglich geneigt, diese Kohlen 
in den Horizont der triassischen Stormbergschichten zu verweisen, 
doch hat er sie später in seiner trefflichen Geologie von Transvaal 
in einen tieferen Horizont, ungefähr in den der Beaufortschichten, 
versetzt; denn wir haben es hier, wie allgemein in Transvaal, mit 
Kohlen der Glossopterrisflora zu tun. 

Das allmähliche Absinken der Karruschichten gegen Osten hin 
wird gelegentlich durch Verwerfungen unterbrochen. »Scheinbar«, 


ı G.A.F. MotenGrAArFF, Skizze von der geologischen Beschaffenheit des Distrikts 
Vryheid. Geologische Aufnahme der südafrikanischen Republik. Jahresbericht für 
1898. Pretoria 1900, S. 23. 


242 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


schreibt MoLENGRAAFF, »sind diese Verwerfungen gelegentlich derart, 
daß jedesmal die näher nach dem Ozean gelegene Scholle mit Bezug 
auf die mehr landeinwärts befindliche herabgesunken ist.« Daneben 
kommen auch Verwerfungen der entgegengesetzten Art vor. Eine 
solche zeigte mir Hr. MorensraaArr am Umkusiflusse. Dort ist der 
Östflügel der Verwerfung längs eines Doleritganges um 50m gegen- 
über dem Westflügel gehoben. Ähnliches wiederholt sich weiter öst- 
lich: da heben sich längs einer Verwerfung an dem Westfuße des 
Kezaberges die Gesteine der Karruunterlage in das Niveau der Karru- 
schichten herauf, welche östlich davon sich rasch nach Osten senken. 
Unsere Verwerfung streicht aber nicht der Küste parallel, sondern 
beinahe in rechtem Winkel dazu, nämlich nordwestlich. Mannigfachen 
Unregelmäßigkeiten der Schichtlagerung begegnen wir endlich im 
Zululande. Nach den Untersuchungen von Anperson' haben wir es 
hier vor allem mit recht ansehnlichen Unebenheiten in der Unterlage 
der Karruschichten zu tun, welche beispielsweise in der Umgebung 
von Ulundi durch den Dwyka-Tillit keineswegs ausgeglichen werden. 
Andererseits haben wir es in diesem Gebiete aber auch zweifellos 
mit Verwerfungen zu tun. Auf Anpersons zweiter Karte des Zulu- 
landes hebt sich beispielsweise das Granit- und Tafelsandsteingebiet 
von Hlabisa längs einer nordsüdlich streichenden Verwerfung der 
Karruschichten hervor, und zwar ist auch hier der seewärs gelegene 
Flügel der Verwerfung der gehobene, der landwärts gelegene der 
gesenkte.e Doch kommt in seiner Beschreibung des Hlabisagebietes 
AnDERSoN auf diese Verwerfung nicht wieder zurück und führt die 
Unregelmäßigkeiten der Lagerung hier lediglich auf Unebenheiten 
des Untergrundes zurück. Endlich setzen sich am Umhlatuzi die 
Karruschichten durch eine Verwerfung gegen einen Granitrücken ab, 
der sie von der Küste trennt; also auch hier ist der meerwärts ge- 
legene Flügel der Verwerfung der gehobene und der landeinwärts 
gelegene der gesenkte. Unverkennbar ist schließlich, daß das Ost- 
wärtsfallen der Karruschichten mit der Annäherung an die Küsten- 
ebene des Zululandes sich verstärkt. Schließlich biegen sich die 
Karruschichten unter einem Winkel von etwa 15°, stellenweise 
von 25°, zur Tiefe. Sie werden hier bedeckt von Mandelsteinlaven, 
welche Anperson von vornherein geneigt war, mit den Mandelstein- 
laven des Basutolandes zu vergleichen. Auf diese Laven folgen hier 


! 'W. Anperson, Report on the Reconnaissance Survey of Zululand. I. Rep. 
Geolog. Survey of Natal 1902, S. 37. Further Notes on the Reconnaissance Survey 
of Zululand. II. Rep. 1904, S. 37. Report on the Geology of the Melmoth Distriet 
Zululand. Ebenda S. 129. The Geology of the Hlabisa and Somkele Distriets Zulu- 
land. III. Rep. 1907, S. 131. 


Pener: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 243 


weiter solche von rhyolitischen Gesteinen, welche die Lebombokette 
zusammensetzen. Es biegt gleich den Karruschichten ihre Kappe von 
Ergußgestein gegen Osten ab; entsprechend dieser Abbiegung werden 
am unteren Umfolozi und unteren Pongola die archaischen Gesteine 
durch Karruablagerungen ersetzt. 

In der Küstenebene des Zululandes herrschen, wie AnDERSoN ge- 
zeigt hat, horizontal gelagerte Schichten der oberen Kreide in ziem- 
lich ansehnlicher Verbreitung. Sie bilden dort, wo der Umfolozifluß 
aus dem Bereiche der Mandelsteindecken heraustritt, den Umkwelane- 
hügel, und nach Anpersons Ansicht lagern sie sich weiter südlich 
am Umhlatuzi auf die kohlenführenden Karruschichten. Weiter nörd- 
lich aber fand Anperson am Fuße der Lebombokette eine kretazeische 
Strandbildung, in der auffälligerweise jedoch Rhyolithgerölle fehlen. 

Überbliecken wir das eben betrachtete Profil, so sehen wir, daß 
auch zwischen den Verzamelbergen und dem Zululande ein großer 
Quathlambabruch fehlt, daß aber hier einzelne Verwerfungen auftreten. 
Dieselben tragen jedoch nicht den Charakter von Staffelbrüchen: Wenn 
wir seewärts wandern, kommen wir beim Überschreiten der Brüche 
nicht auf jüngere Schichten, sondern mit einigen charakteristischen 
Beispielen jeweils auf ältere Schichten, und es geschieht das Absinken 
der Schichten nicht infolge des Einsetzens der. Brüche, sondern in 
Gestalt einer allmählich gegen das Küstenland hin steiler werdenden 
Abbiegung. Flach muldenförmige Schichtlagerung, wie sie uns 
weiter im Süden im Bereiche des Drakensberges entgegentritt, ist 
hier nicht nachweisbar. Die Dwyka-Ablagerungen, die wir in der Ab- 
fallregion in etwa 1200 m Meereshöhe verlassen, treffen wir landein- 
wärts im Transvaalgebiete zwischen den Bergen südöstlich von Heidel- 
berg in größerer Erhebung von etwa 1400—1500 m wieder', und 
sie werden hier unmittelbar von Kohlenvorkommnissen überlagert. 
Die sanfte Abdachung des Drakensberges gegen Transvaal schneidet 
also ganz ebenso wie die gegen die Oranje-River-Kolonie die Karru- 
schichten quer durch und führt bei sanftem westlichen Fallen auf 
immer ältere Schichten herab. 

Ganz wesentlich anders als alle bisher betrachteten Profile ge- 
staltet sich ein Durchschnitt durch den nördlichen Drakensberg (Profil I 
S.257 Lourenco Marques-Kaalfontein). Die tiefen Täler der ihn durch- 
brechenden Flüsse gewähren uns klaren Einblick in seinen Aufbau, so 
z.B. das Tal des Krokodilflusses, in dem die Eisenbahn von Johannesburg 
nach Lourenco Marques zur Küstenebene herabsteigt. Hier passieren 


! H. Lurrman Jonnson, Notes on the Geology of the Fortuna Valley, Heidel- 
berg. Transvaal. Transact. Geolog. Soc. S. Africa. VII, 3, 1904. 


244 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


wir einen ganz ähnlichen Steilabfall wie am südlichen Drakensberg; 
aber jener wird nicht mehr von Karruschichten gebildet, sondern von 
älteren Gesteinen, die im Innern von Transvaal herrschen und danach 
»Transvaalformationen« heißen. Von der Höhe des Devils Kontor 
(1770 m) blicken wir, wie bereits MOLENGRAAFF in seiner Geologie von 
Transvaal so anschaulich geschildert, von den Quarziten des Black Reef, 
die um Johannesburg eine so große Rolle spielen, nach Osten hinab auf 
ein viel tieferes Granitgebiet, durchflossen vom Kaapflusse; unten sanfte 
und milde Formen, entsprechend dem tiefgründig verwitterten Gestein. 
In den sanft gewölbten Rücken zwischen den einzelnen Tälern haben 
sich häufig Regenschluchten, Dongas genannt, hineingefressen und haben 
gelegentlich aus dem verwitterten Granit höchst abenteuerliche Formen 
herausgeschnitten. Gegen Westen hebt sich Bergwelle auf Bergwelle 
empor; aber jede Welle entspricht nicht einer Hebung, sondern eine 
jede knüpft sich an ein widerstandsfähiges Glied der oberen Transvaal- 
formation der Pretoriaquarzite mit ihren Diabaseinlagerungen. Von 
ihnen sind wir getrennt durch eine Niederung von wechselnder Breite, 
in welcher die leicht verwitterbaren Dolomite des Transvaalgebietes 
ausstreichen. Ganz ebenso ist es nördlich vom Krokodilflusse, über 
welches Gebiet uns A. L. Harz näher unterrichtet hat. Hier wird 
die Mauchspitze (2660 m) und der benachbarte Andersonberg (2233 m) 
von den sanft nach Westen fallenden Quarzitbänken und Diabasdecken 
der Pretoriastufe gebildet. Vor ihnen liegt die Talung des Dolomites, 
und östlich davon hebt sich der Black Reef-Quarzit im Spitzkopf 2160 m 
hoch empor. Er bricht jäh über der tiefer gelegenen Granitlandschaft 
ab, einen ausgezeichneten, weithin nach Norden verfolgbaren äußersten 
Steilrand unsrer Zone von Steilrändern bildend. Nach den Unter- 
suchungen von Harz! zeigt der ganze Lydenburger Distrikt die eben 
geschilderte Anordnung: Wir haben es mit einer ganzen Serie ein- 
zelner Schichtstufen zu tun, zwischen welchen sich Schichttäler er- 
strecken. Zwar nicht am höchsten, aber allenthalben am schärfsten 
hebt sich die unterste Stufe des Black Reef-Quarzites hervor. Ganz 
ebenso ist es aber auch nördlich vom Olifantflusse, welches Gebiet 
MError” einer ersten Aufnahme unterworfen hat. Hier verfolgen wir 
den Steilrand des Black Reef bis zum Wolkberge (2100 m), wo er 
unter rechtem Winkel umbiegt und sich landeinwärts unter dem Namen 
Strydpoortberge noch eine Strecke weit fortsetzt. So ist der Wolk- 


ı A.L. Hırr, The Geology of the Central Portion of the Lydenburg District, 
between Lydenburg and Belvedere. Rep. Geolog. Survey 1906. Transvaal Mines De- 
partment, S. 73. 

2 E.T. Meıror, The Geology of the Distriet about Haenertsburg, Leydsdorp, 
and the Murchison Range. Ebenda S. 21. 


Pexcr: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 245 


— 


berg in ähnlicher Weise ein äußerster Endpunkt des langen Drakens- 
bergzuges, wie im Süden der Xalanga, nämlich eine Stelle, wo der 
Steilrand sich landeinwärts wendet. 

Die gesamte Breite der dem Transvaalgebiet angehörigen Schwärme 
von Schichtkämmen beläuft sich längs der Eisenbahn Pretoria-Lourenco 
Marques auf 50—60 km. Die höchste Erhebung liegt hier auf dem 
innersten Kamm, und dieser wird bei Belfast (1970 m) von flachge- 
lagerten Karruschichten bedeckt. Letztere beginnen mit den Dwyka- 
Tillit, auf denen kohlenführende Schichten folgen, die den Bergbau 
von Belfast bedingen. Die Karte von Hunrnker' läßt klar erkennen, 
wie sich die Karruschichten hier diskordant über die verschiedensten 
Glieder des Transvaalsystems breiten und im Osten in einigen Aus- 
läufern bis in das Gebiet des Krokodil- und Komatiflusses hinein- 
ragen, wo sie einzelne Höhen krönen. Gegen Westen begleiten uns 
die Karruschichten abwärts bei Middelburg vorüber bis zum Bronk- 
horstspruit (1430 m); doch bilden sie keine zusammenhängende Decke, 
sondern immer nur vereinzelte Vorkommnisse, zwischen denen sich 
die Ausläufer des großen Waterbergsandstein-Gebietes von Middelburg 
erheben, nämlich eines flach muldenförmig gelagerten Sandsteines, 
welcher gewöhnlich als Äquivalent des Tafelbergsandsteins angesehen 
wird. Mrıror” hat über dieses Gebiet eine Reihe wichtiger Mit- 
teilungen gemacht und gezeigt, wie sich schließlich westlich vom 
Bronkhorstspruit unter dem Tillit wieder die Pretoriaquarzite des 
Transvaalsystems hervorheben, denen auch der Waterbergsandstein 
diskordant aufgelagert ist. Wir bleiben also zwischen Belfast und 
Bronkhorstspruit immer an der Sohle des Karrusystems, und diese 
senkt sich auf der Strecke von ııokm um 540 m. 

Nur dort, wo im regenreichen Monsungebiete leicht verwitter- 
barer Granit unter dem Black Reef-Quarzite zutage tritt, hebt sich 
dieser als Stufe hoch über tiefer gelegenes Land hervor, wo aber in 
seinem Sockel anderweitige Gesteine, und zwar solche quarzitischer 
Natur, herrschen, bildet auch das alte Gebirge ansehnliche Erhebungen. 
So steigt im Gebiete südlich von Baberton aus dem Sockel des Trans- 


ı W.A.Humrorey, On Portions of the Lydenburg and Carolina Distriets in 
the Neighbourhood of Belfast and Machadodorp. Rep. Geolog. Survey. Transvaal 
Mines Department. 1906, S. or. 

2 E. T. Merror, Outliers of the Karroosystem near the junetion of the Elands 
and Olifants Rivers in the Transvaal. Transact. Geolog. Soc. S. Africa. VII, 1904. On 
some Glaeiated Land Surfaces oceurring in the Distriet between Pretoria and Balmoral, 
with Notes on the Extent of a Distribution of the Glaeial Conglomerate in the same 
area. Ebenda. The Geology of the Middelburg Distriet. Ebenda X, 1907, S.44. The 
Geology of the Central Portion of the Middelburg District. Rep. Geolog. Survey. 
Transvaal Mines Department. 1906, S. 53. 


Sitzungsberiehte 1908. 24 


246 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


vaalsystems der Zug der Makonjwaberge in der Devils Bridge bis zu 
einer Höhe von 2075 m (vgl. Jerers Karte von Transvaal) empor, also 
bis über die Höhe des Black Reef-Glintes. Nach Osten zu nimmt die 
Höhe dieses alten Grundgebirges ganz allmählich ab; ihr Gipfelniveau 
biegt sich seewärts herab, und schließlich setzen sich die älteren Gesteine 
längs einer ziemlich genau nordsüdlich streichenden Linie scharf gegen 
die Karruablagerungen ab. MorexsrAArr' mutmaßte hier einen großen 
Bruch zwischen beiden, den er als Lebombobruch bezeichnet. Die 
Untersuchungen von Kynasron’ haben jedoch ergeben, daß die älteren 
Gesteine hier ganz regelmäßig unter die Karruschichten einfallen und 
daß kein Bruch vorhanden ist. Die Karruschichten beginnen aber 
hier nicht. wie sonst, mit dem Dwyka-Tillit, sondern setzen gleich 
mit Sandstein ein, in denen sich alsbald die Kohlenlager von Komati 
Poort einstellen. Der ganze Komplex fällt 10° E. unter Mandelstein- 
laven ein, die ganz ähnlich denen des Basutolandes sind; diese Mandel- 
steinlaven senken sich unter die Rhyolithlavadecke der Lebombokette. 
Es ist also hier genau dieselbe Schichtfolge wie weiter südwärts am 
Umfolozi. Unmittelbar unter den Mandelsteinlaven finden sich ferner 
Sandsteine, ähnlich dem Höhlensandstein des Drakensberges und dar- 
unter rote Mergel, ebenso wie dort. Kysaston ist daher der Meinung, 
daß wir es hier auch mit den obersten Gliedern der Karruformation 
zu tun haben und daß dieselben Schiehten, die weiter südwärts das 
Hochland des Basutolandes aufbauen, hier am Fuße des Burenhoch- 
landes an der Grenze gegen die Küstenebene vorliegen. Die Karru- 
schichten und die Mandelsteinlavadecken erscheinen glatt abgeebnet. 
Die Rhyolithe hingegen bilden eine Kette von 600 bis 700 m Höhe, 
die dureh ihre jähe, mauerartige Aufragung den Eindruck eines breiten 
Ganges macht, aber in Wirklichkeit nichts anderes darstellt als den 
Denudationsrand eines schräg gelagerten Schichtkörpers. In der Tat 
wird die Kette ganz nach der Art eines am Rande einer Flexur 
herausgearbeiteten Schichtkammes von zahlreichen Durehbruchtälern 
gequert. Im Osten grenzt sie an das Küstenland mit seinen Kreide- 
schichten, welch letztere bei Lourenco Marques nach Kırıan“ bis ins 
Aptien herabreichen. 

Ein großer Quathlambabruch existiert also auch in unserem 
nördlichen Profile des Drakensberges nicht. Kysaston hat bereits 


ı G.A. F. Morensraarr, Transact. Geolog. Soc. South Afriea. IV, 1898, S. 119. 
Geology of the Transvaal S. 79. 

2 H. Kynasron, The Komati Poort Coalfield. Mem. Geol. Survey Transvaal. 
No. 2. The Geology of the Neighbourliood of Komati Poort. Transaet. Geolog. Soc. 
South Afriea. IX, 1906, S. 19. 

® W.Kırıan, Über Aptien in Südafrika. Zentralblatt f. Mineralogie usw. 1902, 
S. 465. 


Pexer: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 247 


ausgesprochen, daß die Karruschichten von Komati Poort möglicher- 
weise längs einer großen Monoklinalfalte, also einer Flexur vom 
Hochlande, abgebogen seien. PassarcE hält dies in seinem Süd- 
afrika für eine den bisherigen Anschauungen widersprechende Auf- 
fassung. Er glaubt, Kynaston stütze sich lediglich auf die Tat- 
sache, daß die Verlängerung der Komati Poort-Schichten in der 
Richtung ihres Ansteigens landeinwärts bis auf das Transvaalhoch- 
land hinaufführe. Das Wesentliche an der Sache ist, daß der große 
östliche Randbruch von Südafrika an der einzigen Stelle, wo er bis- 
her durch Beobachtungen festgelegt zu sein schien, nach den Unter- 
suchungen von Kynasron als nicht vorhanden hingestellt werden muß. 
» Wollte man«, fährt PassarsE fort, »mit der Verlängerung des Ein- 
fallwinkels auch in anderen Schollenländern eine einfache Abbiegung 
beweisen, so würden nicht viele Horste mit nachgewiesenen Spalten 
auf der Erdoberfläche übrigbleiben, vorausgesetzt, daß die abge- 
sunkenen Schichten, wie das bei Komati der Fall ist, nur an einer 
Stelle aufgeschlossen sind.«e — Dem ersten Teil dieses Satzes ist 
durchaus beizupflichten: Nur zu häufig hat man bloß aus der ver- 
schiedenen Höhenlage von Schichten auf Brüche geschlossen, ohne 
in Erwägung zu ziehen, daß jene Erscheinung auch durch Abbiegen 
von Schichten erklärt werden kann. Dringend nötig erscheint uns 
eine Revision der zahlreichen bloß konstruierten, nicht auch durch 
Beobachtung sichergestellten Brüche der Erdkruste. Mit dem zweiten 
Teile seiner Äußerung aber hat PassarscEe unrecht: Wir treffen die 
abgebogenen Schichten nicht bloß bei Komati Poort, sondern können 
sie von hier aus am ÖOstfuße der Lebombokette ununterbrochen bis 
in das Zululand hinein verfolgen, und hier sehen wir, wie sie an- 
steigen und sich landeinwärts bis in das Hochland von Transvaal 
hinauf ununterbrochen erstrecken. Hier ist also die von Kynasron 
gemutmaßte Abbiegung ununterbrochen zu verfolgen, worauf letzterer 
bereits hingewiesen hat. 

Es erübrigt jetzt nur noch zu zeigen, in welcher Weise die bei 
Belfast aufgeschlossenen Karruschichten mit denen im nördlichen 
Natal abgebogenen zusammenhängen. Südlich Belfast greifen im Ge- 
biete von Carolina die Karruschichten weiter und weiter nach Osten 
über die einzelnen Glieder des Transvaalsystems hinweg, bis sie 
schließlich am rechten Ufer des Komatiflusses in der Gegend von 
Steynsdorp bis unmittelbar auf deren Grundgebirge zu liegen kom- 
men. Von hier an zieht sich ihr Ostsaum im Gebiete von Ermelo 
allenthalben gegen das Urgebirge angrenzend über Amsterdam, Piet 
Retief bis in die Gegend von Lüneburg am Pongola, an dessen Süd- 
ufer wir sie dann bis ins Zululand ununterbrochen verfolgen können. 


24* 


248 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


Der geschilderte Ostrand des Karrusystems zwischen Komatifluß und 
Pongola aber fungiert nicht als Wasserscheide, wie bei Belfast, son- 
dern die Wasserscheide zwischen dem Vaalflusse und den Zuflüssen 
des Indischen Ozeans liegt hier auf der Höhe des Hochlandes von 
Transvaal, dessen Oberfläche sich also hier ebenso nach Osten ein 
Stück weit sanft abdacht, wie sonst nach Westen hin. Die alten Ge- 
steine des Swazilandes erscheinen sohin lediglich als der bloßgelegte 
Sockel der sich ostwärts abbiegenden Karruschichten; den nördlichen 
Drakensberg aber, dessen Gipfel die angrenzenden Karruschiehten an- 
sehnlieh überragen, können wir dementsprechend als bloßgelegten 
Kern einer außerordentlich flachen Aufwölbung der Karruschichten 
ansehen. 

So erweisen sich denn die beiden Teile des Drakensberges struk- 
turell als erheblich voneinander verschieden: dem Bauplan des süd- 
lichen liegt eine flache Einbiegung, dem Plan des nördlichen eine 
sanfte Aufwölbung der Karruschiehten zugrunde; dabei sind aber 
beide morphologisch nahe miteinander verwandt: beide sind Schicht- 
stufen, echte Glinte, sich knüpfend an die widerstandsfähigen Glieder 
der eingebogenen oder aufgewölbten Schichten. Diese beiden so ver- 
schieden konstruierten Gebiete aber befinden sich längs einer Zone, 
in welcher sich die Karruschiehten mit ihrem Sockel älterer Gesteine 
zum Meere hin abbiegen. 

Für die Altersbestimmung dieser großen Flexur ist von Bedeu- 
tung, daß von ihr auch die Laven des Zululandes ergriffen werden, 
von denen, wie schon erwähnt, die Mandelsteinlaven von Kynaston 
mit denen des Basutolandes parallelisiert werden. Hiernach würde 
unsere große Abbiegung erst nach den mächtigen Massenergüssen er- 
folgt sein, die in Südafrika am Schlusse der Karruzeit, also nach Be- 
ginn der Juraperiode, erfolgten. Allerdings stützt sich jene Paralleli- 
sierung zur Zeit lediglich auf die Wiederholung der gleichen Sehiehten- 
folge: rote Schichten, weißer Sandstein und Mandelsteinlaven im 
Zululande ebenso wie im Basutolande, und bedarf noch einer schär- 
feren Stütze durch den Nachweis der Stormbergflora in den unteren 
Partien dieses Komplexes. Aber wenn dieser Nachweis auch noch 
aussteht, so liegt doch andererseits auch kein Grund vor, in ähnlicher 
Weise wie Passarer, der mehr oder weniger deutlich einen Zusammen- 
hang zwischen Randbrüchen und vulkanischen Ergüssen mutmaßt, 
nunmehr einen solchen zwischen der Entstehung unserer Flexur und 
der vulkanischen Tätigkeit anzunehmen. Zu bezweifeln ist allerdings 
nicht, daß dureh die Injektion gewaltiger Doloritmassen in die unteren 
Abteilungen des Karrusystems vom Kaplande und Natal sowie auch 
vom östlichen Transvaal eine merkliche Anschwellung dieser Schichten 


Pener: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 249 


verursacht gewesen sein muß, denn nach den Angaben von Rosers!' 
machen die Intrusionen stellenweise etwa ein Viertel der gesamten 
Schichtmächtigkeit aus, diese aber beläuft sich für Eeea- und Beau- 
fortschichten insgesamt auf 2600 m, so daß wir eine Hebung von 
600— 700m bloß auf Konto von Intrusionen setzen könnten. Allein 
auch diese Intrusionen werden, wie uns das Bohrloch am Bluff bei 
Durban lehrt, von der Flexur abgebogen; denn das Bohrloch hat 
unter den oberen Kreideschichten auch Doleritintrusionen in den Eeca- 
schichten erschlossen. 

Für Beurteilung unserer Flexur ist weiter von Bedeutung, daß 
längs ihr die Kreideschichten mit den verschiedensten Gliedern des 
abgebogenen Komplexes in Berührung treten, und zwar kommen sie 
auf immer ältere zu liegen, je weiter nach Süden wir gehen. Im 
Zululande liegt am Fuße der Lebombokette ein kretazeischer Strand; 
bei Durban lagern die Kreideschichten auf Eccaschiefern der unteren 
Karru, um Umtamvuna am Fuße von Kliffen im Granit oder Tafel- 
bergsandstein. Wir entnehmen hieraus, daß unsere Flexur keine be- 
stimmte Schichtoberfläche, sondern eine alte Landoberfläche betrifft, 
welche die verschiedensten Schichten, die wir am Ostabfalle des süd- 
lichen Drakensberges kennen gelernt haben, durchschneidet. Es fehlt 
nun nieht an Anzeichen dafür, daß eine solche alte Landoberfläche 
noch heute vorhanden ist, und zwar tritt sie uns in Gestalt einer 
Rumpffläche entgegen. Die Eisenbahn von Pietermaritzburg nach 
Durban führt auf der Höhe zwischen Umgeni und Umlazi und ge- 
stattet weite Ausblicke. Man hat, sobald man die Höhe erreicht 
hat, den Eindruck, auf einer weiten Hochebene sich zu befinden. 
Diese Hochebene nun schneidet bei Thornville (916 m) die Eeca- 
schiefer, bei Camperdown (761m) den Dwyka-Tillit quer ab, führt 
dann weiterhin über den Tafelbergsandstein auf den Granit von In- 
changa (752 m) und bei Bothashill (739 m) wieder auf‘ den Tafelberg- 
sandstein zurück; auf diesem senkt sie sich rasch abwärts, über Pine- 
town (343 m) nach Malvern (170 m). Dort erreicht unsere Hochfläche 
wieder den Dwyka-Tillit und kommt schließlich bei Durban auf Eeca- 
schiefer. Die ganze flache Antiklinale der Küstenvorstufe wird durch 
diese Rumpffläche quer abgeschnitten, und letztere ist es, welche 
bei Durban untertaucht und den Kreideschichten des Bluff als Sockel 
dient. 

Wie weit sich diese Rumpffläche erstreckt, läßt sich heute nicht 
mit Bestimmtheit sagen. Nach der Geländedarstellung der von der 
geologischen Aufnahme von Natal herausgegebenen Spezialkarten ein- 


! A. W. Rocers. The Geology of the Cape Colony. 1905. S. 273. 


250 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


zelner Distrikte im Maßstabe ı: 94000 zu urteilen, reicht sie über 
die gesamte Küstenvorstufe vom Zululande aus bis an die Grenze des 
Kaplandes. In der Tat wird sie auch von ANDERSONn immer als ein 
Plateau bezeichnet, und zwar das des Tafelbergsandsteins, wenn auch 
Anperson daneben immer hervorhebt, wie sich an der Zusammen- 
setzung dieses Plateaus sowohl der ältere Granit als auch die älteren 
Karruschiehten beteiligen. 

Von Wichtigkeit wird sein, das Verhältnis unserer von jung aus- 
sehenden Tälern tief zerschnittenen Rumpffläche zu den Vorbergen des 
Drakensberges und zu diesem selbst kennen zu lernen. Es sind zwei 
Fälle denkbar: sie kann in bezug auf beide die Rolle einer jener Rumpf- 
flächen spielen, die wir nicht selten am Fuße von Gebirgen antreffen, 
z.B. am Nordfuße der Alpen in der Gegend von Murnau oder am 
Fuße der Karpathen südlich von Witkowitz, und die wir durch seit- 
liche Erosion der aus dem Gebirge kommenden Flüsse, also durch 
Zusammenwachsen benachbarter Talböden, entstanden denken können. 
Es ist aber auch möglich, daß sich unsere Rumpffläche hinwegwölbte 
über den ganzen Drakensberg und seinen Vorstufen, und daß dieser 
aus ihr herausgeschnitten wurde. Die Eisenbahnfahrt von Johannes- 
burg nach Pietermaritzburg führt quer über das ganze obere Tugela- 
gebiet hinweg; es geht vom oberen Buffalogebiet im Distrikte New- 
castle (1186 m) zum Sunday River bei Elandslaagte und Klip River bei 
Ladysmith (1001 m), es geht bei Colenso (962 m) über den Tugela, 
bei Esteourt (1168 m) über den Bushmansfluß, bei Weston (1389 m) 
über den Mooi River. Der Charakter aller dieser Täler, die teilweise 
bis zur Höhe des Rumpfes auf der Küstenvorlandstufe eingeschnitten 
sind, ist ein auffällig übereinstimmender: breite Furchen mit sanft 
ansteigenden Gehängen, häufig mäandrierend, wie namentlich bei Est- 
court. Breite, sanft fallende Talsohlen, die zu einem Rumpfe ver- 
wachsen könnten, fehlen; vielmehr zeigen sich überall dort, wo die 
Flüsse quer über Doleritlager fließen, Stromschnellen, manchmal aber 
auch stattliche Wasserfälle. Ich habe nichts bemerkt, was die An- 
nahme stützen könnte, der Rumpf auf der Küstenvorstufe Natals sei 
ein Piedmontrumpf des Drakensberges und seiner Vorberge. Dagegen 
ist die sanfte Westabdachung des Drakensberges abermals eine 
Rumpftläche. Die Hochflächen des Burenhochlandes entsprechen, 
wie wir gesehen haben, nicht einer bestimmten Schichtoberfläche. Sie 
senken sich im ÖOranjegebiete sanft von den oberen, im Transvaal- 
gebiete von den mittleren Karruschichten bis zu den unteren herab, 
und die einzigen Erhebungen, welche hier die sanfte Abdachung unter- 
brechen, knüpfen sich an widerstandsfähige Doleritlager oder -gänge; 
alle die zahlreichen Kranz- und Spitzberge tragen den Charakter von 


Pener: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 251 


Monadnocks. Die Flüsse aber schneiden nicht in scharf ausgesproche- 
nen Tälern ein, sondern fließen inmitten breiter, sich sanft nach ihnen 
senkender Furchen. Diese Rumpffläche des Hochlandes bricht nun 
ebenso auf der Kante des südlichen Drakensberges ab, wie die der 
Küstenvorstufe in dessen Fußregion aufhört. Der naheliegende Ge- 
danke, daß beide Rumpfflächen einander entsprechen, wird wesentlich 
dadurch befestigt, daß zwischen dem nördlichen und dem südlichen 
Drakensberge, im Gebiete von Ermelo und Carolina, die Rumpftläche 
des Hochlandes sich auch nach Osten senkt, weswegen die Wasser- 
scheide zwischen Vaal und Zuflüssen des Indischen Ozeans auf ihr zu 
liegen kommt. Endlich habe ich im Gebiete von Vryheid, wo sich die 
Karruschichten zwischen Pongola und Weißem Umfolozi zum Küsten- 
saume herabbiegen, den Eindruck erhalten, als ob die Höhen einer 
Rumpflläche angehörten. Der gesamte Landschaftscharakter ist hier 
ebenso wie in Transvaal; die Erstreckung der ehemaligen Südafrika- 
nischen Republik gerade in dieses Gebiet hinein erscheint als eine 
Ausdehnung auf gleichem Boden. 

So liegen denn nach dem dermaligen Stande unserer allerdings 
noch recht lückenhaften Kenntnis die Dinge im Drakensberggebiete 
ganz ebenso wie im Kaplande. Auch hier bricht das Burenhochland 
längs eines Steilrandes jäh ab, den Rrumans anfänglich auch auf einen 
Bruch zurückführte, während wir heute dank der eingehenden Unter- 
suchungen der Kapgeologen wissen, daß eine Schichtstufe, ein typi- 
scher Glint vorliegt. Davor liegt die ebene und hügelige Große Karru; 
zwischen dieser und dem Meere erhebt sich aber der Schwarm der 
Kapfalten. Die Flüsse nun, welche am Glinte entspringen, fließen im 
Gouritzgebiete quer durch die Kapfalten hindurch. Anfänglich hat 
man geglaubt, letztere hätten sich quer über dieses Flußsystem hin- 
weg aufgewölbt und seien von dessen Gliedern währenddes durch- 
schnitten worden. Bei der näheren Erforschung des Kaplandes hat 
sich dann aber eine andere Vorstellung aufgedrängt: A. W. Rocers' 
hat gezeigt, daß das Gouritzflußgebiet ein konsequentes ist, zur Ent- 
wicklung gekommen auf einer kontinuierlichen Abdachung, die sich 
vom Hochlandrande zur Küste zog; E. Scuwarz’ hat diese Abdachung 
dann bestimmt als Peneplain im Sinne von W. M. Davıs bezeichnet 
und von ihrer Verbiegung gesprochen. So erscheint uns Südafrika 
zwischen Burenhochland und Kap sowie Natal als eine einzige groß- 
artige verbogene Rumpfiläche. 


A. W. Rocers, The Geological History of the Gouritz River System. Transact. 
South African Philos. Soc. XIV, 4, 1903. 

2 E. Schwarz, The Rivers of Cape Colony. The Geographical Journal. London 
1906, XXVII, S. 265. 


252 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


Diese Vorstellung habe ich bereits 1906 gelegentlich meines Vor- 
trags auf der Versammlung der Deutschen Naturforscher und Ärzte in 
großen Umrissen entwickelt, wobei ich mich allerdings, entsprechend 
dem Charakter meiner Ausführungen, auf Einzelheiten nicht einlassen 
konnte. Dies hat bei PassareE die durchaus irrige Vorstellung er- 
weckt, als ob es sich lediglich um Wiedergabe der Eindrücke einer 
kurzen Kongreßreise handle. Dank den erwähnten günstigen Um- 
ständen habe ich mich vielmehr bei meinem Vortrag in Stuttgart 
etwa in gleichem Umfange wie heute auf die Arbeiten südafrikanischer 
Geologen stützen können. 

Der südliche Drakensberg, nach seinem geologischen Bau eine flache 
Synklinale, erscheint nach den hier entwickelten Anschauungen als eine 
flache Aufwölbung, welche allerdings unbedeutender ist als die Syn- 
klinale und letztere nicht zu verwischen vermag. Daß er über seine 
Umgebung emporgehoben worden ist, wird auch von den Kapgeologen 
angenommen, die ihn näher erforscht haben; denn anders ist nicht 
zu verstehen, wieso er bei muldenförmiger Schichtlagerung seine Um- 
gebung so weit überragen kann. Allerdings ist seine Höhe zu einem 
guten Teile durch die mächtigen Massenergüsse des Basutolandes be- 
dingt, aber wenn wir uns auch letztere hinweggenommen denken, 
bleibt die Tatsache bestehen, daß die von Stormbergschichten ein- 
genommene Muldenmitte den Muldenrand überragt. Daß diese ge- 
hobene Synklinale wegen der ihr auflagernden Ergußgesteine zu einem 
hydrographischen Zentrum wurde, von dem aus der Oranje und Vaal, 
der Umzimvubu und Tugela ausstrahlen, erscheint begreiflich. Da- 
gegen überrascht es, daß der nördliche Drakensberg kein Wasserteiler 
ist, obwohl er, wie wir zu zeigen versuchten, einer sanften Auf- 
wölbung der Karruschichten entspricht. Er wird in seiner ganzen 
Breite vom Komati samt Krokodilfluß sowie vom Olifantfluß durch- 
brochen; an seinem Nordende treten ferner Flüsse, deren Quellen am 
Nordende des Strydpoortglint gelegen sind, in letzteres hinein und 
queren es, wie Merrror kürzlich geschildert, in engen Schluchten. Wir 
können diese verschiedenen Durchbrüche nicht in gleicher Weise er- 
klären. Bei Strydpoortglint handelt es sich um Durchbrüche aus der 
weitverbreiteten Familie der Glintdurchbrüche, die sich allgemein unter 
der Annahme verstehen lassen, daß zur Zeit der Anlage der Durch- 
bruchflüsse das Glint noch nicht herausgearbeitet war und eine Ab- 
dachung vom Gebiete des heutigen Glintflusses über die Höhen des 
Glintes hinweg sich erstreckte. Wir haben aus den Strydpoortdurch- 
brüchen lediglich zu schließen, daß sich einst im Bereiche des nörd- 
lichen Drakensberges eine Abdachung vom Gebiete der alten, seither 
stark abgetragenen Gesteine in das der Transvaalquarzite erstreckte, 


Penck: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 253 


daß also eine Rumpfebene vorhanden war, die heute gänzlich zerstört 
ist. Der Olifant-, Krokodil- und Komatifluß haben keine Glintdurch- 
brüche. Sie sind, falls die in der Lagerung der Karruschichten an- 
gezeigte Aufwölbung des nördlichen Drakensberges dort am beträcht- 
lichsten war, wo die höchsten Erhebungen vorkommen, Antiklinal- 
durchbrüche, wie solche in der Regel dort gebildet werden, wo Auf- 
wölbungen quer über Flußläufen hinweg entstehen. Wir hätten sie 
danach als antezedente Durchbrüche zu bezeichnen. Allerdings könnte 
man sich auch vorstellen, daß die heutige Wasserscheide bei Belfast 
als eine Antiklinalscheide über einer Aufwölbung des Rumpfes sich 
entwickelt hatte, wie weiter südlich im Gebiete von Carolina und 
Ermelo. Dann müßte man die höheren Gipfel des Drakensbergs, die 
Mauch- und Andersonspitze sowie die Devils Bridge als Aufragungen 
aus dem alten Rumpfe auffassen, so wie sie uns in Transvaal häufig 
dort entgegentreten, wo die Gesteine des Transvaalsystems an die 
Oberfläche kommen. Zwischen ihnen könnte eine ununterbrochene 
Abdachung des Rumpfes bestanden haben, ähnlich derjenigen, welcher 
der Limpopo heute zwischen Magaliesberg und Palalaplateau folgt. 

So lassen denn gerade die hydrographischen Verhältnisse einiger- 
maßen offen, ob die Achse der Aufwölbung der Karruschichten im 
nördlichen Drakensberg mit jener Verbiegung der späteren Rumpf- 
fläche genau zusammenfällt. Möglicherweise kann man die hier offen- 
zulassende Frage durch Beobachtungen an den Höhen des nördlichen 
Drakensbergs zur Entscheidung bringen, obwohl hier dank der kräf- 
tigen Erosion der von den Monsunregen gespeisten Flüsse die vor- 
kretazeische Rumpffläche so gut wie gänzlich zerstört ist; für ihre Fest- 
legung haben wir zwischen Hochlandsaum und Lebombokette keinen 
festen Anhaltspunkt. Die breite Ebenheit aber der Mandelsteinlaven 
und Karruschichten vom Komatipoort, welche sich nach den Pro- 
filen von Kysaston zu urteilen bis in das Bereich der alten Ge- 
steine fortsetzt, ist jedenfalls jünger als die zerstörte kretazeische 
Rumpffläche zwischen dem Burenhochland und Küste; denn sie liegt 
tiefer als die Lebombokette, und ihre Abflüsse queren die letztere. 
Die Dinge scheinen hier ähnlich zu liegen wie im südlichen Kap- 
lande, wo Rocers und Scnwarz auch mehrere Rumpfebenen unter- 
scheiden; speziell die in Rede stehende von Komati Poort erinnert 
in vielen Stücken an die der großen Karru, deren Abflüsse ja auch 
das Bereich der Kapfalten queren. 

Die große präkretazeische Flexur, die sich sowohl im Sehicht- 
bau, als auch in der Oberflächengestaltung der Küstenvorstufe im 
Östen von Südafrika so deutlich ausspricht, fällt auf eine große Strecke 
mit der Küste von Natal zusammen. Jedoch ist dieses Zusammen- 


254 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


fallen kein absolutes. Im Norden, wo sich das Küstenland des Zulu- 
landes erstreckt, erfolgt der Abfall zu den großen Meerestiefen ver- 
hältnismäßig sanft in einiger Entfernung von unserer Flexur; im 
Süden aber, im Bereiche des Pondolandes wird dieselbe von dem 
Küstenverlauf schräg durchschnitten, und zwischen der Mündung des 
Umtamvuna und der des großen Keiflusses senkt sich der Boden des 
Meeres angesichts der Küste ungemein jäh zu großen Tiefen herab. 
Wir können daher unsere Flexur nicht zu jenen großen Flexuren 
rechnen, die wiederholt am Abfall der Kontinente gemutmaßt worden 
sind, und müssen hervorkehren, daß sie mit jenem Abfalle einen 
spitzen Winkel einschließt. Nahe liegt allerdings der Gedanke, daß 
auch jener kontinentale Steilabfall den Charakter einer Flexur trägt, 
und daß er im wesentlichen dadurch zustande gekommen ist, daß 
sich an der einen Seite das Land aufwölbte und auf der anderen 
das Meer einsenkte. Daß die durch die schräge Stellung der Rumpf- 
fläche in der Küstenvorstufe angezeigte Aufwölbung des Landes noch 
fortdauert, lehren uns die Flüsse, welche jene Rumpffläche zerschnei- 
den. Ihre Täler sind durchschnittlich eng, so daß der Verkehr sie 
meidet und die benachbarten Höhen aufsucht: das Gefälle ist noch un- 
ausgeglichen, Stromschnellen und Wasserfälle kommen an den Flüssen 
Natals auch unweit der Küste vor. Wir haben es also hier mit jugend- 
lichen Talformen zu tun, welche im Bereiche eines Küstenlandes nur 
auf eine kürzlich erfolgte oder noch anhaltende Hebung schließen 
lassen. Wie es sich nun mit dem angrenzenden Meere verhält: ob 
sich sein Boden einbiegt, wie es der Annahme einer Flexur ent- 
sprechen würde, wissen wir nicht. Wir können lediglich aus der 
Tatsache, daß vor den Mündungen der Flüsse von Natal ein Auf- 
schüttungsschelf fehlt, schließen, daß hier Senkungen stattgefunden 
haben. Lenken wir nun unsere Blicke auf den Küstenverlauf selbst, 
so treffen wir hier bald Hebungs-, bald Senkungserscheinungen, 
und zwar in unmittelbarer Vergesellschaftung miteinander. Im all- 
gemeinen macht die Küste von Natal den Eindruck einer gesunkenen 
Küste: die Flüsse münden in untergetauchten Tälern, die allerdings 
in der Regel durch Sandbarren verschlossen sind und nur ganz aus- 
nahmsweise, nämlich bei Durban, den Wert von natürlichen Häfen 
erlangen. Wie tief die Senkung der Täler geht, lehren einige Daten 
von Anperson': er berichtet, daß ein Bohrloch im Mündungstale des 
Umzimkulu bei Port Shepstone bei 43 m Tiefe noch nicht den felsi- 
gen Talgrund erreicht hat, so daß wir hier auf eine in jüngster geo- 


! W.Anperson. On the Geology of Bluff Bore. Durban, Natal. Transact. 
Geol. Soc. South Africa. IX. S.ııı. 1907. 


Penex: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 255 


logischer Vergangenheit erfolgte Senkung mindestens um diesen Be- 
trag schließen müssen. Neben solchen Senkungserscheinungen haben 
wir an der Küste Hebungserscheinungen, auf die bereits Gr&ssacn 
hingewiesen hat. Solche zeigt beispielsweise das Bluff von Durban 
an. Dieses Bluff ist ein sandiger Rücken, welcher sich parallel der 
Küste entlang zieht und mit dieser den Hafen von Natal einschließt. 
Letzterer erinnert an einen seewärts geöffneten Küstensee, das Bluff 
hingegen an einen alten, ziemlich hohen, nunmehr gänzlich bewachse- 
nen Dünenwall auf einer Nehrung. Seine stellenweise lose verkitteten 
Sande haben die unregelmäßige Schichtung und das Aussehen von 
Dünensanden. Unter ihnen heben sich stärker verkittete, schräg fallende 
Sande hervor, welche an der Spitze des Bluff den Cave Rock bilden. 
Über dem lockeren Sandstein des Cave Rock nun findet sich im Bluff 
selber, bedeckt von dessen Sanden, 5—6 m über dem heutigen Meeres- 
spiegel ein alter Strand mit Geröllen von Tafelbergsandstein und 
schwarzen Gesteinen (Tillit?). Dazwischen fand ich einzelne Schalen, 
die Dr. Sturanyv in Wien an Östrea cucullata Born. erinnerten, also 
an eine Art, die heute an der Küste von Natal lebend vorkommt. 
Möglicherweise entspricht dieser Strand dem von 20 Fuß Höhe 
an der Außenseite des Bluff, den Anperson' erwähnt, vorausgesetzt, 
daß dieser hier nicht eine in das Bluff hineingearbeitete Strandlinie 
im Auge hat, und wahrscheinlich entsprechen ihm die marinen Sande 
und Muscheln auf der Berea von Durban, von denen gleichfalls Anper- 
son berichtet. Kaum 50 km südlich, unfern von den ausgesprochenen 
Senkungserscheinungen in Port Shepstone nahmen Rogers und Schwarz 
im Pondolande drei Terrassen wahr, die eine in 60 m, die zweite in 
240 m, die dritte in 360 m Höhe über dem Meere, die sie als Litoral- 
terrassen ansprechen, wie solche weiter im Süden an der Küste des 
Kaplandes in großer Ausdehnung vorkommen. Ein solches Neben- 
einander von Hebungs- und Senkungserscheinungen hat vielfach den 
Gedanken an eine besonders große Beweglichkeit in der Lage des 
Meeresspiegels geweckt, da man sich scheut, anzunehmen, daß das 
Land in kurzen Intervallen den Sinn seiner Bewegungen so häufig 
geändert habe. Es läßt sich jedoch leicht erkennen, daß ein der- 
artiger häufiger Wechsel im Sinne der Bewegung der Uferlinie auch 
mit der Bildung einer großen Küstenflexur in Beziehung stehen kann. 
An einer solchen Flexur unterscheiden wir einen gehobenen 
Flügel und einen gesenkten Flügel. Zwischen beiden liegt der Knoten 
der Flexur, der stabil ist, und um den sich alles andere wie um 
ein Scharnier dreht. Liegt nun (Fig. ıa) der Knoten K einer Küsten- 


! W. Anperson, Preliminary Report on the Geology of the Neighbourhood of 
Durban. 1I. Rep. Geolog. Survey of Natal. 1904, S. 105 (115). 


256 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 
Fig. 1. 


Meeresspiegel u K = 


flexur genau im Meeresspiegel, so hebt sich das Land und senkt sich 
der Meeresboden, ohne daß Veränderungen der Küstenlinie eintreten; 
liegt er über dem Meeresspiegel (Fig. ıb), so senkt sich mit dem 
Boden des Meeres auch ein Stück des Küstensaumes, und wir erhalten 
neben einem sich hebenden Lande Senkungserscheinungen an der Küste, 
wie wir dies in so ausgesprochener Weise in Natal sehen. Liegt end- 
lich der Knoten der Flexur unter dem Meeresspiegel (Fig. ı c), so erhebt 
sich mit dem Lande auch ein Stück des Meeresbodens, und wir erhalten 
neben einem sich senkenden Meeresbeecken Hebungserscheinungen. 
Nun dürfte es in der Natur wohl kaum vorkommen, daß der Knoten 
einer großen Flexur seine Lage unveränderlich beibehält, sondern 
bei der Weiterbildung der Flexur dürften sich leicht Veränderungen 
in seiner Lage ereignen. Liegt der Knoten nun durchschnittlich in 
der Nähe des Meeresspiegels, so wird er daher bald über, bald unter 
demselben erscheinen, und es wird dieselbe Küste bald Senkungs-, 
bald Hebungserscheinungen aufweisen, obwohl sich das benachbarte 
Land konstant hebt und das benachbarte Meer konstant senkt. Wir 
können daher sagen, daß der unregelmäßige Wechsel von Hebungs- 
und Senkungserscheinungen an der Küste von Natal mit der An- 
nahme, daß sie eine Flexurküste sei, durchaus im Einklang steht. 
Dagegen harmoniert der häufige Wechsel in der Bewegung der Strand- 
linie an der Küste von Natal nieht mit der Vorstellung, daß sie eine 
Bruchküste sei, entstanden durch das Absinken von Schollen, denn an 
einer solchen Küste können wir ausschließlich und allein Senkungs- 
erscheinungen erwarten. Mit der Erkenntnis aber, daß wir neben den 
Bruch- und Faltungsküsten des Atlantischen und Pazifischen Typus 
von Epvarn Surss auch noch einen dritten Typus der Flexurküsten 
besitzen, bereichern wir nicht bloß die Zahl der prinzipiell wichtigen 
Küstentypen, sondern eröffnen auch neue Ausblicke auf die Entstehung 
der Ozeane und der Kontinente. 


Bemerkungen zu den Profilen durch den Drakensberg (S. 257). 


Die mitgeteilten Profile beruhen nicht auf direkter Beobachtung 
in der Natur, sondern sind entworfen nach der vorliegenden Literatur, 
und es konnte die Höhenlage der einzelnen Schichtglieder, nament- 


257 


Prncx: Der Drakensberg und der Quathlambabruch. 


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258 Gesammtsitzung vom 27. Februar 1908. — Mittheilung vom 13. Februar. 


lich im Bereiche des südlichen Drakensberges, nieht genau angegeben 
werden. Entschieden zu hoch ist die Sohle der Mandelsteinlaven 
in Profil III gezeichnet; sie liegt, wie ich während der Drucklegung 
aus der Arbeit von Unurcrirı ersehe, nur wenig über 2000 m. Vor 
allem aber mußten die Höhen, um den Schichtbau klar erkennen zu 
lassen, sehr bedeutend, nämlich 2ofach überhöht werden. Dement- 
sprechend erscheinen die Mächtigkeiten der flach gelagerten Schichten 
im südlichen Drakensberg sehr viel ansehnlicher als die steiler ge- 
neigten Schichten, z. B. der von Komati Poort. Entsprechend der 
Überhöhung sind auch die Tangenten aller Fallwinkel 2ofach ver- 
größert, und es erscheint das Einfallen der sich zum Indischen Ozean 
abbiegenden Schichten sehr viel steiler, als es in Wirklichkeit ist. 


Ausgegeben am 12. März. 


259 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
Xı. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


5. März. Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 


*|. Hr. Auwers berichtete über den weitern Fortgang seiner Be- 


arbeitung der älteren Brapreryr' schen Beobachtungen. 

Seit der vorjährigen Berichterstattung sind die Einzelresultate der Beobachtungen 
am Passageninstrument für die letzten ı2 Stunden der RA. zusammengestellt, die 
Mittelörter für 1745.0, mit Ausschluss der wenigen nach dem vorigen Bericht einst- 
weilen zurückzustellenden Tage, vollständig gebildet und alle stärker abweichenden 
Beobachtungen revidirt worden. Darauf wurden die Quadranten-Beobachtungen in 
Angriff genommen, und zwar zunächst die Durchgänge. Aus diesen sind für die ganze 
Reihe 1743 —1753 die genäherten — noch mit den Fehlern des Limbus behafteten — 
scheinbaren Rectascensionen, und die in demselben Sinne genäherten Rectascensionen 
für 1745.0 bis zum 29. August 1744 abgeleitet, und die Fehler des Limbus bis dahin 
durch vollständige Vergleichung der Beobachtungen mit dem Catalog für 1755 in erster 
Annäherung bestimmt. Diese Fehler haben sich als sehr beträchtlich erwiesen, lassen 
sich aber für den ganzen Bogen vom Zenith bis in die Nähe des Südhorizonts — we- 
nigstens für die bis jetzt behandelte Periode, die nahe die Hälfte aller am Quadranten 
beobachteten Durchgänge von Catalogsternen enthält — sicher genug bestimmen, so 
dass gute Ergebnisse für die Reetascensionen auch von den Quadranten-Beobachtungen 
erwartet werden dürfen. 


*2. Derselbe legte ein von Hrn. Dr. Rıstexrarr zusammenge- 
stelltes Verzeichniss grösserer Eigenbewegungen vor, die bei 
der Bearbeitung der »Geschichte des Fixsternhimmels« aufgefunden 


worden sind. 

Die Übertragung der gesammelten Sternörter auf Aeq. 1875 ist seit Mitte v.J. 
im Gange, zunächst für die Sterne nördlich vom Aequator, und für diese bis jetzt in 
den ersten drei Stunden der RA. ausgeführt. Die dabei neu zum Vorschein gekom- 
menen Eigenbewegungen sind vorläufig genähert bestimmt und werden zusammen mit 
den früher bei den Eintragungen gefundenen grösseren Werthen aus den späteren 
Stunden und für südliche Sterne in einer Liste von 174 Objeceten mitgetheilt, um neue 
Bestimmungen dieser Sterne zu veranlassen. Die, später fortzusetzende, Liste wird in 
den »Astronomischen Nachrichten« erscheinen. 


3. Hr. Branca legte einen vorläufigen Bericht über die Er- 
gebnisse der Trinil-Expedition der Jubiläums-Stiftung der 
Stadt Berlin vor. 


Die von Frau Prof. Serenka geführte Expedition hat in einigen 40 grossen Kisten 
die reiche Ausbeute aus den Pithecanthropus-Schichten nach Berlin gebracht. Erst spä- 


260 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. März 1908. 


tere Untersuchung dieser fossilen Fauna kann genauen Aufschluss geben über ihre 
Beziehungen zur heutigen und zur jungtertiären Fauna. Besonders bemerkenswerth 
sind dabei ein Affen- (Anthropomorphen-?) und ein Menschenzahn, die beide fossil 
sind. Auch angebliche Spuren menschlicher Thätigkeit sind in diesen Schichten ge- 
funden, die jedoch — soweit sie bis jetzt untersucht sind — als beweisend nicht 
angesehen werden können. — Endlich ist das geologische Alter der Pithecanthropus- 
Schicht jetzt paläontologisch als ein diluviales festgestellt worden, indem in derselben 
Süsswasser-Mollusken gefunden wurden, die nach den Bestimmungen von Hrn. MArrın 
in Leiden sämmtlich noch heute lebenden Arten angehören. 


Branca: Über die Trinil-Expedition. 261 


Vorläufiger Bericht über die Ergebnisse der Trinil- 
Expedition der Akademischen Jubiläums-Stiftung 
der Stadt Berlin. 


Von W. BrancA. 


Dr Erträgnisse der von der Stadt Berlin bei Gelegenheit der Zwei- 
hundertjahr-Feier dieser Akademie gemachten Jubiläums-Stiftung wur- 
den im Jahre 1906 an Frau Prof. SeLexkA vergeben, zum Zwecke von 
Ausgrabungen bei Trinil an der berühmten Fundstätte des Pithecan- 
thropus erectus. 

Die Vergebung der Stiftung an Frau SeLeskA findet ihre Erklärung 
in drei Punkten: einmal hatte Frau SELEnkA bewiesen, dass sie wohl 
imstande sei, ein Unternehmen wie dieses durchzuführen; denn sie hatte 
bereits sehr viel Schwereres geleistet, indem sie' allein nach Borneo 
ging, um dort an der Spitze einer Expedition ungefähr 4 Monate lang 
im Urwalde das Material zu beschaffen, welches Prof. SELENkA für seine 
Untersuchungen brauchte. Sodann verpflichtete sich die Genannte, zu 
der ihr von der Stiftung zur Verfügung zu stellenden Summe noch 
einen sehr namhaften Betrag aus eigenen Mitteln zuzuschiessen, wo- 
dureh natürlich die Gewinnung einer sehr viel grösseren Ausbeute er- 
möglicht wurde. Endlich aber erklärte sich Frau SrrenkA bereit, zur 
Sicherung der nothwendigen geologischen und paläontologischen Beob- 
achtungen einen Sachverständigen in den Dienst der Expedition zu 
verpflichten. 

Schon im Jahre zuvor machte Hr. Prof. Vorz während seiner Reise 
nach Sumatra auf Bitte von Frau SeLenka einen kurzen Aufenthalt 
auf Java, um noch vor Beginn der Ausgrabungen bei Trinil die Geo- 
logie dieses Gebietes zu studiren. Das Ergebniss seiner Untersuchung 
ging dahin, dass die knochenführenden Schichten, in denen der Pithec- 
anthropus gefunden worden war, aus vulcanischen Schlammtuffströmen” 


! Nach der in Folge von Krankheit nothwendig gewordenen Rückreise ihres jetzt 
verstorbenen Mannes, des Zoologen SELENKA. 

?2 Vgl. über Schlammtufiströme W. Branco, Schwabens Vulean-Embryonen. Jahres- 
hefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg 1894 und 1895, Th. III, 
Allgemeines über Tuffe S. 688. 


Sitzungsberichte 1908. 25 


262 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. März 1908. 


beständen und höchstens alt-, vielleicht mitteldiluvialen Alters seien, 
so dass die, übrigens von vielen ja nicht getheilte Vorstellung, Pithee- 
anthropus sei ein directes zeitliches Bindeglied zwischen Mensch und 
Affe gewesen, vollends hinfällig werde'. 

Schon im selben Jahre, im Juni 1906, wurde mit der Anlage gross- 
artiger künstlicher Aufschlüsse an beiden Gehängen des Soloflusses 
begonnen. Diese wurden bis in den October des nächsten Jahres 1907 
hinein fortgesetzt. Wegen der Bewältigung so grosser Erdarbeiten 
war es wünschenswerth erschienen, einen in solchen technischen Dingen 
bewanderten Mann zur Ausführung der tiefen Einschnitte zu gewinnen, 
der dann in der Person des holländischen Mineningenieurs OPPENOORTH 
das Technische der Grabungen von Anfang Februar 1907 an leitete. 
Als Geologe kam Mitte März 1907 Hr. Dr. Erserr im Dienste der 
Expedition nach Trinil. Mitte Juli gab derselbe seine Stellung bei 
der Expedition auf, machte jedoch im Dienste derselben noch eine 
etwa ıytägige Reise in das Pandang. An seine Stelle trat Mitte Juli 
Hr. Dr. Carruaus, welcher bis zur Beendigung der Ausgrabungen Mitte 
October dort verblieb. 

Da es Frau Sereska wünschenswerth erschien, dass schon jetzt 
eine kurze Mittheilung über das, was durch die Expedition erreicht 
wurde, veröffentlicht würde, so stellte sie mir zu diesem Zwecke den 
ihr von Hrn. Dr. Carruaus übergebenen Bericht und ebenso das von 
demselben entworfene Profil und die Situationsskizze zur Verfügung. 
Eine Veröffentlichung einer ausführlichen Arbeit des genannten Herrn 
ist erst für später geplant. 

Die folgenden Darlegungen haben also die Beobach- 
tungen und Aufzeichnungen des in Java weilenden Hrn. 
Dr. Carruaus zur Grundlage, zu der ich mir eigene Bemerkungen 
hinzuzufügen gestatten werde. 

Die Erlaubniss zur Vornahme der Ausgrabungen bei Trinil und 
der unverkürzten Ausfuhr der zu gewinnenden Fossilien ist von der 
Niederländisch-Indischen Regierung in dankenswerthester Weise ertheilt 
worden; und in wahrhaft fürstlicher Liberalität hat diese hohe Re- 
gierung der Expedition nicht nur einen grossen Theil der für die 
Ausgrabungen nöthigen Arbeiter kostenlos zur Verfügung gestellt und 
denselben militärische Vorgesetzte beigegeben, sondern auch freie Ver- 
frachtung aller für die Expedition nothwendigen Transporte auf der 
Insel und freie Fahrt für die Theilnehmer der Expedition bewilligt. 
Auch noch für dieses Jahr, 1908, hat die Niederländisch -Indische 


! Neues Jahrbuch f. Mineral. etc. Festland 1907, S. 256. Globus, Braunschweig, 
Bd. 92, 12. Dec. 1907, S. 341. 


Branca: Über die Trinil-Expedition. 263 


Regierung der Frau Srrenka eine Erlaubniss zur Vornahme weiterer 
Ausgrabungen bis zum ı. August gegeben, »soweit solche unter ihrer 
Leitung stattfinden würden«, so dass sich, nachdem die grossen Auf- 
schlüsse einmal hergestellt sind, die Möglichkeit weiterer Aufsamm- 
lungen mit verhältnissmässig geringen Kosten ergiebt. 

Der Norddeutsche Lloyd und die Deutsch-Australische Dampfer- 
gesellschaft haben durch Gewährung freier Fracht bez. bedeutender 
Frachtermässigung für die zahlreichen Kisten der Expedition gleichfalls 
diese wissenschaftliche Expedition in dankenswerther Weise gefördert. 

In paläontologischer wie geologischer Beziehung hat die Expe- 
dition sehr erfreuliche Ergebnisse gezeigt. Die Ausbeute an fossilen 
Knochen, welche die Expedition bei Trinil zusammengebracht hat, 
liegt in Gestalt des Inhalts von einigen 40, zum Theil riesigen Kisten 
vor uns, so dass sich nun über die mit Pithecanthropus vergesell- 
schaftet gewesene Fauna in breitester Weise ein Bild wird gewinnen 
lassen. Auch die Altersverhältnisse erfahren durch den Bericht des 
Hrn. Dr. Carrnaus vollkommene Klärung. E. Dusors hatte bekanntlich 
die Altersgrenze zwischen Jungtertiär und Altdiluvial gesteckt. 
Vorz war zu einem mitteldiluvialen Alter gelangt, indem er das Alter 
des Vulecanes Lawu, welcher das Material zum Aufbau der Pithecan- 
thropus-Schichten lieferte, als höchstens altdiluvial feststellte. 

Wenn man also bisher wesentlich aus geologischen Gründen, der 
Lagerung u. s. w., auf ein diluviales Alter der Pithecanthropus-Schichten 
hatte schliessen können, so ist jetzt durch die von der Expedition 
gesammelten Mollusken aus diesen Schichten das diluviale Alter paläon- 
tologisch begründet worden. Auf die fossile Säugerfauna konnte und 
kann man meiner Ansicht nach bisher eine sichere Altersbestimmung 
noch nicht begründen, da sie ja erst der genauen Untersuchung harrt. 

Die leise Hoffnung freilich, dass ein glücklicher Zufall noch 
weitere Reste des Pithecanthropus der Expedition in den Schoss werfen 
könnte, hat sich leider nicht erfüllt. Indessen sind doch dort Dinge 
gefunden, welche diesem zoologisch nahe stehen und hohes Interesse 
besitzen: Zwei gut erhaltene, zweifellos fossile Zähne, von denen der 
eine, wie es scheint, einer neuen Anthropomorphengattung, der 
andere aber einem Menschen angehört. Dieser letztere ist freilich 
nicht direct in den Knochenschichten gefunden, sondern am Ufer des 
Flusses. Indessen unterliegt seine Fossilität, meiner Ansicht nach, 
keinem Zweifel; und aus anderen, als den in Frage stehenden Schichten 
kann er wohl nicht herrühren. 

Der Bericht des Hrn. Dr. Carruaus giebt aber noch von weiterem 
Nahestehenden Kunde. Er berichtet über das Auffinden von Holz- 
kohle und von eigenthümlich gestalteten Knochenstücken, was ihm den 


25° 


264 Sitzung der physikalisch-mathematischen Ulasse vom 5. März 1908. 


Gedanken nahelegte, dass es sich hier um Spuren menschlicher 
Thätigkeit handeln könne. Das würde natürlich von ausserordentlicher 
Wichtigkeit sein, wenn es sich bestätigen sollte; denn wir würden 
dann in denselben Schichten mit Pithecanthropus zusammen bereits 
Spuren menschlicher Thätigkeit haben; und jener Fund eines Menschen- 
zahnes, dessen Lager sich leider durch direete Beobachtung nicht 
feststellen lässt, würde dadurch genauer fixirt werden. 

Ich möchte mich nun zunächst diesem letzteren Punkte zuwen- 
den, der natürlich nur mit der allergrössten Vorsicht zu prüfen sein 
wird. Ein sicheres Urteil vermag ich noch nicht abzugeben, da 
gerade die Kisten, welche den grösseren Theil dieser Stücke enthal- 
ten, noch unterwegs sind. Das aber, was ich bis jetzt von diesen 
Dingen sehen konnte, kann als beweisend nicht gelten. 

Vor Allem möchte ich betonen, dass den Stücken von Holzkohle 
keinerlei Gewicht beigelegt werden darf, da sie in vuleanischem Ge- 
biet und, noch mehr, direet in vuleanischen Tuffen gefunden worden 
sind; denn die fraglichen Schichten bestehen aus solchen. In vul- 
canischem Tuffe aber müssen vereinzelte Stücke verkohlten Holzes 
viel eher auf die Thätigkeit der heissen Asche als auf diejenige des 
Menschen zurückgeführt werden. Allerdings soll es sich hier bei 
Trinil um die bei javanischen Vulcanen noch heute nicht seltenen 
Schlammtuffe handeln, die als durchwässerter Brei zu Thale geflossen 
und abgelagert sind; und in einem wässerigen Schlammtuffstrome 
wird freilich keine Verkohlung eintreten können. Wohl aber könnte 
die Verkohlung von Hölzern geschehen sein an irgend einer anderen 
Stelle dieses Gebietes, an welcher der Breistrom nicht zu Thale ging; 
oder aber bei einem anderen Ausbruche, bei dem es überhaupt nicht 
zur Bildung von Schlammtuffströmen gekommen ist. Die auf solche 
Weise entstandenen Kohlestückehen konnten dann sehr wohl in einen 
Schlammtuffstrom später eingewickelt werden. Nur also, wenn man 
ausgedehnte, direete kohlige Feuerschichten auf der Oberfläche einer 
der Schichten des Trinilprofiles finden könnte, würde damit der Be- 
weis geführt sein, dass die Kohlen vom Menschen herrühren. 

Verdächtiger dagegen erscheinen mir zwei verkohlte Stücke, die 
ihrer Struetur nach nicht aus Holz, sondern aus Knochenmasse be- 
stehen dürften. Hier scheinen thierische Knochen vorzuliegen, die 
bis in das Innerste hinein in Kohle verwandelt sind. Es ist aber 
auch hier die Möglichkeit nicht durchaus von der Hand zu weisen, 
dass ein Thier unter so heisser vulcanischer Asche begraben wäre, dass 
es verkohlte. Gerade die glühenden Wolken des Mont Pele haben das 
ja bekanntlich an ungefähr 30000 Menschen und zahlreichen Thieren 
erwiesen. Indessen ist doch zu erwägen, dass einmal diese Wolken 


BrancA: Über die Trinil-Expedition. 265 


des Mont Pele eine ungemein viel höhere Temperatur besassen, als 
sie den normal in die Luft aufgestossenen vulcanischen Aschen 
beim Niederfallen dann noch zukommt; und zweitens habe ich den 
Berichten über den Ausbruch des Mont Pele nur entnehmen können, 
dass bei den glühenden Pelewolken lediglich das Fleisch der Menschen 
bez. Thiere verkohlt, die Knochen aber nur ealeinirt worden seien. 
Eine so vollkommene Verkohlung von Knochen bis in’s Innerste hin- 
ein, wie das bei den in Rede stehenden zwei Stücken der Fall ist, 
könnte daher doch den Gedanken erwecken, dass hier Wirkungen 
eines vom Menschen erregten Feuers vorliegen; zumal es ja über- 
haupt höchst fraglich ist, ob bei Trinil überhaupt derartige glühende 
Wolken ausgestossen worden sind. Selbstverständlich aber bedürfte 
es sichererer Beweise, um das Dasein des Menschen hier aus dem 
Bereiche der Möglichkeit in den der Sicherheit zu rücken. 

Als verdächtig könnte "man ferner eine Anzahl distaler Gelenk- 
enden von Röhrenknochen ansehen wollen, welche von dem Schafte 
abgebrochen sind. Der Umstand, dass die Bruchfläche immer ziem- 
lich senkrecht zu der Längserstreckung des Knochens steht, kann so 
gedeutet werden, dass hier mit Absicht durch einen Schlag auf die 
Epiphyse letztere vom Röhrenknochen abgebrochen sei, um das Mark 
aus letzterem zu gewinnen; denn bei Bruchflächen, die durch Trans- 
port entstehen, werden, so könnte man geltend machen, oft auch 
mehr der Länge nach gerichtete Bruchflächen entstehen. Hr. Dr. 
CartHaus betont auch eine Schwärzung der Fpiphyse, die den Ein- 
druck erwecke, als ob mit Hülfe von Feuer ein Flüssigwerden des 
Markes bewirkt worden sei. Auch hier scheint mir indessen Vorsicht 
geboten; denn wenn man nach Abschlagen des distalen Gelenkendes 
das Mark aus dem Schafte auf solche Weise gewinnen wollte, so 
würde man doch diesen letzteren erwärmen müssen, nicht aber das 
erstere. Es würden also die Feuerspuren am Schafte haften müssen, 
während sie sich doch gerade am Gelenkende befinden. Will man 
also diese Schwärzung an den Knochen doch auf Feuer zurückführen, 
so bleibt nichts übrig, als anzunehmen, man habe das Mark durch 
Feuer flüssig machen wollen, bevor man die Epiphyse abschlug; und 
das hätte eigentlich keinen Zweck. 

Die anderen hier bis jetzt vorliegenden vermeintlichen Spuren 
menschlicher Thätigkeit müssen wohl gleichfalls zunächst mit grosser 
Vorsicht betrachtet werden: Einige Stücke von Proboseidier -Stoss- 
zähnen könnten ganz sicher mit ihren schneidenden Schärfen als Werk- 
zeug oder Waffe benutzt werden. Ob aber diese Stücke wirklich ab- 
sichtlich von dem Stosszahne abgesplittert worden sind, das lässt sich 
durch keinerlei Schlagmarken sicher erweisen. 


266 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. März 1908. 


Von anderen Knochen, welche aufgeschlagen zu sein scheinen, 
lässt sich meines Erachtens ebenfalls nichts Sicheres sagen. Am auf- 
fälligsten erscheinen noch zwei Stücke; ein kleines pfriemförmiges 
und ein sichelförmig gebogenes, das an beiden Enden zugespitzt ist, 
darum, weil man sie als Waffe oder Werkzeug benutzen könnte. 
Ob man sie aber zu diesem Zwecke benutzt oder gar hergestellt hat, 
lässt sich mit Sicherheit hier nicht sagen. 

Selbst also, wenn an anderen Stellen Javas unzweifelhafte Spuren 
menschlicher Thätigkeit oder gar Reste des Menschen gefunden werden 
sollten, so wäre nach den mir bisher vorliegenden Stücken ein Gleiches 
für Trinil noch keineswegs erwiesen. Es müsste auch weiter die Gleich- 
altrigkeit, d.h. also das diluviale Alter, dieser an anderen Stellen 
Javas gemachten Funde dann mit diesen Trinilschichten nachgewiesen 
werden; denn sehr leicht könnte es ja sein, dass man in jüngeren 
Ablagerungen, als die Trinilschichten es sind, menschliche Spuren an 
anderen Orten Javas fände; und dann dürfte man selbst verständlich 
aus diesen nicht Rückschlüsse auf das in den älteren Trinilschichten 
Gefundene machen. 

Das Gesagte bezieht sich wie gesagt nur auf das mir zur Zeit 
vorliegende Material. Diesem gegenüber ist meiner Ansicht nach grosse 
Zurückhaltung geboten. Nun schreibt aber Hr. Dr. CarruAaus, dass auch 
noch 3 oder 4 Körbehen voll kleiner Knochensplitter gesammelt seien, 
an denen er deutlich die Zeichen menschlicher Bearbeitung festgestellt 
habe. Da diese Stücke noch nicht angekommen sind, so fehlt mir 
jedes Urtheil über dieselben. 

Das Weiteren berichtet Hr. Dr. Carruaus über die von ihm ge- 
machten geologischen Beobachtungen bei Trinil, und ich entnehme 
diesem längeren Berichte in verkürztem Auszuge das folgende Schichten- 
profil sowie die beiden unten wiedergegebenen Kartenskizzen nach 
ihrer verkleinerten Copie durch die Assistenten am Geologisch-Paläon- 
tologischen Institute, Hrn. Dr. Hrxsıe (Fig. ı) und Hrn. KronEckEr 
(Fig. 2). Die Nummern der hier aufgeführten Schichten entsprechen 
den Nummern, welche sie in dem Profile (Fig. 2) haben. Zur besseren 
Orientirung gebe ich in Fig. ı auch einen Theil der Situationskarte 
wieder, welche Hr. Dr. Carrnaus von diesem Gebiete eingesandt hat. 
Es lassen sich daraus der Verlauf des Solo-Flusses bei Trinil sowie 
die Lage der beiden künstlichen Aufschlüsse (Bruch I und II) erkennen. 


I. Marine Schichten. 


Die knochenführenden Schichten von Trinil werden nördlich 
von Trinil, bei Sonde, unterlagert von sehr jungen marinen Schichten, 


Branca: Über die Trinil-Expedition. 267 


die wesentlich aus Mergeln und Kalken bestehen; und nördlich von 
Ngavi werden diese letzteren dann wiederum unterteuft von pliocänen 
und selbst miocänen Schichten, die vorherrschend aus Sanden und 
Gonglomeraten gebildet sind. 

1. Die pliocänen Meeresschichten führen eine sehr reiche Fauna, 
die in einem Thonmergel liegt, welcher hauptsächlich aus vuleanischem 
Material besteht. Carruaus hat in diesen nicht weniger als 250 
Species gesammelt, die meist den Lamellibranchiaten und Gastropo- 
den angehören, jedoch auch von einigen Echinodermen, Brachyuren, 
Fischen und einem Vogel herrühren. Der Umstand, dass beide 
Klappen der Muscheln fast stets mehr oder weniger geschlossen sind, 
weist nach CAarruaus darauf hin, dass alle diese Thiere bei einem 
vulcanischen Ausbruche plötzlich zu Grunde gegangen seien. Auch 
eine Korallenbank, welche diese Molluskenschichten überlagert, wurde 
festgestellt (s. Fig. 1). 

Ein kleines Kistehen mit einer Auswahl besonders bezeichnender 
Molluskenschalen wurde von Trinil aus nach Leyden an den genauen 
Kenner dieser Dinge, Hın. Prof. Marrıs, mit der Bitte um freund- 
liche Bestimmung derselben gesandt. Das Ergebniss dieser Unter- 
suchung wird mir von Frau SErenka mit der Bitte um Mittheilung 
an dieser Stelle übergeben. Hr. Marrıy schreibt zunächst, dass 
Fräulein IckE in seinem Institut die Bestimmungen vorgenommen habe 
und fährt dann fort: 

» Alle Arten, welche bestimmt werden konnten, habe ich bereits 
von Sonde beschrieben. « 

»Unter dem Materiale, welches Sie von Sonde sandten, befinden 
sich 6 Arten, welche überhaupt von keinem anderen Fundorte 
bekannt sind, während 9 von den 21 Species zu den häufigeren Ver- 
steinungen des von mir bearbeiteten Fundorts gehören. Unter den 
2ı Arten befinden sich 57 Procent noch lebender Arten.« 

»Unter den ı5 Arten von Padas Malang gehören ı0 zu den 
häufigeren Vorkommnissen des von mir bearbeiteten Fundorts von 
Sonde; ı ist bisher nur von Sonde bekannt. Reichlich 53 Procent 
der Arten kommt noch lebend vor.« 

»Ein nennenswerther Altersunterschied zwischen den Schichten 
von Sonde, welche ich früher behandelt habe, und dem von Ihnen 
gesandten Material von Sonde und Padas Malang kann somit un- 
möglich bestehen. Alles ist als Pliocän zu betrachten, indem 
mehr als 50 Procent lebender Arten nachgewiesen sind. 
Doch ist dieser berechnete Procentsatz unzweifelhaft noch niedriger 
als der wirkliche, da die indische Fauna noch keineswegs voll- 
ständig bekannt ist.« 


268 Sitzung der physikalisch-ınathematischen Classe vom 5. März 1908. 
Fig. 1. 


Djenggrik \ 


2. Über diesen fossilreichen thonigen Schichten liegt eine Korallen- 
bank, deren Versteinerungen noch nicht näher bestimmt sind. Sie 
hat 1% —2 m Mächtigkeit, keilt sich jedoch auch aus. 


II. Süsswasser- bez. terrestrische Schichten. 


Diese pliocänen marinen Schichten von Sonde werden nun über- 
lagert von einer Schichtenfolge, die wohl wesentlich oder ganz aus 
vulcanischem Material besteht und zum Theil ein sandsteinartiges 


Branca: Über die Trinil-Expedition. 269 


10. 
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Fundstätte des 
Pithecanthropus 
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Weissliche sandstein- | 


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Hellere sandstein- 
artige Tuffbildungen 


artige Tuffbildungen, 


EE 
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Durcheinandergeworfe 


2.04 


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bildungen 


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8 
[7] 


Sandsteinartige Tuff- 
bildungen mit Con- 
glomeratlagen 


7 


Br 


Gefüge angenommen hat. 
Inmitten dieser Schichten- 
folge liegt die knochen- 
führende Ablagerung. 

Hr. Dr. Carruaus giebt 
die folgende Gliederung: 

3. Zu unterst macht sich 
eine Bank mit Melanien, Pa- 
ludinen, Ampullarienu.s.w. 
kenntlich, wodurch also 
erwiesen wird, dass hier 
bereits Süsswasserbildung 
eingetreten ist. 

4. Über diesen liegt eine 
mehrere Meter mächtige 
Ablagerung aus Stücken 
von Augit- und Hornblende- 
Andesit und Bimsstein in 
buntem Durcheinander, die 
» Conglomeratschichten « 
des Profiles. Wären diese 
Stücke bei einem Aus- 
bruche in klares Wasser 
gefallen, so würden die 
porösen, lange schwimmen- 
den Bimssteinstücke von 
den schweren, sogleich zu 
Boden sinkenden Andesit- 
stücken getrennt worden 
sein und obenauf liegen 
müssen. Das ist aber nicht 
der Fall, sondern beide 
liegen in buntem Durch- 
einander. Es handelt sich 
daher hier jedenfalls, wie 
CArTHAuSs betont, um einen 
der bereits vorgreifend er- 
wähnten, mehr oder weniger 
diekflüssigen Schlammtuff- 
ströme. In diesen Schich- 
ten fanden sich bereits 
einige wenige Knochen- 


270 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. März 1908. 


reste. Nach oben geht Schicht 4 vielfach in eine mehr thonige 
Masse (5) über. 

6. Erst über diesen aber folgt die Hauptknochenschicht, wie CARTHAUS 
sie benennt, in einer Mächtigkeit von 0.40 bis Im. Das Gestein der- 
selben ist ebenfalls vuleanischer Herkunft, besteht jedoch aus feineren 
Massen von Aschen und Lapilli, in denen sich nur vereinzelt grössere 
Andesitstücke finden. Ausser den zahllosen Knochen fanden sich aber 
auch einige Molluskenschalen in dieser Schicht, von denen sogleich 
Näheres angegeben werden wird. 

Ganz ebenso wie unter dieser Hauptknochenschicht bereits ver- 
einzelte Knochen auftreten, so liegen auch in den höheren Schichten 
dann und wann noch vereinzelte Knochen. 

Über die in dieser Schicht gefundenen Mollusken schreibt Hr. 
Prof. Marrın an Frau Serenka das Folgende: 

»Fräulein H. Icxz ist mit der Bestimmung der Fossilien aus 
der Knochenschicht von Trinil fertig. Es gelang ihr, die fol- 
genden Arten zu bestimmen: Bulimus citrinus Brue., Melania testudi- 
naria v. ». Busch var., M. verrucosa Hınv., M. granum v. ». Buscn, M. 
infracostata Mousson, M. Sarrinieri Bror., Paludina javanica v. n. Busch, 
Ampullaria ampullacea Liss. Alle acht Arten sind noch lebend, 
nur die eine Varietät weicht ein wenig von dem recenten 
Vertreter ab.« 

» Unbestimmt blieben nur: ı. zwei schlecht erhaltene Schalen von 
Melania, 2. eine gebrochene Gastropodenschale, 3. zwei Arten von 
Unio, die hier wegen mangelnden Vergleichsmaterials nicht bestimmt 
werden konnten. Immerhin sind die vorgenommenen Bestimmungen 
von Gastropoden derart befriedigend, dass sich aus ihnen mit 
absoluter Sicherheit ein posttertiäres Alter der betreffen- 
den Schichten herleiten lässt. Sie können Alles ruhig zum 
Quartär rechnen.« 

Durch diese von der Expedition gefundenen Mollusken ist nun 
zum ersten Male mit völliger paläontologischer Sicherheit das dilu- 
viale Alter des Pithecanthropus erwiesen (vergl. S. 3). Die mit Pithee- 
anthropus vergesellschaftete Säugerfauna wird erst nach genauer Be- 
stimmung der Arten zur weiteren Bestätigung dieser Schlüsse heran- 
gezogen werden können. 

Über der Hauptknochenschicht hat CArruAus in dem Profile noch 
5 weitere Schichten unterschieden, Nr. 7 bis ıı des Profiles. Ich 
bin, da zweimal von localen, und im Ganzen von 6 Schichten die 
Rede ist, nicht völlig sicher, ob sich im Folgenden die hier im Texte 
gegebenen Schichtennummern mit denen des Profiles genau decken, 
oder um eins verschieben; denn auch die Bezeichnungsweise der 


Branca: Über die Trinil-Expedition. Dr 


Schichten in Text und Profil eorrespondiren nicht. Indessen ist das 
von keinerlei Belang. 

7. Local liegt auf Schicht 6 eine bituminöse "Thonschicht, 
welehe von Interesse ist durch die zahlreichen fossilen Blattabdrücke. 

Über diese Pflanzenreste entnehme ich einem Berichte des Hrn. 
Dr. Vareron, Buitenzorg, verkürzt, das Folgende: 

»Von Blattabdrücken fällt zunächst eine grosse Zahl unter sich 
ähnlicher Formen auf, welehe denen der Derris elliptica, einer Liane, 
besonders gleichen; nur hat diese Art die Eigenthümlichkeit, theils 
elliptische, theils oboval-längliche Blättchen zu besitzen, während 
jene fossilen Blätter ausschliesslich nur letztere Form, nie die ellip- 
tische, zeigen. Absolut sicher aber ist diese Bestimmung nicht, da 
ähnliche Blattformen auch bei vielen anderen Pflanzen vorkommen. « 

»Mehrere Abdrücke mahnen sodann an 2 Ficus-Arten. Ein ein- 
ziger Abdruck dürfte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu Mallotus 
moluccensis gehören. Ein einziger Fruchtrest gleicht ausserordentlich 
einer Schima-Frucht. « 

» Ausserdem fanden sich aber noch weiche Massen von pflanz- 
lichem Detritus, welcher wesentlich nur die Blattnerven gut erkennen 
lässt. Es scheinen hauptsächlich Grashalme zu sein.« 

»Das ist aber auch Alles, was sich über diese schlechten Blatt- 
reste sagen lässt. Alle anders lautenden Angaben sind hinfällig. 
Ebenso unhaltbar sind auch die gemachten Versuche, aus diesen 
Pflanzen auf ein kälteres Klima schliessen zu wollen, unter dem diese 
Ablagerungen bei Trinil zu diluvialer Zeit sich gebildet hätten; denn 
die genannten Pflanzen leben vom Meeresstrande an bis zu 1 500 m 
Meereshöhe.« Zu einem gleichen Schlusse kommt auch Hr. Dr. Carrnaus, 
indem er betont, dass die von ihm gesammelten, bereits besprochenen 
Süsswasserkonchylien solche Formen seien, die dort nie in kühlere 
Bergregionen hinaufrücken. 

Aber auch noch andere pflanzliche Reste, auf welche GarrnAaus 
Gewicht legt, fanden sich hier wie auch bereits tiefer, in der Haupt- 
knochenschicht. Es sind das grosse Stücke von Holz, die eine so 
sehr gute Erhaltung zeigen, dass er allein daraus schon auf ein recht 
Jugendliches Alter dieser Ablagerung schliessen möchte. Einige dieser 
nach Berlin geschickten Holzstücke zeigen, dass es sich um dunkel- 
gefärbtes, aber keineswegs verkohltes Holz handelt, welches an das 
Holz aus Torfmooren erinnert. 

8. Über dieser localen Schicht, oder, wo diese fehlt, direet über 
der Hauptknochenschicht, folgt eine weissstreifige, weiche, etwa ım 
mächtige vulcanische Tuffbildung, die einen sandsteinartigen Eindruck 
macht, da sie aus gleichmässigen Körnchen von Asche besteht. 


272 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. März 1908. 


9. Die Schicht 8 wird durch eine Wand grauen sandsteinähn- 
lichen Gesteines überlagert, in welcher sich Schmitzen dunklen Thones 
befinden. Dieser Thon führt Schalen von Melania, Limnäus und Unio. 

ı0. In mehreren Metern Mächtigkeit folgt nun der graugrüne 
»Laharsandstein«, wie CArtHuaus ihn nennt: Weisse Körnchen vulea- 
nischen Materiales sind mit chloritartigen gemengt, die wohl aus der 
Zersetzung von Augit oder Hornblende entstanden sind. Den Namen 
Lahar hat CGarrmaus gewählt, weil die Javaner mit diesem Namen die 
Schlammtuffströme benennen, welche ja noch heute nicht selten von 
den dortigen Vulcanen ihren Ursprung nehmen. 

ı1. Nun kommen Bänke hellen thonigen Sandsteines, aus ande- 
sitischer Asche gebildet, bis zu 250 Gesammtmächtigkeit. Oben wird 
diese Ablagerung zum Theil überdeckt von Gerölllagen. Zahlreiche 
Kalkconcretionen durchsetzen diese Bänke. 

Ganz local liegt über den genannten Bänken eine »fluviatile 
Bildung, das heisst ein in grossen Klötzen vorkommender brauner 
Thonsandstein«. Mir scheint das so zu verstehen zu sein, dass dieses 
Gestein sich senkrecht verklüftet zeigt: Ein Vorgang, wie er bei dem 
Austrocknen eines Schlammtuffstromes sich gewiss leicht einstellen kann. 

ı2. Zu oberst liegt, mehr als 2" mächtig, übergreifend über alle 
diese Schichten ausgegossen, ein eigentümlich zäher blauschwarzer 
Thon, wohl die alluviale Verwitterungs- und Humusschicht. 

Nach CArrnaus ist es wahrscheinlich, dass alle diese vuleanischen 
Massen von dem Vuleane Wilis herabgekommen sind; doch könne 
auch der Lawu-Vulcan sich daran betheiligt haben. 

Bezüglich des Verhaltens der Knochen bei Trinil möchte ich mir 
einige Bemerkungen erlauben. Aus der Darstellung geht hervor, dass 
sie sich hauptsächlich in der Hauptknochenschicht finden, die nur die 
geringe Mächtigkeit von 0.40 bisı m besitzt. Es liegt also auf der Hand, 
dass eine Zusammenschwemmung, entweder zahlreicher ganzer Thiere 
oder Thierknochen, durch einen einzigen Act erfolgt sein muss. Nun 
hebt aber Carrnaus hervor, » dass sehr selten alle Knochen eines Thieres 
zusammenliegen; es müsse also ein gewisser Transport der Thiere statt- 
gefunden haben. Auf der anderen Seite aber könnten die Thiere doch 
nicht weit verfrachtet sein, denn die Knochen seien an allen Ecken und 
Kanten gut erhalten«, was freilich auch zum Theil durch die grosse 
Weichheit des Schlammtuffstromes, in dem sie transportirt wurden, 
seine Erklärung finden könnte. Hält man sich nun die zahlreichen 
Schilderungen der Wirkung jäh hereinbrechender Schlammtuffströme 
vor Augen, so sieht man, daß grosse Heerden lebender Thiere plötz- 
lich fortgerissen, ertränkt bez. im Schlamme erstickt und mit dem- 
selben an irgend einer Stelle abgelagert werden. Bei einem solchen 


BrancA: Über die Trinil-Expedition. 273 


Bilde aber, so scheint mir, liegt auf der Hand, dass ein jedes dieser 
zahlreichen Thiere da, wo es begraben wurde, als Ganzes verfaulen 
muss, so dass nun von einem jeden derselben auch das ganze zu- 
sammengehörige Skelett vorhanden sein muss; natürlich abgesehen 
von einzelnen, durch Blöcke abgerissenen oder abgequetschten Gliedern. 

Aus dem Umstande aber, dass bei Trinil gerade umgekehrt nur 
ganz ausnahmsweise die ganzen, zusammengehörenden Skelette ge- 
funden werden, scheint mir nun hervorzugehen, dass hier entweder 
bereits an anderen Orten gelegene Skelette von dem Schlammtuffstrome 
mitgerissen, ihre Knochen dabei getrennt und dann durcheinander ab- 
gelagert worden sind; oder dass zwar lebende Thiere plötzlich er- 
tränkt, ihre Cadaver aber lange Zeit in einem Wasserbecken oder in 
einem fliessenden Gewässer gelegen haben, bevor sie eingebettet wurden; 
solange, dass sie erst macerirt wurden, auf diese Weise ihre Skelette 
auseinander fielen und ihre Knochen dann durcheinander eingebettet 
werden konnten. 

Auf jeden Fall dürfte sich ergeben, dass wir uns nicht einfach 
nur einen hereinbrechenden Schlammtuffstrom bei Trinil vorstellen 
dürfen, der die Thiere sofort begrub, sondern dass, wie ja auch 
Cartuaus hervorhebt, der Vorgang ein etwas complicirterer gewesen 
sein muss. Solche Schlammtuffströme suchen erklärlicher Weise mit 
Vorliebe die Betten von Bächen und Flüssen auf, mit denen sie sich 
dann vereinen. Dadurch entstehen die verschiedensten Grade von 
Dünn- bez. Dickflüssigkeit, und es können auch durch den Schlamm 
und die Schuttmassen die Flüsse abgedämmt und zum Austritt ge- 
zwungen werden, so dass seeartige Becken entstehen, in welchen 
dann die Cadaver längere Zeit liegen. In diese Becken können nun 
zu wiederholten Malen Schlammtuffströme sich ergiessen, so dass 
dann erst allmählich eine Einbettung der Cadaver bez. ihrer einzelnen 
Theile erfolgt. In solcher Weise könnte man eine Erklärung ver- 
suchen wollen. Erwägt man nun aber, dass die Hauptknochenschicht 
nur 0.4—ım mächtig ist, so leuchtet ein, dass hier von einem solehen 
allmähliehen Einbetten nicht die Rede sein kann, sondern dass man 
sich dennoch einen einzigen plötzlichen Akt denken muss. Bei einem 
solchen aber macht sich wiederum die oben betonte Schwierigkeit 
geltend, dass die Knochen nicht zu ganzen Skeletten vereinigt sind. 


274 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. März 1908. — Mittheilung v. 20. Febr. 


Das Reflexionsvermögen des Wassers. 


Von H. Rugens und Dr. E. LADENBURG. 


(Vorgetragen in der Sitzung am 20. Februar 1908 [s. oben S. 209].) 


Üke Kenntnis der optischen Eigenschaften des Wassers ist nicht nur 
für den Physiker, sondern auch für den Physiologen und Meteoro- 
logen von großer Bedeutung. Dementsprechend sind zahlreiche Unter- 
suchungen ausgeführt worden, welche die Messung der Absorption 
und Dispersion des Wassers in flüssigem und gasförmigem Zustande 
zum Gegenstand haben. Die Absorption des flüssigen Wassers ist in 
dem Spektralgebiet von 0.2 u bis 8.0 x ziemlich genau bekannt'. Für 
den Wasserdampf” erstrecken sich die Absorptionsmessungen sogar bis 
zur Wellenlänge A= 204. Über die Dispersion des Wassers wissen 
wir, besonders im Gebiet langer Wellen, erheblich weniger. Im Ultra- 
violett freilich sind die Schwierigkeiten der Dispersionsmessung wegen 
der guten Durchlässigkeit des Wassers nur gering. Hier liegen aus- 
gedehnte Beobachtungen vor, welche von der Durchlässigkeitsgrenze 
des Wassers bei 0.2 u bis in das sichtbare Spektralgebiet reichen’. 
Im Ultraroten bereitet die dicht hinter dem roten Ende des sichtbaren 
Spektrums beginnende starke Absorption den Dispersionsmessungen 
große Schwierigkeiten. Durch die Benutzung der Prismenmethode ge- 
lang es bis zur Wellenlänge 1.2 u vorzudringen‘. Die Anwendung der 
refraktometrischen Methode hat es neuerdings möglich gemacht, die 
Dispersion des Wassers bis zur Wellenlänge 2.1 x» zu ermitteln’. 
Leider kann man an der Hand dieser Dispersionsmessungen noch 
nicht mit Sicherheit die Frage beantworten, an welcher Stelle des 
ultraroten Spektrums das Wasser die Gebiete metallischer Reflexion 


! Kreuster, Ann. d. Phys. 6, S. 412, 1901. — E. Ascukınass, Wien. Ann. 55, 
S. 401, 1895. — F. Paschen, Wıen. Ann. 51, S. 1; 52, S. 209, 1894. 

®2 H. Rusens und E. Ascakınass, Wien. Ann. 64, S. 584, 1898. 

® H. Ta. Sımon, Wien. Ann. 53, S. 542, 1894. — E. Frarow, Ann. d. Phys. 12, 
S. 85, 1903. 

* H. Rusens, Wien. Ann. 45, S. 238, 1892. 

5° F. Seesert, Diss. Berlin 1908. 


Rusens und E. Lapensurg: Das Reflexionsvermögen des Wassers. 275 


besitzt, welche auf Grund der hohen Dielektrizitätskonstanten zu er- 
warten sind. Freilich läßt sich unter der Annahme, daß nur ein 
solches Spektralgebiet vorhanden ist, und mit Benutzung der Dielek- 
trizitätskonstanten aus der Dispersion des Wassers in dem bisher 
untersuchten Gebiet ein bestimmter Wert für die Wellenlänge be- 
rechnen, für welche Wasser metallisch reflektiert', und es ergibt sich 
diese Wellenlänge aus den genannten Daten zu 79.4. 

Dieses Resultat scheint insofern eine Bestätigung zu finden, als 
die Reststrahlen von Steinsalz und Sylvin, deren Wellenlänge (514 
bzw. 614) sich derjenigen des so berechneten Gebietes metallischer 
Reflexion bei dem Wasser nähert, von Wasser und selbst von Wasser- 
dampf stark absorbiert werden’. Andere Angaben über das Reile- 
xionsvermögen des Wassers sind bis jetzt kaum vorhanden. 

Wir haben uns die Aufgabe gestellt, das Reflexionsvermögen 
des Wassers einer eingehenden Untersuchung zu unterwerfen. Der- 
artige Messungen lassen sich innerhalb eines viel größeren Spektral- 
bereiches ausführen als die Bestimmungen der Dispersion, da man 
hierbei nicht auf die Gebiete größerer Durchlässigkeit angewiesen ist. 

Um zunächst festzustellen, ob Wasser überhaupt innerhalb des 
der Untersuchung zugänglichen Spektrums selektive Reflexion besitzt, 
haben wir die Reststrahlen des Wassers (den nach mehrfacher Re- 
flexion an Wasserflächen übrigbleibenden Teil der Gesamtstrahlung 
einer Strahlungsquelle) einer sorgfältigen Prüfung unterworfen. 

Zur Erzeugung der Reststrahlen diente die folgende Anordnung: 


Fig. 1. 


Ein Glastrog G von 42 cm Länge, 7.5 cm Breite und 7.5 em 
Tiefe wurde bis zu 3 seiner Höhe mit Wasser gefüllt. Über dem- 


ı P. Drupe, Physik des Äthers S. 533. 
® H. Rusens und E. Ascakınass, Wien. Ann. 65, S. 241, 1898. 


276 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. März 1908. — Mittheilung v. 20. Febr. 


selben befand sich ein 30 cm langer, 10 cm breiter horizontaler, ebener 
Glasspiegel S, welcher auf der Unterseite versilbert war. Die von der 
Liehtquelle A (Auerbrenner ohne Zugglas) ausgehenden Strahlen wurden 
in der in Fig. ı angedeuteten Weise abwechselnd an der Flüssigkeits- 
oberfläche und an dem Silberspiegel S reflektiert und gelangten dann 
in einen Hohlspiegel H, welcher sie auf der temperaturempfindlichen 
Lötstelle eines Bovsschen Mikroradiometers R vereinigte. Da das Re- 
flexionsvermögen des Silbers im ultraroten Spektrum nahezu konstant 
ist und einen sehr hohen Wert besitzt (97—100 Prozent), so bedingt 
die Silberreflexion hier keine wesentliche Veränderung in der Stärke 
und Zusammensetzung der Strahlung, und alle beobachteten Eigen- 
tümlichkeiten der Reststrahlen sind auf die selektive Reflexion der 
Flüssigkeitsoberfläche zurückzuführen. Durch Veränderung der in dem 
Trog enthaltenen Flüssigkeitsmenge ließ sich der Abstand zwischen 
dem Spiegel S und der Flüssigkeitsoberfläche derart variieren, daß 
nach Wunsch 3, 4 oder 5 Reflexionen an dieser Oberfläche stattfanden. 
Um den Charakter der beobachteten Reststrahlung festzustellen, haben 
wir nicht die Methode der spektralen Zerlegung durch Prisma oder 
Gitter angewandt, sondern uns mit der Feststellung der Durchlässig- 
keit begnügt, welche einige Substanzen von bekanntem Absorptions- 
spektrum für die untersuchte Strahlung besitzen. Auch hieraus läßt 
sich ein einigermaßen deutliches Bild von der spektralen Zusammen- 
setzung der untersuchten Strahlung gewinnen. Als Versuchskörper 
für die Durchlässigkeitsprüfung wurden Platten von Quarz, Flußspat 
und Steinsalz verwendet. Die benutzte Quarzplatte (senkrecht zur 
Achse geschnitten, 12 mm dick) zeigt eine Absorption, welche bei 
2.5 « beginnt und bei 4 x bereits nahezu vollständig ist; die Fluorit- 
platte (6.5 mm diek) beginnt bei 7 » zu absorbieren und absorbiert 
alle Strahlen jenseits 12 u vollständig. Die Steinsalzplatte (17 mm dick) 
ist bis ı2 » vollkommen durchsichtig und absorbiert alle Strahlen von 
größerer Wellenlänge als 19 u. 


Tabelle ı. 


Durchlässigkeit in Prozenten 


Art der Strahl 
rt der Strahlung Quarz | Flußspat | Steinsalz 


Gesamtstrahlung des Auerbrenners 19 ser | 85.5 
Reststrahlen von Wasser: | 
3 Reflexionen 9.7 42 68 
4 Reflexionen ıı 26.7 54 


Reststrahlen von Alkohol: 
3 Reflexionen 18.7 57-5 78.2 


Rusens und E. LApengurg: Das Reflexionsvermögen des Wassers. 277 


Tabelle ı gibt Aufschluß über die erhaltenen Resultate. In der 
ersten Spalte ist die Art der Strahlung näher beschrieben, für welche 
die in der zweiten bis vierten verzeichneten Durchlässigkeiten beob- 
achtet worden sind. Die erste Horizontalreihe gilt für die Gesamt- 
strahlung des Auerbrenners; die folgenden beiden für die nach drei- 
bzw. vierfacher Reflexion an Wasseroberflächen übrigbleibenden Rest- 
strahlen. Die vierte Reihe bezieht sich auf die Reststrahlen von 96 pro- 
zentigem Alkohol. Aus der zweiten und dritten Horizontalreihe ist zu 
ersehen, daß die Strahlung nach mehrfacher Reflexion an Wasserflächen 
von sämtlichen Probeplatten stärker absorbiert wird als im ursprüng- 
lichen Zustande, aber in allen Fällen besteht auch nach vier Reflexionen 
eine noch merkliche Durchlässigkeit. Dasselbe gilt auch für Alkohol, 
doch sind die Unterschiede hier geringer. Nach fünffacher Reflexion an 
Wasserflächen war die Strahlung bereits so schwach, daß eine genaue 
Untersuchung nicht mehr vorgenommen werden konnte. Aus diesen Ver- 
suchen ist der Schluß zu ziehen, daß Wasser im ultraroten Spektrum 
zwar eine ausgesprochen selektive Reflexion besitzt, derart, daß die 
längeren Wellen im allgemeinen bei der Reflexion bevorzugt werden, 
daß aber Streifen sehr starker metallischer Reflexion, wie solche bei 
Quarz, Fluorit, Steinsalz und Sylvin vorhanden sind, innerhalb des 
hier beobachteten Spektralbereiches entweder nicht vorkommen oder 
daß sich die jenen Streifen entsprechenden Strahlen infolge geringer 
Intensität der Beobachtung entziehen. 

Es ist nämlich nicht unmöglich, daß für irgend ein Wellenlängen- 
bereich des ultraroten Spektrums starke metallische Reflexion an 
Wasser vorhanden ist, daß aber die Strahlung dieser Wellenlängen im 
Wasserdampf der Zimmerluft eine so starke Absorption erfährt, daß 
kein merklicher Bruchteil der Strahlung in das Radiometer gelangt. 
Diese Möglichkeit läßt sich bei der hier getroffenen Versuchsanord- 
nung nicht völlig ausschließen. Wir dürfen daher aus unseren Be- 
obachtungen noch nicht den Schluß ziehen, daß langwellige Gebiete 
starker Reflexion keinesfalls vorhanden sein können, aber ihr Bestehen 
ist, wie sich weiter unten ergeben wird, nicht wahrscheinlich. 

Wir gingen nun dazu über, das Reflexionsvermögen des Wassers 
im ultraroten Spektrum für ein möglichst großes Wellenlängenbereich 
einer systematischen Untersuchung zu unterziehen. Die hierbei be- 
nutzte Versuchsanordnung ist in Fig. 2 dargestellt. 

Die Strahlung einer Lichtquelle A wird durch einen vorderseitig 
versilberten Planspiegel S, schräg abwärts geworfen und trifft die zu 
untersuchende Flüssigkeitsoberfläche unter einem Inzidenzwinkel von 
etwa 12°. Ein zweiter Spiegel S, empfängt die von der Flüssigkeit 
reflektierte Strahlung und sendet sie in nahezu horizontaler Richtung 


Sitzungsberichte 1908. 26 


278 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. März 1908. — Mittheilung v. 20. Febr. 
Fig. 2. 


zu dem Hohlspiegel H, welcher die Strahlung auf dem Spalt C des 
(in Fig. 2 nicht gezeichneten) Spiegelspektrometers konzentriert. Das 
Spektrometer war nach dem Wapsworruschen Prinzip mit festen 
Armen gebaut, und es war bei der Konstruktion in erster Linie auf 
große Lichtstärke geachtet worden. Die Brennweiten der Hohlspiegel 
betragen 32 em bei 5 em Öffnung. Für die verschiedenen Teile des 
Spektrums mußten Prismen verschiedener Art verwendet werden. In 
dem Spektralgebiet von ı# bis 74 wurde ein Flußspatprisma von 
60° brechendem Winkel und 5 cm Seitenlänge benutzt, zwischen 
74 und ı2n ein Steinsalzprisma, und zwischen ı2« und ISu ein 
Sylvinprisma von angenähert gleichen Dimensionen. Für die Unter- 
suchung des Spektralbereiches von ıSu bis 2ı u, in welchem die 
Absorption des Sylvins bereits sehr erheblich ist, diente ein spitz- 
winkeliges Sylvinprisma von etwa 20° brechendem Winkel. Die nach 
der spektralen Zerlegung in dem Wapsworrtzschen Spektrometer aus 
dem Okularspalt austretenden Strahlen wurden durch einen Hohl- 
spiegel konzentriert und auf die geschwärzte Lötstelle eines Mikro- 
radiometers geworfen. Beobachtet wurde in der Weise, daß für jede 
untersuchte Wellenlänge eine Anzahl von Ausschlägen gemessen 
wurde, sowohl wenn sich der mit Flüssigkeit gefüllte Trog F an der 
in Fig. 2 gezeichneten Stelle befand, als auch, wenn F durch einen 
vorderseitig versilberten Glasspiegel ersetzt war. Die reflektierende 
Ebene dieses Spiegels wurde so justiert, daß sie genau die gleiche 
Lage einnahm, welche vorher die Oberfläche der Flüssigkeit innege- 
habt hatte. Als Strahlungsquelle wurde bei diesen Messungen im 
kurzwelligen Spektralbereich (bis A=7 u) eine Nernstlampe, im Bereich 
der längeren Wellen ein Auerbrenner verwendet, dessen relativer 
Reichtum an langen Wellen eine große Reinheit auch des wenig 
intensiven langwelligen Spektrums verbürgt. Die Resultate unserer 
Messungen sind in Fig. 3 graphisch dargestellt. 


Rusens und E. Lavensurg: Das Retlexionsvermögen des Wassers. 279 


Fig. 3. 


9 
8 
7 
6 
5 
[78 
3 
28 
4 


Kurve A zeigt das Reflexionsvermögen des Wassers für etwa 12° 
Inzidenz, Kurve B für etwa 50° Inzidenz. Hierbei sind die Wellen- 
längen als Abszissen, die Reflexionsvermögen, ausgedrückt in Pro- 
zenten der auffallenden Strahlung, als Ordinaten aufgetragen. Ferner 
ist die Absorption einer 0.01 mm dicken Wasserschicht in dem Spek- 
tralgebiet von ı bis 74 (Kurve C) und einer etwa 60 em dicken 
Wasserdampfschicht von Atmosphärendruck zwischen 74 und 20 u 
(Kurve D), wie sie sich bei früheren Messungen ergeben hat', ein- 
gezeichnet. Auch hier sind die Abszissen die Wellenlängen, die 
Ördinaten dagegen bedeuten die Absorption in Prozenten’. Kurve A 
zeigt scharf ausgeprägte Maxima bei 3.2, 6.3 und 19.5 u, sowie 
deutlich erkennbare Minima bei 2.7, 5.2 und 11.04. Die Maxima 
der Reflexionskurve A entsprechen sehr angenähert den Stellen stärk- 
ster Absorption in der Kurve Ö bei 3.1 und 6.1ıu°. Daß die in 
Kurve A beobachteten Reflexionsmaxima, welche durch anomale Dis- 
persion im Wasser veranlaßt sind, nicht genau mit den Maximis der 
Kurve 6 zusammenfallen, sondern meist bei etwas größeren Wellen- 
längen liegen, dürfte darin seinen Grund haben, daß auf der kurz- 
welligen Seite des Absorptionsstreifens der Brechungsexponent einen 
kleineren Wert besitzt als auf der Seite der längeren Wellen. Bei 
geringeren Werten des Extinktionskoeffizienten erleidet dadurch das 
Reflexionsmaximum eine Verschiebung nach dem ultraroten Ende des 


! E. Ascakınass a.a.0. H.Rusens und E. Ascakınass a.a. 0. 


Die hierzu gehörige Ordinatenskala ist bei A\=7 «in die Figur eingezeichnet. 
3 Auch ist in Kurve A bei 4-5 # die Andeutung eines Maximums vorhanden, 
welches dem Absorptionsmaximum bei 4.6 # in Kurve © zu entsprechen scheint. 


2 


26° 


280 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. März 1908. — Mittheilung v. 20. Febr. 


Spektrums hin. Kurve B ist mit einer etwas anderen Versuchsanord- 
nung aufgenommen, welche bei unseren Vorversuchen verwendet wurde. 
Sie zeigt einen sehr ähnlichen Verlauf wie Kurve A, nur wesentlich 
höhere Reflexionswerte, entsprechend den größeren Inzidenzwinkeln. 

Das Auftreten der Maxima in Kurve A lehrt uns, daß die zu 
Anfang erwähnte einfache Berechnungsweise für die Lage des Gebiets 
metallischer Reflexion aus der Dielektrizitätskonstanten und der Dis- 
persion im kurzwelligen Spektrum bei Wasser nicht anwendbar ist. 
Vielmehr zeigt die Kurve A in ihrem ersten Teile zwischen ıu und 
34% deutlich, daß der Verlauf der Dispersion des Wassers in dem an 
das sichtbare Gebiet angrenzenden ultraroten Teil vorwiegend durch 
den Absorptionsstreifen bei 3.14 bestimmt ist. 

Auch zwischen den Kurven D und A herrscht eine unverkenn- 
bare Ähnlichkeit. Beide Kurven lassen das Minimum bei A =1ıu 
und den steilen Aufstieg zu dem Maximum bei 20 u deutlich er- 
kennen. — Daß zwischen dem Absorptionsspektrum eines Körpers 
in flüssigem und dampfförmigem Zustand nahe Beziehungen stehen, 
ist bereits bekannt‘. Indessen sind beide Absorptionsspektra, sowohl 
in qualitativer wie quantitativer Beziehung, keineswegs identisch. 
Insbesondere ist die Absorption des dampfförmigen Körpers auf viel 
engere Spektralgebiete beschränkt. Auch sind die Absorptionsmaxima 
in beiden Fällen beträchtlich gegeneinander verschoben. Endlich ist 
es höchst wahrscheinlich, daß die Absorptionsspektra der Dämpfe im 
Gegensatz zu denen der Flüssigkeiten aus vielen feinen Absorptions- 
linien bestehen, welche spektrothermometrisch nicht getrennt werden 
können, und so den Eindruck kontinuierlicher Absorption vortäuschen. 
Hierauf wird bekanntlich bei den Gasen und Dämpfen die scheinbare 
Ungültigkeit des Absorptionsgesetzes zurückgeführt, nach welchem 
der Logarithmus der Intensität der durchgelassenen Strahlung der 
Schichtdicke umgekehrt proportional sein soll. Vergleicht man spek- 
trothermometrisch das Absorptionsvermögen einer Flüssigkeit und 
ihres Dampfes in äquivalenten Schichtdicken, d.h. in solchen Schichten, 
deren Dicke sich umgekehrt verhält wie die Dichtigkeit der betreffen- 
den Phase, so erweist sich die Dampfschicht stets als sehr viel durch- 
lässiger. Gerade bei dem Wasserdampf tritt diese Erscheinung außer- 
ordentlich stark hervor, wie Hr. Äneströn beobachtet hat. Dasselbe 
folgt auch aus der Tatsache, daß bis zur Wellenlänge A=1Iıu ein 
beträchtlicher Teil der Sonnenstrahlung durch die Atmosphäre hin- 
durch bis zur Erdoberfläche gelangt, während durch eine Wasser- 
schieht von einigen Zentimetern Dicke, welche der in der Atmosphäre 


! Ansıröm, Wien. Ann. 39, S. 267, 1890. — F. PascHen, a. a. O. 


Rusens und E. LapensurG: Das Reflexionsvermögen des Wassers. 281 


enthaltenen Wasserdampfschicht äquivalent ist, jenseits ı.2 u keine 
Strahlung mehr hindurchgeht. 

Diese Tatsachen lassen die Wahrscheinlichkeit bestehen, daß 
Gebiete starker, metallischer Reflexion im Ultraroten sich durch Rest- 
strahlen von genügender Intensität, trotz der Absorption in dem Wasser- 
dampf der Zimmerluft, hätten bemerkbar machen müssen. Es kommt 
noch hinzu, daß im Gebiet langer Wellen verhältnismäßig kleine Ab- 
sorptionskonstanten a große Extinktionskoeffizienten y und mithin 
starke metallische Reflexion ergeben '. 

Daß sich von solchen Streifen metallischer Reflexion bei unseren 
Reststrahlenversuchen keine Andeutung gefunden hat, scheint uns 
hiernach dafür zu sprechen, daß die Gebiete starker anomaler Disper- 
sion bei Wasser nicht in dem Spektralbereich liegen, welches uns mit 
den hier beschriebenen Mitteln zugänglich ist. 

Mit der gleichen Versuchsanordnung wurde nun auch das Re- 
flexionsvermögen des Alkohols zwischen ıu und 191 untersucht. 
Die Resultate sind in Fig. 4 wiedergegeben. 


Fig. 4. 


BENEN EAN N Pan 
BREIRN a 


Breeze 


Kurve E stellt das von uns gefundene Reflexionsvermögen des 
Alkohols dar. Kurve F zeigt das einer Arbeit von Hrn. CosLextz’ 


! Die Absorptionskonstante a ist der reziproke Wert derjenigen Weglänge, auf 


I 
welcher der Strahl in Wasser auf ze seiner Intensität geschwächt wird, der Extink- 
R-1%+9 
(na +1)2 +92 ' 
W. Cosren'z, Investigations of Infra Red Spectra, Washington 1905, Fig. 30. 


. . ar . r 
tionskoeffizient g = 7E und das Reflexionsvermögen R= 


2 


282 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. März 1908. — Mittheilung v. 20. Febr. 


entnommene Absorptionsspektrum des Alkohols in einer 0.02 mm 
dieken Schicht. Ebenso wie bei dem Wasser ist auch hier der Zu- 
sammenhang zwischen den (Gebieten anomaler Reflexion und den 
Stellen starker Absorption zu erkennen; im Gebiet der kurzen Wellen 
tritt hier die oben genannte Verschiebung der Reflexionsmaxima nach 
Seite der längeren Welle besonders deutlich hervor. 

Weiter wie bis zur Wellenlänge 2ı u vorzudringen, war uns mit 
der oben beschriebenen Spektralanordnung infolge der geringen Strah- 
lungsintensität der langen Wellen und der Absorption des Sylvinprismas 
nicht möglich. Dagegen gelang es uns ohne Schwierigkeiten, das 
Reflexionsvermögen einer Wasserfläche für Reststrahlen von Flußspat 
und für Reststrahlen von Steinsalz zu messen. Mit derselben Anord- 
nung haben wir dann noch das Reflexionsvermögen einiger anderer 
Flüssigkeiten für die beiden genannten Strahlenarten festgestellt. Zur 
Ausführung dieser Versuche wurde das Spiegelspektrometer aus un- 
serer zuletzt besprochenen Anordnung entfernt und an der Stelle © 
(Fig. 2), an welcher sich früher der Kollimatorspalt befunden hatte, 
ein 3.5 em hohes und 1.5 em weites Diaphragma angebracht. Die aus 
diesem Diaphragma austretenden Strahlen hatten vor ihrer Vereini- 
gung auf der Lötstelle des Mikroradiometers entweder 3 Reflexionen 
an Fluoritflächen, oder 4 Reflexionen an Steinsalzflächen zu erleiden. 
Nimmt man als Strahlungsquelle einen Auerbrenner, und läßt man 
die Strahlen an den Flächen unter möglichst geringen Inzidenzwinkeln 
reflektieren, so ergeben sich unter diesen Bedingungen sehr reine 
Reststrahlen von Flußspat. Auch die Reststrahlen von Steinsalz ent- 
enthalten nur 4—5 Prozent Verunreinigung durch Wärmestrahlen von 
kurzer Wellenlänge. 

Zur Messung des Reflexionsvermögens der Flüssigkeiten wurde 
hier ebenso verfahren, wie bei unseren Spektralbeobachtungen, d.h. 
es wurden die Ausschläge des Mikroradiometers verglichen, wenn die 
Strahlen einmal an der zu untersuchenden Flüssigkeitsoberfläche 
(F Fig. 2), das andere Mal an einem an derselben Stelle befindlichen 
Silberspiegel reflektiert wurden. 


Tabelle 2. 
Flüssiekeit | Reststrahlen von 
üssigkei 
= |  Flußspat Steinsalz 
7 

Wasser 6.8 Prozent 10.6 Prozent 
Gesättigte Chlorkalziumlösung | 10.2 » 13.2 
Gesättigte Kochsalzlösung — 10.9 5 
Alkohol 3.14 Se 
Quecksilber | 94.7 » 96.0 » 


Rusens und E. Lapensurg: Das Reflexionsvermögen des Wassers. 283 


Tabelle 2 enthält die so gewonnenen Reflexionsvermögen. Die 
Zahlen beziehen sich auf Silber = 100. 

Das Wasser zeigt für die Reststrahlen von Fluorit und Stein- 
salz etwas höheres Reflexionsvermögen wie für kurzwellige Wärme- 
strahlen, was mit der starken Absorption des Wassers für diese 
Strahlen, noch mehr aber mit ihrer großen Wellenlänge im Zusammen- 
hang steht. 

Bemerkenswert ist es, daß eine 2oprozentige Kochsalzlösung die 
Reststrahlung von Steinsalz nicht wesentlich stärker reflektiert als 
reines Wasser. Dagegen ergibt eine konzentrierte Chlorkalziumlösung 
in beiden Fällen ein etwas erhöhtes Reflexionsvermögen. 

Die Messung des Reflexionsvermögens von Quecksilber wurde 
als Kontrolle für die angewandte Untersuchungsmethode ausgeführt. 
Wie früher gezeigt worden ist', berechnet sich das Reflexionsvermögen 
eines Metalles für lange Wellen nach der Formel 

R=100— SS 

Vxr-r 
worin x das Leitvermögen des Metalls im elektromagnetischen Maße’, 
? die Wellenlänge der Strahlung in # bedeutet. Hiernach ergibt sich 
das Verhältnis der Reflexionsvermögen von Quecksilber und Silber 
bei 18°C für die Reststrahlen von Flußspat zu 93.8 Prozent, für die 
Reststrahlen von Steinsalz zu 95.6 Prozent. Diese Zahlen sind mit 
den beobachteten Werten (94.7 bzw. 96.0 Prozent) in befriedigender 
Übereinstimmung. 

Das Reflexionsvermögen, welches der Alkohol für die Reststrahlen 
von Flußspat und Steinsalz besitzt, ist von demjenigen für sichtbare 
Strahlen nur wenig verschieden. Es ist bekannt, daß diese Flüssig- 
keit erst in dem Gebiet Hrrrzscher Wellen die starke anomale Dis- 
persion erfährt, durch welche die hohe Dielektrizitätskonstante von 
25 erreicht wird. Für Wasser ist selbst für die kürzesten, bisher be- 
obachteten Hrrrzschen Wellen von 4 mm Länge innerhalb der Fehler- 
grenze dieselbe hohe Dielektrizitätskonstante von S0—90 festgestellt 
worden, welche auch für statische Ladungen gilt. Auf Grund dieser 
Tatsache und in Rücksicht auf die hier mitgeteilten Resultate ist es 
wahrscheinlich, daß die kritische Stelle starker, anomaler Dispersion 
bei dem Wasser in das noch unbekannte Spektralgebiet fällt, welches 
sich von den langwelligsten bisher beobachteten Wärmestrahlen bis 


! E. Hasen und H. Rusens, Ann. d. Plıys. ı1, S. 873, 1903. 

2 z ist der reziproke Wert desjenigen Widerstandes in Ohm, den ein zylindri- 
scher Leiter von ım Länge und ı qm Querschnitt besitzt. 

® A. Laura, Wiener Ber. 105, 2a, S. 587 und 1049, 1896. 


284 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. März 1908. — Mittheilung v. 20. Febr. 


zu den kürzesten, auf elektrischem Wege erzeugten Hrrrzschen 
Strahlen erstreckt. Hierauf scheint auch die von Drupe! beobachtete 
starke Zunahme der Absorption hinzudeuten, welche sehr schnelle 
elektrische Schwingungen mit zunehmender Frequenz im Wasser er- 
fahren. 


! P. Drupe, Wıen. Ann. 65, S.499, 1898. 


Ausgegeben am 12. März. 


285 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
XIn. 


DER 
KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


5. März. Sitzung der philosophisch-historischen Olasse. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Dies. 


1. Hr. vos Krkure sprach über Bildwerke, die sich auf den 
Mythos von der Geburt der Helena aus dem Ei beziehen. 
(Ersch. später.) 

Zu den schon früher bekannten sind neue hinzugekommen, die zum Theil Un- 
erwartetes bieten und den Anlass zu einer Revision der bisherigen Ansichten gaben. 

2. Hr. Koserr legte eine Mittheilung vor: »Aus der Vorge- 
schichte der ersten Theilung Polens«. 

Nachtrag zu dem 1903 erschienenen 29. Bande der »Politischen Correspondenz 
FRIEDRICH’S DES GROSSEN«. 

3. Derselbe überreichte den 32. Band der »Politischen Corre- 
spondenz FRIEDRICH’S DES GROSSEN«. Berlin 1908. 


286 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. März 1908. 


Aus der Vorgeschichte der ersten Teilung Polens. 


Von REINHoLD Koser. 


Bi den Vorarbeiten für die Herausgabe des soeben erschienenen 
32. Bandes der »Politischen Correspondenz FRIEDRICHS DES GROSZEN« Sind 
ein ungenau und ein falsch datiertes Schreiben, beide eigenhändig, 
festgestellt worden, die beide in den im Jahre 1903 veröffentlichten 
Band 29 der Sammlung einzureihen gewesen wären. Sie sollen in 
einem für den Schlußband vorbehaltenen Nachtrag zum Abdruck ge- 
langen; aber bei dem allgemeineren Interesse, das ihr Inhalt bietet, wird 
ein vorgängiger Hinweis auf ihre Bedeutung und ihre Zusammenhänge 
erwünscht sein. 

Die Briefe FRIEDRICHS DES GROSZEN an seinen Bruder, den Prinzen 
Herıseıcn, füllen im Geheimen Staatsarchiv eine Anzahl Lederbände, 
zu denen sie nach dem Tode des Empfängers vereinigt worden sind, 
ohne daß zuvor eine mehr als oberflächliche chronologische Ordnung 
vorgenommen war. Die beiden hier zu erörternden Stücke befinden 
sich zwischen den Briefen des Jahres 1772. Das eine trägt das Datum 
»ce 25«,‘das andre hat wenigstens eine Monatsangabe vor jenem vor- 
aus: »ce 25 juin«. Ihrem Inhalt nach kennzeichnen sie sich als Ant- 
worten auf einen Ratschlag des Prinzen Heısrıcn zur Besitznahme 
polnischen Gebiets: als ablehnende Antworten. Der König schreibt 
in dem einen Briefe: 

» Je vois qu’en fait de politigue vous ne manquez pas, mon cher 
frere, d’avoir bon appetit; pour moi, qui suis vieux, jai perdu celui 
que j’avais dans ma jeunesse. Ce n’est pas que vos idees ne soient 
pas excellentes, mais il faut avoir le vent de la Fortune en poupe 
pour reussir & de telles entreprises, et e’est de quoi je n’ose et ne 
puis me flatter. Cependant il est toujours bon d’avoir de ces pro- 
jets en reserve, pour les realiser, si l’occasion s’en presente. Nous 
sommes places entre deux grandes puissances, l’Autriche et la Russie; 
il est sür que, pour tenir sans risque la balance entre elles, nous 
sommes jusques ä& present trop faibles, pour nous en bien acquitter; 
mais le mal prineipal est que ni l’Autriche ni la Russie n’ont trop 
grande envie de concourir A notre agrandissement.« 


Koser: Aus der Vorgeschichte der ersten Theilung Polens. 287 


In dem zweiten Briefe heißt es: 

» Je suis certainement bien persuade de l’integrit@ de vos inten- 
tions, et si l’on pourrait executer, mon cher frere, vos idees, il en 
resulterait certainement de grands avantages pour l’Etat. On a sans 
doute toujours devant les yeux de concilier ses inter&ts avee ceux 
de ses allies, mais ces allies ne veulent pas toujours entrer dans de 
telles mesures. Par exemple, tout ce que me vaut l’alliance de la 
Russie, e’est la garantie des pays de Baireuth et d’Ansbach', qui, 
selon toutes les apparences, ne viendra pas a &tre reclamee pendant 
notre alliance, qui dure encore huit ans”. L’envie des puissances, les 
unes contre les autres, nuit beaucoup A leurs avantages communs, et 
quelquefois on accorderait plutöt des ennemis que des allies.« 

Offenbar gehören beide Briefe eng zusammen, und offenbar setzt 
der vom 4. Juni datierte den anderen voraus. Dann müßte in dem 
älteren zu dem Tagesdatum »25« als Monat der Mai ergänzt werden. 
Dieser Ergänzung würde es an sich nicht im Wege stehen, wenn der 
König in dem Briefe erwähnt, daß seine Brunnenkur bis zum 1. Juli 
währen wird. Wohl aber enthält der Brief eine weitere Angabe, die 
unbedingt nötigt, wie sich dem Bearbeiter unserer Sammlung, Hrn. 
Dr. Vorz, alsbald ergab, ihn in den Juni, und zwar in den Juni 1770, 
zu setzen: »J’ai donne& quelques spectacles a la Landgrave pour l’amu- 
ser jusqu’au temps que sa fille accouche, ce qui probablement ne 
sera que le mois prochain.« Gemeint ist die Landgräfin KAroLınz von 
Hessen-Darmstadt, die Mutter der Prinzessin FRrIEDERIKE, zweiten Ge- 
mahlin des Prinzen von Preußen und nachmaligen Königs FrieprıcH 
Wirnerm I. Die Landgräfin ist am ı3. Juni 1770 in Berlin einge- 
troffen, die Geburt des Prinzen Frıeprıcn WırHerm erfolgte am 3. August. 

Mit dieser Feststellung des Datums war zugleich erwiesen, daß 
die Datierung des zweiten Briefes »4 juin« auf einem Schreibfehler 
des Königs beruht. Es ist juillet statt juin zu lesen’. 

Die beiden Briefe des Königs ergaben sich nun ohne weiteres 
als die Antworten auf die beiden bereits seit einiger Zeit gedruckten 


! Vgl. unten S. 289. 

2 Das am ır. April 1764 abgeschlossene Verteidigungsbündnis zwischen Preußen 
und Rußland war am 23. Oktober 1769 für die Zeit bis 1780 verlängert worden. 

3 Jeder Zweifel wird ausgeschlossen durch die Stelle: »J’ai ete hier a Berlin 
voir les exereices de l’artillerie ..... Pourqu’ä l’avenir cela aille mieux, je leur ferai 
construire un polygone avec toutes les attaques, et, au lieu de s’assembler en ete, ils 
s’assembleront au mois de septembre, ou rien ne les empeche de construire leurs 
batteries selon toutes les regles.« Nach Ausweis der Zeitungen hielt der König die 
Artillerieübung auf dem Wedding bei Berlin am 3. Juli 1770 ab; von 1771 ab fanden 
diese Übungen, nach einer Hrn. Dr. Vorz durch den Großen Generalstab erteilten Aus- 
kunft, regelmäßig im September statt. 


288 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. März 1908. 


Briefe des Prinzen Hrımrıcn vom 22. und vom 30. Juni 1770'. Der 
österreichische Gesandte Graf Nusent von WALnosoTTo hatte in seiner 
Abschiedsaudienz am 6. Mai die Andeutung fallen lassen, daß das 
Land zwischen dem Meer und einer Linie von der Grenze des alten 
preußischen Herzogtums über Graudenz, Thorn, Posen nach Glogau 
die Verbindung zwischen den zerstückten Gebieten des preußischen 
Staates herstellen würde; Nusenr hatte nicht hinzugesetzt, daß Fürst 
Kauntz nur für den Fall einer Wiederabtretung von Schlesien an 
Österreich geneigt war, dem Könige von Preußen das polnische Preußen 
und etwa auch Kurland zu überweisen’. Der König hatte dem Prinzen 
Heisrıcn von seinem Gespräch mit Nucenr Mitteilung gemacht, und 
darauf bezieht sich der Prinz in dem Briefe vom 22. Juni: »J’avoue 
que mon imagination a ete frappee de cette idee, a la premiere fois 
que vous m’avez fait l’honneur de me parler des propositions quoique 
vagues que vous furent faites. Mais si e’est a moi une chim£re, elle 
est cependant si agreable que j’ai peine & y renoncer. Je voudrais 
vous voir maitre des bords de la mer baltique, partager avec la 
puissance la plus formidable de l’Allemagne l’influence que ces forces 
reunies pourraient avoir en Europe. Si [e’est] un r&ve, il est tres 
gracieux, et vous pensez bien que l’inter&t que je prends & votre 
gloire, m’en fait souhaiter la realite.« Als der König, wie wir hörten, 
diesen lockenden Traum von sich wies, machte der Prinz gegenüber 
der Auffassung, daß weder Rußland noch Österreich zu einer Vergröße- 
rung Preußens beizutragen geneigt seien, am 30. Juni u.a. geltend: »Je 
me suis flatt@ que les circonstances ou la Russie et l’Autriche se trouvent 
maintenant pouvaient contribuer ä la reussite d’un dessein aussi utile. « 

In dieser Abfolge miteinander in Verbindung gebracht”, ergänzt 
diese Gruppe von zwei Briefen des Prinzen und zwei Antworten des 
Königs in willkommener Weise das Bild, das der Briefwechsel zwi- 
schen beiden aus jener Epoche bietet. 

Der Prinz drängt zu einem Versuch, den Staat durch polnisches 
Gebiet abzurunden und zusammenzuschließen. Der König hält ihm 
das Widerspiel, retardiert. Er will sicher gehen, er sieht für jetzt 
die Gelegenheit nicht als sicher an. Überzeugt ist auch er davon, 


! Mitgeteilt durch G. B. Vorz in den Forschungen zur brandenburgischen und 
preußischen Geschichte XVIII, 187 (1905). 

2 Vgl. A. v. ArnerH, Geschichte Marıa Treresıas VI], 145f. 

3 Ich habe in meiner Darstellung »König FrıEDRIcH DER GroszE« ]I, 456 da, wo 
ich des politischen Meinungsaustausches zwischen dem König und dem Prinzen über 
die polnische Frage gedenke, die bezeichnendsten Stellen aus dem Briefe des Prinzen 
vom 22. Juni und dem des Königs vom 25. Juni 1770, ohne beim Exzerpieren der 
archivalischen Vorlagen die Chronologie ad hoc untersucht zu haben, schon nebeneinander 
gestellt, sozusagen unwillkürlich, weil die innere Zusammengehörigkeit auf der Hand lag. 


Koser: Aus der Vorgeschichte der ersten Theilung Polens. 289 


daß die Erwerbung des polnischen Preußens für den Staat eine poli- 
tische Notwendigkeit ist. Als solche hat er sie schon vor 40 Jahren 
als Kronprinz bezeichnet. Als »politische Träumerei« schwebt sie 
ihm im Testament von 1752 vor Augen. Sie bleibt in seinem Ge- 
sichtskreis, als Rußland ihm den Krieg aufdrängt; für «den Fall eines 
entscheidenden Sieges hält er es für möglich, den Russen die Zu- 
stimmung zu dieser Vergrößerung Preußens abzugewinnen, und in einer 
andern Kombination denkt er während des vierten Kriegsjahres daran, 
sich in Polen eine Entschädigung für die Kosten und Opfer dieses 
Krieges zu suchen. Daß er dabei immer Rußland als den Sitz des 
Widerstandes gegen eine Vergrößerung Preußens nach der polnischen 
Seite betrachtet, zeigt am deutlichsten das politische Testament vom 
7. November 1768. Wie in dem älteren Testament ergeht sich der 
Verfasser in »R£everies politiques«; er versetzt sich in eine Zukunft, 
in der Polnisch-Preußen für seinen Staat gewonnen sein wird, und führt 
aus, daß man erst dann, nach Befestigung einiger Plätze an der Weichsel 
imstande sein wird, im Kriegsfall Ostpreußen gegen ein russisches Heer 
wirksam zu verteidigen. Aber eben Rußland bezeichnet er hier als die- 
jenige Macht, bei der man wegen des polnischen Preußen das stärkste 
Hindernis finden würde. Er rät seinen Nachfolgern zu dem Versuche, 
jenes Land Stück für Stück zu gewinnen, durch Verhandlung: dann, 
wenn Rußland durch die Lage der Umstände auf den Beistand Preußens 
angewiesen sein werde'. 

Damals, imWinter, von 1768 auf 1769 betrachtete er den Augenblick 
nicht als günstig für die Einleitung einer solchen Verhandlung. Er 
schlug schon jetzt den Russen eine Verlängerung des am ı1. April 
1764 auf acht Jahre abgeschlossenen Verteidigungsbündnisses vor; er 
übersandte ihnen den Entwurf für einen neuen Vertrag, und obgleich 
Rußland sich damals durch seine Einmischung in die polnischen Wirren 
einen unbeabsichtigten Krieg mit der Pforte zugezogen hatte, forderte 
er nichts weiter als die russische Bürgschaft für die dereinstige Nach- 
folge der königlichen Linie seines Hauses in den fränkischen Neben- 
landen Ansbach und Baireuth (vgl. oben S. 287). Der Vertragsentwurf 
war bereits übergeben, als der König am 2. Februar 1769 seinem Gesandten 


anheimstellte, nach Ermessen in aller Vorsicht — der einzuschlagende 
Weg wurde genau vorgeschrieben — zu ergründen, ob Rußland, um 


sich nicht bloß die preußische, sondern auch die österreichische Unter- 
stützung gegen die Pforte zu sichern, zu einer Verteilung polnischer 
Grenzlande an die drei Nachbarmächte geneigt sein würde. Wie es 
scheint, veranlaßte ihn zu dieser diplomatischen Rekognoszierung die 


! Vgl. »König Frıeprıch DER Grosze« 11, 452 (3. Aufl.). 


290 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. März 1908. 


Nachricht, daß Rußland den Wiener Hof unter Berufung auf ältere 
Verträge um Waffenhilfe gegen die Türken zu ersuchen beabsichtigte'. 
Der preußische Gesandte. Graf Sons, führte nach anfänglichen Bedenken 
den ihm bedingungsweise erteilten Auftrag aus, und der Leiter der 
auswärtigen Politik, Graf Nıxıra Panın, erteilte ihm ausweichend die 
bekannte Antwort’, daß Rußland bereits mehr Land besitze, als es 
zu regieren imstande sei. Und diese Stellungnahme Rußlands war es, 
die den König von Preußen in dem Briefe vom 25. Juni 1770 urteilen 
ließ, er wage sich nicht zu schmeicheln und könne sich nicht schmei- 
cheln, daß der Wind für solche Unternehmungen günstig sei. Seine 
in dem Testament vom 7. November 1768 ausgesprochenen Zweifel 
schienen ihm bestätigt. 

Nicht lange nachdem der König jene beiden Briefe an den Prinzen 
Heimrıc# gerichtet hatte, erhielt er ein Schreiben KArHArımas II. vom 
19./30. Juli mit einer Einladung nach Petersburg für den Prinzen 
Herseıch, der inzwischen zu einem Besuch der Schwester, Königin 
Luise Urrıke von Schweden, nach Stockholm gereist war. Die Ein- 
ladung kam völlig überraschend, der König schrieb dem Prinzen, daß 
man sie nicht ablehnen könne, daß er aus der Not eine Tugend machen 
möge. Es ist vermutet worden, daß der Prinz für seinen Petersburger 
Aufenthalt mit geheimen Weisungen für die Anbahnung eines Teilungs- 
vertrags versehen worden sei. Der im 30. Band der »Politischen Corre- 
spondenz« enthaltene Briefwechsel zwischen den beiden fürstlichen 
Brüdern erweist das Gegenteil; ausdrücklich schreibt der König dem 
Prinzen am 26. Oktober 1770 auf die Nachricht von dessen Ankunft 
in Petersburg, er möge dort bleiben, solange als es ihm angenehm 
sein werde, und als er den Interessen der schwedischen Schwestern 
dort nützlich sein könne; im übrigen sei er, der König, entschlossen 
»de ne me m£ler ni de la paix’ ni des affaires de Pologne et de 
n’etre que simple spectateur des evenements‘.« Frreprıcan blieb also 
durchaus auf der Linie, die er sich in jenen beiden Briefen vom voran- 
gegangenen Sommer für sein politisches Verhalten in der polnischen 
Frage vorgezeichnet hatte’. 


Vgl. Politische Correspondenz XXVIII, 88 — 82. 84. 

Ebend. 194. 

Friedensverhandlung zwischen Rußland und der Pforte. 

Politische Correspondenz XXX, 219. 

Als der Prinz sich im Gespräch mit den russischen Staatsmännern SALDERN 
und Panın auf die Erörterung einer Tripleallianz gegen die Pforte zwischen Preußen, 
Rußland und Österreich unter dem unbestimmten Hinweis auf die Stipulierung von 
»avantages reeiproques pour les trois couronnes« eingelassen hatte, wies der König 
diesen Gedanken entschieden ab: »Point de convention nouvelle queleonque; cela n'est 
pas du tout de saison.« Fbend. 269. 


» O0 - 


Koser: Aus der Vorgeschichte der ersten Theilung Polens. 291 


Ganz gegen die Erwartung des Königs und wohl auch gegen die 
Erwartung des Prinzen Hrısrıcn ist dann, als dieser bereits im vierten 
Monat zu Petersburg verweilte, von russischer Seite die Anregung zur 
Teilung Polens an ihn herangetreten. Wir wissen, daß seit lange zwei 
Strömungen am Petersburger Hofe einander entgegenwirkten. Graf 
Nıkıra Panın, der Minister des Auswärtigen, vertrat die Meinung, daß 
man von der Erwerbung polnischen Gebietes absehen solle; sein System 
ging darauf aus, durch stete Einmischung in die polnischen Wirren, 
wozu er die konfessionellen Gegensätze ausgesprochenermaßen als Vor- 
wand benutzte, Polen in politischer Abhängigkeit von Rußland zu halten. 
Graf ZacuArıas TschErNYScHEw, der Kriegsminister, vertrat die Politik 
der Annexion. Er hatte schon nach dem Tode des letzten polnischen 
Königs im Oktober 1763 der Zarin eine Denkschrift' vorgelegt, in der 
er die alsbaldige Besitznahme der Woiwodschaften Pskow und Witepsk 
und des ganzen polnischen Teils von Livland befürwortete; der Vor- 
schlag war damals von der Staatskonferenz als sehr nützlich und als 
des weitern Augenmerks wert anerkannt, zugleich aber, als zur Stunde 
bedenklich, für günstigere Zeit zurückgelegt worden. Diese Richtung 
gewann jetzt die Oberhand, als der Wiener Hof im Sommer 1770 mit 
der Besitzergreifung der Starosteien Neu-Sandek, Neumarkt und Czor- 
sztyn, unter Berufung auf alte Rechtsansprüche, ein Beispiel gab. Graf 
TScHERNYSCHEw, der Verfasser jener Denkschrift von 1763, war es, der in 
den Gemächern der Zarin am Abend des 8. Januar 1771 an den Prinzen 
Hemeıcn die Worte richtete: »Mais pourquoi pas s’emparer de l’ev&che 
de Warmie? Car il faut, apres tout, que chacun ait quelgue chose.« 
Und diesmal stand seine Gebieterin auf seiner Seite: »Mais pourquoi 
pas tout le monde se prendrait-il aussi?« so fragte sie selber an jenem 
Abend den preußischen Prinzen’. 

König Frieprıcn, der den Bericht über diese vielsagenden Äußerun- 
gen zunächst noch mit seiner alten Zurückhaltung aufnahm, ließ bei 
der Rückkehr des Prinzen, Ende Februar 1771, seine Bedenken fallen, 
wobei er nun allerdings mehr an polnischem Gebiet als das Ermland 
von den Russen forderte und erhielt. Die Beweggründe, die den russi- 
schen Hof bestimmten, gegen die bisher leitenden Gesichtspunkte seiner 
Politik die von nun an Westpreußen genannte Provinz an Preußen zu 
überlassen, fassen sich einfach dahin zusammen: es galt, inmitten des 
Kampfes gegen den Halbmond und gegen die polnische Insurrektion 


! Zbornik (Magazin) der Kaiserlich Russischen Historischen Gesellschaft LI, S. 9. 
Andere Vertreter dieser Richtung waren General Irıa ALexanprowrıscn Bıeıkow und 
Fürst Micnaer Worxonskı. Vgl. Politische Korrespondenz XXX, S.403. 406. 

® Politische Korrespondenz XXX, S. 407. 


292 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. März 1908. 


und angesichts der drohenden Haltung Österreichs den König von 
Preußen unter allen Umständen auf der russischen Seite festzuhalten. 
Er aber hatte die Genugtuung, die Russen, von denen er noch vor 
kurzem unüberwindlichen Widerstand gegen einen alten Wunsch der 
preußischen Politik befürchtet hatte, kommen zu sehen. Seine Taktik 
des Zuwartens, wie er sie in den beiden hier behandelten Briefen be- 
gründet, war die richtige gewesen. 


Ausgegeben am 12. März. 


Berlin, gedruckt in der ReichsdruckereL 


XIV. 


- SITZUNGSBERICHTE 


DER 
KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADENIE DER WISSENSCHAFTEN. 


nnitsitzung am 12. März. (S. 293) 


IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 


'E F t : x En es „u 
SE | om 


Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 


Aus $l. 

Die Akademie gibt gemäss $ 41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften « 
und »Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Aus $ 2. 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberielite« oder die 
»Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in,der Regel 
das druckfertige Manuseript zugleich einzuliefern ist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

$ 3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberiehten bei Mitgliedern 32, 
bei Niehtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nieht übersteigen. 

“Überschreitung diesen Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf’ seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

Ss4. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photographiselie Original- 
aufnahmen u. s. w.) gleichzeitig mit dem Manuseript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schrittlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Sceeretar zu 
riehten, dann zunächst im Seeretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist -— wenn cs sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Uberschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
dureh das Secretariat geboten. 

Aus $ 

Nach der Vorlegung und Einreichung des 
vollständigen druckfertigen Manuseripts an den 
zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Sehriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeekt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welehe nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Bescehliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Nichtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der »Abhandlungene, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 


5. 


(Fortsetzung auf S. 3 des Umschlags.) 


Aus $ 6. 

Diean die Druckereiabzuliefernden Manuseripte müssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des Manuseripts vorzunehmen. 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen (ie 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehlern 
und leichten Schreibversehen hinausgehen. Umfängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- 
girenden Seeretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus $ 8. y 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 


Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Sonder- 


abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberiehte ausgegeben werden. 
VonGedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrucke 

für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 
$9. 2 

Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten 

erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- 
exemplare; ‘er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 


zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 


sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Sceretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtinitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Seeretar weitere 200 Exemplare auf 
Kosten abziehen lassen. r 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, weleher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres _30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abzichen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Sceretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 


_ exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 


redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 
8 17. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaäftliche Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle ande erweitig, sei es Sırel nur auszugs- 


ihre 


€ 


PURE 


293 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
XIV. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


12. März. Gesammtsitzung. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 


1. Hr. Munk las über die Functionen des Kleinhirns. 

Die Untersuchung kommt dahin zum Abschluss, dass das Kleinhirn ein nervöser 
Bewegungsapparat des Thieres ist, in dem Mark- und Muskeleentren der Wirbelsäule 
einerseits und der Extremitäten andererseits derart mit einander in Verbindung gesetzt 
sind, dass durch seine Thätigkeit unwillkürlich und unbewusst zweckmässige Gemein- 
schaftsbewegungen von Wirbelsäule und Extremitäten zustande kommen, insbesondere 
die Gleichgewichtsregulirung bei den gewöhnlichen Haltungen und Bewegungen des 
Thieres. 


2. Vorgelegt wurden: P. Vınocranorr, English Soeiety in the 
Eleventh Century, Oxford 1908, und W.Huscıss, The Royal Society 
(London 1906). Neuabdruck. 


Die Akademie hat in der Sitzung am 27. Februar Hrn. Emıre 
Bourroux in Paris, Mitglied des Institut de France, zum correspon- 
direnden Mitglied ihrer philosophisch-historischen Classe gewählt. 


[5 


Sitzungsberichte 1908. 


294 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


Uber die Functionen des Kleinhirns. 
Von HERMANN Munk. 


Dritte Mittheilung (Schluss).! 


% 


ka Verhalten der Thiere während der ersten Zeit nach der Klein- 
hirnexstirpation sollten die Folgen des Kleinhirnverlustes zusammen 
mit den Folgen des operativen Angriffs zum Ausdruck kommen’: und 
so stellt es sich in der That heraus. 

Als operative Folgen haben sich an anderen Theilen des Central- 
nervensystems rasch an Grösse abnehmende Störungen der Art er- 
geben, dass manchmal die Nachbarschaft des exstirpirten Theiles und 
immer die niedereren motorischen Centren, zu denen vom exstirpirten 
Theile motorische Bahnen gehen, in ihrem Functioniren beeinträchtigt 
sind. In unserem Falle kommen Functionsstörungen der Nachbarschaft 
nicht zur Beobachtung, offenbar weil das Kleinhirn nicht aus einem 
ausgedehnten nervösen Zusammenhange mit der Umgebung durch das 
Messer loszulösen ist, sondern, wie es als geschlossenes Ganzes gleich- 
sam als ein Anhängsel lediglich durch seine Stiele mit dem übrigen 
Centralnervensystem in Verbindung steht, durch die blosse Durch- 
trennung dieser Stiele sich exstirpiren lässt. Aber die dem Kleinhirn 
untergeordneten motorischen Centren, Mark- und Muskelcentren für 
den Bereich von Wirbelsäule und Extremitäten, erweisen sich zunächst 
nach der Operation ansehnlich beim Affen und noch beträchtlich mehr 
beim Hunde in ihrer Erregbarkeit herabgesetzt, und diese Herabsetzung 
nimmt mit der Zeit, beim Affen rascher, beim Hunde langsamer, bis 
zu der geringen Grösse ab, in der sie die Folge des Kleinhirnver- 
lustes ist und als solche verbleibt. So prägt sich die operative 
Herabsetzung in dem Mühsamen, Schwerfälligen und Ungeschickten 
der Aufstehversuche aus, die der Affe nach dem Ablaufe der Narkose, 


! Die früheren Mittheilungen s. diese Berichte 1906. 443 ff. und 1907. ı6ff. 
Sie sind in den folgenden Citaten mit I und II bezeichnet. 
2 1 468. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 295 


der Hund in den ersten Wochen macht', im eonvexen Rücken und 
gesenkten Kopfe, wie im Collabiren des Affen, wenn er in den ersten 
Tagen nach der Operation an die Wand gelehnt sitzt’, in der anfäng- 
lichen Schlaffheit der Hinterbeine am emporgehaltenen Hunde’, in 
dem derzeitigen Greifen des Affen‘, in dem seltenen Auftreten isolirter 
willkürlicher Bewegungen am Vorderbeine des Hundes während der 
ersten Wochen’. Sie giebt sich aber auch in dem zu erkennen, was 
früher auffallen durfte", dass die gröbere Art der Gleichgewichtserhal- 
tung, die nach dem Kleinhirnverluste mehr und mehr als functioneller 
Ersatz für die fehlende feinere Art der Gleichgewichtserhaltung ein- 
tritt, nicht sogleich nach der Exstirpation, sondern erst nach einer 
gewissen Zeit sich bemerklich macht, obwohl die Hirntheile, auf deren 
Wirken sie beruht, unversehrt sind: die Thätigkeit dieser Hirntheile 
muss erfolglos bleiben, so lange die Mark- und Muskelcentren für den 
Bereich von Wirbelsäule und Extremitäten zu der Mitwirkung, die 
sie, wie für die feinere, so auch für die gröbere Gleichgewichtserhal- 
tung zu leisten haben, nicht fähig sind. 

Der Verlust der feineren Gleichgewichtserhaltung als Folge des 
Kleinhirnverlustes hinzugenommen, ist es dann in allen Stücken klar, 
was das Verhalten der kleinhirnlosen Thiere in der ersten Zeit nach 
der Operation charakterisirt, dass die Thiere nach anfänglichen ver- 
geblichen Aufstehversuchen durch viele Tage am Boden liegen bleiben, 
der Affe in der Brustbauch- oder Brustbeckenlage, der Hund in der 
Seitenlage, ohne mehr als hin und wieder eine Lageveränderung dort 
vorzunehmen oder einen Aufstehversuch zu wiederholen. Beim Hunde 
ist die operative Herabsetzung der Erregbarkeit der genannten Öentren 
so gross und erfolgt ihre Abnahme so langsam, dass der Hund 
frühestens zu Ende der zweiten Woche nach der Operation dazu 
kommt, sich auf die Beine zu stellen, und bleibt entsprechend die 
funetionelle Compensation des Verlustes der feineren Art der Gleich- 
gewichtserhaltung so weit zurück, dass der Hund fast erst um die- 
selbe Zeit seine gewohnte Ruhestellung, die Brustbauch- oder Brust- 
beckenlage, einzuhalten imstande ist. Beim Affen nimmt die von 
vorneherein kleinere Herabsetzung rascher ab und macht sich dem- 
gemäss auch die funetionelle Compensation früher geltend; daher der 
Affe, wenn er in Angst oder Zorn versetzt ist, schon in den ersten 
Tagen nach der Operation unter der im Affeet verstärkten Innervation 
sich erheben, klettern, gehen, springen kann und nicht nur bald nach 
der Operation sich in der Brustbauch- oder Brustbeekenlage, sondern 


1 1453, 457- ® 1454—5, 469. ® I 2o. * 1474. ® 1466 —7. 
Sag 


237* 


296 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


auch schon zu Anfang der zweiten Woche in der Sitzstellung zu be- 
haupten vermag. Wie die Unfähigkeit der Thiere, sich aufzustellen 
und die gewohnte Ruhestellung einzunehmen, die sogenannten Zwangs- 
bewegungen mit sich bringt, haben wir schon früher‘ gesehen. 

Mit dem Verhalten der Thiere nach der halbseitigen Kleinhirn- 
exstirpation brauchten wir nach der Art unseres Vorgehens im grunde 
nicht mehr uns zu befassen; denn wir könnten bei der Kenntniss der 
Funetionen des Kleinhirns stehen bleiben, ohne weiter die Frage zu 
verfolgen, welchen Antheil an diesen Funetionen die einzelnen Theile 
des Kleinhirns nehmen. Aber wie die Forschung am Kleinhirn sich 
entwickelt hat, wie man das Organ von jeher zu allermeist einseitig 
angegriffen und neuerdings hauptsächlich die Folgen der halbseitigen 
Exstirpation den Theorien des Kleinhirns zugrunde gelegt hat, würden 
wir unsere Untersuchung nicht zum befriedigenden Abschlusse bringen, 
wenn wir nicht noch an den letzteren Folgen die Zuverlässigkeit 
unserer Ermittelungen prüften. 

Zur übersichtlichen Orientirung kann hier die Schilderung die- 
nen, wie sie Hr. Lucıanı vom Hunde gab’, und wie sie bei seinen 
Nachfolgern im ganzen und grossen ebenso wiederkehrt. Zuerst liegt 
der Hund am Boden und kommen Krümmung der Wirbelsäule gegen 
die Exstirpationsseite hin, tonische Streckung des Vorderbeines der- 
selben Seite und klonische Bewegungen der übrigen drei Gliedmaassen, 
Spiraldrehung des Halses und des Kopfes nach der unverletzten Seite 
hin, leichter Nystagmus, Strabismus, Rollen des Körpers in der Rich- 
tung von der unverletzten nach der operirten Seite zur Beobachtung. 
Diese »dynamischen«® Erscheinungen halten nur wenige (im Mittel 
$—ı0) Tage an, während welcher die tonischen Spasmen schwächer 
werden und (zuerst das Rollen, zuletzt der Pleurotonus) verschwinden, 
indem sie den Charakter klonischer und oseillatorischer Bewegungen 
annehmen. In dem Maasse, in dem dies geschieht, werden die Ver- 
suche des Hundes, sich aufrecht zu halten und zu gehen, nach und 
nach von Erfolg begleitet. Über 4 Wochen kann es sich hinziehen, 
ehe der Hund dazu fähig ist; jedoch ist er schon während dieser 
Zeit, wenn es ihm gelingt, die Flanke der Exstirpationsseite gegen 
eine Mauer zu stützen, imstande, sich aufrecht zu halten und auch 
regelmässige Schritte zu vollführen. Zunächst, wenn die dynamischen 
Erscheinungen eben erst verschwunden sind, ist der Hund in den 
Muskeln der Gliedmaassen der Exstirpationsseite, besonders der Hinter- 
extremität, so schwach, daß er beim ersten Anblick mit einem von 


1820622 
® Cerv. 167—9, 186—8, 19I—5; Klh. 282—4, 290—2, 295—8. 
® Vgl. 1461. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 297 


Hemiplegie betroffenen verwechselt werden könnte. Er kann nur auf 
dem Hinterbacken der Exstirpationsseite kriechen und fällt, wenn er 
sich erhebt, nach der Exstirpationsseite infolge des Einknickens der 
Glieder dieser Seite. Aber in der Folge wird das Fallen immer sel- 
tener, und schliesslich vermag der Hund dasselbe vollständig zu 
vermeiden mittels des Compensationsmechanismus, dass er die Vor- 
derextremität der Exstirpationsseite übermässig abdueirt und durch 
Krümmung der Wirbelsäule nach der Exstirpationsseite die Stütze 
der beiden Hinterextremitäten nach dieser Seite verschiebt, so dass 
die Hauptachse des Körpers schräg zur Gangrichtung steht. Neben 
der Schwäche zeigt der Hund die Schlaffheit der Extremitäten der 
Exstirpationsseite, das übermässige Heben und Aufstampfen dieser 
Extremitäten, ferner das Zittern des Kopfes beim Liegen, das Schwan- 
ken des Rumpfes bei der aufrechten Stellung u. s.w., wie wir alle 
die einschlägigen Abnormitäten bereits bei unserer Behandlung der 
Totalexstirpation auch in ihrer Erscheinungsweise nach der halbseitigen 
Exstirpation aufgeführt haben’. 

Auf grund dieser Schilderung lassen sich sogleich wieder als 
Folgen des halbseitigen Kleinhirnverlustes des Hundes Zittern, Schwan- 
ken, Fallen, die mit der Zeit durch Compensation abnehmen, und 
Störungen an den Extremitäten erkennen und ebenso wieder die be- 
sonderen oder besonders grossen Abnormitäten in der ersten Zeit 
nach der Operation dem Hinzutritt der Folgen des operativen An- 
griffs zuschreiben. Zugleich springt an den Extremitäten und auch 
sonst im Verhalten des Hundes eine Einseitigkeit der Folgen in die 
Augen gegenüber der beiderseitigen Gleichheit der Folgen beim Ver- 
luste des ganzen Kleinhirns. Damit ist uns die Richtung gewiesen, 
die wir zu nehmen haben. 

Zuvörderst constatiren wir, dass auch die halbseitige Exstirpation 
nicht allgemeine Störungen der Motilität und Sensibilität nach sich 
zieht, sondern lediglich auf den Bereich von Wirbelsäule und Extre- 
mitäten beschränkte Störungen. Über den Bereich hinausgehend finden 
wir nur die Angabe, dass Nystagmus und Strabismus vorkommen, und 
damit verhält es sich hier nieht anders als nach der Totalexstirpation”. 
Nystagmus und Strabismus treten, wie Brechbewegungen oder Athem- 
störungen u.s.w., bei den Versuchen auf, die durch Nebenverletzun- 
gen misslungen sind; sonst fehlen sie. Um letzteres mit aller Sicher- 
heit auch für den Fall der halbseitigen Exstirpation vertreten zu 
können, habe ich diese noch vollkommener zu gestalten mich be- 
müht, als ich sie oben” beschrieb, und es ist mir gelungen, die Durch- 


! 1476; Il zo, 23. 2 ] 451, 462. 2717452. 


298 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


schneidung des Wurms auch an seinem vorderen Theile in der Median- 
ebene durchzuführen. Es bedarf dafür nur des kleinen Kunstgriffs, 
dass man nach der Loslösung der hinteren Wurmhälfte den vorderen 
Theil des Wurms mit dem flach an seine Oberfläche angelegten Messer 
etwas stärker nach hinten zieht und rasch das abgehobene Messer 
so weit nach vorn bringt, dass sein freies Ende die obere Kuppe 
des elastisch in die alte Lage zurückstrebenden Wurms auffängt; mit 
dem Schnitte, den man jetzt glatt nach unten und etwas nach hinten 
gegen das an die untere Fläche des Wurms angelegte Stäbchen führt, 
wird auch vom vordersten untersten Stücke des Wurms, das ich 
früher ungetheilt zurückliess, die eine Hälfte abgetragen. Auch bei 
den so vervollkommneten Versuchen blieben Nystagmus und Stra- 
bismus aus. 

Die Störungen an den Extremitäten, deren Schlaffheit und 
Sehwäche u. s.w., sind uns dann nicht nur in Übereinstimmung mit 
Hrn. Lucrant's Angabe als einseitige, und zwar der verlorenen Klein- 
hirnhälfte gleichseitige Störungen schon bekannt, sondern wir sind 
auch bereits genauer mit ihrer Art und ihrem Wesen vertraut, da 
wir sie in unsere Untersuchung der Motilitäts- und Sensibilitätsstö- 
rungen von Wirbelsäule und Extremitäten bei der Totalexstirpation 
mit einbezogen haben'. Als erwünschte Ergänzung dieser Unter- 
suchung finden wir aber ferner noch entsprechende einseitige Stö- 
rungen an der Wirbelsäule, die nur nicht der verlorenen, sondern 
der erhaltenen Kleinhirnhälfte gleichseitig sind. 

Am emporgehaltenen Hunde, wenn er nach den anfänglichen 
Strampelbewegungen andauernd ganz schlaff herabhängt, zeigt die 
Wirbelsäule eine nach der Exstirpationsseite concave Krümmung, die 
zunächst nach der Operation am auffälligsten ist und in den ersten 
Wochen bis zu einer geringeren Grösse abnimmt, auf der sie sich 
erhält. Auch ist dieselbe Concavität an dem ruhig in der Seitenlage 
verharrenden Hunde, besonders in der ersten Zeit, deutlich zu sehen, 
wenn er, mit dem Kopfe an oder nahe dem Boden, auf der unver- 
letzten Seite liegt, und zum mindesten daran zu erkennen, dass die 
Hinterbeine dann ganz in der Luft sind, während sie, wenn der Hund 
auf der Exstirpationsseite liegt, mit den Füssen dem Boden aufruhen. 
Schiebt man nach Ablauf der ersten Tage den auf dem Tische in 
der Seitenlage gehaltenen Hund mit dem Hinterkörper über den Tisch- 
rand hinaus, so lässt der Hund, wenn er auf der Exstirpationsseite 
liegt, den Hinterkörper herunterhängen und bewegt höchstens die 
Hinterbeine, um auf den Tisch zu kommen, auch wenn man ihn 


22. 


Mvsk: Über die Functionen des Kleinhirns. 299 


noch besonders, z. B. durch Kneipen des Schwanzes zu Bewegungen 
anregt; dagegen er den Hinterkörper mit Streckung und Drehung 
der Wirbelsäule hebt, wenn er auf der unverletzten Seite liegt. Wird 
der Hund, wenn er wieder, ohne zu fallen, geht, durch Zuruf zu 
rascher Umkehr auf seinem Wege veranlasst, so wendet er regel- 
mässig nach der Exstirpationsseite hin in kleinem Bogen um. Und 
ohne Zögern dreht sich der Hund unter noch stärkerer Concav- 
krümmung der Wirbelsäule nach der Exstirpationsseite in kleinem 
Kreise, wenn man auf dieser Seite ein Fleischstück in der Richtung 
vom Kopfe nach dem Schwanze führt; während es, wenn man das 
Fleischstück ebenso auf der anderen Seite des Hundes bewegt, äusserst 
selten und erst nach vielen vergeblichen Versuchen einmal gelingt, 
den Hund zu einer Drehung unter schwacher Goncavkrümmung seiner 
Wirbelsäule nach der unverletzten Seite zu veranlassen. Mit Ver- 
tauschung der Seiten zeigt sich demnach an der Wirbelsäule ein 
analoges Verhalten wie an den Extremitäten: die Wirbelsäule-Muskeln 
sind schlaffer und kommen schwerer und weniger in Bewegung auf 
der unverletzten Seite, als auf der Exstirpationsseite. 

Die althergebrachte Vorstellung von den Zwangsbewegungen als 
Reizerscheinungen hat es verschuldet, dass dies nicht schon Hr. Lucıanı 
erkannte, da er die Concavität der Wirbelsäule nach der Exstirpations- 
seite hin sah, sondern eine Contracetion der Rumpfmuskeln dieser 
Seite die Krümmung verursachen liess'. Man ist jedoch auch später 
nicht ins Klare gekommen, als man die Zwangsbewegungen für Aus- 
fallserscheinungen erklärt hatte. Hr. Lewanpowskv, der ferner noch 
die Bevorzugung der Kreisbewegung nach der Exstirpationsseite be- 
merkte’, hat doch diese Kreisbewegung und jene »Zwangshaltung« 
mit dem Rollen des Hundes zum besonderen Symptomencomplex der 
Zwangsbewegungen vereinigt, den er von den übrigen Erscheinungen 
nach Kleinhirnverletzungen abtrennte® und für seine Theorie des 
Kleinhirns nicht weiter in Betracht zog: und dabei sagt er selber, 
dass es hinter den Thatsachen zurückbleibt, wenn man die Dauer 
der Zwangsbewegung und der Zwangshaltung selbst nur zu vier 
Wochen nach der Operation annehmen wolle’. Abgesehen von den 
Zwangsbewegungen, haben Hr. Lucrası, Hr. Tnuomas und Hr. LewaAn- 
DOWSKY, verführt offenbar durch das in die Augen fallende Verhalten 
der Extremitäten, alle Muskeln der Exstirpationsseite und Hr. THonas' 
sogar ausdrücklich die Rumpfmuskeln dieser Seite abnorm schlaff, 


! Cerv. 168. — Später hat noch Russe (a. a. 0.860) einen Spasmus der pare- 
tischen Rumpfmuskeln der Exstirpationsseite angenommen, in Übereinstimmung damit, 
dass auch die paretischen Extremitäten dieser Seite im Spasmus wären. 


ZEN a 0A ® Ebenda ı5r. Era 0.8327. 


300 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


ihren Tonus vermindert sein lassen und demgemäss den Einfluss der 
Kleinhirnverletzung als einen gleichseitigen oder — auf grund ihrer 
Deutung der Restitution und der Folgen des Medianschnittes durch 
das Kleinhirn — als vorwiegend oder wesentlich gleichseitigen hin- 
gestellt'. Selbst die experimentellen Reizungserfolge am Kleinhirn, 
die wiederholt dabei zur Sprache kamen, haben nicht zur richtigen 
Erkenntniss hingeleitet, obwohl es nahelag, dass, wenn die einseitige 
Reizung am Kleinhirn Bewegungen an den Extremitäten auf der 
gleichen und an der Wirbelsäule auf der entgegengesetzten Seite 
veranlasste’, die einseitige Exstirpation am Kleinhirn auch die Be- 
weglichkeit der Extremitäten auf der gleichen Seite und der Wirbel- 
säule auf der entgegengesetzten Seite schädigte. 

Schliessen wir vorerst die Erscheinungen der ersten zwei Wochen 
nach der halbseitigen Kleinhirnexstirpation von unserer Betrachtung 
aus, so ist es also schon durch unsere früher durchgeführte Unter- 
suchung” ausgemacht, dass durch den halbseitigen Kleinhirnverlust, 
infolge des Fortfalls der beständig schwach erregten motorischen 
centralen Elemente der Kleinhirnhälfte, die Erregbarkeit von Mark- 
und Muskeleentren für den Bereich der Wirbelsäule auf der ent- 
gegengesetzten Seite und für den Bereich der Extremitäten auf der 
gleichen Seite unter die Norm herabgesetzt ist. Infolgedessen kann 
es natürlich auch zu Gleichgewichtsstörungen des Hundes kommen, 
zu Schwanken und Fallen, wie wir es in den ähnlichen Fällen sehen, 
in denen die hinteren Wurzeln der Rückenmarksnerven für die beiden 
öxtremitäten derselben Seite durchschnitten sind oder die Extremitäten- 
regionen einer Grosshirnhemisphäre exstirpirt sind. Aber im Zittern, 
Schwanken, Taumeln, Fallen nach der halbseitigen Kleinhirnexstirpation 
bieten sich noch Störungen dar, die in diesen Fällen nicht vor- 
kommen und durch jene Herabsetzung der Erregbarkeit nicht er- 
klärlich sind. Diese besonderen Störungen hat Hr. Lucıanı, wie uns 
durch die zusammenfassende Darlegung' seiner Ausführungen schon 
bekannt ist, auf die mangelnde Continuität der Muskeleontraetionen 
infolge unvollständiger Verschmelzung der Elementarimpulse oder 
unvollkommener Summation der Einzelimpulse zurückgeführt, und 
darum hat er seinen verstärkenden Einfluss des Kleinhirns ausser in 
der tonischen und der sthenischen noch in der statischen Wirkung 
sich äussern lassen.” Dem entgegen erkennen wir in den Störungen 


! Lucıanı, Klh. 282, 335. — LEwAnDowskY, a.a.0. 157, 177. 


?2 NornnAGEL, Vırcaow’s Archiv 68. 1876. 36ff. — Lewanpowsky, a.a. 0. 
149— 50. — Louvre, Neurolog. Centralbl. 1907. 6353 ff. 
Sl aa 4 1 476. 


5 Lewanpowsky hat das, was gerade so charakteristisch für das Kleinhirn in 
Bezug auf Function und Functionsausfall ist, derart verkannt, dass seine hierherge- 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 301 


nur eine Schädigung wieder der feineren Gleichgewichtserhaltung beim 
Liegen, Sitzen, Gehen u. s. w., die durch die Totalexstirpation als 
Function des Kleinhirns sich ergab. 

Nach unseren früheren ausgedehnten Erörterungen' darf ich 
mich kurz fassen. Man kann, wenn man zuerst nach der halbseitigen 
Exstirpation am liegenden Hunde das Zittern und Schwanken von 
Kopf und Rumpf sieht, an zitterige Contraetionen denken, aber man 
muss den Gedanken bald fallen lassen. Bei allen Bewegungen aller 
Körperteile des Hundes verlaufen alle Muskelverkürzungen, sie seien 
klein oder gross, kurz oder lang, der unverletzten oder der verletzten 
Seite zugehörig, durchaus normal, ohne dass etwas Zitteriges an 
ihnen zu sehen oder zu fühlen oder aus irgend einer Besonderheit 
zu erschliessen wäre. Ein Uebergang anfänglicher tonischer Spasmen 
in klonische und oseillatorische Bewegungen kommt gar nicht vor. 
Der Hund kann von vorneherein den Kopf frei hochhalten, dann den 
Vorderrumpf auf den vorgestreckten Vorderbeinen und schliesslich 
auch den Hinterrumpf auf den gebeugten und unter den Bauch ge- 
zogenen Hinterbeinen erhoben halten ohne jedes Zittern und Schwanken. 
Diese stellen sich lediglich unter Umständen als Begleit- oder Ab- 
schlusserscheinungen von Bewegungen, die der Hund macht, ein: 
als Begleiterscheinungen, wie ich es beim Fressen genauer beschrieb’, 
wenn Kopf und Rumpf erheblich aus dem Gleichgewicht gebracht 
und so lange sie nicht wieder genügend unterstützt sind; als Ab- 
schlusserscheinungen, wenn Kopf und Rumpf nach Ablauf‘ der Be- 
wegung wieder ins Gleichgewicht kommen. Im ersteren Falle treten 
gröbere und mit der Art der Bewegung wechselnde rhythmische 
Schwankungen auf, im letzteren Falle regelmässige hin- und her- 
gehende Oseillationen, Schwingungen mit abnehmender Amplitude 
um die Gleichgewichtslage, — nach der halbseitigen Exstirpation in 
ganz derselben Weise wie nach der Totalexstirpation. Daher ist die Ur- 
sache des Zitterns und Schwankens nicht eine Abnormität der Art 
der Muskelverkürzung, noch eine Abnormität der Spannung der 
Muskeln in der Ruhe, sondern eine Abnormität in der feineren Gleich- 
gewichtserhaltung des Hundes. 


hörigen Bemerkungen nicht darüber hinausgehen, dass Lucıanı's Wort »statische 
Funetion« »doch mehr eine Umschreibung als eine Erklärung bedeutet«, und dass 
»das Schwanken als solches jedenfalls ein Symptom ist, das durchaus nicht aus dem 
Rahmen einer sensorischen Ataxie herausfällt und sehr wohl auf Störungen des 
Muskelsinnes von Rumpf und Extremitäten bezogen werden kann« (a.a.O. 156, 17L). 
Wie dabei noch Lewanpowskyv unter »Muskelsinn« die ganze Sensibilität der Haut, 
der Muskeln und der Gelenke verstand, haben wir schon oben II 22 gesehen. 

ı 1469 — 80. 

® 1479. 


302 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


Auch beim Taumeln und Fallen des Hundes ist diese Abnormi- 
tät zu erkennen. Die Lucrantsche Angabe, dass der Hund, wenn 
er sich erhebt und im Gehen übt, nach der Exstirpationsseite infolge 
des Einknickens der Glieder dieser Seite fällt, ist nicht ganz zu- 
treffend. Richtig ist, dass beim ersten Aufstehen und Gehen des 
Hundes das Fallen regelmässig nach der Exstirpationsseite hin erfolgt; 
und das kann auch nicht anders sein, da der Hund aus dem Liegen 
sich zuerst auf die Vorderbeine stellt und zuletzt mit dem in der 
Motilität geschädigten Hinterbeine den Rumpf hebt, dabei nur soweit, 
dass dieses Hinterbein mehr oder weniger schief nach unten innen 
bleibt. Aber nachdem wird das geschädigte Hinterbein senkrecht 
oder schief nach unten aussen gestellt, und dann fällt der Hund bei 
seinen Gehübungen sowohl auf die Exstirpationsseite wie auf die an- 
dere Seite, höchstens öfter auf die Exstirpationsseite um. Der Hund 
trägt beim Gehen den Rumpf etwas nach der unverletzten Seite über- 
hängend und fällt nach dieser Seite, wenn während des Gehens das 
Überhängen sich verstärkt, nach der Exstirpationsseite, wenn es sich 
verliert, — wie sich oft eonstatiren lässt, wenn dort die Beine der 
verletzten Seite, hier die der unverletzten Seite gerade beide zugleich 
schwebend in der Luft sind. Später kommt es nicht mehr zu einem 
wirklichen Umfallen des Hundes, sondern bloss zu einem Taumeln 
oder Schwanken nach der Seite, indem der Hund, sobald das Fallen 
beginnt, ihm damit begegnet, dass er den Rumpf nach der entgegen- 
gesetzten Seite wirft; wobei es allerdings zuweilen geschieht, dass 
der Hund durch einen zu kräftigen Wurf nunmehr nach der letzteren 
Seite umfällt. Manchmal hilft sich auch der Hund damit, dass er 
in rascherem Weitergehen die Beine der Seite, nach der hin er 
schwankt, stark abdueirt, die Beine der anderen Seite addueirt auf- 
setzt, wodurch das sogenannte Drängen des Hundes nach der Seite 
zustandekommt. Mithin kann man es zugeben, ohne sich erst weiter 
auf tiefer eindringende Fragen einzulassen, dass zu einem Theile, 
besonders in der ersten Zeit, durch das Einknieken oder die Schwäche 
der Extremitäten das Fallen des Hundes herbeigeführt wird: immer 
muss «doch zum anderen Theile eine Schädigung der feineren Gleich- 
gewichtserhaltung die Ursache von Fallen und Taumeln sein. 

Wie gross die Schädigung ist, darüber erhält man durch die 
Gleichgewichtsstörungen nach der halbseitigen Exstirpation für sieh 
allein nicht genügend Auskunft. Man muss dafür diese Störungen 
und die nach der totalen Exstirpation vergleichend betrachten. Dann 
stellen sich die letzteren in den ersteren abgeschwächt dar. Zittern, 
Schwanken, Taumeln, Fallen treten nach der halbseitigen Exstirpation 
von vorneherein seltener und weniger heftig auf, und manches, wie 


Munk: Über die Funetionen des Kleinhirns. 303 


das Umschlagen nach der freien Seite, wenn der Hund mit der anderen 
Seite an die Wand angelehnt steht, und das Vorn- oder Hintenüber- 
stürzen, wenn der Hund geht, kommt überhaupt nicht vor. Die 
Störungen nehmen ferner viel rascher mit der Zeit ab und können 
oft schon im zweiten Monate nach der Operation ganz verschwunden 
scheinen, indem sie weiter nur noch ausnahmsweise und unter be- 
sonderen Umständen, z. B. wenn der Hund übermüdet ist, zu beobachten 
sind. Lediglich eine ansehnliche Beeinträchtigung oder ein partieller 
Verlust der feineren Gleichgewichtserhaltung ist es darnach, was die 
halbseitige Exstirpation mit sich bringt, gegenüber dem völligen Ver- 
luste, der durch die Totalexstirpation herbeigeführt wird. Wie denn 
auch der Hund nach der halbseitigen Exstirpation nichts von dem 
eigenartigen, sprungartigen Gehen des kleinhirnlosen Hundes zeigt, 
aus dem das Fehlen der feineren Gleichgewichtserhaltung sich ent- 
nehmen liess', vielmehr das Gehen mit den normalen Gehbewegungen 
der Extremitäten beibehält. Um das Fallen zu vermeiden, hebt er 
nur zu Anfang meist das Hinterbein nicht ab, ehe das gegenseitige 
Vorderbein auf dem Boden steht, und das Vorderbein nicht ab, be- 
vor er das gleichseitige Hinterbein aufgesetzt hat, aber später bewegt 
er die Beine gewöhnlich ebenso nach einander wie in der Norm. 
Nehmen wir hinzu, was vorher über die Motilitäts- und Sen- 
sibilitätsstörungen an Wirbelsäule und Extremitäten sich ergab, so 
lässt sich sagen, dass die feinere Gleichgewichtserhaltung, wie nach 
der Totalexstirpation gänzlich, so nach der halbseitigen Exstirpation 
zu einer Hälfte verloren ist. Wenn dies in den Beobachtungen nicht 
zu strengerem Ausdruck kommt und eine wesentlich kleinere Schätzung 
des Verlustes nach der halbseitigen Exstirpation besonders dadurch 
nahegelegt ist, dass der Hund nach einigen Wochen wieder gut geht 
und steht, während nach der Totalexstirpation der Hund zeitlebens ein 
schwerer Krüppel für Gehen und Stehen bleibt, so liefert die Er- 
klärung die funetionelle Compensation. Sie greift rascher und tiefer 
ein nach der halbseitigen Exstirpation als nach der totalen, indem 
nicht bloss das Hirn ohne Kleinhirn dem kleineren Schaden leichter 
und besser mit compensirenden Bewegungen abhelfen kann, sondern 
auch noch die stehengebliebene Hälfte des Kleinhirms an der Ab- 
hülfe sich betheiligt. Sehr wohl können dieser Kleinhirnhälfte die 
Verschiebung des Beckens nach der Exstirpationsseite und das Über- 
hängen des Rumpfes nach der unverletzten Seite in Rechnung zu 
setzen sein. Jedenfalls aber wirkt auch die Kleinhirnhälfte, wie das 
übrige Hirn, funetionell compensirend und liegt hier kein Anlass vor, 


ı 11 16—19. 


304 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


ihr noch ein anderes, »organisches«' Compensiren zuzuschreiben, be- 
stehend in einer Abschwächung der Ausfallserscheinungen, dadurch 
dass die zurückgebliebene Kleinhirnhälfte durch verstärktes Funetioniren 
allmählich die Functionen der verlorenen Kleinhirnhälfte übernimmt. 
Denn die Folgen des operativen Angriffs ausgenommen, die ihrer 
Natur gemäss eine wirkliche Grössenabnahme mit der Zeit nach der 
halbseitigen Exstirpation erfahren, sehen wir alle Störungen lediglich 
durch neu auftretende Haltungen und Bewegungen des Hundes mehr 
und mehr unterdrückt und soweit unschädlich gemacht werden, dass 
der Hund im groben die frühere Leistungsfähigkeit wiedererlangt. 
Und nachdem dies eingetreten ist, sehen wir jedesmal, dass die neuen 
Haltungen und Bewegungen infolge von Ermüdung oder schlechter 
Ernährung oder Erkrankung des Hundes nicht gut zustande kommen, 
wenn selbst schon Jahr und Tag seit der Operation vergangen sind, 
Zittern und Schwanken, Taumeln und Fallen wieder in der Weise 
sich einstellen, wie sie früher sich gezeigt hatten. 

Der vorgewonnenen Einsicht in die Folgen des halbseitigen Klein- 
hirnverlustes entsprechen auch die Erscheinungen, die wir noch zu be- 
trachten haben, die Erscheinungen in den ersten Wochen nach der halb- 
seitigen Exstirpation, in denen jenen Folgen die Folgen des operativen 
Angriffs beigesellt sind. Heften wir uns, um die Darlegung zu verein- 
fachen, an die linksseitige Exstirpation, so ist eine Beeinträchtigung des 
Functionirens der rechten Kleinhirnhälfte, an die man wegen der 
Messerführung durch die ganze Länge und Dicke des Wurms zu denken 
hat, nicht zu eonstatiren; sie kann in meinen Versuchen nur unbedeu- 
tend und von sehr kurzer Dauer gewesen sein, da, wo sie zum min- 
desten sich zu erkennen geben musste, an den rechten Extremitäten 
schon am Tage nach der Operation keinerlei Abnormität zu bemerken 
war. Dagegen stellen die anfängliche Concavität der Wirbelsäule nach 
links’ und die anfängliche Schlaffheit des linken Hinterbeines® und 
beschränkte Beweglichkeit der linken Extremitäten‘ ausser Zweifel, was 
die Durchtrennung des Hemisphärenstieles erwarten lässt, dass Mark- 
und Muskelcentren für den Bereich der linken Extremitäten und der 
rechten Wirbelsäulenseite beträchtlich in ihrer Erregbarkeit herabge- 
setzt sind, am meisten zunächst nach der Operation und mit der Zeit 
abnehmend. Und durch diese Herabsetzung in Verbindung damit, dass 
die feinere Gleichgewichtserhaltung, soweit sie der eben genannten 
Centren bedarf, für immer aufgehoben, die funetionelle Compensation 
seitens des Hirns ohne Kleinhirn aber bis dahin, dass die Herab- 
setzung eine Zeitlang abgenommen hat, ausgeschlossen ist, erweist 


1ET467: 2 S. oben 298. Salze. 2626: 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 305 


sich alles Abnorme herbeigeführt, das sonst noch derzeit der Hund 
darbietet. Er macht, am Boden liegend, verschiedenartige vergebliche 
Aufstehversuche, wie der kleinhirnlose Hund', doch darin von ihm ab- 
weichend, dass er einmal schon 2—3 Tage nach der Operation in der 
Brustbeckenlage, einige Tage später auch in der Brustbauchlage sich zu 
behaupten vermag und um den 10. Tag sich aufzustellen und zu gehen 
versuchen kann, und dass er zweitens in den ersten Tagen die linke 
Seitenlage bevorzugt und öfters, wenn er sich bewegt, einmal oder 
mehrmals nach einander im Kreise linksherum um seine Längsachse sich 
dreht. Dieses Verhalten findet jetzt in allen Stücken seine Erklärung. 

Die lange andauernde Unfähigkeit des Hundes, sich aufzustellen, 
hat Hr. Lucrası auf die Schwäche der linksseitigen Extremitäten zurück- 
geführt; aber diese Schwäche kann nicht den ausschliesslichen und 
nicht einmal den hauptsächlichen Grund abgeben, da ein Hund, dem 
die Extremitätenregionen der rechten Grosshirnhemisphäre exstirpirt 
wurden, kaum dass die Narkose sich verloren hat, obwohl es mit 
seinen linken Extremitäten als Stützen nicht besser bestellt ist, doch 
sich aufstellen kann. Von grösster Bedeutung ist die Störung der 
feineren Gleichgewichtserhaltung, die ja rein für sich allein darin zum 
Ausdruck kommt, dass unser Hund durch eine Reihe von Tagen selbst 
nicht die normale Ruhelage am Boden einzuhalten vermag. Das tritt 
auch weiter darin klar hervor, dass unserem Hunde, dem mit der 
einen Kleinhirnhälfte ein Theil der feineren Gleichgewichtserhaltung 
verblieben ist, früher aus der Seitenlage herauszukommen und die 
Brustbecken- und Brustbauchlage zu behaupten gelingt, als dem Hunde, 
der das ganze Kleinhirn eingebüsst hat. 

Naturgemäss verfolgt, wie der Hund ohne Kleinhirn, so auch 
unser Hund von der Zeit an, da er nach der Operation aus der 
Narkose erwacht, sein Ziel, aus der Seitenlage zu kommen und sich 
zu erheben, nicht nur den inneren und äusseren Anregungen gemäss 
mit bald mehr, bald weniger andauernden und nach längeren oder 
kürzeren Pausen wiederholten Bewegungen, sondern auch mit ver- 
schiedenen Bewegungsarten, indem er, was ihm auf die eine Weise 
misslang, unter Ausnutzung aller seiner Mittel auf andere Weisen 
zu erreichen sucht. So versteht sich, dass auch hier während der 
ersten Tage in buntem Wechsel die mannigfachen Aufstehversuche 
zur Beobachtung kommen, wie ich sie für den Fall der Totalexstirpation 
beschrieb', mit Zurückfallen in die alte Seitenlage, Rollen um 180° 
in die andere Seitenlage, Hintenüberschlagen in die Seitenlage, Rück- 
wärtsverschieben am Boden im Kreise; stehen ja unserem Hunde alle 


"1457. 


306 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


die Mittel zu Gebote, die der kleinhirnlose Hund besitzt. Doch über 
noch mehr Mittel verfügt unser Hund mit der ungeschädigten Beweg- 
lichkeit seiner rechten Extremitäten und seiner linken Wirbelsäulen- 
seite; und gerade wie deshalb zu erwarten ist, dass er noch Aufsteh- 
versuche anderer Art zustandebringt, kommt bei ihm das auffällige 
Rollen im Kreise hinzu. Während beim kleinhirnlosen Hunde erst 
durch starke Reizung hin und wieder Rollen im Kreise herbeigeführt 
wird, und zwar Rollen rechtsherum oder linksherum im Kreise mehr- 
mals nach einander', schiebt sich bei unserem Hunde öfters in die 
Reihe der spontanen Aufstehversuche ein- oder mehrmaliges Rollen im 
Kreise ein, tritt schon infolge leichter Aufregung des Hundes fast regel- 
mässig ebensolches mehrmaliges Rollen auf und erfolgt all das Rollen 
ausschliesslich linksherum. Für die volle Aufklärung dieses Rollens be- 
darf es nur des näheren Zusehens. Schon im Rollen um 130° zeigt sich 
dann Absonderliches. Solches Rollen kommt beim kleinhirnlosen Hunde 
rechtsherum wie linksherum sehr häufig in der Art vor, dass Brust 
und Bauch dem Boden zugewandt bleiben, und nur vereinzelt in der 
anderen Art, dass Brust und Bauch nach oben kommen. Dagegen rollt 
unser Hund, wenn er sich, wie es zumeist der Fall ist, in der linken 
Seitenlage befindet, ebensowohl linksherum mit dem Bauche nach oben 
wie rechtsherum mit dem Bauche nach unten in die rechte Seitenlage, 
und wenn er auf der rechten Seite liegt, fast jedesmal linksherum 
mit dem Bauche nach unten, nur ausnahmsweise rechtsherum mit dem 
Bauche nach oben in die linke Seitenlage. Was er hiernach in der 
linken Seitenlage voraushat, das Rollen mit dem Bauche nach oben, 
und was er in der rechten Seitenlage so sehr bevorzugt, das Rollen 
mit dem Bauche nach unten, wird aber von seinen ungeschädigten 
Körpertheilen, den rechten Extremitäten und der linken Wirbelsäulen- 
seite, geleistet und mit Leichtigkeit vollführt, während sonst alles 
Rollen um 180° bei unserem und dem kleinhirnlosen Hunde nur 
mühsam zustandekommt. Die Acte für das Rollen mit dem Bauche 
nach oben, das Zurücknehmen und Seitwärtswenden des Kopfes, das 
Drehen des Beckens und das Strampeln der oben liegenden Beine, 
diese Acte, die sonst immer langsam, oft mit ansehnlichen Pausen 
nach einander erfolgen, vollziehen sich rasch, wenn unser Hund aus 
der linken Seitenlage linksherum rollt; und noch rascher bringt unser 
Hund in der rechten Seitenlage mit den rechten Extremitäten den 
Rumpf in die Höhe, mehr oder weniger hoch nach oben links, bis er 
auf die andere Seite hinüberfällt, ja wirft er ihn meist blitzschnell aus 
der rechten in die linke Seitenlage um. Unseren Hund befähigen 


ı 1465. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 307 


also seine unversehrten Körpertheile zu nicht nur neuen, sondern be- 
sonders auch leichteren Aufstehversuchen, und deshalb werden diese 
vorzugsweise ausgeführt, insbesondere häufig und bald das Emporheben 
des Rumpfes mit den rechten Beinen, so dass der Hund nur selten auf 
der rechten Seite ruhend zu sehen ist!. Demgemäss rollt auch oft unser 
Hund, nachdem er linksherum aus der linken in die rechte Seiten- 
lage gerollt ist, sogleich weiter in die linke Seitenlage: es entsteht 
so das einmalige Rollen linksherum im Kreise, das immer nur in 
dieser Weise, nicht aus der rechten in die rechte Seitenlage erfolgt. 
Und mehrmals nach einander wiederholt sich dasselbe Rollen im Kreise, 
wenn der Hund aus inneren Gründen oder durch äussere Reizungen 
zu länger andauernden Bestrebungen, sich aus seiner Lage zu befreien, 
oder zu Fluchtversuchen veranlasst ist. Selbst noch wenn er in grosser 
Aufregung sehr rasch so rollt, lässt die Ungleichheit des Rollens 
von der rechten in die linke und von der linken in die rechte Seiten- 
lage, das Hochheben des Rumpfes dort und das Verbleiben des Rumpfes 
am Boden hier, deutlich erkennen, wie der Hund seine ungeschädigten 
Körpertheile für die Bewegung ausnutzt. Zuweilen geschieht es in- 
mitten dieses Rollens, dass der Hund einmal beim Heben des Rumpfes 
in der Streckung der rechten Beine mit dem Hinterbeine gegen das 
Vorderbein zu weit zurückbleibt; dann schlägt er von der rechten 
Seitenlage rücklings hintenüber in die linke Seitenlage und rollt ohne 
Unterbrechung linksherum weiter. 

Mit der Ersehwerung, welche für die Bewegungen der linken 
Extremitäten unseres Hundes die Schädigung von deren Mark- und 
Muskelcentren mit sich bringt, findet es seine einfache Erklärung, 
dass an den Aufstehversuchen unseres Hundes und seinem Strampeln, 
z.B. wenn man ihn vom Lager aufnimmt, schon früh die linken Ex- 
tremitäten sich betheiligen und bloss im Ausmaass der Beugungen und 
Streckungen hinter den rechten Extremitäten zurückbleiben, isolirte 
willkürliche Bewegungen aber, wie sie öfters an den rechten Extre- 
mitäten als Beugung, Streekung, Abduetion, Adduetion zur Beob- 
achtung kommen, in den ersten Wochen selten an den linken Extre- 
mitäten auftreten. Daraus ist dann weiter verständlich, dass in den 


! Lest man unseren Hund, nachdem man ihn eine Zeitlang vertical in der Luft 
gehalten hat. mit seiner linken Seite auf den Boden, so bleibt er ruhig liegen, und 
sein nächster Aufstehversuch, oft nach langer Zeit, ist in der Regel eine Rollbewegung 
linksherum. Dagegen wirft er sich, wenu man iln auf die rechte Seite legt, sofort 
mit den rechten Beinen auf die linke Seite um. Man kann dies verhindern, indem 
man unmittelbar nach dem Hinlegen, während er den Rumpf emporzuheben beginnt, 


die Hände lose auf seiner linken Seite hält: dann liegt er eine Weile — nach meinen 
Erfahrungen längstens etwa eine Viertelstunde — in voller Ruhe, und die erste Be- 


wegung, die er macht, ist, dass er sich mit den rechten Beinen umwirft. 


308 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


ersten Tagen an unserem auf der Seite liegenden Hunde das linke 
Vorderbein gewöhnlich gerade ausgestreckt sich zeigt, während das 
rechte Vorderbein nur zu Zeiten so gestreckt, zu anderen Zeiten in 
allen Gelenken gebeugt ist. Eine tonische Streckung oder eine teta- 
nische Contraetion der Beinmusculatur besteht hier am linken Vorder- 
beine gerade so wenig, wie nach der Totalexstirpation an beiden 
Vorderbeinen, wie sich auf die früher angegebenen Weisen! constatiren 
lässt, und wie hier überdies noch die Beobachtung darthut, dass das 
ungeschädigte rechte Vorderbein manchmal durch Stunden unbewegt 
in derselben Stellung verharrt wie das geschädigte linke Vorderbein. 
Vielmehr verbleibt nur das linke Vorderbein in den Pausen zwischen 
den Aufstehversuchen in der Streckstellung als Ruhestellung, weil es 
nicht, wie das rechte Vorderbein, durch isolirte Beugebewegungen zu 
anderen Ruhelagen gelangt. Ähnliches, den Umständen gemäss modi- 
fieirt, bietet sich dar, wenn man unseren Hund emporhebt und mit 
den Armen fest an der Brust umfasst senkrecht in der Luft hält. 
Die Folgen des Verfahrens sind an einem unversehrten Hunde, dass 
die Vorderbeine gestreckt nach vorn gehen und in der steifen Streckung 
eine Zeitlang verbleiben, bis Beugung eintritt, die Dauer der Streckung 
aber am grössten die ersten Male ist, wo sie einige Minuten betragen 
kann, und unter der Wiederholung des Verfahrens kleiner wird, bis 
das Beugen alsbald dem Strecken nachfolgt. Offenbar hebt der Hund 
die reflectorische tonische Streckung, die ein natürliches Schutzmittel 
für den Fall des Sturzes abgiebt, willkürlich auf, wenn er sich sicher 
fühlt; man braucht nur im Festhalten des Hundes nachzulassen, um 
sogleich wieder die gebeugten Extremitäten in Streckung übergehen 
zu sehen. An unserem Hunde gerathen auch beide Vorderbeine in 
steife Streckung, aber nur am rechten Vorderbeine folgt die Beugung 
wie am unversehrten Thiere; am linken Vorderbeine bleibt in der ersten 
Woche die Beugung aus, selbst wenn man die Beobachtung auf 10 
bis ı5 Minuten ausdehnt, und tritt sie in den nächsten Wochen wesent- 
lich oder zum mindesten deutlich später als am rechten Vorderbeine ein. 

Als letzter Abnormität ist der Luvcıanr’schen Spiraldrehung von 
Hals und Kopf” zu gedenken, der Drehung, die in den ersten Tagen — 
neben der Concavität der Wirbelsäule nach der Exstirpationsseite — 
an der Halswirbelsäule des in Ruhe befindlichen Hundes besteht. Wenn 
unser Hund senkrecht emporgehalten sich nicht bewegt, hält er in 
den ersten Tagen den Kopf regelmässig mit der Schnauze nach links 
gerichtet. Ebenso gedreht zeigt sich der Kopf an dem auf dem Boden 
liegenden Hunde, so lange dieser nach der Operation unter der ab- 


1 1 466—7. ?2 S. oben 296. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 309 


laufenden Narkose noch nicht viel sich bewegt: in der rechten Seiten- 
lage des Hundes berühren rechte Halsseite und Hinterkopf den Boden 
und geht die Schnauze schief nach links oben in die Luft; in der 
linken Seitenlage liegt der Hals hohl und berührt der linke Vorder- 
kopf, manchmal die Schnauzenspitze den Boden. Haben die kräftigen 
Aufstehversuche begonnen, so können infolge dieser Versuche und der 
sonstigen freiwilligen Kopfbewegungen allerlei Hals- und Kopfstellun- 
gen zur Beobachtung kommen, und man darf sich dadurch hinsichtlich 
unserer Spiraldrehung nicht täuschen lassen, wie es Hrn. Lucrası er- 
gangen ist, der diese Drehung (oder die Schnauze des Hundes) nach 
der unverletzten Seite gerichtet sein liess', während sie die Richtung 
nach der Exstirpationsseite hat, wie Hr. Russerr’, Hr. Tnomas’ und 
Hr. Lewannpowsky” zutreffend angegeben haben. Erst recht ist natür- 
lich nichts für die Spiraldrehung aus den oft ganz verkehrten Hals- 
und Kopfstellungen zu entnehmen, die durch die Aufstehbewegungen 
zustandekommen, wenn das Rollen im Kreise irgendwie, z. B. durch 
die Wandungen des Käfigs behindert ist; so war bei dem von Hrn. Lr- 
wanpowsky’ geschilderten links operirten Hunde, der in einer Ecke 
des Käfigs auf der linken Seite lag, die Halswirbelsäule spiralig nach 
links und hinten gekrümmt, so dass die rechte Halsseite den Boden 
des Käfigs berührte, und lag die Schnauze auf dem Rücken, 'so dass 
der Hund über sich selbst hinwegsah. Es lohnt im übrigen schwer- 
lich, die Spiraldrehung weiter zu verfolgen; denn es ist nicht zu ver- 
gessen, dass an dem Hunde die Nackenmuskeln bei der Operation 
grob abgetrennt und grob mit ein paar Nähten wieder angelagert sind, 
so dass sie auch durch die Vernarbung sich unregelmässig wieder 
befestigen. Von Werth ist nur noch die Feststellung, dass, wenn 
nicht gerade zur Zeit unser Hund einen Aufstehversuch macht, sein 
Kopf in jeder Richtung ohne Widerstand passiv beweglich ist. Der 
Spiraldrehung liegt darnach zugrunde, dass die Halswirbelsäule-Muskeln 
auf der unverletzten Seite schlaffer sind, als auf der Exstirpationsseite, 
wie es sich schon oben für die Wirbelsäule-Muskeln herausstellte: 
und das entspricht auch der Erfahrung, dass einseitige Reizung am 
Kleinhirn Drehung des Kopfes nach der entgegengesetzten Seite her- 
beiführt’. 

Nach alledem stehen beim Hunde die Folgen des halbseitigen 
Kleinhirnverlustes in vollem Einklange mit dem, was sich vorher für 


! Lucıanı hat die Spiraldrehung in der Ruhe mit der entgegengesetzt gerichteten 


Spiraldrehung verwechselt, die das Rollen einleitet oder, wie er selber sagt (Klh. 256), 
»das Zeichen einer Neigung zum Rollen darstellt«. 

2 A.a.0. 836, 838. 2A an 07237,,307- 4 A.a.0. 139—40. 

° S.oben 300 Anm. 2. 


Sitzungsberichte 1908. 28 


310 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


die Folgen des völligen Kleinhirnverlustes ergab. Und wie beim 
Hunde, ist es auch beim Affen. Denn hier zeigen sich nach der halb- 
seitigen, sagen wir wieder linksseitigen Exstirpation dieselben Ab- 
normitäten, nur dass einzelne abgeschwächt erscheinen, theils bloss 
wegen der grösseren Beweglichkeit und Geschicktheit des Affen, theils 
weil die Schädigung durch den operativen Angriff kleiner ist und die 
funetionelle Compensation rascher vor sich geht. An die Stelle der 
eingehenden Untersuchung können deshalb die folgenden Bemerkungen 
treten." 

Rollen im Kreise kommt nur linksherum und nur dann zur Be- 
obachtung, wenn man unseren Affen noch am Tage der Operation 
durch Reizung zu energischen Fluchtversuchen veranlasst; von selber 
führt es der Affe nieht aus. Aus der Aethernarkose erwacht, kommt 
er schon in den ersten Stunden nach der Operation, nur etwas müh- 
samer und später als der normale Affe, zum Sitzen am Boden, ja 
hin und wieder bald auch auf der Querstange des Käfigs; und auf 
den rechten Arm gestützt oder mit der rechten Hand an einem 
Gitterstabe des Käfigs befestigt, kann er eine Zeit lang in der Sitz- 
stellung verbleiben. Aber sobald er sich bewegt, schwankt er stark 
hin und her, zuweilen so stark, dass er mit dem Kopfe wiederholt 
heftig an die Wandungen des Käfigs schlägt, und fällt.er nach links 
um oder herunter, manchmal nachdem er noch den Sturz dadurch 
verzögert hat, dass er sich mit den rechten Extremitäten anderweitig 
neu befestigte. Hat er dann eine Weile am Boden gelegen, so setzt 
er sich von neuem auf und fällt früher oder später ebenso wieder 
um. Am Tage nach der Operation ist er schon selten liegend zu 
sehen und sitzt er auf dem Boden oder der Stange, mit Vorliebe an- 
gelehnt und immer mit einer oder mehreren Extremitäten — mit den 
rechten und auch, wennschon lockerer, mit den linken am Gitter 
befestigt; er schwankt noch, sobald er sich bewegt, sehr hin und her 
mit der Neigung, nach links zu fallen, aber er hält sich doch zu- 
meist aufrecht, oft unter neuer Befestigung der Extremitäten, und 
kommt nur selten wirklich zu Falle. Am folgenden Tage sitzt er 
nicht nur regelmässig in derselben Weise, sondern bewegt er sich 
auch schon in der Sitzstellung, vereinzelt sogar höher aufgerichtet, 


! Die meisten Versuchsprotokolle meiner Vorgänger geben ein unzureichendes 
und, was insbesondere gerade bezüglich der Affen V, W und X von Lucıanı (Cerv. 
95— 103) wegen der operativen Nebenverletzungen gilt, ein unzutreffendes Bild des 


Verhaltens des Affen. Lediglich der Versuch 6 von FErrıer und Turner — Exstir- 
pation einer Hemisphäre, auf den Wurm hinten übergreifend — (a.a.O. 728—-30) ist 


ein guter, reiner Versuch gewesen, und mit seinen Ergebnissen stimmen die meiner 
Versuche überein. 


Munk: Über die Funetionen des Kleinhirns. 311 


auf dem Boden und der Stange, ohne umzufallen, und lässt er nur 
öfters ein rasch vorübergehendes schwaches oder etwas stärkeres 
Öseilliren von Rumpf und Kopf sehen. Und so gewinnt ferner der 
Affe täglich mehr an Sicherheit. Sind 8—ıo Tage vergangen, so 
kann er frei ohne jede Hülfe der Arme wie der normale Affe, doch 
etwas nach rechts überhängend, am Boden sitzen und an die Wand 
gelehnt oder mit einem Arme auf die Stange gestützt oder am Gitter 
befestigt auf der Stange sitzen, dabei hier wie dort allerlei Bewegungen 
machen und auch in Sitzstellung Ortsveränderungen vornehmen, ohne 
dass mehr als ausnahmsweise einmal, wenn er weit nach der Nahrung 
ausgreift oder sich kratzt oder nach einer Ortsveränderung sich setzt 
und dergl. mehr, ein ganz kurzes schwaches Öseilliren von Rumpf 
und Kopf eintritt. Weiterhin ist auch ein solches Oseilliren nicht 
mehr zu bemerken; und nur wenn der Affe erkrankt und in der Er- 
nährung sehr heruntergekommen ist, stellt sich in späterer Zeit Os- 
eilliren oder stärkeres Schwanken von neuem ein. Dass unser Affe 
auf der Stange ganz frei wie der normale Affe sass, dahin habe ich 
es selbst in Monaten nicht kommen sehen. Schon 2—3 Tage nach 
der Operation kann unser Affe freiwillig im Zimmer gehen, allerdings 
zuerst schlecht, indem er den linken Arm nicht gut aufsetzt, das 
linke Bein fast bloss nachschleppt und häufig nach links umfällt; 
aber er macht so rasche Fortschritte, dass er nach 8 Tagen, ohne zu 
fallen oder zu taumeln, geht, nach rechts überhängend mit abdueirten 
linken Extremitäten, insbesondere linkem Arme, und nur wenn er in 
Angst schnell läuft, taumelt und auch nach links oder rechts um- 
fällt. Noch besser klettert der Affe, von Anfang an ohne merkliches 
Schwanken, allerdings zuerst immer langsam; aber auch wenn er 
nach einigen Tagen an den Gitterstäben in Angst rasch klettert und 
mit einer linken Extremität einen Stab nicht gut fasst oder verfehlt, 
tritt Hin- und Herschwanken von Rumpf und Kopf nicht ein. Die 
Störungen an den Extremitäten haben wir bereits früher! behandelt; 
sie sind in ihren Veränderungen mit der Zeit ebenso gut, wie für 
den Arm am Greifen, für das Bein am Verfehlen oder schlechten 
Treffen der Stange, wenn der Affe auf dieser geht, zu verfolgen. 
Eine Krümmung der Wirbelsäule bei voller Ruhe des Affen habe 
ich nieht constatiren können. Doch ist, dass auch hier, wie beim 
Hunde, die Beweglichkeit der Wirbelsäule auf der rechten Seite ge- 
schädigt ist, daraus zu entnehmen, dass, wenn der Affe nach der 
Operation von der Lage am Boden in die Sitzstellung sich erhebt, 
ebenso wenn er dann in der Sitzstellung einen Schritt geht, er sich 
SATA 1 E22ifr: 
28* 


312 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


zugleich ein Stück um die Längsachse nach links dreht, dass er 
ferner in den ersten Tagen, ruhig liegend oder sitzend, den Kopf 
mit dem Kinn nach links gerichtet hält, und dass, wenn der Affe 
später frei im Zimmer sich bewegt, er kurze Wendungen oder Dre- 
hungen regelmässig nach links, nieht nach rechts macht. 

Damit könnten wir unsere Untersuchungen abschliessen, erforderte 
nicht noch das Schwimmen unserer Hunde eine besondere Betrach- 
tung. »Den glänzenden Beweis«, sagt Hr. Lucıant', »das Experi- 
mentum erucis, dass die cerebellare Ataxie nicht von dem Fehlen 
der Fähigkeit abhängt, im Raume das Gleichgewicht zu erhalten, 
sondern von dem asthenischen, atonischen und astatischen 
neuromuseulären Zustand, liefert die von uns zuerst klar hervor- 
gehobene Thatsache, dass ein Stadium der cerebellaren Ataxie existirt, 
währenddessen das Thier nicht zu gehen vermag oder geht, indem 
es bei jedem Schritt, den es ausführt, fällt und durch das Fallen 
nach vorwärts getrieben wird; und dennoch ist es ausgezeichnet im- 
stande, sich im Wasser, wo die Erhaltung des Gleichgewichts viel 
schwieriger ist, an der Oberfläche zu erhalten oder sehr gut zu 
schwimmen, ohne dass jemals das Gleichgewicht verloren ginge, und 
vermag es sogleich wiederzuerlangen, sowie es verloren zu gehen 
droht oder verloren gegangen ist, und kann endlich mit Leichtigkeit 
durch geeignete Compensationsacte die Schwimmrichtung verändern, 
um sich dem Rande des Bassins zu nähern und herauszusteigen.« 
Und an anderer Stelle” heisst es im Hinblick auf die Zeit, da der 
kleinhirnlose Hund nach dem Ablaufe der dynamischen Erscheinungen 
»bei jedem Versuche sich aufzurichten bald auf die eine, bald auf 
die andere Flanke fällt« und »später sich bloss auf den vorderen 
Extremitäten zu erheben vermag«: »Dass dieser Zustand der Un- 
fähigkeit des Thieres, die aufrechte Stellung anzunehmen und zu er- 
halten, einzig und allein von der mehr oder weniger auf alle Muskeln 
vertheilten Asthenie, der Atonie und der Astasie bestimmt ist 
und nicht von der Unfähigkeit, die Bewegungen zu coordiniren, ab- 
hängt und auch nicht von dem Fehlen des Gleichgewichtssinnes, das 
wird klar durch die Thatsache bewiesen, dass in dieser Periode das 
Thier vortrefflich zu schwimmen vermag, wie irgend ein normaler 
Hund.« Auf diese Weise würden, wie man sieht, nicht nur die 
älteren Vorstellungen, die das Kleinhirn das Gleichgewichtsorgan des 
Thieres oder sein Coordinationsorgan sein liessen, sondern auch was 
wir ermittelt haben, glänzend widerlegt sein, und wir müssen des- 
halb noch untersuchen, was das Experimentum crucis auf sich hat. 


ı Klh. 323. 2 Cerv. 198; Klh. 303. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. BE 


Ich benutzte für die Schwimmversuche ein viereckiges Bassin 
von 3 m Länge, ı$ m Breite und 2m Tiefe, das bis nahe zum 
Rande mit Wasser gefüllt war. Frische Leichen von Hunden aller 
Art gingen, in das Wasser gebracht, zum kleineren Theile sogleich 
unter; zum grösseren Theile hielten sie sich, entweder in der Seiten- 
lage oder in der aufrechten Stellung des stehenden Hundes und 
höchstens etwas nach der Seite geneigt, an der Oberfläche, so dass 
die oberste Partie des Rumpfes noch aus dem Wasser sah, selten 
der Körper eben ganz eingetaucht war. Wurden diese Leichen ge- 
waltsam aus ihrer Lage gebracht, aus der Seitenlage in die aufrechte 
Stellung übergeführt oder aus der aufrechten Stellung auf die Seite 
umgelegt, so kehrten sie alsbald zu ihrer alten Haltung an der Ober- 
fläche zurück; wurde der dicht unter der Oberfläche befindliche Kopf 
aus dem Wasser gehoben, so stellte sich die Leiche etwas schräg, 
das Steissende tiefer ein. Diese Leichen verblieben auch in der 
Mehrzahl an der Oberfläche; in der Minderzahl sanken sie nach den 
ersten Minuten, indem aus Mund, Nase, Ohren, Haarkleid Luftblasen 
aufstiegen, langsam zu Boden. Normale lebende Hunde nahmen im 
Wasser meist sogleich die aufrechte Stellung ein, wiederum an der 
Oberfläche, wie die Leichen, nur dass sie den Kopf höher trugen und 
die Nase dieht über dem Wasser hielten; und so schwammen sie 
unausgesetzt unter mässigen Gehbewegungen der Extremitäten rasch 
geradeaus und wendend, das Wasser durchfurchend, ohne seinen 
Spiegel zu trüben. Sie regten das Wasser erst auf, wenn sie am 
Rande des Bassins aussteigen wollten und zu dem Ende sich schräg, 
mehr senkrecht im Wasser stellten, den Vorderkörper bis zu den 
Schultern aus dem Wasser gehoben, und mit den Vorderbeinen stark 
auf das Wasser schlugen: wobei sie unregelmässig hin und her 
schwankten, insbesondere nach vorn und hinten, und zuweilen es 
geschah, dass sie rasch durch die senkrechte Stellung hindurch in 
die hintenüber geneigte Stellung übergingen, jedoch alsbald, lange 
bevor der Scheitel das Wasser berührte, in die vornüber geneigte 
Stellung sich zurückwarfen. Dieselben Hunde konnten aber auch 
andere Male, in das Wasser gebracht, von vorneherein und mitten im 
Bassin die schräge, mehr senkrechte Stellung einnehmen und in dieser 
Stellung unter dem Schlagen der Vorderbeine und dem Treten der 
Hinterbeine ohngefähr an Ort und Stelle verbleiben oder langsam durch 
das Wasser sich vorwärtsbringen; früher oder später, wenn sie müde 
wurden, gingen sie zum Schwimmen in aufrechter Stellung über. 

Anders verhielten sich die operirten Hunde. Nach der halb- 
seitigen, sagen wir wieder linksseitigen Exstirpation schwamm der 
Hund, S—ıo Tage nach der Operation in das Wasser gebracht, an 


314 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


der Oberfläche mit horizontalem Rumpfe und gehobenem Kopfe oder 
in schräger, mehr senkrechter Stellung, zwischen den beiden Stellungen 
mehrfach wechselnd, und rollte dabei unausgesetzt linksherum im 
Kreise, so dass er nur wenig oder unregelmässig vorwärtskam. Aber 
so war es nur das erste Mal, dass der Hund in das Wasser kam. 
Das zweite Mal und weiter schwamm er nur zeitweise so linksherum 
rollend, zeitweise schwamm er, schief auf der rechten Seite liegend, 
mit der linken Kopfhälfte und der Nase und einem Theile der linken 
Brust- und Bauchseite über Wasser, gut und rasch, ohne das Wasser 
aufzuwiegeln, in grossem Bogen nach vorn und rechts; jedesmal 
dass er den Rücken nach links hob, um aus der Seitenlage in die 
aufreehte Stellung überzugehen, stellte sich sogleich das Rollen links- 
herum ein und setzte sich fort, bis der Hund wieder in der schiefen 
rechten Seitenlage verblieb. Durch etwa 8 Tage trat keine Ver- 
änderung weiter ein, als dass das Rollen, das zuerst häufig und 
jedesmal mit vielen Kreisdrehungen nach einander erfolgt war, seltener 
wurde und sich jedesmal in der Regel auf eine oder zwei Kreis- 
drehungen beschränkte. Dann bei einer nächsten Prüfung lag der 
Hund nicht mehr schief auf der rechten Seite und rollte auch nicht 
mehr, sondern schwamm wie der normale Hund, lediglich mit der 
Abweichung, dass er sowohl in der aufrechten wie in der schrägen, 
mehr senkrechten Stellung ein wenig nach links überhing. Und 
dabei blieb es für die Folge; es war höchstens noch zu bemerken, 
dass er Wendungen im Schwimmen vorzugsweise nach links machte. 
Der kleinhirnlose Hund, S—ıo Tage nach der Totalexstirpation in 
das Wasser geworfen, überschlug sich, sobald er mit dem Kopfe voran 
in die Höhe gekommen war, und setzte das Überschlagen nach vorn, 
nach hinten und nach der Seite fort, bis er in kurzem in die Tiefe 
sank. Wurde er aber in aufrechter Stellung in das Wasser gelegt, 
so hielt er sich an der Oberfläche mit horizontalem Rumpfe und 
rollte unter Beugen und Strecken der Beine unausgesetzt im Kreise, 
sank dabei etwas tiefer in das Wasser ein, schlug plötzlich nach 
vorn um und ging unter. Nach einigen Tagen hielt der Hund den 
Kopf höher, so dass die Nase mehr während des Rollens ausserhalb 
des Wassers war; der Hund rollte jetzt länger an der Oberfläche, 
ging aber doch in etwa 2 Minuten kopfüber in die Tiefe. Das Rollen 
erfolgte hier ohne Vorwärtsbewegung und sowohl rechtsherum wie 
linksherum; es wechselte in der Richtung bei den verschiedenen 
Prüfungen desselben Thieres, behielt aber bei jeder einzelnen Prüfung 
die einmal angenommene Richtung bei. Nach wieder einigen Tagen 
stellte sich der Hund zu Anfang schräg, mehr senkrecht und hielt 
sich kurze Zeit in der Stellung, indem er mit den Vorderbeinen 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 315 


kräftig auf das Wasser schlug, oder schwamm der Hund von vorne- 
herein eine Weile gut mit horizontalem Rumpfe unter mässigen Geh- 
bewegungen der Extremitäten; doch immer trat hier wie dort bald 
wieder das Rollen mit zeitweisem Untertauchen des Kopfes ein und 
sank der Hund schliesslich zu Boden. Bei einer späteren Prüfung 
aber — in der 4. Woche nach der Operation — rollte der Hund 
nicht mehr; und fortan schwamm er wie der normale Hund, von 
diesem nur darin, aber darin auch scharf unterschieden, dass er, 
wenn er von der schrägen, mehr senkrechten Stellung aus nach 
hinten oder zur Seite überneigte, öfters wirklich umschlug und mit 
dem Kopfe in das Wasser tauchte; er stellte sich dann sogleich 
wieder hoch, nachdem er sich auf‘ die Bauchseite umgedreht hatte. 

Vergleicht man diese Erfahrungen an den operirten Hunden mit 
den Lucıant’schen, so ergiebt sich für die frühe Zeit nach der Operation 
die Abweichung, dass dort in den Versuchsprotokollen weder des 
Rollens des Hundes nach der halbseitigen oder totalen Exstirpation 
noch seines Liegens auf der unverletzten Seite beim Schwimmen nach 
der halbseitigen Exstirpation Erwähnung geschieht. Es muss dies be- 
fremden, da es sich doch um recht auffällige und über Wochen sich 
erstreckende Abnormitäten handelt, so dass sie auch Hrn. Tnomas schon 
bei den wenigen Schwimmprüfungen, die er anstellte, nicht entgangen 
sind!. Indess dürften die Abnormitäten sieh auch Hrn. Lucranı darge- 
boten haben. Denn was er von »Evolutionen« des Hundes im Wasser 
berichtet und von Manegebewegungen nach der unverletzten Seite, 
denen Manegebewegungen nach der Exstirpationsseite voraufgingen 
oder nachfolgten°, wäre, zusammengehalten mit dem was zur Beobach- 
tung kommt, sonst nicht wohl zu verstehen. Zudem findet sich, wo 
Hr. Lucranı bei der Aufführung seiner Versuchsergebnisse sagt”, dass 
die Hunde vor der Fähigkeit zu gehen im allgemeinen erst die Be- 
fähigung wiedererlangen, sich an der Oberfläche des Wassers zu er- 
halten und zu schwimmen, einmal die Bemerkung, dass bei den 
halbseitigen Exstirpationen, wenn eben das Phänomen des Rollens 
auf dem Fussboden aufgehört hat, das Thier, das noch nicht auf 
die Füsse sich zu stellen vermag, ins Bassin geworfen, häufig fähig 
ist, sich an der Oberfläche zu halten, aber leicht das Gleichgewicht 
verliert und einige Rollungen ausführt. Hr. Lucrası scheint nur dem 
Schwimmen in der Seitenlage keine Bedeutung beigemessen zu haben 
und ebensowenig dem Rollen im Wasser, das sich zeigte, als das 
den vermeintlichen Reizerscheinungen zugehörige Rollen im Zimmer 
bereits abgelaufen war. 


1 


Tuomas, a.a.0. 239, 244. 2. Cerv. 68, 78, 79, 127. 
® Cerv. 169. — Klh. 284. 


316 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


Darin aber stimmen unsere Erfahrungen mit den Lucıant'schen 
überein, dass der Hund nach der halbseitigen wie der totalen Exstir- 
pation schon gut schwimmen kann zu der Zeit, zu welcher er auf 
dem Fussboden noch nicht ein paar Schritte machen kann, ohne zu 
fallen. Und das soll also nach Hrn. Lucranı beweisen, dass die Un- 
fähigkeit des Hundes, die aufrechte Stellung zu erhalten und zu 
gehen, einzig und allein von der Asthenie, Atonie und Astasie der 
Musculatur abhängt. Für den Fall der halbseitigen Fxstirpation, bei 
dem jene Unfähigkeit einzig und allein von der Schwäche der Beine 
der Exstirpationsseite abhängen soll', giebt er auch noch eine Er- 
läuterung, die klar darthut, was er meint. »Das Thier«, sagt er’, 
»ist nicht imstande, sich auf den Füssen zu halten und zu gehen, ohne 
die Flanke der operirten Seite anzulehnen, weil die Schwäche der 
Gliedmassen dieser Seite derartig ist, dass sie dem Thier nicht ge- 
stattet, das Gewicht des eigenen Körpers auf sie zu stützen. Es 
vermag jedoch sehr gut zu schwimmen, weil der Auftrieb des ver- 
drängten Wassers die Last des Körpers entsprechend vermindert. 
Beim Schwimmen hält es die Flanke der gesunden Seite höher oben 
und dreht sich immer nach dieser Seite, weil die Bewegungen, die 
es ausführt, oder die Schläge, die es dem Wasser mit den Gliedern 
der gesunden Seite ertheilt, kräftiger und energischer sind als 
die auf der operirten Seite. Denn durch das stärkere Rudern 
mit den Gliedern der gesunden Seite drückt es mit diesen 
kräftiger das Wasser von oben nach unten, was ein höher oben 
Schwimmen der Flanke der gesunden Seite zur Folge hat, von vorn 
nach hinten, was die Vorwärtsbewegung veranlasst, und von aussen 
nach innen, wodurch die Krümmung und Drehung nach der ge- 
sunden Seite zustande kommt.« Nun hat es ja damit seine Richtig- 
keit, dass die Extremitäten nach der halbseitigen Exstirpation auf der 
Exstirpationsseite und nach der Totalexstirpation auf beiden Seiten 
schwächer sind als normal: trotzdem ist die Lucıanr’sche Beweisführung 
verfehlt und, was bewiesen sein soll, unrichtig. 

Nach den Versuchen an der Leiche ist das speeifische Gewicht 
des Hundes —- infolge des Luft- und Fettgehaltes — ohngefähr das 
des Wassers; und lassen wir es selbst am lebenden Hunde auch 
während der Einathmung grösser als das des Wassers sein, so über- 
trifft es doch das letztere nur so wenig, dass beim schwimmenden 
Hunde der allergrösste Theil des Körpergewichts durch den Druck 
des umgebenden Wassers getragen wird. Damit der normale Hund 
sich an der Oberfläche des Wassers aufrecht halte und schwimme, 


! Cerv. 186—7. ®2 Klh. 290. — S. auch Cerv. 137. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. aller 


genügen deshalb wesentlich schwächere Gehbewegungen der Extremi- 
täten, als damit der Hund sich im Zimmer aufrecht halte und gehe. 
Zudem ist auch die Erhaltung des Gleichgewichts nicht, wie Hr. 
Lucıanı meint', viel schwieriger, sondern leichter im Wasser als im 
Zimmer. Denn das Gleichgewicht ist am stehenden und gehenden 
Hunde sehr labil, weil der Schwerpunkt hoch über der Umdrehungs- 
achse am Boden sich befindet, während es am schwimmenden Hunde, 
dessen Schwerpunkt etwas unterhalb des Schwerpunktes der ver- 
drängten Wassermasse gelegen ist, wie wiederum die Versuche an 
der Leiche zeigen, stabil ist. Daher wird ein Hund, der wegen 
Schwäche der Extremitäten oder wegen unzureichender Gleichgewichts- 
erhaltung oder aus beiden Gründen sich nicht aufrecht im Zimmer 
und im Wasser halten kann, immer, wenn die Abnormität mit der 
Zeit abnimmt, eher sich aufrecht zu halten und zu schwimmen im- 
stande sein, als sich aufrecht zu halten und zu gehen. Aber darum 
ist nicht ohne weiteres umgekehrt, wenn ein Hund bei abnehmender 
Schwäche der Extremitäten zu einer Zeit gut aufrecht schwimmen 
kann, zu der er noch nicht sich aufrecht zu halten und zu gehen 
vermag — ich will diese Zeit der Kürze halber die kritische nennen —, 
der Schluss gestattet, wie ihn Hr. Lucıanı gezogen hat, dass die Un- 
fähigkeit des Hundes, sich aufrecht zu halten und zu gehen, einzig und 
allein von der Schwäche der Extremitäten abhängt. Denn es ist nicht 
ausgeschlossen, dass zur kritischen Zeit doch eine Störung der Gleich- 
gewichtserhaltung besteht, zu klein, um das gute Schwimmen, aber gross 
genug, um das Aufrechtbleiben und Gehen des Hundes zu verhindern. 

Einfach ergiebt sich denn auch die Unrichtigkeit des Schlusses 
bei unseren Hunden. Der kleinhirnlose Hund, der gut schwimmen, 
aber nicht ein paar Schritte aufrecht machen konnte, vermag später 
längere Zeit zu gehen, ohne zu fallen oder selbst nur zu taumeln. 
Wäre nun, was zur kritischen Zeit das Gehen unmöglich machte, 
lediglich eine gewisse Schwäche der Extremitäten gewesen, so be- 
stände diese Schwäche jetzt nicht mehr; und da der Hund, wie 
längst gerade sein Schwimmen gezeigt hat, im Besitze der normalen 
Gehbewegungen der Extremitäten ist, müsste er jetzt normal gehen. 
Das ist aber nicht der Fall, der Hund kann zeitlebens nur hüpfend 
oder sprungartig gehen und fällt, wenn er normal zu gehen versucht; 
also kann die frühere Unfähigkeit, sich aufrecht zu halten und zu 
gehen, nicht einzig und allein von der Schwäche der Extremitäten 
abhängig gewesen sein. Noch weiter führt eine ähnliche Betrachtung 
im Falle der halbseitigen Exstirpation. Hier kommt am schwimmenden 


ı S. oben 312. 


318 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


Hunde zur kritischen Zeit die Schwäche der Extremitäten der Exstir- 
pationsseite, wie Hr. Lucranı richtig bemerkt hat, darin zum Ausdruck, 
dass die Flanke der gesunden Seite höher oben schwimmt, dass der 
Hund ein wenig nach der Exstirpationsseite überhängt. Wäre durch 
diese Schwäche das Aufrechtbleiben und Gehen des Hundes ver- 
hindert, so müsste später, wenn der Hund gehen kann, die Schwäche 
abgenommen haben, und dementsprechend müsste die Haltung des 
Hundes beim Schwimmen verändert sein. Eine solche Veränderung 
zeigt sich jedoch nicht, vielmehr schwimmt der Hund nachher gerade 
so überhängend wie zuvor. Daher kann die Schwäche der Extremi- 
täten zur kritischen Zeit nicht einmal irgend wesentlich mitgewirkt 
haben, dass der Hund sich nicht aufrecht zu halten und zu gehen 
vermochte. Aber diese Einsicht hat auch gar nichts Überraschendes. 
Denn schon jenes geringe Überhängen des schwimmenden Hundes 
thut die Schwäche der Extremitäten als viel zu unbedeutend kund, 
als dass durch sie nach unseren sonstigen Erfahrungen Stehen und 
Gehen verhindert sein konnten; und dazu lehrt die Verfolgung der 
Schlaffheit der Extremitäten, an der ihre Schwäche am besten sich 
ermessen lässt, dass sie mit ihrer Abnahme nach der Operation zur 
kritischen Zeit bereits die geringe Grösse erreicht hat, auf der sie 
für die Folge verbleibt!. Hr. Lucranı hat allerdings öfters vom Ein- 
knicken der Extremitäten gesprochen, auch wo der Hund zur kritischen 
Zeit und später taumelte oder fiel, aber nach dem, was am Thiere 
zu sehen ist, mit nicht mehr Recht und nicht weniger Willkür, als 
wenn er gesagt hätte, dass derzeit die Extremitäten sich beugten, 
weil der Hund taumelte oder fiel. Und wenn er sich darauf berufen 
wollte, dass der Hund zur kritischen Zeit imstande ist, sich auf den 
Füssen zu halten und zu gehen, wenn er die Flanke der operirten 
Seite anlehnt”, so braucht man nur zu beachten, wie dafür zu dieser 
Zeit schon eine sehr wenig ausgedehnte Anlehnung an die Wand, 
schon eine ganz lose Anlehnung an die Hand ausreicht, um daran, 
dass dann beim Gehen, wenn die Füsse nach einander abgehoben 
werden, der Hund nicht niederbrieht, zu erkennen, dass die Extremi- 
täten nicht zu schwach sind, die Körperlast zu tragen. 

Mit dem Experimentum crucis ist es also nichts. Im Gegentheil 
erweist sich das ganze Verhalten, das die operirten Hunde im Wasser 
zeigen, durchaus entsprechend unseren früheren Ermittelungen. Durch 
den Verlust des Kleinhirns ist zwar lediglich die feinere Gleich- 
gewichtserhaltung untergegangen, aber zunächst nach der Operation 
fehlt auch die gröbere und damit alle Gleichgewichtserhaltung, weil 


! II 20. 2 S. oben 316. — Cerv. 187. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 319 


durch die herabgesetzte FErregbarkeit der Mark- und Muskelcentren 
für den Bereich von Wirbelsäule und Extremitäten das Wirken der 
stehengebliebenen Hirntheile ausgeschlossen ist. Im Zimmer kann da 
der kleinhirnlose Hund zuerst in der Seitenlage, dann in der Brust- 
bauchlage ruhig liegen; aber im Wasser muss er, um nicht unter- 
zugehen, seine Extremitäten stets in Bewegung halten; und so kommt 
es, weil er gleichzeitig das Bestreben hat, das ihm unversehrt ver- 
blieben ist, den Rücken nach oben und den Bauch nach unten zu 
bringen, zum vielen Überschlagen und fortgesetzten Rollen im Kreise. 
Diese verlieren sich dann mehr und mehr und machen dem aufreehten 
Schwimmen Platz in dem Maasse, in dem die Erregbarkeit der be- 
zeichneten Centren zunimmt und die stehengebliebenen Hirntheile mit 
der gröberen Gleichgewichtserhaltung zu Hülfe kommen; bis der Hund 
schon zu einer Zeit, zu der er noch nicht gehen kann, gut schwimmt, 
weil die Gleichgewichtserhaltung im Wasser leichter ist. Doch 
schwimmt der Hund jetzt nicht »vortrefflich wie irgend ein normaler 
Hund« und nicht »ohne dass jemals das Gleichgewicht verloren ginge «', 
sondern verräth auch im Wasser jetzt und in der Folge den Verlust 
der feineren Gleichgewichtserhaltung, indem er öfters von der schrägen, 
mehr senkrechten Stellung aus umschlägt und mit dem Kopfe unter- 
taucht. Nach der linksseitigen Exstirpation, nach der alle Störungen 
nur halb so ausgedehnt sind und der Hund schon nach einigen Tagen 
die Brustbauchlage am Boden einhalten kann, kommt es im Wasser 
3— 10 Tage nach der Operation nur zum Rollen im Kreise und er- 
folgt dieses Rollen ausschliesslich linksherum, weil die ungeschädigten 
reehten Extremitäten, indem sie viel stärker als die linken stossen, 
den Rumpf immer mit dem Wurfe nach links aus dem Gleichgewicht 
bringen. Indess weiss sich der Hund hier bald dadurch zu helfen, 
dass er von (dem Bestreben, den Rücken nach oben und den Bauch 
nach unten zu bringen, ablässt und schief auf der rechten und immer 
nur auf dieser Seite liegend schwimmt, so dass die Gehbewegungen 
der rechten Extremitäten ihn an der Oberfläche des Wassers halten 
und gut vorwärtsführen, aber nicht mehr nach links umfallen machen 
und dadurch zum Rollen bringen. Durch diese Gehbewegungen bei 
dieser Lage schwimmt er auch in grossem Bogen nach rechts”. Hat 


! S. oben 312. 

® Dass Lucıanı (Cerv. 187, 188 —9; 69, 73, 86, 92) bei aufrechter Stellung des 
schwimmenden Hundes das functionelle Überwiegen (die stärkeren Ruderschläge) der 
Extremitäten der unverletzten Seite zwangsweise Manegewindungen nach dieser un- 
verletzten Seite herbeiführen lässt, ist mir unverständlich geblieben; ebenso seine 
neuerliche Bemerkung (Klh. 290, s. oben 316), dass die Extremitäten der unverletzten 
Seite das Wasser kräftiger »von aussen nach innen« drücken, wofür sich gar keine 
thatsächliche Unterlage findet. 


320 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


die Herabsetzung der Erregbarkeit der Centren soweit abgenommen, 
dass der Unterschied in der Stärke der Gehbewegungen zwischen den 
beiderseitigen Extremitäten nur noch gering ist, so ist auch der Ver- 
lust der feineren Gleichgewichtserhaltung soweit durch die stehen- 
gebliebenen Hirntheile funetionell eompensirt, dass der Hund gut in 
aufrechter Stellung schwimmt, wiederum eher, als er sich aufzustellen 
und zu gehen vermag. Sein leichtes Überhängen nach links zeigt 
dann die restirende Schwäche seiner linken Extremitäten an, und 
dieser lässt es sich auch neben der leichteren Beweglichkeit der links- 
seitigen Wirbelsäule-Museulatur zuschreiben, dass der Hund fortan 
die Wendungen im Schwimmen vorzugsweise nach links macht. 
Merkwürdig ist, dass Hr. Lucıans, der so eifrig das Schwimmen 
verfolgte, gerade auf das nicht aufmerksam wurde, was die bedeut- 
samsten seiner Vorstellungen von den Folgen des Kleinhirnverlustes 
bündigst widerlegen konnte. War das Rollen im Kreise, das nach 
der halbseitigen Exstirpation der Hund am Boden vollführte, eine der 
Reizerscheinungen, die in S—ıo Tagen nach der Operation sich ver- 
loren, oder, was Hr. Lucranı neuerlich zu glauben vorzog', die Folge 
eines zu derselben Zeit bestehenden Schwindels, so durfte es am 
Hunde im Wasser nicht noch in der 2. und 3. Woche nach der 
Operation auftreten. Und vor allem, rührten bei dem liegenden, 
stehenden und gehenden Hunde das Zittern und Schwanken, das 
Zögern oder die Unsicherheit in der Bewegung, der charakteristische 
Mangel an Continuität, beziehungsweise an Festigkeit in den Be- 
wegungen der Gliedmaassen und der Wirbelsäule von der Lucıast'schen 
» Astasie« her, d.h. daher, dass die Muskeleontractionen in zitternder 
Weise erfolgten, die Elementarimpulse unvollständig verschmolzen, die 
Kinzelimpulse sich unvollkommen summirten’, so mussten ebensolche 
oder ähnliche Abnormitäten beim schwimmenden Hunde sich zeigen; 
aber da hat Hr. Lucranı nichts davon zu berichten gefunden, da ist nichts 
davon zu sehen, nicht einmal das leiseste Zittern des durch andauernde 
Muskelthätigkeit mit der Nase über Wasser gehaltenen Kopfes. 


10. 


Natürlich habe ich bei der Verfolgung der totalen und der halb- 
seitigen Exstirpation, nicht nur bevor ich das zweckentsprechende 
Operationsverfahren fand, sondern auch nachher, wenn die Exstir- 
pation nicht wie beabsichtigt zur Ausführung kam, noch von vielen 
anderen Verstümmelungen des Kleinhirns die Folgen für Hund und 


ı Klh. 287. 2 Vgl. 1476. 


nn 


Monk: Über die Functionen des Kleinhirns. 321 


Affen kennen gelernt. Den Rahmen unserer Untersuchung zu er- 
weitern, gestatten diese Erfahrungen nicht; denn sie können, weil 
die Ausdehnung der Verstümmelung von Fall zu Fall unregelmässig 
wechselte, in Betreff der Bedeutung der kleineren Kleinhirnpartien 
nur als Hinweis gelten, nicht als zuverlässige Auskunft, die wiederum 
nur durch methodische Exstirpationen zu gewinnen sein wird. Sie 
verleihen aber dadurch, dass sie anderweitige Abnormitäten nicht 
aufwiesen und mit den vorgeführten Ergebnissen als Ergebnisse un- 
vollkommener Versuche gut zusammenstimmten, noch erhöhte Sicher- 
heit unseren Ermittelungen, die wir nunmehr im ganzen übersehen 
wollen. 

Das Kleinhirn ist darnach ein nervöser Bewegungsapparat des 
Thieres, dessen Herrschaft sich auf Wirbelsäule- und Extremitäten- 
Muskeln erstreckt, oder schärfer ausgedrückt, dessen motorischen 
centralen Elementen Mark- und Muskelcentren für den Bereich von 
Wirbelsäule und Extremitäten untergeordnet sind. Die Unterordnung 
ist in dem Bereiche eine sehr weit ausgedehnte, doch nicht eine 
allgemeine; so unterstehen die Centren der die Endglieder der Ex- 
tremitäten bewegenden Muskeln dem Kleinhirn nicht. Jeder seitlichen 
Kleinhirnhälfte sind die Centren für den Bereich der gleichseitigen 
Extremitäten und der entgegengesetzten Wirbelsäulenseite zugehörig. 

Im unthätigen Kleinhirn des wachen Thieres sind, wie in seiner 
Grosshirnrinde, dem Hirnstamm und dem Rückenmark, die motorischen 
centralen Elemente immer schon schwach erregt und halten dadurch 
ihrerseits die ihnen untergeordneten Mark- und Muskelcentren in 
schwacher Erregung oder erhöhter Erregbarkeit. Was die Erregung 
der motorischen centralen Elemente des Kleinhirns unterhält, das 
sind die sensiblen Erregungen, die beständig aus dem Bereiche von 
Wirbelsäule und Extremitäten auf den Bahnen der Tiefensensibilität, 
nicht der Hautsensibilität, zu den Elementen gelangen und auf dem 
Wege über das Kleinhirn die Grosshirnrinde erreichen. Doch ist es 
nicht ausgeschlossen und sogar wahrscheinlich, dass ausserdem noch 
anderswoher stammende sensible oder sensorielle, wie intereentrale 
Erregungen, die den Elementen zufliessen, ihre ständige schwache 
Erregung veranlassen. 

Thätig, leistet das Kleinhirn mittels Wirbelsäule- und Extremi- 
täten-Bewegungen die feinere Gleichgewichtserhaltung oder Gleichge- 
wichtsregulirung des Thieres, die unbewusst bei den gewöhnlichen 
Haltungen und Bewegungen des Thieres, beim Liegen, Sitzen, Stehen, 
Gehen, Klettern, Schwimmen u. s. w. sich vollzieht, so dass selbst 
während der Bewegung es nicht zu einer gefährlichen Störung des 
Gleichgewichts kommt und mit dem Abschlusse der Bewegung so- 


322 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


gleich wieder das Gleichgewicht besteht. Sie ist zu unterscheiden 
von der gröberen Gleichgewichtserhaltung des Thieres, die von 
anderen Hirntheilen geleistet wird, wenn irgendwie eine gefährliche 
Störung des Gleichgewichts des Thieres eingetreten ist, und die durch 
ungewöhnliche willkürliche oder unwillkürliche Bewegungen dem 
Fallen entgegenwirkt und das Gleichgewicht wiederherstellt oder 
wiederherzustellen sucht. Nach Kleinhirnverlust fällt diesen anderen 
Hirntheilen die functionelle Ersatzleistung zu, und sie erhalten auch 
beim Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen, Klettern, Schwimmen u. s. w. 
des Thieres das Gleichgewicht, doch nur mit grösserem Kraftauf- 
wande, als es seitens des Kleinhirns geschah, und ungeschickter und 
unvollkommener mit Veränderung der normalen Haltungen und Be- 
wegungen des Thieres. 

Ferner noch leistet das Kleinhirn mit seiner Thätigkeit das kurze 
Seitwärtswenden und Drehen des Thieres, und zwar sind von jeder 
seitlichen Kleinhirnhälfte Wenden und Drehen nach der entgegen- 
gesetzten Seite abhängig. Hier kommt es nach Kleinhirnverlust zu 
einer Ersatzleistung durch andere Hirntheile nicht. Aber diese Lei- 
stung des Kleinhirns, deren Fortfall nach den Exstirpationen, die wir 
untersuchten, der Störung der Gleichgewichtserhaltung gegenüber in 
den Hintergrund trat, bedarf jetzt noch der näheren Betrachtung. 

Während in grossem Bogen das Thier, Hund wie Affe, nach 
der totalen und nach der halbseitigen Exstirpation im Gehen, Klettern, 
Schwimmen beliebig die Richtung ändert, kann es in kleinem Bogen 
nach der halbseitigen Exstirpation nicht nach der unverletzten Seite 
und nach der Totalexstirpation nach keiner Seite hin sich drehen. 
Nicht nur kommen solche kurzen Wendungen und Drehungen nie- 
mals bei den Bewegungen des sich selbst überlassenen Thieres zur 
Beobachtung, sondern sie sind auch nicht durch passende Anregungen 
des Thieres herbeizuführen; und will man sie erzwingen, indem man dem 
Thiere die sonstigen Wege verlegt, so fällt das Thier im Gehen zu Bo- 
den, stürzt der Affe im Klettern, wenn er sich nicht rückwärts bewegt, 
ab, schlägt der Hund im Schwimmen um und taucht mit dem Kopfe 
unter. Hin und wieder scheint der kleinhirnlose Hund, wenn er 
lange nach der Operation sich munter auf dem Rasen bewegt, sich 
in kleinem Bogen drehen zu wollen, aber jedesmal stolpert er als- 
dann und stürzt er hin; auch kommt es vor, dass der Hund in einem 
schmalen Gange auf seinem Wege kurz umzukehren strebt, aber er 
fällt sogleich, und hat er sich aufgerichtet, fällt er nochmals, und 
so wiederholt es sich, bis er durch die Verschiebungen beim Fallen 
und am Boden schliesslich ohngefähr in die entgegengesetzte Rich- 
tung gelangt und nunmehr wieder geht. Sogar schon ganz grob 


Mvsk: Über die Functionen des Kleinhirns. 323 


macht sich die Störung beim kleinhirnlosen Thiere bemerklich durch 
das Ungelenkige, Steife, Hölzerne, das an dem Thiere auffällt, sobald 
man es längere Zeit in seinen Bewegungen verfolgt. Wie man da 
den Eindruck der Schwerbeweglichkeit der Wirbelsäule empfängt, so 
lehrt es auch die unmittelbare Beobachtung, wenn man das Thier 
dureh Lockung zu Drehungen im Gehen veranlasst und im Falle der 
halbseitigen Exstirpation die beiden Seiten des Thieres in Vergleich 
zieht', dass das Thier die Wirbelsäule viel weniger seitwärts biegen 
kann als in der Norm. 

Doch mit dieser Erkenntniss, bei der wir früher stehen blieben, 
ist das Wesen der Störung noch nicht erfasst. Denn wenn der klein- 
hirnlose Hund am Boden liegt, sehen wir ihn öfters, sogar schon zu 
der Zeit, da er noch nicht sich aufzustellen und zu gehen vermag, 
willkürlich die Wirbelsäule hakenförmig zur Seite biegen und drehen, so 
dass die Schnauze den Oberschenkel erreicht; und ebenso sehen wir ge- 
legentlich die Bewegungen der Wirbelsäule nicht merklich anders als 
in der Norm erfolgen, wenn der Hund angelehnt steht und wenn der 
kleinhirnlose Affe sitzt oder an den Gitterstäben des Käfigs hängt. 
So krümmt sich auch der liegende kleinhirnlose Hund oder der 
sitzende kleinhirnlose Affe, ohne die Extremitäten zu bewegen, haken- 
förmig zur Seite nach hinten, wenn wir dort neben ihm den Futter- 
napf aufgestellt haben, und holt mit dem Maule das Fleisch oder 
mit dem Arme die Mohrrüben aus dem Napfe. Aber haben wir den 
Napf in gleicher Höhe zur Seite angebracht, nur etwas weiter ent- 
fernt, so dass das Thier ihn nicht durch jenes Krümmen erreichen 
kann, so dreht sich unser Thier, so gierig es auch sichtlich ist, nicht 
im ganzen kurz zur Seite um wie das normale Thier, sondern stellt 
sich auf und geht ein Stück nach vorn und dann in grossem Bogen 
zur Seite und endlich rückwärts, so dass es fast einen ganzer grossen 
Kreis beschreibt, bis es zum Napfe gelangt. An sich oder für sich 
allein sind also die Bewegungen der Wirbelsäule bei unserem Thiere 
nicht beschränkt, so wenig wie die Bewegungen der Extremitäten 


an sich, — diese Bewegungen kann das Hirn ohne Kleinhirn voll- 
führen —; sondern was unserem Thiere abgeht, das sind die zweck- 


mässig verbundenen Wirbelsäule- und Extremitäten-Bewegungen, die 
eoordinirten (geordneten) Gemeinschafts- oder ecombinirten Bewegungen 
von Wirbelsäule und Extremitäten, wie sie für das kurze Seitwärts- 
wenden und Drehen des Thieres erforderlich sind. Die Herbeiführung 
dieser Gemeinschaftsbewegungen macht demnach die Leistung des 
Kleinhirns aus. Und das wird uns sogar durch die elektrische Rei- 


ı S. oben S. 299. 


324 Gesammtsitzung vom 12. März 1908. 


zung am Kleinhirn (des Hundes) noch geradezu vor die Augen ge- 
führt. Denn die einseitige, sagen wir linksseitige Reizung hat nicht 
bloss Bewegungen der linken Extremitäten und Concavkrümmung der 
Wirbelsäule nach rechts zur Folge', sondern liefert, wie ich sah, hat 
man die passende Reizstärke getroffen, in rascher Folge genau die 
Bewegungen, die das kurze Drehen des Thieres nach rechts zustande 
bringen: zuerst wird das linke Vorderbein nach vorn und. weit nach 
rechts gestreckt, dann krümmt sich die Wirbelsäule allmählich immer 
stärker concav nach rechts, und dabei wird das rechte Vorderbein 
gleichfalls nach rechts, aber weniger als das linke, vorbewegt und 
das rechte Hinterbein etwas nach vorn gesetzt, und endlich wird das 
linke Hinterbein mässig nach vorn und rechts gebracht. 

Konnten zuerst die beiderlei Leistungen des Kleinhirns weit aus 
einander zu liegen scheinen, so kommen sie nunmehr dahin zusammen, 
dass wir unseren Ermittelungen den Ausdruck geben können: Das 
Kleinhirn ist das Organ, in dem Mark- und Muskelcentren der Wir- 
belsäule einerseits und der Extremitäten andererseits derart mit ein- 
ander in Verbindung gesetzt sind, dass durch seine Thätigkeit un- 
willkürlich und unbewusst zweckmässige (eoordinirte) (remeinschafts- 
bewegungen von Wirbelsäule und Extremitäten zustande kommen, 
insbesondere die Gleichgewichtserhaltung bei den gewöhnlichen Hal- 
tungen und Bewegungen des Thieres, beim Liegen, Sitzen, Stehen, 
Gehen, Klettern, Schwimmen u.s.w.; oder kurz: Das Kleinhirn ist 
das Centralorgan für unbewusste eoordinirte Gemeinschaftsbewegungen 
von Wirbelsäule und Extremitäten im allgemeinen und für die feinere 
Gleichgewichtserhaltung des Thieres im besonderen. Ich habe keine 
Erfahrung gefunden, die damit im Widerspruch stände; sogar das 
Rollen im Kreise, das nach der halbseitigen Exstirpation in den ersten 
Tagen beim Hunde auftritt, lässt sich ihm unterordnen. 

Die feinere Gleichgewichtserhaltung ist besonders hervorzuheben, 
weil sie die hauptsächliche und für die Existenz des Thieres wich- 
tigste Leistung des Kleinhirns ist; aus dem Grunde wird sie auch 
nach Kleinhirnverlust so bald und so gut als möglich funetionell er- 
setzt, während für die nicht so nothwendigen Leistungen, wie das 
kurze Wenden und Drehen, eine Ersatzleistung, die zum mindesten 
in Unvollkommenheit gleichfalls seitens des Hirns ohne Kleinhirn ge- 
liefert werden könnte, nicht eintritt. Zugleich wird dadurch Miss- 
verständnissen vorgebeugt. So wenig das Kleinhirn das Gleichge- 
wichtsorgan ist, so wenig ist es ein Coordinationsorgan über die 
Grenzen seiner specifischen Aufgaben hinaus. Nicht einmal eoordinirt 


ı S. oben S. 300. 


Munk: Über die Functionen des Kleinhirns. 325 


es, wie Frourens glaubte, die Locomotionsbewegungen. Die coordi- 
nirten Geh-, Kletter-, Schwimm- und dergl. Bewegungen der Extre- 
mitäten, das erste Erforderniss zum Gehen, Klettern, Schwimmen 
u.s.w. des Thieres, haben nichts mit dem Kleinhirn zu thun, sondern 
werden vom Hirnstamm herbeigeführt, von Prineipalcentren', die den 
Markeentren der einzelnen Extremitäten übergeordnet und wahrschein- 
lich im Pons gelegen sind; und lediglich das zweite Erforderniss, die 
feinere Gleichgewichtserhaltung, leistet das Kleinhirn mittels eoordi- 
nirter Bewegungen von Wirbelsäule und Extremitäten. Durch die 
engen nervösen Verbindungen, die zwischen Pons und Kleinhirn be- 
stehen, ist deren richtiges Zusammenwirken gesichert. Für seine 
speeifischen Leistungen hat das Kleinhirn eigene Verbindungen mit 
den Mark- und Muskelcentren von Wirbelsäule und Extremitäten in 
den Nervenfasern, die nach der Kleinhirnexstirpation in den Rand- 
partien der Vorder- und Vorderseitenstränge des Rückenmarks dege- 
neriert gefunden werden. 

Wie die Prineipaleentren, kann das Kleinhirn unabhängig vom 
Grosshirn thätig sein. An den kleinen Säugethieren (Kaninchen, 
Meerschweinchen, Ratte)’ und — nach Gorrz’ Schilderung seiner Ver- 
suchsthiere® — am Hunde vollzieht sich die feinere Gleichgewichts- 
erhaltung beim Liegen, Stehen, Gehen, Laufen noch nach dem völligen 
Verluste des Grosshirns; und die Erfolge der experimentellen Rei- 
zungen des Kleinhirns lassen übersehen, dass auch sonst Leistungen 
des Kleinhirns ohne Zuthun des Grosshirns zustande kommen können 
infolge von mechanischen, entzündlichen u. dergl. unmittelbaren An- 
griffen des Kleinhirns, wie unter Umständen wohl auch infolge von 
peripherischen Reizungen oder Reizungen eng mit dem Kleinhirn ver- 
bundener centraler Organe. Aber in der Norm ist das Kleinhirn dem 
Grosshirn unterthan, wird vom Grosshirn, wie die Folgen unserer 
Kleinhirnexstirpationen lehren, das Kleinhirn als eigens vorgebildeter 
Bewegungsapparat, soweit dessen Leistungen reichen, für die Herbei- 
führung und Unterhaltung von willkürlichen Haltungen und Bewe- 
gungen des Thieres benutzt, werden vom Grosshirn zweckmässige 
Gemeinschaftsbewegungen von Wirbelsäule und Extremitäten mittels 
des Kleinhirns zur Ausführung gebracht. Und wenn so das Gross- 
hirn die Leistungen des Kleinhirns in Anspruch nimmt, geschieht es, 
wie wenn das Grosshirn mittels der Prineipaleentren des Hirnstammes 
die Geh-, Lauf- und Kletterbewegungen der Extremitäten herbeiführt, 


! Diese Ber. 1893. 774ft. 

2 Vergl. H. Munx, Über die Functionen der Grosshirnrinde, 2. Aufl. Berlin 
1890. 219ff. 

® Prrüser’s Arch. 51. 1892. 570ff. 


Sitzungsberichte 1908. 29 


326 Gesammitsitzung vom 12. März 1908. 


dass es die Leistungen des ihm untergeordneten Organes mit eigenen 
weiteren Leistungen unterstützt. 

Jene Geh-, Lauf- und Kletterbewegungen erfahren seitens der 
Extremitätenregionen der Grosshirnrinde eine Vervollkommnung oder 
Verfeinerung, indem die Bewegungen der Extremitäten und besonders 
die den Prineipalcentren ebensowenig wie dem Kleinhirn unmittel- 
bar unterstehenden — Bewegungen ihrer unteren Glieder den gege- 
benen äusseren Verhältnissen, wie Form, Härte, Glätte des Bodens 
oder der Stange u. s. w., auf refleetorischem Wege angepasst werden." 
Solche Rindenreflexe kommen auch den Leistungen des Kleinhirns 
zu Hülfe, vor allem seiner feineren Gleichgewichtserhaltung beim Gehen 
und Stehen, die ja durch ein schlechtes Aufsetzen und Aufstehen der 
Füsse des Thieres erschwert sein würde und unwirksam werden könnte. 
Von den vielen Belegen, welche dafür die Folgen der Schädigung 
der Extremitätenregionen liefern, sei nur des interessantesten und 
bündigsten gedacht, dass der Hund, dem die Extremitätenregionen 
beider Grosshirnhemisphären vollkommen exstirpirt sind, und der 
längst wieder gut läuft, wenn er unter anscheinend normaler Haltung 
aller seiner Körpertheile steht, trotz der Unversehrtheit des Klein- 
hirns das Schwanken des kleinhirnlosen Hundes zeigt, weil die Füsse 
nur lose und leicht verschiebbar auf dem Boden sind’. Durch diese 
Hülfleistung der Reflexe der Extremitätenregionen gewinnen am nor- 
malen Thiere die Hautsensibilität und diejenige Tiefensensibilität der 
Extremitäten, deren Bahnen zum Grosshirn nicht den Weg über das 
Kleinhirn nehmen, obwohl sie unmittelbar nichts mit dem Kleinhirn 
zu schaffen haben, mitunter doch Bedeutung für dessen Leistungen. 


! Arch. f. (Anat. u.) Physiol. 1878. 174. — Diese Ber. 1893. 776—7; 1895. 598. 
® Diese Ber. 1895. 597. 


Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei. 


1908. XV. XVL 


SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


Sitzung der philosophisch-historischen Classe am 19. März. (S. 327) 
von Wıramowırtz-MoELLENDORFF: Pindar’s siebentes nemeisches Gedicht. (S. 328) 
Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe am 19. März. (S. 353) 

k 


Lanporr: Untersuchungen über die fraglichen Änderungen des Gesammtgewichtes chemisch sich 
umsetzender Körper. (S. 354) 


BERLIN 1908. 


VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


‚IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 


Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 


Aus $1. 

„Die Akademie gibt gemäss $41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: » Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften « 
und » Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Aus 82. 

Jede zur Aufnahme in die »Sitzungsberichte« oder die 
» Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuscript zugleich einzuliefern ist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

83. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Niehtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittbeilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

SA. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photographische Original- 
aufnahmen u. s. w.) gleichzeitig mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf geriehteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sachverständigen an den vorsitzenden Seeretar zu 
richten, dann zunächst im Seeretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Secretariat geboten. 

Aus $5. 
Nach der Vorlegung und Einreichung des 


vollständigen druckfertigen Manuscripts an den. 


zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welehe nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Nichtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der » Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 


b 


Aus $ 6. 

Diean die Druckereiabzuliefernden Manuscriptemüssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reiehende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des Manuseripts vorzunehmen. 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correetur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correetur soll nach 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehlern 
und leichten Schreibversehen hinausgehen. Umfängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- 
girenden Secretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus $ 8. 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftliehen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden, 

VonGedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrucke 
für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 

89. x 
- Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung olıne weiteres 50 Frvei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 


“ auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 


von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigivenden Seeretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 


der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei- 


exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 


sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 


gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 


Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 


der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 
8 17. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 


Stelle anderweitig, sei es auch nur EI 


(Fortsetzung auf S. 3 des Umschlags.) 


327 


SITZUNGSBERICHTE 1908. 
XV. 


DER 


KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 


AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


19. März. Sitzung der philosophisch-historischen Classe. 


Vorsitzender Secretar: Hr. Diers. 


1. Hr. von Wıramowrtz-MoELLENDoRrrFE las über Pindar’s siebentes 


nemeisches Gedicht. 

Das Gedicht, wahrscheinlich 485 verfasst, will neben der Feier des Sieges den 
Dichter rechtfertigen, der mit seiner Behandlung des Neoptolemos in einem delphischen 
Päan Anstoss erregt hatte. Dieser Päan ist auf dem Papyrus Oxyrynch. 841 zum 
grossen Theile erhalten und bestätigt die Erklärung des Siegesliedes. 


2. Hr. F.W.K. Mürzer legte eine Arbeit des Hrn. A. vos L£ Coo 
aus Berlin vor, betitelt »Ein manichäisch-uigurisches Fragment 
aus Idiqut-Schahri«. (Ersch. später.) 

Der Werth dieses Manuscripts besteht darin, dass zum ersten Male ein manichäisch- 
religiöses Textfragment in uigurischer Sprache und Schrift vorliegt. — Anhangsweise 
ist eine Liste alttürkischer Wörter beigefügt, deren Consonantengerippe durch die 
manichäische Schrift einwandsfrei überliefert ist. Es wird hierdurch für künftige Publi- 
cationen eine gesicherte Umschreibung ermöglicht. 

3. Hr. von Wıramowırz-MoELLEnDorRFF legte die Publication des 
eorrespondirenden Mitgliedes Hrn. KAgsapıas in Athen vor: Die Aus- 
grabung der Akropolis. Mit G. KawerAav. Athen 1907. (BisrioeAkH 
tAc En Aehnaıc Apxaionorikc "ETaipelac). 


Sitzungsberichte 1908. 30 


328 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


Pindars siebentes nemeisches Gedicht. 


Von ULricHh von WILAMOWITZ-MOELLENDORFF. 


Das Gedicht auf Sogenes von Aigina gilt nicht mit Unrecht für be- 
sonders schwierig, und der Verkehr mit seinen modernen Kommen- 
taren, von Herrmann (Opusc. II) und Borcku-Dissen ab (jetzt zu kon- 
trollieren durch ihren Briefwechsel), erweckt die Stimmung, in der 
ich vor einigen Jahren mir an den Rand schrieb: nihil perspicio nisi 
nihil adınodum esse perspectum. Daher geht die folgende Erklärung nur 
von den Worten des Dichters aus, deren Einzelverständnis durch die 
Scholien wesentlich gefördert wird. Ich glaube meiner Sache sicher 
zu sein, denn die Entdeckung des Päans, auf den sich das Gedicht 
bezieht, hat meine Erklärung in keinem Stücke geändert, nur ihre 
Veröffentlichung hervorgerufen. Das Proömium schreibe ich aus; weiter- 
hin muß der Leser schon einen Text zur Hand nehmen. 


"Eneleyıa TTAPeApe MoIPAN BABY$PÖNWN 
TTAl METANOCBENEOC AKOY- 
coN HPaAc rENETEIPA TEKNWN’ ÄNEY CEBEN 
0Y $AOC 0Y MENAINAN APAKENTEC EY®PÖNAN 
TEAN AAENGEÄN ERAXOMEN ÄTAAÖTYION HBan. 
5 ÄNATINEOMEN A OYX ÄATIANTEC EI) IcA, 
EIPrFEI A& TIOTMWI ZYrENE ETEPON ETEPA’ CYN A& TIN 
Kal TIalc 6 OeAPiwnoc ÄPETAI KPIBEIC 
EeYAOEOoC AclacTAlı Cwr&enHc METÄ TIENTAEENOIC. 
TTÖNIN TÄP ®IAÖMOATION OIKEI AOPIKTYTIWN 
10 ÄlAKIAAN, MAnA A EBEnON- 
TI CYMTIEIPON ATWNIAI @YMON AMYETTEIN. 
el A& TYXHI TIC &PAwN, MEAI®PON” AITIAN 
Poalcı MoıcAn EneBane. KAI Meränal TÄP ÄnkAl- 


! enesane haben die Scholien, Esane die beiden einzigen Handschriften; doch 
was durch die Recensio erledigt ist und sonst Selbstverständliches berücksichtige ich 
nicht. Dahinter ist TAI überliefert; aber der Artikel ließe keine andre Erklärung zu 
als die demonstrative »diese«, und selbst wenn man das als Ai TolafTAı faßt, bleibt es 
schief, während das intensive Kal neben merAnaı beinahe erwartet wird. 


von Wıranowrrz-MoELLENDORFF: Pindar’s siebentes nemeisches Gedicht. 329 


CKÖTON TIOAYN YMNWN EXONTI AECÖMENAI' 

EPFOIC AE KANOIC ENOTITPON ICAMEN ENI CYN TPOTIWI, 
15 el MnAamocYNnAac EKATI AITTAPÄMTTYKOC 

EYPHTAI ÄTIOINA MÖX8WN KAYTAIC ETIEWN AOIAAIC. 


Hier können wir innehalten, obwohl der nächste Gedanke sich 
noch daran lehnt, und wollen nun paraphrasieren; das war der Weg 
der antiken Grammatik, den ich immer mehr schätzen lerne. 

»Eileithyia, Beisitzerin der Moiren, Tochter Heras, die du die Kinder 
geboren werden läßt, höre. Durch dieh treten wir in das Leben und 
erreichen deine Schwester Hebe; nur wird unser Leben verschieden, 
da ein jeder an sein besonderes Geschick gekettet ist. Mit deiner 
Hilfe hat auch Sogenes, Thearions Sohn, im Fünfkampfe gesiegt und 
wird nun durch ein Lied gefeiert. Denn er ist aus Aigina, und da 
ist man musikalisch und hat besonderes Gefallen an dem Wetturnen. 
Wer mit der Tat Erfolg hat, ruft die Poesie wach, ohne welche selbst 
das Heldentum im Dunkel bleibt. Denn bekanntlich findet nur im 
Liede die edle Tat ihren Spiegel. « 

Ich hätte den Inhalt auch kurz formulieren können »Sogenes, 
noch ein Kind an Jahren, hat im Pentathlon gesiegt; daher bringen 
ihm seine Landsleute ein Ständehen, und ich habe das Gedicht dazu 
gemacht«. Denn das ist der einfache Gedanke, den Pindar mit seiner 
Kunst verziert hat. Das letzte, daß die Tat des Helden (und ent- 
sprechend wird nun einmal in dieser Gesellschaft ein Turnsieg gewertet) 
und das Werk des Dichters korrelat und gleichwertig sind, ist Pindar 
nie müde geworden einzuschärfen, seit er damit vor seinen Standes- 
genossen gerechtfertigt hatte, daß er nicht Athlet, sondern Dichter ge- 
worden war'!. Die Beziehung der nörıc sınömonnoc auf die Sänger 
des Liedes war ihnen und ihren Hörern unmittelbar verständlich; 
Pindar, der seinen Chor meist nur als Instrument behandelt, hebt bei 
seinen lieben Ägineten gern hervor, daß sie musikalisch genug waren, 
seine Lieder selbst vorzutragen. Oft hat er sie ihnen selbst einstudiert; 
hier deutet nichts auf seine Anwesenheit, und er wird vorgezogen 
haben, seine Sache abwesend zu führen. Eigentlich sollte auch der 
Eingang mit den vielen Götterpersonen einem Leser Pindars deutlich 
sein; aber schon im Altertum hat man sich nieht zu helfen gewußt, 
und immer noch wird darin gefunden, daß auf Aigina oder gar in 
Verbindung mit der Familie des Siegers ein Heiligtum der Eileithyia 
bestanden hätte. Ich hole daher weiter aus. Die Siegeslieder sind 
zum Teil in bestimmten Heiligtümern oder an bestimmten Festen vor- 
getragen; das wird dann natürlich gesagt und wirkt auf das ganze 


! Dies ist das wichtigste in Pyth. 10, das ich noch einmal zu erläutern hoffe. 


30* 


330 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


Gedicht ein. Oft haben sie aber keine sakrale Anlehnung, wurden 
also in oder vor dem Hause des Siegers vorgetragen, und gerade 
dann schickte es sich, sie durch die Anrufung einer himmlischen Person 
zu weihen, wenn das auch nur ornamental war. So versteht jeder, 
wenn Bakchylides die Kleio (3), Phema (2. 10), die Chariten (9), die 
Nike (11) anredet. Den Tag, nämlich den sechzehnten Parthenios, an 
dem in Olympia die Preisverteilung war, anzurufen (7), ist recht ge- 
sucht, zeigt aber um so deutlicher, daß der Poet darauf aus ist, etwas 
Neues zu finden. Auch bei Pindar geht der Weg von der Muse (N. 3) 
zu den Anazıeöpmirrec Ymnoı (Ol. 2) und der xpyc&a eörmırz (P. ı). Da- 
neben sehe man die Tyche (Ol. ı2), die Euphrosyne (N. 4)', die Hesychia 
(P.8), um den Reichtum und die Frische der Pindarischen Erfindsam- 
keit zu schätzen. Wundervoll ist die Theia (l. 5) aus einer Hesiodi- 
schen Füllfigur zu dem alles, sinnlich und metaphysisch, verklärenden 
Himmelslichte entwickelt; aber das läßt sich nicht im Vorbeigehen 
erklären. Die Hora (N. 8) läßt sich nicht von Gesuchtheit freisprechen, 
so schön gerade ihre Anrufung ist, wenigstens kann eine besondere 
Bedeutsamkeit nur geraten werden”. Die Olympia (Ol. 8) ist durch 
andere Lokalnamen besonders deutlich als die Ortsnymphe am Alpheios 
gekennzeichnet, und doch wird das Gedicht in Aigina gesungen; es 
gilt einem nemeischen Siege mit, und Pindar deutet den Umstand, 
daß zwei Leute desselben Hauses an diesen Zeusfesten gesiegt haben, 
auf eine besondere Beziehung der Familie zu dem höchsten Gotte. Man 
darf also nicht fingieren, es wäre auch in Aigina ein Heiligtum des 
olympischen Zeus gewesen, denn dessen Ortsnymphe würde doch die 


! Wenn man auf große Anfangsbuchstaben Wert legt (daß sie in Wahrheit irre- 
führen, lehrt diese Ausführung), muß man schreiben APıcToc EY»PocYNA TIÖNWN KEKPI- 
MEN@N IATPÖC, Al A& cowAal MoIcAN SYrATPec AolAAl BEAEAN NIN ÄTITÖMENAI. Denn die 
Festlust ist der Arzt, und die Musentöchter sind seine Assistentinnen und massieren 
die verstauchten Gelenke des siegreichen Ringers. 
® Das Gedicht stammt aus Pindars reifster Zeit und hat mit dem auf Sogenes 
gemein, daß Pindar eine Selbstverteidigung einflicht, die ihm besonders am Herzen 
liegt. Er hat die Lust an dem Neuen, an freien Erfindungen, verloren und Aias ist 
ihm ein Beleg für die Mißgunst, unter welcher die Tüchtigsten zu leiden haben. Nicht 
mehr auf seine Dichterkraft, die freilich längst über jeder Kritik stand, sondern auf 
seine Redlichkeit legt er das Hauptgewicht; in der llinsicht wird er sich also ange- 
griffen fühlen. In dieser Stimmung war ihm nicht unlieb, daß der Tod des einen der 
beiden Sieger, für die er dichtete, das Siegeslied zum Trostlied machte. Um so stär- 
ker kontrastiert der Eingang, die Anrufung der Hora, der Jugendschönheit, die den 
Menschen zur Liebe zwingt, wo dann das beste Los ist, in den Schranken des Maßes 
zu bleiben und doch seine »gute Lust«, aber nur diese, befriedigen zu können. Recht 
gewaltsam geht es von da zu dem Beilager des Zeus und der Aigina (das ähnlich wie 
in dem neuen delphischen Paian behandelt wird) und zu ihrem Sohne Aiakos. Leicht 
kommt man auf den Gedanken, daß der Sieger Deinis mit seiner Hora den Sinn Pin- 
dars entzündet hatte, ÄATIPOCIKTWN A’ EPOTWN ÖEYTEPAI MANIAI. 


von Wıramowrrz-MoELLENDORFF: Pindar's siebentes nemeisches Gedicht. 331 


Olympia vom Alpheios nicht sein: »empfange diesen Festzug, Olympia«, 
ist nichts anderes als »diese Feier gilt dem im Bereiche der Olympia 
gewonnenen Siege«. So ist denn auch Eileithyia nur angerufen, weil 
der Sieger noch ein Kind ist, noch nicht zu der Hebe oder Hora 
gelangt, also auch noch nicht für die erotischen Huldigungen reif, 
die Pindar gern den Siegern darbringt, wenn sie &ensoı und Wraloı 
sind wie Asopichos (Ol. 14), Thrasybulos (P. 6), Epharmostos (0. ı 1). 
Wenn man es nur mit dem Verstande auffaßt, so ist Eileithyia 
Tochter Heras, weil Kinder nach der Hochzeit kommen, Schwester 
Hebes, weil sie der Mannbarkeit zureifen, ganz wie Tyche für Himer: 
Tochter des Befreiers Zeus ist, weil oi "Imeraloı cYn ed Enevaepweentec 
eytyxo?cı. Die Modernen pflegen von Personifikation zu reden, und 
es macht allerdings wenig Unterschied, ob einzelne dieser Abstrakta, 
wie sie es nennen, einmal im Kultus als Personen verehrt sind, wie 
Hora Eros Nike, auch Euphrosyne, wenn man so will, als eine der 
Chariten: für Pindar gilt doch alles gleich. Daß die Eileithyia in 
unseren mythologischen Handbüchern als eine Göttin geführt wird, 
Hesyehia nicht, macht ihm keinen Unterschied. Ihm war Eileithyia 
nur ein Name, aus Hesiod und Homer bekannt, daher vornehmer, als 
wenn er eine Kurotrophos oder Genetyllis genannt hätte. Es steht 
doch außer Frage, daß der Name sogar vorgriechisch war', daher ist 
der Kult dieser Karerin auf Kreta und den Inseln verbreitet, hat ihn 
das ionische Epos gekannt, Hesiod aber schon nur aus diesem ge- 
nommen. In Böotien sucht man den Kult vergebens, und auch die 
Frauen der Ägineten werden in ihren Wehen und zum Schutze ihrer 
Kleinen andere Namen genannt haben. Aber unter dem epischen Namen 
birgt sich eine Empfindung, die ihm nur minder kongruent ist, als 
wenn die unmittelbar verständlichen, wie Euphrosyne und Hesychia, 
angerufen werden. Personen sind auch diese: man kann sie doch 
leibhaft sehen, wenn man angebliche Abstrakta auf den Vasen als 
Weiber in der Umgebung des Dionysos findet (wo man nicht von 
Mänaden reden sollte), oder in anderer Verbindung auf den späteren 
Vasen mit Goldschmuck. Die angeblichen Personifikationen, z.B. von 
Rat und Volk usw. auf den Reliefs attischer Psephismen, sind gleicher 
Art. Und hat etwa Hesiodos die Fähigkeit gehabt, Abstrakta zu personi- 
fizieren, wenn er Dutzende soleher Personen einführt? Die Modernen 
verderben sich mit ihrer blassen Abstraktion, ihrem Wirtschaften mit 
Begriffen ganz und gar das Verständnis der wirklichen Religion, die 
etwas besseres ist als Theologie oder Mythologie. Wo der Verstand 


! Rwrgers van DEN Loerr, De ludis Eleusinüs, Leyden 1903, hat das treffend 
bewiesen. Als koyYpotpösoc kann man sie z.B. aus ihrem parischen Heiligtume gut 
kennen lernen, IG. XII 5, 183—209. 


332 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


etwas Abstraktes später einmal finden wird, ist für das Gefühl eine 
wirkende, lebendige Kraft gegeben, deren Macht der Mensch in sich 
oder an anderen wahrnimmt. Damit ist ihm ein Wesen gegeben, das er 
benennen und anreden kann, nötigenfalls auch in menschlicher Bildung 
wahrnehmen und darstellen. Für die Griechen war nun einmal jedes 
Wirkende und Lebende eine Person, eigentlich sogar schon für die 
Sprache, die daraus Mann und Weib gemacht hatte. Diese Besee- 
lung, die schließlich auch zu der Ausstattung mit einem Menschen- 
leibe führt, ist freilich etwas Schöpferisches, Poetisches; daher 
vermitteln uns die Poeten die wahre Religion, nicht die Theologen 
oder gar die alten Weiber, die sympathetische Kuren machen. Die 
Hesychia, die Pindar mit besonderer Innigkeit anredet, ist ihm gewiß 
nicht in wesentlich anderem Sinne ein Gott gewesen, als Goethen die 
Phantasie oder die Hoffnung oder die Wahrheit, aber lebendige Mächte 
sind diese auch für Goethe gewesen, und wem sie das nicht sind, der 
soll seine Finger nicht bloß von den Poeten, sondern auch von den 
Göttern lassen. 

Ein Satz in dem Proömium weist aus dem Zusammenhange hinaus, 
also auf etwas, das wir in dem Spätern suchen müssen, »unser Leben 
ist gemäß unserm persönlichen Potmos verschieden«. Das wird auf- 
genommen, wo Pindar in seiner Art geradezu sagt, daß er den bis- 
her verfolgten Faden fallen läßt und einen neuen aufnimmt, V.54 
®YÄl A’ EKACTOC AIABEPOMEN BIOTÄN, AAXÖNTEC Ö MEN TA TÄ A Annol. Hier 
macht die eyA den Unterschied, dort der Potmos'. Man sieht, wie 
sich das berührt. Unsre Lebensführung bestimmt sich danach, was uns 
angeboren ist oder auch was uns mit dem Leben »zugefallen« ist: in 
beidem liegt, wozu wir geboren sind. Das ist kein Determinismus, der 
den freien Willen aufhöbe; es können auch viele Anärkaı unsre #yYA be- 
meistern; aber freilieh wird das dann marÄ molpan sein, und wer aus 
seiner Bahn geworfen wird, wird auch Änortmoc werden. Man sieht, 


! Den führen unsere Mythologien nicht, und die Editoren gönnen ihm nur zum 
Teil einen großen Anfangsbuchstaben, wenn er Anaz heißt (N. 4, 92). Und doch 
»schreibt er uns das Ziel vor, zu dem wir ahnungslos streben« (N. 6, 7). Der cyrren#c 
TTörmoc entscheidet über alle Taten (N. 5, 40) und führt ein Geschlecht, das Schiff- 
bruch gelitten hatte, zum alten Wohlstand zurück (Isthm. 1, 39). Den Hieron begleitet 
immer eine MolPa eYAAimonlac (er hat immer ein Stück von Seligkeit; man kann auch 
eine Moira neben ihm stehend, oder auch ihn krönend denken), weil der große Potmos 
für den König vor allen Menschen ein Auge hat (P. 3, 85). An dem Gedeihen des Fürsten 
hat das Geschick der Welt ein Interesse. Diese Wertung des Potmos scheint allerdings 
speziell pindarisch. Die Niobe des Aischylos sagt (Fm. 159) »mein Potmos, der an 
den Himmel reichte, stürzt zu Boden und lehrt mich, Irdisches nicht zu hoch zu 
schätzen.« Das ist wirklich nur Metapher. Euripides sagt oft TINI TIöTMwI, wo es fast 
dasselbe wie TPöro! ist, Fall und Wendung. Man überlege sich, wie häufig AAIMoN für 
möTMoc eintreten könnte, was meines Erachtens zu AAlw gehört (üc TINEYMaN, CTHM@N). 


von Wıranowrrz-MoELLENDORFF: Pindar’s siebentes nemeisches Gedicht. 333 


wie die Sprache noch lebendig ist: Pindar und seine Leute hören in 
tötmoc das titten, in nAxecıc das narxÄneın, in molpa das meroc. Was 
in dem pAma steckt, wird im önoma als Person zusammengefaßt. Wem 
die Sprache lebendig ist, der versteht das Gefühl, und dann auch 
seine Exponenten, die Götter. Aus dem Gefühl aber sind auch die 
einmal geboren, deren Persönlichkeit uns und dem Volke, das wir hören 
und sehen, bereits als ein geschlossenes Individuum gegeben war. 
Deren cırönta Onömara werden freilich niemandem, am wenigsten den 
Exorzismen der Etymologie (selbst der richtigen) ihr Wesen offenbaren. 

Nachdem Pindar sein Thema angegeben und die bekannte Tat- 
sache konstatiert hat, daß die Tat des Kämpfers nur reflektiert von 
den Worten des Dichters dauert, fährt er fort: 


CO®0l AE MEANONTA TPITAION ÄNEMON 
EMABON OYA YTIO KEPAEI BAÄBEN. 
A®NEÖC TIENIXPÖC TE BANATOY TIAPÄ! 
CAÄMA NEÖNTAI. 


»Die Heldentat spiegelt sich nur in dem Liede, und die cosoi wissen 
den kommenden Wind zwei Tage vorher und lassen sich nicht durch 
Aussicht auf Gewinn verführen. Sterben muß arm und reich. Ich 
glaube, man erzählt von Odysseus mehr, als er wirklich durehgemacht 
hat”; das liegt an Homer, dessen trügliche Kunst ihn geadelt hat. Die 
cosia weiß ja zu täuschen, und die Menge ist blind’. Sonst, wenn 
sie fähig wäre, die Wahrheit zu durchschauen, hätte sich Aias nicht 
das Leben nehmen müssen. Aber die Todeswoge kommt über jeden, 
hoch und niedrig‘.« Der letzte Satz ist mit Anna rAp angeschlossen 


! Einen bessern Ausdruck, als daß sie "zum Ziele des Todes gelangen’, kann man 
nicht denken. Die Kontraktion von NneönTAl, die wir durch den Akzent bequem 
bezeichnen können, liefert untadelhaftes Versmaß; daß die anlautende Länge sonst als 
Doppelkürze erscheint, tut gar nichts. rIAPA am Versende steht genau so O. 9, 17, wo 
die Anastrophe der Modernen nur ein Scheinmanöver ist. Wer darf sich denn ge- 
trauen, für den Böoter zu bestimmen, inwieweit die Präposition einer eigenen Be- 
tonung fähig war. WIESELERS 8ANATOY TIEPAC AMA ist gewiß sinnreich, und obwohl Ama 
eigentlich simul ist, nicht pariter, mag man es angesichts von Stellen wie Ol. 8,45 er- 
tragen; aber die Notwendigkeit der Änderung leuchtet nicht ein. 

2 TINeoNA AÖroN A TIÄSAN ist nominal dasselbe A öcaA Enasen, wie OÖ. 12,8 TIPÄEIC 
ECCOMENA, ÖTWC TIPAZOYCIN. Die Sprache ist noch schmiegsam und verstattet verbalen 
und nominalen Ausdruck, wo später eins von beiden gilt. 

3 Mit A& reiht Pindar nur zu oft Gedanken aneinander, deren logisches Ver- 
hältnis durch diese Partikel gar nicht bezeichnet wird. Das ist ungelenk, und der Leser 
muß die richtige Beziehung aus sich hinzutun. 

* mece A’ ÄAÖKHTON EN Kal Aokeonta kann, da das Subjekt KYmA ist, sowohl be- 
deuten KAl T&I TIPOCAOKÖNTI ENETTECEN ÄTIPOCAÖKHTON, was hier gar nicht paßt, als auch 
KAI TÖI TIPOCAOKÖNTI Kal TÖI MA, denn das Adjektivum verbale kann sehr wohl aktive 
Kraft haben, oder aber Kal T®I eYaözul Kai mA, und dies ist wegen der Parallele Aoneöc 
TIENIXPÖC TE vorzuziehen, was man auch meist tut. Ob man das Adverb des Ortes EN 


334 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


und bringt genau denselben Gedanken wie oben »sterben muß arm und 
reich«; der Begriff der Gesamtheit ist nur durch eine andere komplemen- 
täre Halbierung gegeben, die hier in aor&wn AaökHToc an das trügerische 
Urteil der Menge gemahnt. Folglich heißt das »breechen wir ab und 
kehren wir zu dem angefangenen Gedanken zurück«. Der Satz » sterben 
müssen alle« ist von der Digression zu sondern und findet seinen Fort- 
gang in dem, was auf seine zweite Anführung folgt. An der ersten 
Stelle trennt ihn von dem Vorhergehenden das Asyndeton: es führt 
in den Sumpf, wenn man da eine Verbindung sucht. Denn was soll 
der Gedanke »wenn auch der weise Schiffer den kommenden Wind 
voraussieht und sich nicht durch das augenblickliche schöne Wetter 
verführen läßt, eine gewinnverheißende Fahrt zu unternehmen, so müssen 
doch alle einmal sterben«. Vielmehr geht der Gedanke des Eingangs 
darin weiter, daß die Heldentaten sich in dem Liede spiegeln und 
die cosoi ohne Rücksicht auf xeraoc den kommenden Wind vorher 
wissen. Die cosoi sind freilich zunächst die Wetterkundigen (keines- 
wegs bloß Schiffer, auch der Bauer braucht die Wetterprognose, und 
der Schäfer Thomas versteht sie), aber wer bei Pindar cosöc hört, der 
denkt sofort an die Diehter, von denen eben die Rede war, und hört 
unter dem Bilde, daß der Dichter unbeirrt durch den Vorteil, den ihm 
die Rücksicht auf die Stimmung des Momentes bieten könnte, weiß, 
wie man später der Wahrheit die Ehre geben wird. Dieser Gedanke, 
unausgesprochen freilich, führt zu dem allgemeinen Satze von dem 
Tode, der alle erwartet, und von selbst ergänzen wir den notwendigen 
Fortgang »aber den Nachruhm gibt nur der Dichter«. Dazwischen 
drängt sich ein Exempel, das zwar die Macht der cosia ebenso be- 
weist, die auch wieder genannt wird, aber freilich so, daß der Dichter 
selbst mehr als verdienten Ruhm zu verleihen vermag. Das muß eine 
neue Begründung erhalten und findet sie in der Urteilslosigkeit des 
Publikums. Nur dafür ist der Äginete' Aias, den in der kleinen Ilias 
ein ungerechter Richterspruch der Achäer in den Tod trieb, ein Bei- 
spiel. An den in attischem Sinne coeö6c Odysseus und die Redekünste, 
die er in den späteren Arönec aörwn bewies, darf man nicht denken. 
Man mag es tadeln oder loben, daß Pindar die Ausführung über die 
trügliche Diehtkunst Homers zwischengeworfen hat, nachdem er be- 
reits einen neuen Gedanken begonnen hatte, so daß er nachher den 


zum Verbum oder zum Nomen näher bezieht, verschlägt nichts; seine Akzentuation ist 
ganz ins Belieben gestellt: die sarela bezeichnet ja doch nur Tiefton im Satze, genau 
dasselbe wie kein Akzent. 

! 27 spielt auf Alkaios oder ein aus diesem abgeleitetes Skolion an, dessen 
schlichte Worte unverhältnismäßig aufgeputzt sind. Ich habe das früher ausgeführt, 
Arist. u. Athen 2, 320. 


; : e 2 96 
von Wırauowrrz-MoELLENDORFF: Pindar's siebentes nemeisches Gedicht. 335 


Anfang wiederholen muß: daß er es getan hat, ist unbestreitbar; dem 
hat also die Interpretation zu folgen. Wenn ihm bei der Behauptung 
von der Unbestechlichkeit des wahren Dichters einfiel, daß ein Diehter 
freilich auch das Urteil der Nachwelt zu trüben vermöchte, und er das 
nachtrug, so kam ihm besonders darauf etwas an, die Urteilslosigkeit 
des Publikums zu konstatieren, denn um so wichtiger war es, daß 
ein ehrlicher Dichter sich eines toten Helden annahm. Das wird, wenn 
auch unausgesprochen, in dem folgenden wichtig werden. Die Stimmung 
also ist einheitlich und erzeugt die Wendungen des Gedankenganges. 
Gewiß ist der Ausdruck ungelenk; aber wenn man nur die Worte 
ganz scharf interpretiert und daneben die Stimmung von innen heraus 
erfaßt, so kann gar kein Zweifel bleiben'. 


»Sterben müssen alle, TImA A& rIrneTAı 
ÜN BEÖC ÄBPÖN AYEZHI” AÖTON TEONAKÖTWN 
BOABOWN " TOI TIAPÄ METAN ÖMBAAON EYPYKOATIOY 
MÖAON X80NÖc, EN TIyeioıcı A& AATIEADIC 
Keltaı TTpıAmoy TIönın Neortönemoc Emel TIPÄABEN. 


Darin ist mar aus den Scholien eingesetzt; die Handschriften geben 
toırp, was Pindar nicht hat, auch nichts ähnliches: es widerstreitet 
auch dem sonst innegehaltenen Maße. Ferner gab es schon im Alter- 
tum sowohl mönon wie mönen. Es ist also eine anerkannt unsichere 
Stelle. Uns hilft die Einsicht in den Zusammenhang. Der Gedanke, 
daß alle sterben müssen, erfordert das Komplement, »und Ehre findet 
nur, wem nach dem Tode Gott eine süße Rede gedeihen läßt, die 
imstande ist, das Urteil der blöden Menge richtigzustellen«. Mit an- 
dern Worten, reenakötun gehört unbedingt zu üön. Der neue Satz be- 
ginnt mit Toi: was dazwischen steht, kann also nur soAeewn oder 
Boasdon sein, was beides auch schon vermutet ist; keins von beiden 
ist im Grunde eine Änderung. Vorzuziehen ist natürlich das zweite, 
denn zu Hilfe kommt eben der äspöc aöroc, und G. Hermann, der so 
geschrieben hat, hat auch schon an die Emikoypoc nörwn daöc Ol. I, 1IO 
erinnert. In dem neuen Satze muß der Übergang zu Neoptolemos 


! Ich darf hier noch nicht in Rechnung setzen, was später herauskommt, daß 


ihm vorgeworfen war, er wendete seine coela dazu an, den Ruhm eines toten Helden 
zu verkleinern, der Gedanke ihm also nahelag. Wer darum wußte, wie das Publi- 
kum, für das er zunächst dichtete, der verstand es leicht, »nur der Dichter vermag 
dem Helden den Nachruhm zu bewahren, und der Dichter ist nicht so blind wie die 
Mitwelt. Das heißt, er kann gewiß auch zu viel sagen, aber ich bin für Neoptolemos 
vielmehr als BoHeöc aufgetreten«. 

® Den Konjunktiv geben die Scholien wieder; daß die Handschriften AYzeı 
haben, ist ganz gleichgültig; für ihre Schreiber und die Schreiber ihrer Vorlagen, ja 
schon für die alexandrinischen Schreiber, klang beides gleich, die letzteren schrieben 
es auch gleich, und Pindar, der es verschieden sprach, hatte es doch gleich geschrieben. 


336 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


gemacht sein. Das versucht die unzulässige Änderung ToırAr; das 
Relativ roi ist überhaupt nicht möglich, seitdem es nicht mehr auf 
unvorstellbare soaeödoı bezogen werden kann: die beiden Fehler be- 
dingen einander. Nach Delphi ist Neoptolemos freilich gekommen, 
und so könnte er Subjekt sein, falls man mönen schriebe: aber gerade 
weil sich der Singular konstruieren läßt, ist er verdächtig. Denn 
daß Delphi mit verschiedener Umschreibung zweimal bezeichnet wird, 
sprieht entschieden dafür, daß die beiden Verba auch zwei verschie- 
dene Subjekte hatten; auch die Stellung von Neorröremoc spricht da- 
gegen, daß er schon mönen regiert hätte. Kurz und gut, es ist wieder 
eigentlich nur eine andere Deutung der Überlieferung vorzunehmen 
und Toi in röı zu ändern', dann ist alles vorzüglich. Denn dann wird 
mönon erste Person; der Anschluß ist genau wie Isthm. 8, 6 Töı kai 
erw alteomal. »Darum (nämlich als Träger des nöroc soHeöc) bin ich 
nach Delphi gegangen, wo Neoptolemos begraben liegt.« Ein besserer 
Übergang zu der Geschichte von Neoptolemos ist gar nieht denkbar. 
Diese Geschichte wird dann so erzählt, daß sie ihm wirklich die Ehre 
wahrt oder herstellt. Sie gipfelt darin, daß er durch einen unglück- 
lichen Zufall sterben mußte, weil ein Aiakide im Heiligtume sein 
sollte, um bei den Festopfern auf Ordnung zu halten’. »Für eine gute 
Sache werden drei Worte genug sein (d. h. weiter brauche ich nicht 
zu erzählen): nicht trügt der Zeuge für die Taten deiner Söhne, 
Aigina«, d. h. die Ehrenstellung, die Neoptolemos noch jetzt in Delphi 
einnimmt, ist der beste Beweis für seinen Wert und den seines Ge- 
schlechtes. Auf dieses wird der Ruhm ausgedehnt und Aigina selbst 


' Die Korruptelen sind älter als Aristophanes von Byzanz; wundern können 


sie uns nicht, denn die Handschrift der Päane hat die Festigkeit des Textes neben 
kleinen Varianten am Rande bestätigt (die für unsere Bücher meist verschwunden sind, 
also durch Konjektur ersetzt werden müssen, soweit sie das richtige boten). Aber sind 
es nicht bloß falsche Deutungen? Pindar sprach kein o1; ob er es geschrieben hat, 
ob er überhaupt @ geschrieben hat, wüßte ich nicht zu entscheiden; daß sein Text 
der konventionellen Iyrischen Sprache des 5., 4. Jahrhunderts angeglichen ist, liegt 
zutage. Es ist sehr wohl denkbar, daß er das jonische H, aber nicht das & verwandte. 
Auch die Korinther unterschieden die e-Laute, aber nicht langes und kurzes o. 

2 38 Monocclac A’ EMBACINEYEN ÖNIFON XPÖNON. ATÄP TENOC Acl BEPEI TOYTO Ol TEPAC. 
Da hat »ereı D gegen »eren B, Ecxen erklären die Scholien; man sieht, wie sie 
den Aorist für das Imperfekt einschwärzen, das nur erträglich wäre, wenn zu Pindars Zeit 
das Geschlecht erloschen gewesen wäre. Aus D hat OÖ. Scurozper gleich darauf sehr 
richtig das rare KTEATA aufgenommen. Wir lernen aus den Päanen, daß Pindar sich 
AEMAI erlaubt hat (6, So) und HToPi 6, 12; dies kannten wir zwar aus Simonides (36, 6), 
aber mit der Variante Heel. Alles sind merkwürdige Künsteleien, von denen die 
lebendige Sprache nichts wußte; die Athener weisen sie mit richtigem Sprachgefühle 
ab. 44 steht expAn als Spondeus und ist nicht zu vertreiben, also eine Mißbildung, 
die sonst erst bei Euripides eindringt. Pindar muß also hier einen Vulgarismus zu- 
gelassen haben, den er und die gebildete Sprache überhaupt sonst noch lange vermied; 
er hat sich in diesen Gedichten wirklich noch etwas gelıen lassen. 


von Wiranowerz-MoELLENDoRFF: Pindar's siebentes nemeisches Gedicht. 337 


angeredet, weil Pindar auf Aigina spricht: epacy moi T6A’ eittein AcN- 
NAIC APETAIC ÖAON KYPIAN AÖTWN OIKÖBEN. 

Hierin könnte der Akkusativ nur Apposition zu Töae sein; das 
Verbum substantivum läßt sich nicht ergänzen, und es würde auch 
keinen Sinn geben ich behaupte dies zuversichtlich, nämlich daß es für 
große Vorzüge einen Weg von Hause aus gibt .... Aber nicht besser 
ist ich habe den Mut, dies zu sagen, nämlich einen Weg der Rede 
..... Einen Weg sagt man nicht, den findet oder sucht man, wie es 
Ol.ı, 110 heißt, an der Stelle, aus der oben die öAöc nörwn Enikovyroc als 
Parallele zu dem nöroc soHeöc anzuführen war. Offenbar steht die Er- 
klärung »dies kann ich mit Zuversicht behaupten« parallel zu »drei 
Worte sind genug«. Das deiktische Pronomen hat bei Pindar immer 
volle Kraft, schärfer als im Attischen. Es bedeutet hier » diese meine 
Behauptung«, ganz im allgemeinen, also das Lob des Neoptolemos und 
der Aiakiden. Das duldet keine Apposition; wir erwarten eine Begrün- 
dung, wie sie eben asyndetisch hinter TPia Eriea alarkeceı stand. »Strah- 
lende Tugenden haben von Hause aus eine Kyria önöc nörwn«; sie lie- 
fern selbst die AsopmA; KYrioc steht wie in KYrıoc mAn (O1.6, 32) und 
in Kypla Hmepa ErkaHcla nezıc. Es ist also ein alter Fehler zu tilgen; der 
Nominativ war durch falsche Verbindung in den Akkusativ umgesetzt, 
wie gleich nachher (60) cyYnecın in den Nominativ. 

So ist Pindar am Ende der Neoptolemosgeschichte zu ihrer Ein- 
führung zurückgekehrt. Er war mit einem soHeöc nöroc für Neo- 
ptolemos nach Delphi gegangen; wenn er dessen Geschichte hier wieder 
erzählt, so muß jener frühere nöroc nieht genügt haben. Daher be- 
tont er am Ende, daß er seiner Sache ganz sicher sei, liege doch 
in dem delphischen Kulte des äginetischen Helden das beste Zeugnis 
für dessen Würde, und wiesen die Taten der Aiakiden überhaupt 
ihrem Lobe von selbst den Weg: ayYroi Eaytolc BoHeoFcın. Unmöglich 
wird er sich früher mit ihrem unwidersprechlichen Zeugnisse in 
Widerspruch gesetzt haben, vielmehr war er auch vorher als ihr soHeöc 
aufgetreten. Er ist doch ein co#ö6c und wird sich durch die Aus- 
sicht auf momentanen Effekt nicht haben verführen lassen, da er vor- 
aussah, wie bald der Rückschlag eintreten müßte. 

Nun bricht er ganz wie oben (30) mit AnnA rAp ab »aber Abwechs- 
lung verlangt man überall«. Das ist ein ihm geläufiger Übergang, der 
nur etwas geschmückt wird. Es kommt also etwas Neues. ®yAı a’ Eka- 
CTOC AIABEPOMEN BIOTÄN, AAXÖNTEC Ö MEN TA, TA A Annoi'. Das greift, wie 
wir sahen, auf das Proömium zurück. »Unser Leben verläuft je nach 


! Ich habe interpungiert, damit man BIOTAn richtig zu AlAwEPOMEN ziehe; nach 
dem, was wir mitbekommen, differenziert sich unser Leben. 


338 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


unserer besonderen Anlage verschieden. Volle eYarımonia zu gewinnen, 
ist unmöglich; wenigstens wüßte ich keinen zu nennen, dem es beschie- 
den gewesen wäre. Du Thearion hast ein angemessenes Teil davon (önsoc 
gleich eyarımonia), denn du hast die Initiative zum guten (ehrenhaften), 
und das beeinträchtigt doch deine Einsicht nicht (du bleibst bei allem 
Unternehmungsgeist besonnen). Mir als Fremdem liegt jede Mißgunst 
fern! (kakonöroı a& monitaı Pyth. 11, 28), ich will dieh, meinen Freund, 
mit echtem Lobe erquicken; für einen Ehrenmann ist das der beste 
Lohn.« Wenn der Vater des unmündigen Siegers diese nicht gerade 
übertriebenen Komplimente erhält und Pindar sein Wohlwollen noch 
besonders betont, so tut er dieses wohl auch, weil es auf seine Stellung 
zu Neoptolemos ein Licht zurückwirft; man wird aber schließen, 
daß Thearion nicht ganz zufrieden mit seinem mörmoc war und auch 
bei seinen Mitbürgern nicht ungeteilte Anerkennung fand. Zum Ath- 
leten war er nicht geschaffen und etwas Besonderes hatte Pindar 
nicht zu rühmen. »Wenn ein Achäer von dem fernen ionischen 
Meere (also einer der mit Neoptolemos aus Phthia nach Epirus ver- 
schlagenen Achäer) in unserer Nähe ist, wird er mir auch keine Vor- 
würfe machen. Ich vertraue auf meine Proxenie und zu Hause brauche 
ich meine Augen nicht niederzuschlagen; ich halte mich von Hoch- 
mut frei und stoße alle Gewaltsamkeit von mir: möge die Zukunft 
gnädig sein (für meine Zukunft wünsche ich eYerocynH). Erst unter- 
richte man sich, ob ich ein schiefes Wort gesprochen habe (was man 
ja nun nach meiner Erklärung tun kann) und proklamiere danach 
sein Urteil’.« Nachdem Thearion abgetan ist, redet der Dichter von 


ı Didymos hat dies richtig gefaßt; das Lob wird mit dem Wasser verglichen, 
weil es den Ruhm nährt, Nem. 8,40. Nur der metrische Anstoß bleibt, daß zeinoc 
EIMI CKOTEI- — v — vu — gemessen werden soll. Bekanntlich kennt das Epos so etwas 
nur im Falle von Verszwang; Homer nur bei dreisilbigen Wörtern von der Messung 
»- = mit doppelkonsonantischem Anlaut (unvermeidliche Eigennamen außer CKETIAPNON, 
bei dem aber das anlautende c abgefallen sein kann), Hesiod einmal bei dem iambischen 
ckıf; dies eine Nachlässigkeit, da es sich vermeiden ließ. Das würde für Pindar hier 
genau so gelten. Vielleicht ist aber zenoc zu sprechen und die freie Responsion 
vu - u - anzunehmen. Wenn Schrorper den bekannten Wechsel von Choriamb und 
Diiambus hierher zieht, so ist das unzulässig, weil hier eben keine Choriamben vor- 
handen sind. 

2 Anepel natürlich Futurum von AnarorpeYein; nicht sich allein soll er ein Urteil 
bilden, sondern es öffentlich erklären, als ein Herold für Pindars Unschuld. Das 
Futurum hat bei Pindar ganz gewöhnlich die Bedeutung des Optativs mit An; der 
reine Optativ tritt auch so auf: aber das Futurum mit An ist ein Scheusal, für das 
freilich immer wieder Liebhaber auftreten. Ol. 1, 109 hat O. ScuroEpeEr es durch eine 
treffende Emendation vertrieben, auf die ihn die Recensio führen mußte. Auch in 
dem so seltsam mißdeuteten megarischen Epigramm hat Sornsen (Athen. Mitteil. 31, 342) 
diesen einen Fehler leider sogar verteidigt. TAI A’ Entilaec, Al TE KA ANH, K’ Al K' ÄAH, BAYAN 
tÄAe TPOTIOI (d. i. TPOTIWI) TIöNEoC, d. h. ENTIIZOMEN AE BAYEIN AYTON ENeAAe (in diesem 


von Wiramowrrz-MoELLENDoRFF: Pindar’s siebentes nemeisches Gedicht. 339 


sich. Den gewiß unwahrscheinlichen Fall, daß ein Epirote in der 
IKorona anwesend sein könnte, die sich um das Haus des Thearion 
bei dem Feste versammelt hat, fingiert er, damit er sich auch von 
len Landsleuten des Neoptolemos das Zeugnis geben lassen kann, 
kein schiefes Wort gesagt zu haben. Da er durch die Verleihung 
der Proxenie den Molossern (an deren Staat ist nur zu denken) ähn- 
lich wie ein Bürger verbunden ist, werden sie ihn nicht anders be- 
urteilen wollen als seine Thebaner, auf deren notorisches Urteil er 
sich berufen kann. Und jedenfalls sollen alle seine Verteidigung nur 
hören, dann werden sie ihn schon freisprechen. 

ir besaß also schon die Proxenie der Molosser. Wer aus den 
Inschriften diese Dinge richtig schätzen gelernt hat, wird zwar nicht 
zweifeln, daß Pindar im Laufe der Zeiten sehr viele solche Dekorationen 
erhalten hat, aber ohne besonderen Anlaß schwerlich. Der ist natür- 
lich nicht zu raten, doch denkt man daran, daß er ein Kultlied 
für den Zeus von Dodona gedichtet hat. Proklos führt in der Chresto- 
mathie als eine besondere Gedichtgattung neben dem AArenHeoPIKön, das 
wir aus Pindar kennen, ein TPıroaHsorıkön, das die Thebaner bei einer 
Prozession nach Dodona sangen. Es liegt sehr nahe, auch dies auf Pin- 
dar zu beziehen, der also zu Hause Verbindungen mit Dodona vorfand. 

Nun kehrt er mit voller Anrede des Siegers in seine Umgebung 
zurück. »Sogenes, ich schwöre dir, ich bin nicht beim Speerwerfen 
zu weit vorgetreten, so daß ich nicht zum Ringen zugelassen wäre, 
was freilich blaue Flecke’ spart.« Der Knabe hatte den Fünfkampf 


Kenotaph), EAN TE AnnH Kal EAN AnnH Al, d.h. KEHTAI oder #EPHTAI TO COMA AYTOY. 
Durch die Wiederholung eite AnaH elite AanH wird die Verallgemeinerung wbi ubi be- 
zeichnet; die disjunktive Verbindung ist ebenso berechtigt wie die konjunktive. TÄ 
EPYEPA AANH KAl Anah EreYeı Hippokrates 1. YrPön xPfcioc XI 445 Cn. 

! EYzeniaA TIATPABE Cürenec ATIOMNYo, damit respondiert KOANAI XPYCON EN TE NEYKÖN 
ENESANO ’ÄMA, also -35- | v-u- | vw-u-: damit, daß man Kürzezeichen darüber setzt, 
wird der Vokativ der ersten und die Stammsilbe von xPycöc nicht kurz. Weder die 
lesbische Deklination noch die Verkürzung von XPYceoc und anderen Weiterbildungen 
können hier etwas ausmachen. In den anderen Strophenpaaren entspricht Ze | 
vuu—u-, steht also das Telesilleion. Identisch ist das nicht, aber ein Dimeter ist es 
auch, und seit ich gezeigt habe, daß es (normal) achtsilbige Verse gegeben hat, die 
erst allmählich als Dimeter oder ‘äolische Kola’ differenziert sind, muß man auf ähn- 
liche freie Responsionen gefaßt sein, wie wir sie für die viersilbigen Metra kennen. 
Aber überhaupt soll man in Maßen, deren Bau wir erst allmählich lernen, metrische 
Singularitäten, wenn die Worte kritisch unanfechtbar sind, nicht nur nicht vertilgen, 
sondern ganz besonders aufmerksam verfolgen, damit man die Metrik lernt, die die 
Muse kunstvoll gebildet hat, was schwerer ist, als Systeme zu offenbaren. eiPein 
CTE®ANOYC EnA®PöNn, aber Blumen welken. 

2 AYXENA Kai CoeNoc ÄAIANTOC. Dies Wort verstand ich nicht, als ich es zu Bak- 
chylides 17, 172 besprach (Gött. G. A. 98, 154), aber ich forderte das richtige. Jese 
redet noch von “unbenetzt’. Es ist AAIÄNTOC, von AINEIN KATAKÖTITONTA TITIccein, Phot. 
Berol. ANANTA. 


340 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


nach allen Regeln durchgemacht, und die blauen Flecke werden nicht 
gefehlt haben. Wenigstens dieser Scherz wird also dem Jungen ver- 
ständlich sein und Spaß machen; sonst ist das Gedicht ja nichts für 
ihn. »Ich habe nicht zuerst durch etwas Inkommentmäßiges die Zu- 
lassung zur weiteren Konkurrenz verwirkt, sondern ganz wie du auch 
die Lasten und Schmerzen des weiteren Kampfes getragen. ei mönoc 
ÄNn, TO TEPTINON TIAEON TreAepxeTAl.« Das kann nur bedeuten, daß diese 
Schmerzen freilich weh tun, aber der Genuß doch überwiegt. Für 
wen? Für den Sieger natürlich, also hier für Pindar, denn er redet 
ja von sich und ranaicmata und riöncı sind bildlich. Da das Vorige 
durch die Scholien aufgeklärt ist (ich mag wenigstens kein Wort an 
moderne Künsteleien verlieren), ist am Sinne kein Zweifel. Nur glaube 
ich nicht, daß die dritte Person reaerxeraı erträglich ist, so oft auch 
die alte Sprache das unbestimmte Subjekt unbezeichnet läßt: was 
wir fordern und was mit einem Schlage die ganze Partie lichtvoll 
macht, ist so gar billig zu haben: meaerxomaı. »Ja, mein lieber Junge, 
ich habe auch kämpfen müssen, auch manches auszuhalten gehabt, 
aber nun nach dem Erfolge ist das alles vergessen. Laß mich ge- 
währen; dem Sieger, also dir, zu Gefallen will ich gern zurücknehmen, 
wenn ich in meinem lauten Rufe etwas zu weit gegangen bin.« Also 
zu weit gegangen ist Pindar vielleicht; es war nur kein Verstoß, 
der ihn von der Konkurrenz ausschlösse, und um dem Sieger eine 
Freude zu machen, ist er bereit, ein zu lautes Wort zu revozieren. 
Was das ist, sagt er nicht; natürlich dasselbe, was möglicherweise 
auch der Epirote übel deuten könnte. »Kränze winden ist leicht; 
das schiebe hinaus (das kann dir jeder leisten, wenn du danach noch 
verlangst): die Muse verarbeitet Gold, Elfenbein und weiße Korallen. « 
Die hohe Kunst der Muse, meine Kunst, tut mehr, als Kränze winden: 
sie liefert ein kompliziertes Schmuckstück, in dem das Disparate ver- 
einigt ist. Gewiß ist dabei an einen goldenen Kranz gedacht im 
Gegensatz zu einem Blätterkranze'); gewiß ist es interessant, zu lernen, 
daß man damals, in einer Zeit, die Edelsteine noch sehr wenig an- 


! Es scheint, daß Simonides einmal die cTesHTAöKol, die nur nach Farbe und 
Geruch die Blumen auswählen, und die Bienen, die selbst den härtesten und herbsten 
Kräutern den Honig zu entnehmen wissen, in Gegensatz gestellt hat (Plutarch de 
audiendo 8, de prof. in virt. 8, de amor. prol. 2, Julian 8 p. 241a; Theodor. Prodr. epist. 
10 bei Craner An. Ox. 3, 173 lehrt nichts über diese Stellen hinaus), und dann ist 
sehr wahrscheinlich, daß die Biene der Dichter oder der wahre Diclter war, wie bei 
Aristophanes Vög. 746, Horaz IV 2, 29 (wegen des Thymian sicher nach Simonides, 
aber der Gegensatz zu Pindar ist horazisch). Aber der Niederschlag in zwei Simonides- 
apophtheginen (Srernzach, Comm. Ribbeck. 358) hilft auch nicht zu sicherem Verständ- 
nis. Um so weniger kann man eine Beziehung zwischen der Simonideischen und dieser 
Pindarischen Stelle erschließen, obwohl sie vorhanden gewesen sein ınag. 


von Wiıranowrrz-MoELLENDorRFF: Pindar’s siebentes nemeisches Gedicht. 341 


wandte, außer Elfenbein auch Korallen, und zwar weiße, mit Gold- 
schmuck vereinigte (die Archäologen mögen nach solchen Stücken 
Umschau halten); aber wir suchen hier den Sinn, der sich hinter der 
Metapher verbirgt. »Ein gewöhnliches Siegeslied mußt du heute nicht 
verlangen; das kannst du dir immer noch machen lassen. Meine 
echte Musenkunst macht etwas Komplizierteres.« Was sie macht, 
ist natürlich eben unser Gedicht, in dem Disparates vereinigt ist, was 
Pindar gleichzeitig entschuldigt und als einen Vorzug hinstellt. Eine 
frühere gewagte Äußerung revoziert er dem Sieger zuliebe, fühlt 
sich aber als der unangreifbar überlegene Dichter, da er das Lied 
auf den Ägineten hat machen dürfen, während manche ihm wegen 
jenes halb und halb eingestandenen Fauxpas das weitere Auftreten 
verwehren wollten. Es ist aber auch ein künstlerisches Bekenntnis, 
wenn er sich über ein bloßes Siegeslied so vernehmen läßt. Seine 
Weise muß doch wirklich von den gewöhnlichen Epinikien stark ab- 
gestochen haben; Bakchylides hat es anders gemacht, und wo er 
Ähnliches versucht, pindarisiert er eben. Wie sollte er nieht vielen 
besser gefallen haben? Wie sollte nicht Pindar eine Zeit des Kampfes 
durchgemacht haben, ehe sein Dichterruhm so fest stand, daß man auch 
seine Härten und Dunkelheiten in den Kauf nahm. Vor der sizili- 
schen Reise, als er außer für Aigina, soviel wir wissen, nur für Nord- 
griechenland dichtete, hatte er diese Stellung noch nicht; seine Weise 
ist aber in den ältesten datierten Stücken, P.10. 12.6, schon völlig 
ausgeprägt, und er hat hier kein unpassendes Bild für sie gefunden. 

Im Gegensatz zu dem allzu lauten Rufe, den er zurückgenommen 
hat, erklärt er nun dem Zeus von Nemea, der bei dem nemeischen 
Siege Erwähnung forderte, leise' ein Lied singen zu wollen, denn hier 
gebühre ihm eine Erwähnung mit bescheidener Stimme; hier habe er 
den Aiakos, nämlich mit der Aigina’, erzeugt. 


EmAI MEN TIONIAPXON EYWNYMWI TIÄTPAI, 
"HPAKneeC C&o A& TIPOTIPHONA ZEINON ÄAEABEON TE" 


1 gemepAı örı hat D, eamepAı B. Selbst wenn dieses eine Variante ÄmeraI liefert, 
verdient sie nicht den Vorzug. Paßt denn Hmeroc, der Gegensatz von Arrioc® Hatte 
Pindar wie ein Tier oder wie ein Barbar gebrüllt? eemeröc ist doch zu rar, als daß 
es Schreibfehler sein könnte, und wie passend es ist, lehrt die eemerärnc Alaoc der 
Okeaniden, Aisch. Prom. 134. Gewiß, die Kongruenz der entsprechenden Verse ist 
dann aufgehoben; aber das anapästische Metron gleich dem Dochmius ist im Drama 
notorisch. 

2 Auf den Namen kommt es an; der wird auf Aigina in Yrıö MATPOAöKOIC FONAIC 
verstanden. 

® TIPOTIPEÖNA MEN ZEINON überliefert mit der Erklärung mpöeymon. Die Verbesse- 
rung stammt von Berk, der sie freilich verschmäht hat. men ist erst eingesetzt, den 
Vers zu füllen, als rırormfona geändert war, warum, weiß ınan ebensowenig wie man 


342 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


Auf Herakles will er hinaus, weil dem das folgende gilt; darum redet 
er ihn hier schon an. Eine Beziehung von ihm zu dem eine Genera- 
tion ältern Aiakos konnte von der Sage nicht wohl gegeben sein, und 
Pindar bringt auch nur Allgemeinheiten. Vielleicht vermittelte der 
zwischenstehende Satz. Aber zu welcher Stadt stand Aiakos im Ver- 
hältnis des rroniarxoc? Zu Aigina, sagen die meisten seit alter Zeit 
und suchen das durch Interpretation oder Änderung (&Aı) hineinzu- 
zwängen. Aber daß der Sohn Aiginas auf Aigina herrschen wird, 
ist selbstverständlich. »Als Stadtherrscher für sein eigenes Vaterland « 
das taugt nichts; der Stadtherrscher oder das Vaterland ist überflüssig. 
»Meine Stadt« kann bei Pindar nur Theben sein, und neben Herakles 
wird eben dieses erwartet. Aber was bedeutet moniarxoc? Ein Scholion 
ist nicht erhalten; in der Paraphrase steht soneöc. Belegt ist das 
Wort außer als Eigenname nur bei dem Verfasser des Rhesos 381, 
wo der Chor der Troer zu dem heranziehenden Bundesgenossen Rhesos 
sagt KAnöN @ OPÄIKH CKYMNON EePEeYac TIONIAPXON Taein. Da ist »Stadt- 
herr« unsinnig, soHeöc passend. Der Verfasser des Rhesos hat nach- 
gewiesenermaßen Böotismen': so dürfte auch dieses einer sein, über 
dessen Ursprung in dem böotischen Bundesstaate man leicht etwas ver- 
muten, aber zur Zeit nichts beweisen kann. Bei Pindar wird also 
die Überlieferung und die Paraphrase nicht angetastet werden dürfen, 
aber freilich als etwas Unverstandenes, denn auch von einem Hilfs- 
zug des Aiakos für Theben ist uns nichts bekannt, und hier muß eine 
bestimmte Geschichte gemeint sein”. 

»Schon unter Menschen ist ein guter Nachbar höchst erfreulich, 
und wenn gar ein Gott ein solches Verhältnis aufrechthält’, da wird 


die Glosse rIPdeymoc versteht. TIPOTIPH@N, -onoc lıat Choeroboskos (Herodian) I 71 Gais. 
notiert, neben TAIH@N, das genügt, TIPOTIPH@N gegen SCHROEDERS Vorwurf foedus tonis- 
mus zu verteidigen, TIPFHÖN — TIPON ist bekannt und steckt in rIPAon Yrıepexon bei Hesych. 
Es mag also den Gastfreund bezeichnen, der ein überragender, schützender Patron ist. 
Natürlich bleibt ein solches Araz Kelmenon halb unverständlich. 

! Berliner Klassikertexte V 2, 28. 

® N.8 hören wir, daß der Herrschaft des Aiakos sich Spartaner und Athener 
fügten (d. h. alle Griechen; gesagt natürlich, als die beiden sich in die Hegemonie 
teilten, was schon allein das Gedicht einigermaßen datiert, nach 478). Dann taten es 
natürlich auch die Thebaner. Eine solche Suprematie liegt in dem äginetischen Kult 
des Zeus TTanennAnioc, aber es braucht nicht mehr als dieser Kult und sein AITIoN 
(Diodor IV 61) darin zu liegen. Für Nem. 7 läßt sich das nicht verwenden. 

® ANEXEIN im Sinne von BACTÄZEIN AYZANEIN TIMAN war den alten Grammatikern 
bekannt, deren Erklärungen der Thesaurus zusammenstellt. Hier gibt die Paraphrase 
TIAPEXxOI (in TIAPEXeI verschrieben). Aber ein Grammatiker verband falsch ei A&, oeöc 
ToYT’ AN Exol, und dem folgen die Scholien und die Betonung der Handschriften, und 
da sie nur an abgeteilte, akzentuierte Texte gewöhnt waren, ließen sich Hermann und 
Boecku von AN €xoı als etwas Überliefertem imponieren. ei A& eeöc TOYT’ Ane&xoı (TOYTo, 
nicht xAPmA, sondern was als solches prädiziert ist, also die Nachbarschaft), En TIN 
K’ &oenoı Corenhc EYTYxÖc NAlein. Das ist unlogisch zusammengezogen für eyryxHc 


von Wıramowriz-MoELLEXDoRFF: Pindar's siebentes nemeisches Gedicht. 343 


Sogenes unter deinem Schutze, Herakles, seinen Vater beglückend auf 
dem väterlichen Gute wohnen'; dir gehören ja die beiden Nachbar- 
grundstücke’. So bitte denn Zeus und Athena (die dir in deinem 
Leben beigestanden haben), und du hast auch selbst die Kraft, den 
Menschen in manchen Lagen zu helfen. Mögest du sie denn (Vater und 
Sohn) durch Jugend und Alter in Glückseligkeit geleiten und ihre Kin- 
deskinder in gleichen oder höheren Ehren halten.« Alles ist auf den 
Augenblick berechnet, wo das Lied auf dem Hofe T'hearions angesichts 
der Heraklesgrundstücke gesungen wird; Hsa und r#rac gemahnen an die 
Eileithyia des Einganges, und das Kind wird nicht als Sieger, sondern 
als Hoffnung des Vaters bedacht. Ein volltönender herzlicher Schluß. 

Und doch kommt noch ein für unser Gefühl störender Nachtrag, 
»niemals werde ich zugeben, den Neoptolemos mit unpassendem Worte 
angegriffen zu haben: aber zwei-, dreimal dasselbe zu sagen, macht 
nur den Eindruck, als wüßte man sich nicht zu helfen, wie den Kindern 
der marynakac Aıöc Körineoc”. Ein Beispiel erläutere diesen: es geht 
ein Wanderer durch ein Dorf, die Kinder laufen ihm nach und hänseln 
ihn: er scheucht sie zuerst mit dem Fluche »der Teufel holt euch«; 
aber als er auf erneute Belästigung immer wieder mit demselben Fluche 
kommt, merken die Kinder seine Atmopia, und der Teufel wird ihnen 
ein Hund, der nur bellt, aber nicht beißt. Die Grammatiker, die das 
Spriehwort mit Berufung auf diese Stelle em T@n Em’ oYaeni Teneı Arei- 
AOYNToNn gesagt nennen, haben es richtig aufgefaßt'. 


AN EIH 6 EN AYTGI NAION, OION NYN En coli Curenuc. Man will das jetzt vermeiden, in- 
dem man hinter dem zweiten Bedingungssatze den Nachsatz (monY mAanon) unterdrückt 
glaubt und dann einen neuen Satz asyndetisch beginnen läßt. Auf dem Papier geht 
das mit einem Gedankenstrich; aber gesprochen kann man es nicht verstehen, denn 
was auf den Bedingungssatz folgt. hat ganz die Form seines Nachsatzes. Also ist die 
Inkonzinnität hinzunehmen. 

1 EN TIN K’ eaenol ... EYTYXÖC NAIEIN TIATPI CWrENHC ATANON AMBETIWN OYMÖN TIPO- 
FÖN®N ArYIAN. Darin ist ATANON AMoeTIo@N eYMmön Periphrase des Homerischen ATANA 
®PONeEon und bezeichnet nur das Kindesalter des Sogenes; den Dativ maTpi könnte es 
niemals regieren. Der gehört also zu eyTyxöc wie eyryxäc TAı mröneı Euripides Plıön. 
1208. &eenw zeigt hier wie manchmal gerade in älterer poetischer Sprache den Ansatz 
zu einer Periphrase des Futurs, was es im Griechischen schließlich geworden ist. In 
Fällen wie Eur. Tro. 28 TA TON eeßn oY TimAceaı eeneı erklären die Alten einel, 
pilegt. Das steht dem ganz nahe. to will im Englischen hat genau dieselben Bedeu- 
tungsnuancen erhalten. 

2 TeMm&nH brauchen keine lepA zu sein; es genügt, daß das Land dem Gotte ge- 
hörte. Nichts zeugt dafür, daß wir in der Stadt sind, denn ein Arvieyc wird auch vor 
dem Bauernhofe nicht fehlen. 

® Die Handschriften betonen Alockörineoc wie AlöckoyPol; natürlich ist das ganz 
ohne Bedeutung und kann eine falsche Etymologie des karischen Ortsnamens, von der 
man besser schweigt, nicht stützen. 

4 Zenobius Athous r, 66; sonst wird das Wort nur auf TAYTÄ TPIC TETPAKI T’ ÄM- 
rionein gedeutet. Die verschiedenen Aitia lehren für seine Herkunft oder Bedeutung 
überhaupt nichts. 


Sitzungsberichte 1908. al 


344 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. März 1908. 


So viel lag Pindar an seiner Selbstverteidigung, daß er diesen 
Nachtrag zufügte, der uns die Stimmung des Schlusses stört. Wir 
erkennen um so deutlicher die Nebenabsicht, mit der er das Sieges- 
lied gemacht hat, das wir nun durchgesprochen haben. Wohl hat 
er seiner Aufgabe Genüge getan, und den Thearion zu dem Siege 
seines Sohnes beglückwünscht, aber ebensoviel Worte gemacht, sich 
wegen einer Äußerung zu rechtfertigen, die er in Delphi über Neo- 
ptolemos getan hatte und die als unehrerbietig gegen diesen auf- 
gefaßt war. Neoptolemos stammte zwar durch seinen Großvater aus 
Aigina, man kann ihn aber kaum einen äginetischen Helden nennen 
und wundert sich etwas, daß man auf der Insel eine Äußerung über 
ihn so schwer genommen hatte; Pindar führt ja auch als besonders 
interessiert einen Epiroten ein. Aber das ist nun einmal geschehen, 
und Pindar hat die Gelegenheit benutzt. sich eben dort zu verantworten. 
Er hatte die Empfindung, daß sein Gedieht zwiespältig ward, aber 
das suchte er als etwas Höheres gegenüber einem bloßen Siegesliede 
hinzustellen, und wenn er auch den Ton seiner früheren Äußerung 
preisgab, er wollte doch nichts anderes getan haben, jetzt und früher, 
als was des ehrlichen Diehters hoher Beruf war, also die Ehre des 
toten Helden durchaus gewahrt haben. 

Das Gedicht trägt als einziges unter den nemeischen und isthmi- 
schen ein Datum in den Scholien. Sogenes hätte als Erster im mentaenon 
TTAIAWN gesiegt, KATA TAN a (so B, aber D xa’) NemeAan. ETeon Ag 6 
TIENTABAOC TIPWTON KATA TAN Ir NemeAaa. Gemeint ist natürlich die Ein- 
führung des mentaenon maiawon, denn für Männer wird dieser Kampf 
überhaupt nie gefehlt haben. Wie lange es dauerte, bis ein ägineti- 
scher Knabe einen solehen Sieg errang, kann niemand raten: die 
Differenz zwischen beiden Zahlen kann also beliebig sein, und die 
Änderung der zweiten Zahl ist ganz unberechtigt. Wer mit Scholiasten 
verkehrt, wird nicht nach einer besonderen Absicht suchen, die den 
Grammatiker bestimmt hätte, die Notiz über die Stiftung des Knaben- 
agons beizufügen. Die erste Zahl ist unsicher überliefert und sicher 
verdorben. Denn wir wissen zwar noch keineswegs sicher, zu welchem 
Jahre Hieronymus die Stiftung der Nemeen beigeschrieben hat, und 
noch viel weniger, ob das Jahr in den eusebischen Kanones richtig 
vermerkt war, aber groß können die Schwankungen nicht sein, und 
zugrunde lag die durchaus glaubwürdige alexandrinische Chronographie. 
Also mit Reserve darf man an 573 glauben. Dann muß der unsicher 
überlieferte Zehner in dem Secholion falsch sein, denn das Fest wird 
ja ein Jahr um das andere gefeiert und 545 oder 525 sind schlecht- 
hin unmöglich. Dann sollte man sich doch aber längst gesagt haben, 
daß das Datum unverwendbar ist, und auf Hermanns Einfall na” zu 


vox Wırastowrrz-MoELLENDoRFF: Pindar’s siebentes nemeisches Gedicht. 345 


bauen eine bare Willkür. ma’ liegt mindestens ebenso nahe'; aber die 
paläographische Wahrscheinlichkeit einer Änderung gibt bei einer 
Zahl keine Garantie. Es ist überhaupt ganz sonderbar, daß dies ein- 
zige Mal gezählte Nemeaden vorkommen, sonst nicht der mindeste 
Anhalt dafür ist, daß die Siegerchronik publiziert war. Aber erfunden 
ist das Zeugnis doch nicht; wir werden darauf nieht bauen, vielmehr 
wenn wir eine Datierung gewinnen, die sich mit ihm leicht und gut 
vereinigen läßt, dies für seine Glaubwürdigkeit in die Wagschale werfen. 

Daß die antiken Grammatiker das Gedicht als Ganzes zu ver- 
stehen keinen Versuch gemacht haben, kann nicht befremden; das 
haben sie nie getan. Wohl aber wirft es ein schlimmes Licht auf 
sie, daß erst Aristodemos, Aristarchs Schüler, das delphische Gedicht 
aufgesucht hat, in dem Pindar von Neoptolemos gehandelt hatte. Es 
war ein Päan, und da seine Anfangsworte bekannt waren, hatte 
ich ihn datieren können (Sitzungsber. 1900, 1287). Der Anfang ist: 


nmpöc "OnymmioyY Aıödc ce XPYC&aA KAYTÖMANTI TIyveoı 
niccoMmAI XAPITECCIN TE KAl CYN AsPoalTAl 

EN ZABEWI ME ACHAI XPÖNMI 

Aolaımon TTiıepiawn TIPOSATAN”. 


Darauf bezieht sich der Anfang von Pyth. 6: 


AKOYCAT. H rÄP Enikwrlaoc "ABPoAITAC 
APOYPAN H XAPITWN ANATIONIZOMEN. 


Erst die Rückbeziehung macht den Ausdruck »wieder pflügen« ver- 
ständlich”. Nun ist Pyth. 6 auf 490 datiert; folglich ist der Päan 
etwas, aber nicht viel älter. Einige, aber nicht zu viel Jahre da- 
nach muß die Verteidigung des Päan fallen: 485 ergibt die leich- 
teste Änderung ma’ aus Ka’; ıa stammt ja von ır“. 

Seit wenigen Wochen besitzen wir große Stücke jenes Päans 
dank dem Papy